Nestroy im Punkhimmel

Das große Fressen kann beginnen: (links) Häuptling Abendwind (Uwe Rohbeck) neben seinem Kollegen Häuptling Biberhahn (Uwe Schmieder). Foto: © Birgit Hupfeld
Das große Fressen kann beginnen: (links) Häuptling Abendwind (Uwe Rohbeck) neben seinem Kollegen Häuptling Biberhahn (Uwe Schmieder). Foto: © Birgit Hupfeld
Die erste Punk-Operette verwandelte Johann Nestroys „Häuptling Abendwind“ in eine Mischung aus Punk-Konzert und Theater-Posse. Regisseur Andreas Beck kombinierte die Musik der Ruhrpott-Punkband „Die Kassierer“ mit Johann Nestroys aktualisiertem Text zu einer derben, groben, politisch unkorrekten Melange. Ein Premierenbericht vom 24. Januar 2015.

Eine skurrile Geschichte: Häuptling Abendwind erwartet seinen Amtskollegen Häuptling Biberhahn zu einer Konferenz. Leider ist die Speisekammer völlig leer, noch nicht mal einen Gefangenen gibt es. Praktisch, dass ausgerechnet jetzt ein Schiffs-brüchiger namens Arthur auf die Insel kommt. Dumm nur, dass sich Häuptlingstochter Atala in Arthur verliebt. Welches Schicksal steht Arthur bevor? Kotelett oder Koitus? Arthur kann den Koch bestechen und an seiner Stelle wird das „Orakel“ (aus dem Film „Das Ding aus dem Sumpf“ nachempfunden) gegessen. Was hatte Arthur angeboten? Er hat ein ganz bestimmtes Körperteil des Kochs frisiert.

Nestroys Posse aus der Mitte des 19. Jahrhunderts enthält natürlich versteckte Kritik an der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts und am immer stärker werdenden Kolonialismus der Großmächte, die die Welt unter sich aufgeteilt hatten, auch mit der Begründung die Zivilisation zu den „Wilden“ bringen zu wollen. Für Andreas Beck sind die „Wilden“ Relikte, die sich in einer Gesellschaft der „politisch Korrekten“ ziemlich verloren vorkommen. Und was wollen echte „Wilde“? Fleisch essen, rauchen, Sex. So brandete Applaus als Wolfgang Wendland, der Sänger der „Kassierer“ als Koch „Ho Se“, mit einer Gemüsekiste auf die Bühne kam und Häuptling Abendwind (Uwe Rohbeck) mitteilen musste: „Es ist nichts essbares dabei. Ähnlich wie beim Buchtitel von Heinz Strunk „Fleisch ist mein Gemüse“ heißt es bei Nestroy „Mein Obstgarten ist die Fleischbank“.Doch hatte das Wildsein auch seine Schattenseiten, denn im Männergespräch der beiden Häuptlinge war klar, dass die beiden sich von den Fremden bedroht fühlen. „Nachher bringen sie noch ihre Leitkultur mit“, ängstigt sich Biberhahn. Und so klangen die Ängste der beiden Häuptlinge vor dem Neuen wie auf einer Versammlung von Pegida-Anhängern.

Zu einer Operette gehört Musik. Ursprünglich kam sie von Offenbach, hier von den „Kassierern“. Der Originaltext von Nistroy wurde ein wenig modernisiert oder „upgedated“, dass er manchmal als Stichwortlieferant für das nächste Lied der „Kassierer“ diente. Wurde plötzlich über „Blumenkohl“ geredet, stimmte die Band das Lied „Blumenkohl am Pillemann“ an. Klar, nach der Szene mit der Gemüsekiste, musste „Vegane Pampe“ kommen. Daneben wurden einige Lieder von Nestroy musikalisch neu bearbeitet. Die „Kassierer“ schrieben für das Stück extra noch neue Lieder wie „Ich bin so gerne Menschenfresser“.

Während bei einer klassischen Oper oder Operette die Musiker im Orchestergraben verschwinden, waren die „Kassierer“ prominent in der Mitte der Bühne zu sehen. Dadurch wirkte es wie ein Live-Konzert. Ich persönlich hätte es besser gefunden, wenn wie in anderen Produktion die Band mehr an die Seite positioniert worden wäre.

Kommen wir zur Bühne: Aus Sorge, dass das Bier tatsächlich alle ist, hat Bühnenbildner Sven Hansen eine Art „Bier-Galerie“ wie in Leuchtschrift rechts an der Bühne zu lesen war, kreiert. Daraus konnten die Schauspieler flugs eine Band oder einen Thron basteln.

Uwe Rohbeck spielte einen Häuptling Abendwind im Lumpen-Look, der als alleinerziehender Vater Probleme mit der Erziehung seiner 16-jährigen Tochter Atala hatte. Schreckhaft und nachgebend (Beinahme „der Sanfte“) fügte er sich ins Schicksal. Ein ganz anderes Kaliber war Häuptling Biberhahn. Uwe Schmieder spielte ihn mit Honecker-Brille und Frisur. Eins konnte beide Häuptlinge aber exzellent: Fressen. Und wer braucht schon Messer und Gabel? Sicher nur so eine Erfindung der „zivilisierten Fremden“. Das orgiastische Mahl war eines der Höhepunkte.

Arthur , der verloren geglaubter Sohn von Häuptling Biberhahn, hatte eine ziemliche Ähnlichkeit mit Johnny Rotten, dem Sänger der Sex Pistols. Zumindest von der Frisur her, was auch passte, denn Arthur ist Friseur von Beruf. Gespielt wurde er von Ekkehard Freye, der einen schön affektierten Arthur auf die Bühne brachte.

Wolfgang Wendland hatte eine Doppelrolle als realer Sänger der „Kassierer“ und fiktiver Koch „Ho Se“. Beides schaffte er mit seiner typischen Art: irgendwie teilnahmslos, aber immer da, wenn man ihn rief.

Julia Schubert hatte den schwierigsten Part an diesem Abend: Sie war als „Atala“ die einzige Frau in dem Stück. Sie nutzte ihre Möglichkeiten perfekt aus. Sie präsentierte Atala als Feministin (das Schlimmste ist, wenn die Frau alle ist“) und Vegetarierin, die in dieser Männerwelt natürlich auf verlorenem Posten stand.

Das Stück ist definitiv nicht für jeden Besucher. Wer es zart, fein-geistig und geschliffen mag, der sollte einen großen Bogen machen. Denn beispielsweise waren die Decken in den ersten Reihen nicht wegen der Kälte da, sondern weil Teile des Festmahls durchaus den Bereich der Bühne verlassen können.

Wer aber mal richtig Spaß haben, wer zum öffnen einer Bierflasche keinen Flaschenöffner braucht, wer eine Currywurst lieber hat als eine „vegane Pampe“ und wer Punk liebt und lebt, sollte eine Audienz bei Häuptling Abendwind buchen.

Weitere Termine:
SA, 31. JANUAR 2015
DO, 12. FEBRUAR 2015
SA, 21. FEBRUAR 2015
FR, 06. MÄRZ 2015
SO, 29. MÄRZ 2015
FR, 10. APRIL 2015
SO, 26. APRIL 2015
SA, 09. MAI 2015
SO, 24. MAI 2015

Print Friendly, PDF & Email
WP Facebook Auto Publish Powered By : XYZScripts.com