Wie hitlert man am besten oder ist Opas Theater tot?

„Was wollte der Regisseur uns damit sagen?“, „Viel zu viel Technik und Video“ oder „Müssen immer alle nackig sein?“ Wenn Theaterbesucher eine – sagen wir mal – ausgefallene Interpretation eines bekannten Werkes erleben, fallen danach im Foyer diese oder ähnliche Sätze. Wie muss denn beispielsweise ein Hamlet gespielt werden? So wie im Original? Als Parodie? Oder mal als Frau besetzt?

„Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm“ von Theresia Walser in der Inszenierung von Thorsten Bihegue ist eine Komödie für Theatergänger, in der die unterschiedlichen Positionen, wie Theater denn gemacht werden sollte, aufeinander prallen. Und das ausgerechnet an einer Person, die unspielbarer nicht vorzustellen ist: Hitler. Ein Premierenbericht vom 25.Mai 2018 aus dem Studio des Schauspielhauses Dortmund.

Die Situation: Drei Personen warten in einem ominösen Raum auf ihren Auftritt. Franz Prächtel (Uwe Rohbeck), Peter Soest (Ekkehard Freye) und Ulli Lerch (Alexandra Sinelnikowa). Prächtel ist Schauspieler alter Schule, dessen Präferenz eindeutig die Werktreue ist. Er ist der Figur des Bruno Ganz angelehnt, der Hitler in „Der Untergang“ versucht hatte, extrem naturalistisch zu spielen und sogar Hitlers Parkinsonsche Zittern studiert hat. Soest hat ebenfalls Hitler gespielt, aber eher in einer parodistischen Weise, um die Unspielbarkeit darzustellen. Lerch ist weiblich und hat es nur bis zum „Goebbels“ geschafft. Sie kommt aus dem modernen Regietheater, bei dem alte Zöpfe abgeschnitten werden und auch Frauen in typischen Männerrollen agieren.

Ulli Lerch (Alexandra Sinelnikova) in der Defensive. Prächtel (Uwe Rohbeck) und Peter Soest (Ekkehard Freye) nehmen ihre ideen vom Regietheater auseinander. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Ulli Lerch (Alexandra Sinelnikova) in der Defensive. Prächtel (Uwe Rohbeck) und Peter Soest (Ekkehard Freye) nehmen ihre ideen vom Regietheater auseinander. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Aus diesen unterschiedlichen Auffassungen von Theater entwickeln sich abstruse Dialoge, die auf köstlicher Weise die Klischees bloßlegen. Wenn beispielsweise Lerch erzählt, bei der nächsten „Hamlet“ Aufführung, sei sie einer von sieben „Hamlets“, die auf der Bühne stehen, dann geht ein Grinsen durchs Publikum, denn fast jeder hat so eine „moderne Inszenierung“ bereits erlebt.

Rohbeck ist der Star des Abends. In seiner weißen Paradeuniform reagiert er zunächst nur mit seinem Minenspiel auf die Thesen seiner jungen Kollegin, um dann im Laufe des Stückes immer mehr die zu einem Hitler-Imitat zu mutieren. Seine Bissigkeit gegenüber dem Regietheater bleibt aber bestehen.

Rohbecks Kollegen stehen ihm aber nicht nach: Freye ist ein einer Phantasieuniform gekleidet, die angelehnt ist an Helmut Berger in der Verfilmung von „Salon Kitty“: Eine Art Superheldenkostüm für die SS. Sein Charakter Soest ist sehr opportunistisch. Er gibt Prächtel recht, einige Augenblicke später dann wieder Lerch. Soest alias Freye darf gegen Ende des Stückes auch ein Lied zum besten geben: als Hitler in rosafarbenen Fellstrumpfhosen mit Blumen in der Hand.

Sinelnikowa spielt die Repräsentantin des „modernen Theaters“, das von Prächtel nicht ernst genommen wird. Lerchs These ist „Opas Theater ist tot“. Dabei hat Lerch am eigenen Leib gespürt, dass die unbedingte Freiheit der Kunst, Grenzen gesetzt bekommt, wenn plötzlich Morddrohungen auftauchen.

Alles in allem ist „Ein bisschen Ruhr vor dem Sturm“ eine wunderbare Komödie über das Theater und seine Marotten. Im Laufe des Stückes geht es mehr darum, wie Theater in der Zukunft funktionieren soll und welche Tabus es gibt, als um die Frage wie man Hitler richtig darstellt. Wer sich generell für das Theater interessiert, sollte das Stück besuchen. Rohbeck, Freye und Sinelnikowa sind großartig und der Kostümbildnerin Mona Ulrich gehört ein ganz dickes Lob.

Weitere Informationen unter www.theaterdo.de

 

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