Bodybild oder wie viel Sahne verträgt eine Erdbeere?

Das KJT Dortmund hat mit Bodybild ein heißes Thema aufgegriffen, dass sowohl Kinder, Jugendliche als auch Erwachsene betrifft … nervt … bestimmt … quält …

Spätestens seit den Social Medien, hier besonders INSTAGRAM, herrscht ein unerbittlicher, ja fast schon faschistoider, Körperoptimierungsdruck, dem bereits Kinder ausgesetzt sind. Aber leider auch durch die Erwachsenen, ihre Eltern, zuerst, als ersten Rollenmodelle. Lange vor den A-Social Medien herrschte Druck in den Kinder- und Jugendzimmern. Waren es zuerst die Noten und der Numerus Clausus, kam schnell durch die Werbung, besonders die der Fashion Industrie, der optimierte Körper hinzu … der Leistungsdruck begann sich in den 1980er/90ern zu steigern.

Das Ensemble der Jugendclubproduktion "Bodybild" (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Das Ensemble der Jugendclubproduktion „Bodybild“ (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Waren die Bilder von Bruce Weber noch sportliche „Jedermann“ Typen bei Männern und Frauen, so wandelte sich das Trendbild in den 90er-Jahren mit den Female und Male Supermodels dramatisch. Die durchPeter Lindbergh für die Titelseite der Januar-Ausgabe 1990 platzierten Cindy Crawford, Naomi Campbell, Linda Evangelista, Christy Turlington und Tatjana Patitz setzten den Trend. George Michael veranlasste das, sie für sein Freedom ’90!Video zu casten. Später setzte Madonna mit Vogue einen weiteren Meilenstein, wie auch Dragqueen und LGBTIQIA+ Aktivist Ru Paul mit seinem Song Supermodel … ich liebe die Schluss Sentenz „you better work!“ Lange vor dieser Fashion Ikonen Welt galt u. a. Elizabeth Taylor als perfekte Schönheit. Zu den genannten Supermodels stießen später auch Claudia Schiffer, Stephanie Seymour, Kate Moss und Nadja Auermann. Aber auch bei den Männern gab es diese Supermodels. Da wäre zuerst einmal Markus Schenkenberg und Tavis Fimmel, von denen der Spruch kam, dass sie nicht im Fitness-Studio ihre Figuren geformt hätten … Tyson Beckford, später Jon Kortajarena, Evandro Soldati, Oliver Cheshire.

Ich selbst hatte eine langjährige Beziehung mit meinem idealtypischen Mann … in all den Jahren verdrängte ich dabei seine Probleme mit sich selbst, seinem Aussehen, seinem Körper, seiner Sexualität und seinem daraus resultierenden eigentlich nicht vorhandenen Selbstwertgefühl. Gutes zureden und an den richtigen Stellen bestätigen halfen nichts. Es wurde toxisch und ich musste die Reißleine ziehen. Der Teller war schön … aber … im Grunde leer.  Manchmal hatte ich das Gefühl, er lebt in einer Dailysoap oder einer Vorversion von Instagram.

Sie alle, inklusive der Modefirmen und Werbeindustrie, man denke allein an die ersten Lätta TV Spots, diktierten nun, wer wie auszusehen hatte … Tragisch, als Mann, wenn man nicht den V-förmigen Oberkörper hatte, besonders tragisch, weil als Unterdrückungsmechanismus verwandt, wenn Frauen nicht die Idealmaße hatten. Hier setzte erstmals Dove in seinen Spots in den 2000ern einen signifikanten und notwendigen Kontrapunkt. Sosehr die Dove Kampagne gerühmt wurde, so wenig Wirkung hatte sie leider … Bodyshaming ist besonders beliebt unter denen, die besser, sorry, ihren Mund halten sollten, wie die Maulaffen aus der Ansammlung führerputinageiler Dauerlutscher mit ihrem frauenverachtenden Weltbild, trotz Quotenfrauen … Wobei zu statuieren ist, dass Hass häSSlich macht.

Bodybild beginnt genau dort, bei und mit dem „geforderten“ Körperkriterien … sie werden im Intro aufgezählt und immer wieder mit dem Zusatz versehen „normal eben“.

Aber was ist „normal“? Dem genau geht Bodybild rasant auf die Spur, um sich in einem „Gehen Lassen“ orgiastisch fast zu implodieren, also dem Körperidealbild. Denn früh regt sich im fantastisch spielenden Ensemble erste Gegenwehr gegen das Schönheitsideal, weil der Druck zu groß, zu übermächtig wird. Weil man sich selbst nicht mehr in dem optimierten Körper wohlfühlt und sich in einer permanenten Diätspirale befindet. Wo bleibt die eigene Stimme, auch wenn man von seiner Umgebung angezweifelt, dass man den terrorhaften, faschistoiden Druck des/der geltenden Schönheitsideale nicht mehr gehorchen will.

Wie aber entdeckt man sein eigenes Schönsein, seinen eigenen Golden Cut, zwischen all den glatten glitzernden Oberflächen, schönen Körpern, perfekt ausgeleuchteten Werbungen und Instagram Fotos/Posts und Destinationen? Der Golden Cut ist evolutionär in uns und beflügelt das Schönheitsideal.

Das Selbst, sein eigenes Ich zu finden, ist gar nicht so leicht, wenn man sein Leben im Selfie Modus zu führen gewählt hat, aber trotzdem an sich zweifelt und sich selbst sucht. Wir Zuschauer können es nachvollziehen oder sich hineinversetzen in die Protagonisten auf der Bühne, die um ihr Selbst und Selbstbild sehr eindringlich und, wenn auch plakativ, authentisch kämpfen.

Am eindringlichsten wurde der Weg zum eigenen Selbst, und eigenen Schönheitsideal, bei dem orgiastischen Picknick mit Waffel und Sahne … Ich selbst pflege immer etwas Kaffee zu meinem Zucker zu trinken … Zur Sahne brauchte es eine Waffel als Grundlage, und kein in Orangensaft getauchtes Wattebäuschen … Oder wie viel Sahne passt auf eine Erdbeere?

Das Stück, basierend auf dem Text von Julia Haenni, welcher schon 2019 entstand, wurde am KJT zum Ausgangspunkt für das KJT Dortmund und seiner eindringlichen Bühneninterpretation zu den Themen Körper, Stereotypen, Schönheitswahn, Selbstwahrnehmung, Selbstoptimierung und Gender. Die Schauspieler*innen, zwischen 16 und 25 Jahren alt, erarbeiteten gemeinsam mit dem Regieteam eine körperliche Show der Bodybilder, extrem spielfreudig und begeisterndes, humorvolles, manchmal mit dem Lacher im Halse stecken bleibend und erfrischend direktes Schauspiel, das, so kurzweilig es ist, sehr nachdenklich macht und machen will.

Eine gelungene Theatershow mit Tiefgang und Grundberührung, Ein sehenswertes Stück, nein ein Must See egal welches Alters, von und mit

Künstlerische Leitung                        Christine Appelbaum und Franziska Hoffmann

Ausstattung                            Sandra Linde

Choreogrphie                          Janna Radowski

Dramaturgische Beratung      Milena Noëmi Kowalski

Produktionsassitenz               Hannah Löwer

Desreller*innen                      Carla

                                               Merit Briese

                                               Nessa Cofala

                                               Daria Deuter

                                               Charlie Lutomski

                                               Stelle Hanke

                                               Paula Hees

                                               Julie Meyer

                                               Hanna Pfafferot

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