tt#14 5. Tag – Warum ist es am Rhein so schön?

Regisseur Nurkan Erpulat vom Düsseldorfer Schauspiel nimmt einen Ortswechsel vor: Er verlegt Ödön von Horváths Stück „Kasimir und Karoline“ passenderweise nach Düsseldorf. Statt beim Oktoberfest spielt die Handlung auf der Kirmes in den Rheinwiesen und aus einem Zuschneider wird ein Marketingmitarbeiter. Zu Horváths Zeiten hätte man sicher noch von einem Konflikt zwischen Klassen geredet, heute scheint der Begriff aus der Mode gekommen zu sein.

 

Die da oben gegen wir da unten. Oberschicht und Prekariat. Zwei Schichten, die nicht mehr miteinander, sondern nur noch übereinander reden. Wobei mit reden eher beschimpfen gemeint ist. Auf der einen Seite Unternehmer und Oberbürgermeister Rauch, der mit seinem Freund Staatsanwalt Speer die Oberschicht verkörpert. Rainer Galke spielt mit wahrer Freude den Rauch als rheinischen Sugardaddy, der überzeugt ist, mit Geld alles kaufen zu können. Brillant ist auch seine Kirmes-Eröffnungsrede, bei der er in echter Politikermanier über Sicherheit und Schuldenfreiheit seiner schönen Stadt schwadroniert.

 

Die Hauptfiguren Kasimir und Karoline gehen neben Rauch und Kasimirs Freund Merkl Franz (Taner Sahintürk) ein wenig unter, obwohl sie eigentlich den Kern der Handlung ausmachen. Denn es geht darum, dass die beiden einen schönen Tag auf der Kirmes verbringen wollen, Kasimir aber gerade seinen Job verloren hat. So empfindet er sich als minderwertig, kann seine Ängste aber nicht ausdrücken und verärgert so Karoline, die sich erst vom Marketingmitarbeiter Stürzinger und dann von Rauch und Speer aushalten lässt.

 

Karoline hat sichtbare Angst, dass sie Kasimir (vor allem durch seinen kriminellen Freund Merkl Franz) ins Prekariat zieht. Sie sucht ihren Platz in der Gesellschaft. Den kann ihr Kasimir nicht bieten, aber Karoline muss auch feststellen, dass die Oberschicht auch kein platz für sie ist. Zu steht am ende des Stückes ein Happy-End für Karoline und Störzinger.

 

Und Kasimir? Er erkennt, dass er Karoline das Leben, das sie führen möchte, nicht bieten kann, und lässt sie gehen. Mehr noch: Er schließt sich Erna, der Verlobten von Merkl Franz an.

 

Zum Bühnenbild: Das Stück beginnt vor einem reliefartigen metallenen Vorhang, vor dem die Eröffnungsrede stattfindet, danach gibt sie den Blick frei auf eine große Anzahl von Bierbänken, die eher nach München oder auf ein Dorffest passen, als auf die Düsseldorfer Kirmes. Zwischendurch hat Regisseur Erpulat die seltsame Idee, eine Art Kuriositätenkabinett auf die Bühne zu stellen. Kirmesboxer ok, aber warum die Schauspieler eine Ultrakurzversion von Hamlet auf die Bühne bringen müssen, bleibt unklar (vermutlich ist das eine interne Düsseldorfer Geschichte).

 

Musikalisch wurde einiges geboten, meist begleitet von einer Mini-Schützenkapelle (Bass, Trompete und Akkordeon). Christian Ehrich brillierte als Sänger(in).

 

Wie in Düsseldorf fiel Taner Sahintürk in der Mitte des Stückes aus seiner Rolle und ging ins Publikum. Waren die Fragen erst allgemein „Wie hat es Ihnen gefallen?“ oder „War es etwas zu brutal?“, ging es danach ans Eingemachte „Wieviel verdienen Sie?“ „Ist hier jemand arbeitslos?“ Sahintürk sammelte noch etwa 25 € ein und das Stück ging weiter.

 

Horváths Stück über die Angst vor dem Abstieg und dem Wunsch nach gesellschaftlicher Sicherheit ist immer noch aktuell wie eh und je.

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