Kampf um Bewahrung der Menschlichkeit

Kurzer Moment der Glückseligkeit. Die junge Nawal (Friederike Tiefenbacher) und Wahab (Peer Oscar Musinowski). (Foto: © Birgit Hupfeld)
Kurzer Moment der Glückseligkeit. Die junge Nawal (Friederike Tiefenbacher) und Wahab (Peer Oscar Musinowski). (Foto: © Birgit Hupfeld)

Am 30. November 2013 war Premiere für „Verbrennungen“, nach dem Thriller des im Libanon aufgewachsenen kanadischen Autoren Wajdi Mouawad. Das Buch wurde 2010 unter dem Titel „Die Frau die singt“ verfilmt.Die niederländische Regisseurin Liesbeth Coltof unterstützt schon seit vielen Jahren junge Schauspieler/innen im Gaza-Gebiet und hat dort auch schon verschieden Inszenierungen aufgeführt.Diese besondere Beziehung zum Nahen Osten merkt man auch in ihrer sensiblen Inszenierung von „Verbrennungen“.

 

Zur Geschichte: Die im Nahen Osten aufgewachsene Nawal hinterlässt ihren in Kanada ohne Vater aufgewachsenen 22 Jahre alten Zwillingen Jeanne und Simon nach ihrem Tot durch die befreundete Notarin Hermile (im Film ein Notar) ein verstörendes Testament. Jeanne soll ihren tot geglaubten Vater suchen und Simon den ihm völlig unbekannten Bruder. Vorsichtig nähern sich zunächst Jeanne, dann auch ihrer Simon dem unfassbaren Geheimnis der Mutter, die zuvor fünf Jahre geschwiegen hatte. Langsam setzen sich die einzelnen Mosaiksteine zu einem erschütterndem Ganzen zusammen… Der Ort im Nahen Osten ist bewusst nicht genau lokalisiert. Der Libanon dient nur als ein Muster für Bürgerkriegskonflikte, die zu einem Teufelskreis der Gewalt führen.

 

Wie bewahrt man sich Menschlichkeit in einer Welt des Hasses? Wie durchbricht man den Teufelskreis von Hass und Rache und noch mehr Hass und noch mehr Rache? Diese Fragen tauchen häufiger im Stück auf. Auf den Rat der Großmutter hin lernt Nawal Lesen, Schreiben und selbstständig zu Denken. Das macht sie selbstbewusst und aktiv. Es macht zunächst Mut, Nawal mit all ihrer Hoffnung auf diesem Weg der Menschlichkeit zu begleiten. Trotz Rückschläge will sie sich ihre Menschlichkeit bewahren. Nawal steht für die Millionen von Frauen in den Kriegen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie werden vergewaltigt, getötet und ihrer Kinder beraubt. Die Schrecken, die sie miterlebt haben, machten manche stumm. Wie Nawal. Denn das Schweigen ist für sie besser als dem Hass freien Lauf zu lassen.

 

Die erste Überraschung präsentierte Coltof gleich zu Beginn: Die Bühnenbild ist als Symbol für die Unwissenheit der Kinder ganz in weiß gehalten. Weiße Holzplatten und Stühle und ein heller , flexibel benutzbarer ein und ausfahrbarer Vorhang prägen das Bild.

 

Im Stück werden die verschiedenen Zeitebenen öfter gewechselt. Ausgangspunkt ist das gegenwärtige Wissen der Kinder. Nach und nach erfährt das Publikum durch ihren Blickwinkel mehr von Nawals vom Bürgerkrieg geprägte Biographie. Der Wechsel der Zeitebenen wird hauptsächlich durch Änderung der Beleuchtung verdeutlicht. Die Geschichte von Nawal (Friederike Tiefenbacher), beginnt,als sie im Alter von 14 Jahren von ihrem Geliebten Wahab (Peer Oscar Musinowski) schwanger wird. Das Kind wird ihr weggenommen und verschwindet in einem Waisenhaus. Nach einem weisen Rat ihrer Großmutter „lerne lesen, schreiben, denken“schaffte die die verzweifelte Nawal es, das Land zu verlassen und schreiben zu lernen. Als sie nach drei Jahren in ihr Heimatdorf zurückkommt um nach ihrem Kind zu suchen, schreibt sie stolz den Namen ihrer Großmutter auf deren Grab. Sawda , eine Freundin, eindringlich gespielt von Caroline Hanke , hat den starken Wunsch, ihr zu folgen und ebenfalls lesen zu lernen. Bildung als Mittel zur Befreiung ist ein zentraler Punkt in dem Stück. Eine große Herausforderung stellt sich Friederike Tiefenbacher. Sie spielt die Nawal im Alter von 14 Jahren, dann 17-jährig, 40-jährig im Gefängnis und dann am Ende als über 60-jährige. Sie macht das mit Hilfe kleiner Veränderungen an ihren Haaren, aber vor allem durch ihre Verhalten.

 

Die beiden Zwillinge Jeanne und Simon sind völlig verschieden angelegt. Jeanne (gespielt von Julia Schubert), Mathematik-Dozentin versucht mit Rationalität an die Geschichte heranzugehen. Sie ist sofort bereit, ihren Vater zu suchen und bereist das Land ihrer Mutter. Simon (Sebastian Graf) ist sehr emotional und aggressiv. Er verzeiht ihr ihr langes Schweigen nicht. Simon kompensiert seine Aggressivität dadurch, dass er Amateur-Boxer ist. Erst spät fährt auch er ins Land seiner Mutter, um seinen Bruder zu suchen und erfährt die schreckliche Wahrheit.

 

Andreas Beck und Carlos Lobo spielen mehrere Rollen und haben in dem Stück die Funktion, die Geschichte weiter zu bringen. Sei es als Fremdenführer, Gefängniswärter oder Hausmeister. Oscar Musinowski spielt ebenfalls mehrere Rollen unter anderem Wahab, den Vater des ersten Kindes von Nawal. Die verschiedenen Persönlichkeiten glaubhaft darzustellen ist ihm gelungen.

 

Einen besonderen Kniff hatte sich Coltof noch ausgedacht: Sechs Frauen aus unterschiedlichen nicht-europäischen Ländern waren teilweise mit auf der Bühne (Jeannie Marianna Dressman, Sila Ekiztas, Emine Turhan, Yasemin Ucar, Fatma Ulutopcu und Jing Wu). Sie kamen auf Afrika, China, der Türkei und hatten keinerlei Bühnenerfahrung. Ihre Präsenz machte aber deutlich, dass Vertreibung, Mord und Vergewaltigung noch in weiten Teilen der Welt gang und gäbe sind. Der Teufelskreis Hass und Rache dreht sich immer noch und vor allem die Frauen müssen darunter leiden. Oftmals ohne Bildung müssen sie dem jeweiligen Sieger zu Willen sein. Bildung und selbstständiges Denken sind sind jedoch sicherlich wichtige Grundlagen zur Durchbrechung dieses Teufelskreises.

 

Musik und Bilder wurden bei der Inszenierung dezent aber wirkungsvoll eingesetzt.  Ein großes Kompliment an das gesamte Ensemble. Es ist ihnen gelungen, das Publikum tief zu berühren. Da flossen bei einigen auch ein paar Tränen.  „Verbrennungen“ berührt durch seine sparsame Inszenierung, durch das Spiel der Schauspieler und der sechs Frauen. Das Stück fängt an wie ein geschichtlicher Familienkrimi an, wo am Ende nur das Schweigen bleibt, um die Menschlichkeit zu bewahren.  So soll Theater sein!

 

Weitere Termine am 5., 14. und 27. Dezember sowie am 08. und 24. Januar 2014.

Karten und Infos unter www.theaterdo.de oder 0231 50 27222.

 

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