Erinnerungen, die nicht vergessen werden dürfen

Heinrich Peuckmann mit seinem Gedichtband "Erinnern.Vergessen".
Heinrich Peuckmann mit seinem Gedichtband „Erinnern.Vergessen“.

Den Kamener Autor Heinrich Peuckmann kennt man als Krimiautor, als Kinderbuchautor oder Erzähler Kamener Familiengeschichten. Jetzt ist im Lychatz Verlag ein Gedichtband erschienen. Herausgekommen ist ein sehr persönliches Werk.

Die schönsten und berührendsten Gedichte in diesem kleinen Buch mit seinen 87 Seiten sind die, in denen Peuckmann seine Leserinnen und Leser mit auf seine persönliche Reise nimmt. Sei es „Vogelhof“ oder „Zuletzt“, das vom Abschiednehmen von Peuckmanns Vater handelt. Auch die NS-Zeit oder der Ruhrkampf thematisiert er in seinen Gedichten, aber unter dem Gesichtspunkt: Wie haben sie sich in dieser Zeit verhalten.

 

Eine Besonderheit, die das Buch auszeichnet, sind die Grafiken von Willy Sitte. Sitte, einer der großen Maler der DDR, war seit der Wende mit Peuckmann befreundet und daher erlaubten es die Erben, dass er viele Grafiken in dem Band aufnehmen konnte. Grafiken und Gedichte ergänzen sich ganz wunderbar.

 

Heinrich Peuckmann stand Ars tremonia für ein Interview zur Verfügung.

 

Ars tremonia: Wie sind Sie auf den Titel „Erinnern. Vergessen“ gekommen?

Peuckmann: Das ergab sich aus den Gedichten, die ich zu dieser Zeit geschrieben habe. Es gibt einen Faden, der die Gedichte inhaltlich zusammenhält. Dabei geht es auch immer um das Vergessen. Manches ist es wert, vergessen zu werden, manches sollte vergessen werden, aber manches darf nicht vergessen werden und an manches sollte man sich erinnern. Um diese beiden Begriffe drehen sich fast alle Gedichte.

Ars tremonia: Das Buch ist in fünf Kapitel aufgeteilt. Das erste Kapitel dreht sich um Naturbeobachtungen. Warum?

Peuckmann: Ich gehe gerne spazieren und gehe gerne in den Garten. Da sind Gedichte aus der Perspektive desjenigen geschrieben, der im Garten sitzt. Natur ist auch wichtig als Erholung. Man sitzt eingesperrt in seinem Arbeitszimmer und guckt nur sehnsüchtig nach draußen, aber man muss ja weitermachen. Und deshalb entspannt mich Natur. Manchmal entspanne ich auch beim Joggen.

Ars tremonia: Das zweite Kapitel würde ich mit „Begegnungen“ oder „Orte“ beschreiben. Ist das zutreffend?

Peuckmann: Ja, das sind Orte, die mich bewegt haben. Beispielsweise in Amiens. Da gibt es ein ganz wundervolles Haus, das „Jules Verne Haus“. Dann fahre ich gerne mal an die Ostsee nach Heiligenhafen zum Schreiben, um dort ungestört zu sein. Es gibt eine Novelle von Theodor Storm, die in Heiligenhafen spielt [„Hans und Heinz Kirch“, die Red.]. Ich mag die Novelle sehr. Ich war auch gerade im Urlaub in Ostpreußen. Man muss sich auch mit der Wolfsschanze, diesem abgrundtief hässlichen Ort, auseinandersetzen.

Ars tremonia: Das dritte Kapitel würde ich mit dem Titel „Begegnungen“ oder „Beobachtungen“ belegen.

Peuckmann: Es sind alltägliche Beobachtungen, Portraits von Menschen. Es ist ja mein Reden, dass der Alltag sehr vielfältig ist. Man muss sich nicht abgehoben in irgendwelchen Gesellschaftsschichten bewegen. Der Alltag, wenn man ihn beobachtet, gibt sehr viel her.

Ars tremonia: Das vierte Kapitel habe ich mal „Persönliche Erinnerungen“ genannt.

Peuckmann: Es ist erstaunlich wie manche Bilder in meinem Gedächtnis geblieben sind. Beispielsweise der Mann, der da im Fenster hing, vom dem mein Vater voller Ehrfurcht sprach: „Der hat 100 Prozent Steinstaub.“ Wie kann ein Mensch leben, der in seiner Lunge 100 Prozent Steinstaub hat? Irgendwann setzt man sich hin, weil man es nicht übergehen kann.

Ars tremonia: Das fünfte Kapitel besteht auch aus persönlichen Erinnerungen, die in
historischen Zusammenhängen stehen wie die NS-Zeit oder der Ruhrkampf.

Peuckmann: Viele Sachen haben erst mal mit meiner Familie zu tun. Wie hat sich meine Familie während der Zeit des Faschismus verhalten? Was mich immer noch berührt, ist die Geschichte meiner Mutter, die dabei beobachtet wurde, wie sie beim jüdischen Kaufmann einkauft. Da stand einer am Fenster gegenüber und hat notiert, wer dort in den Laden ging und die Namen wurden am nächsten Tag am Rathaus ausgehangen.

Ars tremonia: In dem Gedichtband sind viele Grafiken von Willy Sitte. Wo haben Sie den Maler kennengelernt?

Peuckmann: Das war nach der Wende. Sitte war einer der großen DDR-Maler, wir haben uns bei einer Ausstellungseröffnung getroffen. Dort haben über den Satz von Willy Brandt sinniert „Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört“ und gesagt: „Dann lass uns doch etwas zusammen machen.“ Die Idee war, mit weiteren Grafikern und Schriftstellern eine Lyrik- und Grafikmappe zum Thema „Träumen“ zu erstellen. Von da an sind wir immer in Kontakt geblieben.

 

Heinrich Peuckmann

„Erinnern. Vergessen“

ISBN 978-3-942929-27-1

Lychatz Verlag 2013

 

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