Liebe gegen das System

Ein kurzer Moment des Glückes für Tristan (Lance Ryan) und Isolde (Allison Oakes). Foto: © Thomas Jauk.
Ein kurzer Moment des Glückes für Tristan (Lance Ryan) und Isolde (Allison Oakes). Foto: © Thomas Jauk.

Mit der Inszenierung von Wagners „Tristan und Isolde“ befördert Regisseur und Opernintendant Jens-Daniel Herzog das romantische Mittelalterdrama in eine DDR der 80er Jahre. Für Romantik ist kein Platz mehr, selbst nicht für Isoldes Liebestod. Ein Premierenbericht vom 06. September 2015.

Romantik trifft auf ein kaltes, durchorganisiertes Regime. Kühler Beton, eine nüchterne Schreibstube und ein Porträt des Staatsoberhauptes, König Marke. So empfing der erste Akt von „Tristan und Isolde“ die Zuschauer. Jens-Daniel Herzog entführt uns nicht die die mittelalterliche Märchenwelt, sondern in die kalte Atmosphäre eines totalitären Systems. Von den Uniformen könnte es in der DDR der 80er Jahre Spiegeln oder in einem der unzähligen Militärdiktaturen. Welches Schicksal Systemfeinden droht, zeigt gleich eine Hinrichtung zu Beginn des ersten Aktes. Wer kann, der flüchtet. Auch dieses hochaktuelle Thema behandelt Herzog und sein Team Bühnenbildner Mathis Neidhardt und Sibylle Gädeke (Kostüme).

Tristan (Lance Ryan) ist in der Inszenierung treuer Gefolgsmann von Kornwalls König Marke (Karl-Heinz Lehner). Für den Erhalt des Staatswesens überredet Tristan Marke, eine Frau zu nehmen. Die Wahl fällt auf die Irenprinzessin Isolde (Allison Oakes), die von Tristan als eine Art Rosenkavalier nach Kornwall eskortiert wird. Pikant: Tristan hatte Isoldes Verlobten im Kampf umgebracht. Isolde will Rache, vertauscht aber die Zaubertränke und nimmt den Liebestrank. Die beiden verlieben sich ineinander, sehr zum Unwillen von König Marke und seinen Begleitern. Schnell wird die Liaison entdeckt und Tristan vom Ziehkind zum Verräter.

Herzogs Inszenierung wusste vor allem in den ersten beiden Akten zu gefallen. Es beginnt mit einem Schockmoment der Hinrichtung eines Gefangenen und der Abfertigung von Isolde und ihrer Begleiterin Brangäne (Martina Dike). Alles erinnert an die deutsch-deutsche Grenze und gleichzeitig an die aktuelle Flüchtlingssituation. Gegen Ende des ersten Aktes legt Herzog auch Wagners Humor frei, als Tristan den Liebestrank zu sich genommen hat. Lustig und beschwingt lässt er sich auch von Kurwenal (Sangmin Lee) kaum bändigen.

Auch im zweiten Satz ist das Bild perfekt. Tristan und Isolde scheinen es zu spüren, dass ihre Affäre nicht unentdeckt geblieben ist. Schon gar nicht in einem solchen Staat wie ihn Herzog zeigt. Tristan und Isolde gehen von einem Raum zum anderen, überall sitzt jemand, der Akten anlegt, überwacht und aufzeichnet. Im letzten Raum dann die dramatische Auflösung. Kurwenal sitzt blutüberströmt auf einen Stuhl, Tristan wird mit Melot, dem neuen Ziehsohn von Marke gefoltert.

Der dritte Akt bringt die Entscheidung: Kurwenal wird von Melot erschossen (im original ist es andersherum), Tristan stirbt, bekommt aber ein ehrenvolles Begräbnis, obwohl in autoritären Regimes die Abweichler gerne aus der Geschichte getilgt werden wie beispielösweise bei Stalin und Trotzki. Isolde bleibt der Liebestod erspart. Vielleicht ist in dieser kalten Gesellschaft auch kein Platz für solche Romantik.

Lance Ryan und Allison Oakes sind routinierte Wagner-Interpreten und sangen ihren Part ebenso gekonnt. Doch den größten Applaus gab es für die Lokalmatadoren Karl-Heinz Lehnert und Sangmin Lee. Lehnert spielte einen eiskalten Marke, der für den Machterhalt ohne mit der Wimper zu zucken auch seinen Ziehsohn fallen lässt. Lee spielte Kurwenal als treuen Adlatus, der seinem Freund Tristan auf Gedeih und Verderb folgt und konsequenterweise in dieser Inszenierung dessen Schicksal teilen muss.

Ein großes Lob verdienten sich die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Gabriel Feltz, der gekonnt die Feinheiten von Wagners Partitur ausarbeitete.

Die Inszenierung stieß nicht auf ungeteilten Beifall des Dortmunder Publikums. Waren die beiden Hinrichtungen (Gefangener, Kurwenal) zu viel? Auch wenn Herzogs Regiearbeit im dritten Akt nicht mehr die wunderbaren Bilder produzierte wie in den beiden ersten Akten, war die Gesamtkonzeption stimmig: Menschlichkeit (die Liebe als intensive menschliche Regung) dringt in ein bürokratisch-autoritäres System ein und muss scheitern. Es ist wie fast immer bei Herzogs Arbeiten: Man muss sich schon trauen, aber es lohnt sich.

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