Frust und Wut des Mittelmaßes

Ziemlich desillusioniert: Michael Kamp als Kontrabassist. Das Bild stammt von einer Fotoprobe.
Ziemlich desillusioniert: Michael Kamp als Kontrabassist. Das Bild stammt von einer Fotoprobe.

Irgendwann bekommt man sogar Mitleid mit dem armen Instrument. Wenn Michael Kamp, als namenloser Kontrabassist, auf sein Instrument verbal einschlägt, es beschimpft, es niedermacht. Was kann der arme Kontrabass dafür, dass „aus ihm kein vernünftiger Ton herauskommt, nur Geräusche“, so der Musiker. Sie werden es vielleicht ahnen, wir sind beim Ein-Personen-Stück „Der Kontrabass“ von Patrick Süskind im Theater im U am 09. März. Michael Kamp ist Mitglied der Theatergruppe Austropott.

 

Dabei fängt das Stück harmonisch an. Michael Kamp, beamteter Musiker in einem städtischen Sinfonieorchester, bereitet sich in seiner fast schalldichten Bühnenwohnung zwischen Laptop und mehrerer Kisten Bergmann-Bier auf seinen Auftritt bei einem anstehenden Konzert von Wagners „Rheingold“ vor. Vollmundig preist er die Vorzüge seines Instruments, einem Kontrabass. Die Zuschauer befinden sich quasi mitten drin in dieser Vorbereitungsphase und sehen zu, wie er sich vorbereitet und anzieht. Dabei fällt auf, dass er sein „Flüssigkeitsverlust“ mit Bier kompensiert, ein wesentlicher Faktor, denn mit mehr Bier wird unser Musiker immer offener und ehrlicher.

 

Warum spielt man überhaupt ein Instrument, dass man nicht liebt? Der Musiker will sich anscheinend an seinen Eltern rächen, die ihn nicht geliebt haben. Seine musische Mutter spielte die zierliche Flöte, da wählte er ein Instrument, dass quasi das genaue Gegenteil ist: Der Kontrabass. Seinen Vater, ein Beamter, wischt er einen aus, indem er als Musiker auch Beamter wird. Mäßig begabt steht er mit seinem Instrument am dritten Pult als „Tutti-Schwein“.

 

Michael Kamp spielt sich im Laufe des Stückes in einen wahren Rausch. Am Anfang war der Kontrabass das Fundament des Orchesters, ja der Musik, ohne den nichts läuft. Selbst Dirigenten sind überbewertet. Dann schlägt die Stimmung nach und nach um. Kann man das Klavier immer noch als Möbel benutzen, so unser Musiker, gibt es bei seinem Instrument keinerlei Hoffnung. „Ein Kontrabass ist mehr, wie soll ich sagen, ein Hindernis als ein Instrument“, entfährt es ihm.

 

Das Stück von Süskind zeigt sehr schön die ambivalente Beziehung, die vielleicht jeder Musiker zu seinem Instrument hat. Erst wird die Wichtigkeit betont, doch wenn man lange genug nach bohrt, kommen auch die hässlichen Seite zum Vorschein. Zudem leidet unser Musiker darüber, dass er im Konzertgeschehen kaum beachtet wird. Während andere Instrumente im Vordergrund stehen, stehen die Kontrabässe am Rand. Diese Zurücksetzung schmerzt ihn. Er wird sehr dünnhäutig. Man drückt sich etwas tiefer in die Sitze, wenn eine erneute Tirade auf das arme Instrument abgefeuert wird.

Dabei wird schnell klar, unser Musiker ist kein Virtuose, er ist Mittelmaß. Er macht seine Mittelmäßigkeit an allem anderen fest, nur nicht an sich selbst. Sein Hass auf alles Virtuose entlädt sich beispielsweise in Beschimpfungen über Wagner und Mozart, um dann wieder in Selbstmitleid zu zerfliessen.

 

Mehrmals im Stück möchte unser Musiker die ganze Sache hinschmeißen, doch etwas hält ihn zurück: Seine unerfüllte Liebe zur Mezzosopranistin Sarah. Hier kommt eine weitere Komponente ins Spiel: das Herz einer Frau mit einem „uncoolen“ Instrument zu gewinnen. Dem Musiker ist eigentlich klar: Die Sängerin braucht eher einen Pianisten, mit dem sie ihre Arien üben kann. Seine Versuche „besonders schön“ zu spielen, wenn sie singt, bleiben unbeachtet. Am Ende des Stückes will er kurz vor Beginn der Premiere von „Rheingold“ laut „Sarah“ rufen. Doch ob er es tut, bleibt letztendlich offen.

 

Michael Kamp zeigt sich spielfreudig, er bringt diese Verletzlichkeit des Musikers, die urplötzlich in Wut umschlagen kann, sehr gut auf die Bühne. Von den vier Stücken des Austropotts ist „Der Kontrabass“ bisher das absolute Highlight.

Ein besonderes Bonbon war der Auftritt von Desirée von Delft als „Sarah“ in einer Art Traumsequenz des Musikers.

 

Wer sich das Stück ansehen möchte, kann dies am 15. März (19:30 Uhr), 29. März (19:30 Uhr) und am 06. April (18 Uhr) tun. Karten und Infos unter www.austropott.de.

 

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