Beschwingtes Stück mit Bitterkeit

Am 16. November hatte das Stück „6 Tanzstunden in 6 Wochen“ Premiere im Kino um U. Im Mittelpunkt der Komödie von Richard Alfieri stehen Kammerschauspielerin Barbara Blümel und Michael Kamp. Blümel und Kamp waren auch die Originalbesetzung des Stückes, als es vor einigen Jahren im Schauspielhaus lief.

Die Handlung des Stückes ist schnell erzählt: Lily, die ältere Frau eines Baptistenpfarrers möchte zu Hause Tanzstunden bekommen. Der Tanzlehrer Michael entspricht ganz und gar nicht ihren Vorstellungen. Später stellt sich heraus, dass er schwul ist. Doch auch Lily hat etwas zu verbergen, zum Beispiel, dass ihr Mann schon lange tot ist.

 

Notlügen und Lebenslügen. Manche Menschen bauen um ihr Leben eine Mauer aus Lügen, falschen Tatsachen, vielleicht um sich vor den Unbillen des Lebens zu schützen. Lily und Michael sind solche Menschen. Michael, hat als schwuler Mann viele Enttäuschungen im Liebesleben erfahren müssen, Lily fühlt sich als alleinstehende alte Frau einsam und ungeschützt. Das versuchen beide neben ihren Lügengeschichten vor allem mit Sarkasmus zu überspielen. Doch hinter diesen Wortgefechten versteckt sich ein Schrei nach Wärme, Freundschaft und Verständnis.

 

Kamp und Blümel schaffen es diesen Widerspruch, den beide Charaktere haben, ins Publikum zu tragen. Anders als die Premiere von „Kunst“, die manchmal etwas überdreht in Richtung Klamauk abzukippen drohte, lassen die beiden Schauspieler Zeit, um die stillen, ruhigen Stellen zu zelebrieren. Auf dem Theaterticket steht zwar Komödie, doch sie ist in Wirklichkeit eine bittersüße. Keine, in der man pausenlos auf die Lachmuskeln des Publikums zielt. Eher eine, die mehr ruhige Momente hat. Vor allem, wenn die Lebenslügen wie Seifenblasen platzen und einem der Spiegel vorgehalten wird.

 

Blümel überzeugt als alterslose Bapatistenpfarrerswitwe, die den forschen jungen Tanzlehrer zunächst abgrundtief verachtet, dann aber mehr und mehr Verständnis für ihn und seine Lage aufbringt. Dieses Aufblühen wird mit den passenden Tanzkleidern kombiniert.

Kamp spielt den Tanzlehrer herrlich sarkastisch, der in den Wortgefechten nicht das zierliche Florett favorisiert, sondern den groben Säbel. Seine Abneigung gegen Lily ändert sich, als auch er ihre Lebenslügen durchschaut und er entwickelt ein freundschaftliches Verhältnis zu ihr.

 

Das Bühnenbild ist dem Platzverhältnissen geschuldet und ist nicht südstaatenmäßig (das Stück spielt in Florida) opulent, sondern mit Sessel und Stühlen zweckmäßig gestaltet. Musik gibt es logischerweise auch, passend zu den Tänzen Swing, Tango, Cha Cha Cha, Foxtrott, Wiener Walzer und moderner Tanz.

 

Mit einem sehr berührenden Stück hat sich das Theater im U (im Kino im U) in seine zweite Spielzeit zurückgemeldet. Den Organisatoren von Austropott kann man für die gute Auswahl nur gratulieren.

 

Wer es gerne sehen will, kann es am 23.11., 30.11. und 15.12. tun. Mehr Infos unter www.austropott.de

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