Auf der Suche nach dem Wirtschaften

Regisseur Jens Heitjohann im U-Turm, der ersten Station des Rundgangs durch das Unionviertel.
Regisseur Jens Heitjohann im U-Turm, der ersten Station des Rundgangs durch das Unionviertel.

Das Unionsviertel ist ein Ort mit langer Geschichte des Wirtschaftens. Waren früher Kohle, Stahl und Bier die maßgeblichen Wirtschaftsfaktoren, sind es heute kleine Läden und ein Hauch von Kunst und Kultur. Der Hartware MedienKunstVerein läst Menschen ein, um das Unionsviertel und seine Bewohner unter dem ökonomischen Standpunkt in einem Rundgang zu erkunden. Der Titel dafür lautet „I promise, I am the Future“ und wurde von Regisseur Jens Heitjohann für das „New Industries Festival“ konzipiert. Ars Tremonia war mit auf einem Presserundgang.

Neben meiner Wenigkeit war Kai-Uwe Brinkmann von den Ruhr-Nachrichten mit auf der Tour. Bis zur ersten Station begleitete uns auch noch Fotograf Dieter Menne (ebenfalls RN). Der Rundgang beginnt normalerweise im U-Turm. Hier bekommt der Teilnehmer über ein Tablet-PC von zwei ehemaligen Mitarbeitern der Union-Brauerei erklärt, wie die Arbeit in dem ehemaligen Kühlturm vonstatten ging. Theoretisch, denn auf dem Presserundgang funktionierte es noch nicht, daher fingen wir mit der zweiten Station an.

 

Nach dieser Einführung in die ehemalige Arbeitswelt, werden die Teilnehmer am Eingang von einer Performerin abgeholt, die ihre Lebensgeschichte erzählt. Dabei geht es darum, dass ihr Wunsch nach Teilhabe an der Arbeitswelt häufig kein Gehör findet. Überqualifiziert und zu alt, das sind die häufigsten Bremsklötze, die man ihr in den Weg wirft.

 

Während des Gespräches gingen wir zur St. Suitbert-Kirche, in der sich die spanische Mission befindet. Hier übernimmt der nächste Performer, der sich als waschechter katholischer Priester entpuppt. Leider steckte der Pfarrer zur Zeit des Presserundgangs in einem Stau, doch Dramaturgin Aline Benecke erzählte, dass es in dieser Station einerseits um das Thema „Vertrauen“ gehe und andererseits um die Situation der spanischen Gastarbeiter, die in den 60er Jahren nach Dortmund kommen. Darüber hinaus lauscht der Pfarrer „progressive Rock“ (hört, hört!).

 

Leider musste auch die nächste Station übersprungen werden, der tamilische Fernsehsender. Im Unionsviertel gibt es eine lebendige tamilische Community, die neben Restaurants und Supermärkten auch einen Fernsehsender betreibt. Leider konnten wir nicht in den Genuss einer Synchronisation kommen, aber diese Station könnte sicherlich das Highlight des Rundgangs werden.

 

Daher gelangten wir zu einer Frau, die vor rund 20 Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen ist. Nach Anfangsschwierigkeiten arbeitet sie als Ergotherapeutin, träumt aber davon, mit 56 Jahren noch einmal etwas Neues anzufangen. Begonnen hat sie damit, auf dem Platz einer ehemaligen Baumscheibe in Eigenregie einen kleinen Garten zu bauen.

Wieder hieß es, während des Gespräches (eigentlich ein Monolog) gingen wir erneut spazieren, diesmal sogar über das Unionsviertel hinaus Richtung Althoff-Block.

 

Dort besuchten wir eine Wohnung, wo uns ein langjähriger Vollzugsbeamter erklärte, was der Staat tut, um Schulden einzutreiben. Welche Möglichkeiten es gebe, seine Kooperation zu zeigen und welche Konsequenzen es habe, wenn man partout nicht bezahlen will. Am Ende seines Vortrages konnten wir Fragen stellen, was die Situation doch sehr entspannte.

 

Zur nächsten Station ging es überraschenderweise mit dem Taxi. Dort sollte eigentlich aus dem Radio ein Text über Banker ertönen, doch das hatte irgendwie nicht geklappt oder es ist untergegangen. Jedenfalls lernten wir in einem leeren Ladenlokal an der Rheinischen Straße Reinhard Stuttmann kennen, der lange Zeit seines Lebens damit verbracht hat, auf Seminaren und Kongressen Menschen über Steuern, Geld, Rente etc. zu informieren. Dabei lernte er Zaubertricks und konnte seine Veranstaltungen etwas auflockern. Sein Thema bei der Tour ist: Was würdest du tun, wenn du ein Jahr zur freien Verfügung hättest? Es kann gut sein, dass es für Leute, die jahrzehntelang im Hamsterrad laufen eine Befreiung sein könnte. Doch was ist mit den Leuten, die zwangsweise das ganze Jahr „frei“ haben?

 

Geschafft! Das Hoesch-Verwaltungsgebäude war die letzte Stationa uf dem Rundgang.
Geschafft! Das Hoesch-Verwaltungsgebäude war die letzte Station auf dem Rundgang.

Danach ging es zum Salon Atelier in der Adlerstraße. Hier werden beim „richtigen“ Rundgang zwei Elfjährige die Teilnehmer bis zum Hoesch-Verwaltungsgebäude (dem ehemaligen Versorgungsamt) an der Rheinischen Straße führen. Eins der beiden Mädchen war auf Klassenfahrt, so dass auf dem Presserundgang ein älterer Ersatz mitging. Im Text, der dialogisch vorgetragen wurde, ging es um Utopien künftiger Wirtschaftsformen. Ob die nun auf Selbstversorgungsbasis basiert (Solarzellen auf dem Dach und Windrad im Garten sorgen für Strom), wie in den Texten formuliert, bleibt wohl abzuwarten. Jedenfalls fand ich es mühsam, auf der vorletzten Station einem sehr hochgestochenen Text zu folgen, der auch nicht von Kindermund stammt.

 

Zum Schluss stand das ehemalige Verwaltungsgebäude von Hoesch auf dem Programm, auch bekannt als ehemaliges Versorgungsamt. Hier gab es wie am Anfang über Kopfhörer Informationen über Hoesch. Dazu mussten wir auch in die vierte Etage. Ohne Fahrstuhl, wohlgemerkt.

 

Fazit: Wer jetzt sagt, das klingt ja so ähnlich wie „Crashtest Nordstadt“, dem kann ich sagen: Ja, das stimmt. Auch hier geht es primär darum, ehe unbekannte Orte und Menschen zu treffen, die eine besondere Geschichte zu erzählen haben. Auch die große Klammer, die Ökonomie, ist ähnlich. Ein Spielelement, wie es bei den Crashtests existierte, fehlt aber völlig. Das ist zunächst einmal ein großer Unterschied.

Das Wichtigste: Die Teilnehmer sollten sehr gut zu Fuß sein. Da es sehr lange Laufstrecken gibt und im Hoesch-Verwaltungsgebäude die Aufzüge wohl außer Betrieb sind, ist die Tour für Menschen mit Gehbehinderungen oder mit Kinderwagen völlig ungeeignet. Auch die fehlenden Trinkgelegenheiten wurden bemängelt, dabei wäre es eigentlich kein Problem, in der Wohnung mit dem Vollzugsbeamten etwas Wasser hinzustellen.

Wenn alle Stationen einsatzbereit sind, ist eine geplante Dauer von ca. zwei Stunden leicht optimistisch.

NEW INDUSTRIES FESTIVAL: Jens Heitjohann – I promise, I am the Future – Performativer Rundgang

Dortmunder Unionviertel

13. Oktober 2013 | 13:00 Uhr
20. Oktober 2013 | 13:00 Uhr
27. Oktober 2013 | 13:00 Uhr
03. November 2013 | 13:00 Uhr
10. November 2013 | 13:00 Uhr
17. November 2013 | 13:00 Uhr

Anmeldung:
Begrenzte Teilnehmerzahl (maximal drei Personen pro Rundgang), Anmeldungen nur telefonisch unter 0231-47 63 668 (HMKV im Dortmunder U)

Eintrittspreis: 5 €, keine Ermäßigung

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