Am 22. Mai 2026 feierte ein ganz besonderes Format seine Premiere: „We DO dance: Ausgabe 1“. Sechs Uraufführungen von jungen Choreograf*innen aus den Reihen des Ballett Dortmund und des NRW Juniorballett verwandelten die raue Industriearchitektur der Kokerei Hansa in eine faszinierende Bühne. Das verbindende Element dieses Abends war so universell wie komplex: das Leben selbst in all seinen Facetten. Doch anstatt das Publikum vor eine klassische Bühne zu setzen, wurden wir in drei Gruppen aufgeteilt und auf einen atmosphärischen Parcours durch das Industriedenkmal geschickt.
Auftakt in der Kompressorenhalle: Das Leben in all seinen Facetten
Für meine Gruppe begann diese Reise in der altehrwürdigen Kompressorenhalle – ein Ort, an dem schwere Maschinen und enge Raumverhältnisse eine ganz eigene, dichte Atmosphäre schaffen. Den Auftakt machte hier Jasmine Camerons Happens. Das Stück ist eine vitale Ode an das Unerwartete, eine choreografische Aufforderung, sich auf den Fluss der Dinge einzulassen. Zur treibenden, hervorragend abgestimmten Musik von Travis Lake feierte das Trio (Jasmine Cameron, Selen Gür und Sae Tamura) die pure Lebendigkeit des Augenblicks und brachte eine pulsierende Energie in die alte Halle.
Einen faszinierenden Kontrast lieferte direkt im Anschluss If I did von Keigo Muto. Aus dem Konzept des Schmetterlingseffekts heraus entwickelte sich ein eindrücklicher, moderner Pas de deux. Obwohl der Raum zwischen den Maschinen eng bemessen war, füllten Selen Gür und Simon Jones ihn mit einer enormen Bühnenpräsenz restlos aus. Was auf dem Papier wie ein Widerspruch wirken mag, entpuppte sich als absoluter Glücksgriff: Die klaren, barocken Strukturen von Johann Sebastian Bach und die schwere, stählerne Industriearchitektur der Kompressorenhalle harmonierten auf geradezu wundersame Weise miteinander und boten den perfekten Resonanzraum für dieses herausragend getanzte Duett.
Der Butterraum als Ort der Kontraste: Von Zweisamkeit zur radikalen Isolation
Die zweite Station führte uns in den sogenannten „Butterraum“. Wie ein zarter Moment aus einem klassischen Science-Fiction-Plot – man fühlt sich unweigerlich an die Sehnsucht eines Commander Data nach echter Menschlichkeit erinnert – inszenierte Yingyue Wang hier mit A World Between Us das Erwachen zweier künstlicher Existenzen. Man denkt an die melancholische Nostalgie des 80er-Jahre-Hits „Computerliebe“, wenn Liberty Fergus und António Ferreira diesen flüchtigen Funken, diesen Ausbruch aus ihrer strengen Programmierung, auf die Bühne bringen. Die beiden tanzen diese Anomalie mit einer enormen Eindrücklichkeit: Aus der anfänglichen Mechanik wurde ein langsames, fließendes Auftauen der Körper. Getragen von den Klängen Ludovico Einaudis wurde aus kalter Präzision für einen Herzschlag lang spürbare Menschlichkeit, bevor das System die beiden unerbittlich in ihre künstliche Realität zurückzwang.

Einen starken inhaltlichen Gegenpol im selben Raum lieferte Kaining Dong mit seinem Solo self-ish. Wo im Stück zuvor nach Verbindung gesucht wurde, wählte Dong die bewusste Isolation. Zu den impressionistischen Klängen von Claude Debussy präsentierte er sich dem Publikum zunächst völlig eingehüllt – abgeschirmt von allen äußeren Erwartungen. Dongs radikaler Ansatz, keine emotionale Brücke zum Zuschauer schlagen zu wollen, manifestierte sich in einer faszinierenden Introspektion: Alles, was er in seiner Laufbahn gelernt und verinnerlicht hat, tanzte er in diesem Moment ausschließlich für sich selbst. Erst ganz zum Schluss der Performance öffnete er sich ein wenig und gewährte einen winzigen, flüchtigen Einblick aus seiner Isolation heraus.
Finale in der Waschkaue: Zwischen Resignation und Hoffnung
Die letzte Station unseres Parcours führte in die historische Waschkaue der Kokerei. Es ist ein Raum, der atmet; man kann förmlich noch erahnen, wo sich die Männer nach getaner Arbeit den Staub der Schicht abwuschen. Wenn man – wie ich durch meinen eigenen Vater – mit der hiesigen Bergbaugeschichte tief verwurzelt ist, bekommt ein solcher Ort eine ganz besondere, wehmütige Resonanz, die sich nahtlos auf die Wahrnehmung der dort gezeigten Tanzstücke überträgt.
Gerade vor diesem Hintergrund schwerer körperlicher Arbeit entfaltete Damian Huiduc Manolescus Balloon in a Briefcase eine besondere Wirkung. Werden wir unweigerlich vom spielenden Kind im Wald zum ernsthaften Erwachsenen auf dem Weg zur Arbeit? Der Choreograf und Tänzer geht dem Verlust der kindlichen Unschuld und der vermeintlichen Akzeptanz des grauen Alltags nach. Doch er belässt es zu den Klängen von Henryk Mikołaj Górecki nicht bei der Resignation: Manolescu hat buchstäblich noch einen Trumpf im Koffer. Als am Ende ein roter Herz-Luftballon aus der Aktentasche aufsteigt, entsteht ein wunderbar poetisches Bild dafür, dass wir uns unsere Fantasie durchaus bewahren können.
Einen überaus hoffnungsvollen, leuchtenden Schlusspunkt in einer krisengeschüttelten Gegenwart setzte schließlich Anatole Coste. Sein Stück Lovers should dance liefert eine starke, tröstliche Botschaft: Gerade weil es Krieg, Angst und Gewalt gibt, müssen Liebende tanzen, um der Welt ein entscheidendes Stück Hoffnung zu bewahren. Begleitet von einem beeindruckenden, selbst kreierten Sounddesign brachten Teodora Neacsu und Anatole Coste diesen emotionalen Appell mit großer Intensität auf die Bühne. Fazit: Mit „We DO dance: Ausgabe 1“ ist ein Format entstanden, das durch die ungewöhnliche Symbiose aus roher Dortmunder Industriegeschichte und erstklassigem, modernem Tanz lange nachhallt. Ein unvergesslicher Spaziergang durch das Leben, der unbedingt nach einer zweiten Ausgabe verlangt
