Im Spiegel der Dystopie: Sarah Nemtsovs „WE (WIR)“ feiert eine beklemmend starke Uraufführung an der Oper Dortmund

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Es beginnt bereits unbequem. Wer die Uraufführung von Sarah Nemtsovs Oper „WE (WIR)“ besucht, nimmt nicht einfach im bequemen Plüschsessel des Dortmunder Opernhauses Platz. Der Weg führt das Publikum zunächst durch verschlungene Gänge direkt auf die Bühne. Dort angekommen, blickt man in einen gewaltigen Spiegel – man wird unweigerlich mit sich selbst, dem eigenen Individuum, konfrontiert. Ein starker inszenatorischer Griff von Bühnenbildner Fabian Liszt. Doch der eigentliche Schockeffekt folgt erst, als sich diese Spiegelebene hebt und den Blick in den gigantischen, unheimlich leeren Zuschauerraum freigibt. Dort agieren die „Anderen“: eine durch Masken ihrer Individualität beraubte, gleichgeschaltete Masse, die in strengen Choreografien die beklemmende Atmosphäre des „Einheitlichen Staates“ physisch greifbar macht. Eva-Maria Höckmayr gelingt hier gleich zu Beginn ein immersiver Sog, dem man sich kaum entziehen kann.

Die literarische Grundlage für dieses beklemmende Szenario liefert der russische Schriftsteller und Ingenieur Jewgeni Samjatin. Sein bereits in den frühen 1920er-Jahren verfasster Roman „Wir“ gilt als Mutter aller Dystopien. In der Sowjetunion schon 1923 verboten, lieferte das Werk später die direkte Blaupause für George Orwells „1984“ und Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“. Bemerkenswert – und fast schon eine humoristische Pointe für unsere Gegenwart – ist Samjatins weitsichtiger Blick auf die Kunstproduktion: Er beschrieb in seinem Roman das sogenannte „Musikometer“, eine Maschine, die auf Knopfdruck innerhalb einer Stunde vollautomatisch drei Sonaten ausspuckt. Ein über einhundert Jahre alter, prophetischer Vorgriff auf moderne KI-Musikgeneratoren wie Suno, die uns heute mit simplen Text-Prompts komplette Shoegaze- oder Dreampop-Tracks berechnen, deren Stems man dann direkt in der DAW weiterverarbeiten kann.

Musikalisch bewegt sich der Abend konsequent im Bereich der zeitgenössischen Klassik. Wer bei den Dortmunder Philharmonikern sonst die emotionale Wärme einer Brahms-Symphonie oder die melodische Leichtigkeit Mozarts sucht, wird hier in eine völlig andere, unerbittliche Klangwelt geworfen. Unter der präzisen Leitung von Michael Wendeberg dominieren kühle, moderne Texturen. Besonders die Synthesizer drängen sich fast schon schneidend in den Vordergrund und überlagern weite Teile des akustischen Raums – noch deutlich präsenter als die ebenfalls eingesetzten E-Gitarren. Diese musikalische Kälte illustriert perfekt die durchrationalisierte, maschinelle Welt von Samjatins Vorlage.

Seth Carico, Dortmunder Bürger*innenOper Foto: (c) Thomas M. Jauk
Seth Carico, Dortmunder Bürger*innenOper Foto: (c) Thomas M. Jauk

Den absoluten Höhepunkt des Abends bilden jedoch die beiden Hauptdarsteller. Seth Carico als Ingenieur D-503 und Gloria Rehm als Rebellin I-330 brillieren nicht nur gesanglich auf ganzer Linie, sondern fesseln durch eine herausragende schauspielerische Leistung. Carico macht den zermürbenden inneren Kampf seiner Figur – das schmerzhafte Erwachen echter Gefühle gegen jede staatliche Konditionierung – in jeder Sekunde nachvollziehbar. Die Fallhöhe zwischen kühler Systemtreue und verbotener Leidenschaft wird durch dieses Duo meisterhaft auf die Bühne transportiert.

Die allgegenwärtige Bedrohung dieser Welt verkörpert der sogenannte „Wohltäter“. Zunächst thront er, dem literarischen Vorbild des „Großen Bruders“ entsprechend, unnahbar und fast göttlich entrückt hoch oben im Rang. Doch im großen Finale verlässt er diese Distanz und steigt physisch zu D-503 auf die Bühne herab. Es ist ein Dialog, der lange nachhallt. Denn anders als es die im Programmheft geäußerte Hoffnung der Komponistin vermuten lässt, entlässt einen diese Inszenierung am Ende nicht mit einem tröstlichen Lichtblick. Was auf der Bühne bleibt, ist die absolute Kapitulation. D-503 wirkt von der fehlerfreien, kalten Logik des Systems erdrückt und tief niedergeschlagen. Der Totalitarismus siegt.

Und genau diese kompromisslose Trostlosigkeit macht den Abend so stark. „WE (WIR)“ in Dortmund ist keine leichte Kost, aber ein visuell und musikalisch faszinierendes Gesamtkunstwerk, das noch lange nach dem Verlassen des Opernhauses nachwirkt.