„Nussknacker“ im quietschbunten Farbrausch

Gärtner und Blumen tanzen in Claras surrealer Traumwelt. (Foto: © Bettina Stöß).
Gärtner und Blumen tanzen in Claras surrealer Traumwelt. (Foto: © Bettina Stöß).

Ein Traum in bonbonfarbener Kinderbuch-Optik. Die Inszenierung von Choreograph Benjamin Millepied und das Bühnenbild samt Kostüme von Paul Cox boten alles, was man für ein wunderschönes Weihnachtsballett braucht: Bunte Kostüme, tolle Tänzer und natürlich Tschaikowskys Musik, live gespielt von den Dortmunder Philharmoniker. Ein Premierenbericht vom 18. Oktober 2015.

Der „Nussknacker“ ist vor allem durch die Musik von Tschaikowsky bekannt, das Ballett ist hierzulande im Gegensatz zu „Schwanensee“ oder „Dornröschen“ eher unbekannt. Schade eigentlich, denn Choreograph Benjamin Millepied präsentiert ein buntes und aufgefrischtes Ballett für große und kleine Kinder mit viel Humor.

Die Geschichte, basierend auf dem gleichnamigen Märchen von E.T.A. Hoffmann, handelt vom Mädchen Clara, dass sich auf den Weihnachtsabend und die Geschenke freut. Verwandte kommen vorbei, darunter auch Drosselmeier (Arsen Azatayan) mit seinem Neffen. Drosselmeier ist vernarrt in mechanisches Spielzeug und schenkt Clara einen Nussknacker, der bei Millepied eine Art Froschkönig ist. Clara schläft müde ein und plötzlich erwachen mechanische Mäuse samt Mäusekönig zum leben, gegen die der Nussknacker und seine Zinnsoldaten kämpft. Dank Claras Hilfe erfolgreich. Zur Belohnung entführt der Nussknacker, der sich als Drosselmeiers Neffe entpuppt, ins Reich der Zuckerfee. Dort beginnen Schokolade, Kaffee und Tee zu tanzen. Dieser surreale Traum endet mit Claras und Drosselmeiers Neffen Erwachen. War alles nur ein Traum?

Millepied und seine Mitstreiter verwandelten die Bühne in eine kunterbunte Landschaft. Kein Wunder, dass Cox auch als Kinderbuchillustrator arbeitet. Geometrische Figuren in klaren Farbtönen und dazu passende Kostüme. Im zweiten, surrealen Akt steht dann auch alles auf dem Kopf. Dazu lässt Millepied auch dem Humor genügend Platz. Wenn Großmutter (Barbara Melo Freire) und Großvater (Davide D’Elia) im ersten Akt zunächst tatterig die Bühne betreten, um dann nach kurzer Zeit einen flotten Tanz hinzulegen, ist das sehr witzig anzuschauen. Auch die Szene, als die Verwandtschaft betrunken tanzt, ist sehr gut gemacht. Ebenfalls der Tanz der mechanischen Figuren (Denise Chiarioni und Alysson de Rocha)

Die Krönung ist aber der Tanz der Lebkuchenmutter (Dana Wilkinson) im zweiten Akt. Sie muss österreichische Vorfahren haben, denn hier stand zur großen Freude des Publikums Conchita Wurst Pate.

Das Ballett wurde routiniert begleitet von den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Generalmusikdirektor Gabriel Feltz.

Millepied hat jegliche Verstaubtheit aus dem „Nussknacker“ entfernt und dem Ballett neue Ideen eingehaucht. Kein Platz für Kitsch oder ähnliches. Dafür kann man als Kritikpunkt ansetzen, dass aus der „Coming-of-age“ Geschichte von Hoffmann nur das Kindliche übrigbleibt. Erotik hat hier definitiv keinen Platz. Dennoch: Die Gelegenheit, dieses Ballett wieder neu für sich zu entdecken, sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen.

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