Mit dem Tunnelblick in der virtuellen Welt

Im Einsatz: (v.l.n.r.) Götz Vogel von Vogelstein (Ade), Bianka Lammert (Maggie) und Richard Barenberg (Tom) (Foto: ©Birgit Hupfeld)
Im Einsatz: (v.l.n.r.) Götz Vogel von Vogelstein (Ade), Bianka Lammert (Maggie) und Richard Barenberg (Tom) (Foto: ©Birgit Hupfeld)

Kaum ein anderes Theaterstück hat die „Redaktion“ bei Ars tremonia zu solch kontroversen Diskussionen verleitet wie „First Person Shooter“ unter der Regie von Johanna Weissert, das am 28. Februar im KJT Premiere hatte. Dabei ging es nicht um die Qualität von Bühne, Regisseurin oder Schauspieler, sondern um die Frage, inwieweit das Stück in die gut gefüllte Kiste von Klischees über Computerspieler greift.

 

Zur Geschichte: Ade ist ein 17-jähriger Computerspieler, der bei seiner alleinerziehenden Mutter Maggie lebt. Maggie ist Managerin in einem Unternehmen, ihr Arbeitskollege Tom ist selber Computerspieler. Tom hat ein Wärmesensor-Steuersystem entwickelt, das eigentlich für das Schienennetz gedacht ist, aber das Militär hat auch Interesse daran.

 

Fangen wir bei den Schauspielern an., die allesamt überzeugten. Götz Vogel von Vogelstein spielte den 17-jährigen Ade mit Bravour. Von Vogelstein spielt einen Ade mit dicker Brille und leichtem Übergewicht, der König auf dem virtuellen Schlachtfeld ist, aber bei einem 100 Meter Rennen große Schwierigkeiten hätte. Ade versucht den familiären „Modus vivendi“ beizubehalten, das heißt, zu verhindern, dass seine Mutter einen neuen Mann näher kennenlernt.

Bianka Lammert als alleinerziehende und überforderte Mutter ist ebenfalls eine gute Besetzung. Beruflich taff, spielt sie zu Hause bei ihrem Sohn eine eher untergeordnete Rolle.

Bei „First Person Shooter“ spielt ein Gast mit: Richard Barenberg. Er spielt Tom, Maggies Arbeitskollege und selber Computerspieler. Sein Versuch, bei Ade zu landen, geht schief, zumal Ade ihn auch als Konkurrent in der Beziehung zu seiner Mutter sieht. Barenberg spielt seine Rolle als Tom sehr humorvoll.

Rainer Kleinespel spielt eine Doppelrolle: Einerseits die Computerspielfigur Captain Jones, andererseits den Rekrutierungsoffizier der britischen Armee Nugget.

 

Ein großes Lob gehört auch dem Bühnenbild. In der Mitte befand sich eine Art Tunnel, der Ade gegen Ende des Stückes sogar verschlingen wollte. Eine Anspielung auf den Tunnel oder „Flow“, in dem Spieler geraten, die ständig gebannt auf das Geschehen am Bildschirm schauen und ihre Außenwelt nicht mehr wahrnehmen. Dazu ist zu sagen, dass auch andere Menschen, wie Sportler, Musiker etc in einen Flow geraten können, wenn sie sich sehr stark auf etwas konzentrieren müssen.

 

Mit Ade und Tom werden in dem Stück zwei typische Computerspieler vorgestellt. Der eine 17 Jahre alt, Tom vermutlich doppelt so alt. Ade wird konsequent als typischer Gamer dargestellt, dem Essen etc. unwichtig erscheint, der sogar vor einem Geschäft zeltet, um als erster den neuen Shooter zu bekommen. Aberwitzig wird es, wenn Ade versucht in die Armee einzutreten, weil er glaubt, durch seine Fähigkeiten mit der Spielkonsole, ein exzellenter Drohnenpilot zu sein. Was die „besondere Fähigkeit“ als Drohnenpilot angeht, gab es dazu einen Artikel in der „telepolis“.Zitat:

 

„Interessant mag sein, dass die Versuchspersonen, die mindestens einmal in der Woche ein Computerspiel spielen, in den reizarmen, wenig interaktiven Versuchsbedingungen die schlechteste Leistung zeigten. Insofern sind Computerspieler möglicherweise auch nicht die besten Soldaten, wie oft gedacht wurde.“ („Die Langeweile der Drohnenpiloten“, Florian Rötzer, telepolis, 20.11.2012, http://www.heise.de/tp/artikel/38/38010/1.html)

 

Tom, die zweite Figur, die Computerspiele spielt, bekommt keine Sympathiepunkte. Er verrät am Ende des Stückes all seine hochheiligen moralischen Prinzipien und lässt sich vom amerikanischen Militär kaufen.

 

Aber kommen wir wieder zu den positiven Seiten des Stückes. Neben den erwähnten Schauspielern und dem Bühnenbild zeigte das Stück sehr gut die Hilflosigkeit von Ade Mutter Maggie, ihren Sohn zu erreichen. Sehr schön die Szene, als Maggie versucht, zusammen mit Tom und ihrem Sohn zu spielen und dabei grandios scheitert.

 

Auch die Erklärungen zu den Fachbegriffen der Gamerszene wie „pwn“, „n00b“ oder „Respawn“, so konnten auch die Zuschauer, die keinerlei Erfahrungen mit dieser Art von Spielen hatten, besser dem Stück folgen.

 

Gelungen waren auch die Kostüme, insbesondere als sich Ade, Tom und Maggie in das Spiel einklinkten und mit Helm und Gewehr auftauchten. Hier sorgte Lammert mit ihrem herrlichen Spiel als Ego-Shooter-unerfahrene Maggie für Lacher.

 

Eine weitere Frage, die das Stück aufwirft, ist die Verzahnung zwischen Militär und den „Ego Shootern“. Hier versucht vor allem das amerikanische Militär durch Spiele wie „America’s Army“ Rekruten zu gewinnen. Auch Spiele wie „Medal of Honor“ werden co-finanziert.

 

„First Person Shooter“ hat auf jeden Fall das geschafft, was ein gutes, modernes Theaterstück ausmacht: Es soll zur Diskussion anregen. Computer- und Videospiele sind mittlerweile in der Mitte der Gesellschaft angekommen und sind längst nicht mehr ein Phänomen von irgendwelchen Jugendlichen, denn der durchschnittliche Spieler ist 32 Jahre alt. Es wird Zeit, dass in der Debatte über Computer- und Videospiele die Spieler ernst genommen werden. Dazu kann „First Person Shooter“ durchaus als Diskussionsbasis gelten.

 

Wer weiteren Diskussionsstoff über Computer- und Videospiele haben möchte, der kann sich auf den Seiten von „Stigma Videospiele“ informieren. Deren Linkliste führt sowohl Befürworter als als Gegner von Computerspielen auf. http://stigma-videospiele.de/wordpress/links/

 

Weitere Termine: 02. März sowie 01. bis 06. März. Karten unter www.theaterdo.de oder 0231 5027222.

 

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