Der Rest ist Schweigen

Wie mal beeindruckend: Der Dortmunder Sprechchor. (Foto: © Edi Szekely)
Wieder einmal beeindruckend: Der Dortmunder Sprechchor. (Foto: © Edi Szekely)

Hurra, die Revolution findet doch statt. Erst langsam und schleppend und dann ist sie da. Die Menschen tanzen auf den Straßen, doch dann verwandeln sie sich. Ihr Tanz geht in einen Marschschritt über. Eines der beeindruckendsten Bilder, die Uwe Schmieder in seiner Inszenierung von Heiner Müllers „Hamletmaschine“ mit dem Dortmunder Sprechchor ins Studio des Schauspielhauses zaubert. Ja, hier im Theater, in dem Träume noch Realität werden können.

Uwe Schmieder, Ensemble-Mitglieder am Dortmunder Schauspielhaus, im Osten der Republik sozialisiert erarbeitete zusammen mit dem Dortmunder Sprechchor, Merle Wasmuth (Ophelia), Sebastian Graf (Hamlet) und musikalischer Soundbegleitung durch Ole Herbström, Müllers Revolutionsstück, die Hamletmaschine (1977). Neben dem Originaltext mischt Schmieder auch weitere Texte hinzu, wie beispielsweise Müllers Gespräche mit Alexander Kluge.

Heiner Müller ist ein Grenzgänger. Sich bewegend zwischen Ost und West entwickelte er in der „Hamletmaschine“ einen Ekel auf beide Systeme. Dem autoritären System im Osten gilt sein Hass genauso wie den „Kaufhallen Gesichtern mit den Narben der Konsumschlacht“ im Westen. Ähnlich wie Hamlet ist Müllers Welt anscheinend in Unordnung geraten.

Stichwort Hamlet. Müller bettet seine Hamletmaschine um seien Titelfigur und Ophelia. Trauer und Tod ist das Thema zu Beginn. Gleich zu Beginn begrüßen einige Sprechchormitlieder“ die Besucher in tiefschwarzen Mönchskutten. Und hoffnungslos, beinahe misanthropisch endet das Stück. Ophelia wird zur Rächerin Elektra: „Es lebe der Hass, die Verachtung, der Aufstand, der Tod“. Kein Happy End bei Müller.

Im Original „Hamlet“ von Shakespeare gibt es ein Stück im Stück (damit will Hamlet den Mord an seinem Vater durch seinen Onkel beweisen), auch in der „Hamletmaschine“ lässt uns Müller (und auch Schmieder) im Unklaren, ob Hamlet oder ein Hamlet-Darsteller spricht. Diese Ambivalenz macht das Stück sehr reizvoll.

Trotz „Internationale“ und Anti-Kapitalismuskritik: Heiner Müller weiß genau, was mit Menschen geschieht, die in ihr Räderwerk geraten. Das Stück „Mauser“ ist ein gutes Beispiel dafür. Auch in der Hamletmaschine bringt die Revolution, die aber von vielen gewünscht wird (Utopien!) letztendlich nicht den gewünschten Erfolg. Da es wie bisher aber auch nicht weiter gehen kann, bleibt die Suche nach einer „positiven Utopie“ trotzdem immer notwendig.

Immerhin: Die Evolutionstheorie lehrt uns, das die Welt beständig im Wandel ist – dies dürfen Humanisten, die sich mit dem realen Leid auf diesem Planeten nicht einfach abfinden können (und wollen), vielleicht auch als eine Quelle der Hoffnung begreifen.

Geschickt wurden aktuelle Bezüge wie der Phoenix-See, die Ukraine-Krise und die Neujahrsansprache der Kanzlerin mit in die Inszenierung eingewoben.

Neben dem großartigen Sprechchor, konnten auch Merle Wasmuth als Ophelia und Sebastian Graf als Hamlet glänzen. Sehr ausdrucksstark gelang es ihnen, die verschiedenen Emotionen, ob Ironie, Trauer oder unbändige Wut und Verzweiflung glaubhaft auf die Bühne zu bringen. Ole Hebström sorgte mit seinen gut und einfühlsam platzierten musikalischen Soundeffekten im Hintergrund für ein stimmiges Gesamterlebnis.

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