Armenische Seele in der Marienkirche

Tigran (am Klavier) mit dem Yerevan State Chamber Choir und dem Kammerchor der TU Dortmund. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Tigran (am Klavier) mit dem Yerevan State Chamber Choir und dem Kammerchor der TU Dortmund. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Das diesjährige Musikfestival Klangvokal präsentierte gleich zu Beginn am 29. Mai 2015 mit „The soul of Armenia“ gefühlvolle, meditative Sakralmusik aus Armenien. Die jahrtausendealten Melodien, gesungen vom Yerevan State Chamber Choir wurden kongenial begleitet durch den Jazzpianisten Tigran.
Sein Gesicht ganz nah über den Tasten seines Klaviers und in den Gesang des Chores versunken. So erlebten die Besucher des Eröffnungskonzertes den Künstler. Tigran gab durch seine Improvisationen dieser alten Musik einen zusätzlichen Reiz, ohne aufdringlich zu wirken. Die besonderen armenischen Skalen wurden durch ohne weitergesponnen und verstärkten den meditativ wirkenden Gesang des Chores. Die Basis der armenischen Kirchenmusik sind die sogenannten Sharakane. Sie enthalten Geschichten aus dem Leben Jesu oder der Heiligen. Jedes dieser Sharakane kann in allen Kirchentonarten gesungen werden.
Armenien war der erste christliche Staat Europas. So ist es nicht verwunderlich, dass das erste Lied an diesem Abend über 1.500 Jahre alt ist. Tigran und sein achtstimmiger Yerevan State Chamber Choir (vier Männer und vier Frauen) präsentierten antike und mittelalterliche Komponisten, die gleichzeitig auch Kirchenlehrer waren. Auch wenn die wenigsten Besucher etwas von den gesungenen Texten verstanden haben, es wehte ein Zauber dieser alten Musik durch die Marienkirche.
Es ist kein Zufall, dass diese armenische Musik im Rahmen von Klangvokal erklang. Denn vor 100 Jahren geschah der Völkermord an den Armenien durch das Osmanische Reich. Daran erinnerte Kulturdezernent Jörg Stüdemann bei seiner Eröffnungsrede im Beisein des armenischen Botschafters.
Doch der Abend begann mit dem Kammerchor der TU Dortmund unter der Leitung von Ulrich Lindtner. Sie schlugen eine Brücke nach Armenien. Zunächst sangen sie das „Lamentatio Prima Primi Diei“ von Orlando di Lasso, danach wurde es etwas moderner, denn sie präsentierten das Stück „Villarosa Sarialdi“ des schwedischen Komponisten Thomas Jennefelt. Jennefelt ist der minimal music zuzuordnen und sein Chorwerk setzte mehr auf die Wirkung der Laute als auf den Sinn der Worte. Eine besondere Ehre für den Chor: Er durfte bei einer armenischem Hymne mitsingen.
Der Eröffnungsabend war eine Entdeckungsreise in eine alte, aber irgendwie auch vertraut klingende Welt. Tigran zeigte sein außergewöhnliches Können am Klavier. Erst nach mehreren Zugaben konnten die Künstler die Bühne verlassen. Ein gelungener Start ins Klangvokal-Festival.

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