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La Juive – Wenn Hass auf eine Minderheit zur Katastrophe führt

Opernpremiere mit Hindernissen. Eigentlich sollte die Premiere von „La Juive“ am 06. November 2022 schon um 18 Uhr beginnen, doch nachdem ein Sänger kurzfristig erkrankt war, musste sein Ersatz Denis Velev aus Paris nach Dortmund kommen. Die Autofahrt schaffte er in guter Zeit, so dass er 19:15 Uhr in Dortmund ankam und die Oper um 19:45 Uhr anfangen konnte. Nach so viel Aufregung konnten sich die Zuschauer*innen auf die Musik und die ebenso aufregende Oper „La Juive“ konzentrieren.  

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Sehnsucht – ein barockes Schwelgen

Am 09. Oktober 2021 feierte „Sehnsucht – ein barockes Pasticcio“ in der Oper Premiere. Mit dem Begriff „Pasticcio“ nennt man einen Zusammenschnitt aus verschiedenen Opern. In diesem Fall wurden überwiegend Arien aus Opern von Händel , aber auch von Purcell oder anderen Komponisten der Barockzeit gespielt.

Um die verschiedenen Arien wurde eine kleine Geschichte gesponnen, in dessen Zentrum ein Mann stand, der von Erinnerungen an die Vergangenheit gequält wird. In der Rolle dieses Mannes sehen wir den Countertenor David DQ Lee, während sein Vergangenheits-Ich vom Sopranist Bruno de Sá dargestellt wird. Warum die geplante Verlobung mit dem Sopran (Sooyeon Lee) nicht zustande kam, wird auf der Bühne in gespielten Rückblenden erzählt. Ob nun seine sexuelle Orientierung den Ausschlag gab, wie bei der „Weihnachtsfeier“ angedeutet wurde oder andere Dinge, jedenfalls bleibt eine Sehnsucht für die eventuell verpassten Chancen. Auch von der Enttäuschung der Eltern musste er sich lösen.

Eine Weihnachtsfeier, die schiefging.  (links Bruno de Sá, rechts Denis Velev) Foto: © Björn Hickmann, Stage Picture
Eine Weihnachtsfeier, die schiefging. (links Bruno de Sá, rechts Denis Velev) Foto: © Björn Hickmann, Stage Picture

Das alles wurde auf der Bühne in opulenter Weise dargestellt. Alle Beteiligten waren Meister ihres Faches und hatten auch sehr viel Freude an der Aufführung. Neben den erwähnten Lees waren noch die Mezzosopranistin Hyona Kim und der Bass Denis Velev zu hören. Doch was Sopranist (ja, ohne „in“) de Sá sang, war enorm beeindruckend. Seine Stimme erreichte Höhen, die unglaublich waren. Dazu noch die Begleitung der Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Philipp Armbruster und der Abend war perfekt.

Leider ließ der Zuspruch des Dortmunder Publikums zu wünschen übrig, es bleibt zu hoffen, dass die weiteren Termine besser besucht werden.

Mehr Informationen unter www.theaterdo.de

Die Entführung aus dem Serail als märchenhaftes Puppenspiel

Zur Eröffnung der Saison zeigte die Dortmunder Oper eine gekürzte Fassung Mozarts „Entführung aus dem Serail“. Um den Corona bedingten Auflagen zu genügen, erzählten die Sänger*Innen und Regisseur Nikolaus Habjan die abenteuerliche Geschichte als 80-minütiges Puppenspiel.

Auch der musikalische Leiter Motonori Kobayashi musste sich mit einem elfköpfigen Ensemble der Dortmunder Philharmoniker begnügen. Die Ouverture klang noch ein wenig ungewohnt, aber schon nach kurzer Zeit hatte man sich auf die kleinere Orchestrierung eingestellt.

Die Oper erzählt wie die Spanierin Konstanze (Irina Simmes), ihre Zofe Blonde (Sooyeon Lee) und deren Freund Pedrillo (Fritz Steinbacher) nach einem Piratenüberfall auf einem Sklavenmarkt verkauft werden und so in die Hände des Bassa Selim fallen. Der Verlobte der Konstanze, Belmonte versucht alles um die Geliebte aus den Fängen des Herrschers und seines Aufsehers Osmin (Denis Velev) zu befreien.

Im Zentrum der Inszenierung steht ein Himmelbett mittig auf einer Drehbühne platziert. Dort sitzen Vater und Sohn auf dem Bett und da der Kleine noch mit einer spannenden Geschichte beschäftigt ist und nicht einschlafen will, entwickeln die Beiden die Entführung in Form einer Gute-Nacht-Geschichte. So erzählen und kommentieren sie die Rahmenhandlung der Oper. Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan spielt und spricht den Sohn, der verkörpert durch eine große Klappmaulpuppe. Er spielt dies mit großer Hingabe, Witz und ein gewissen Zärtlichkeit. Um das Himmelbett herum sind die Protagonisten als 1 Meter große Tischpuppen arrangiert. Geschickt werden sie durch Habjan immer wieder in die Entwicklung der Geschichte integriert. Im Hintergrund werden die Puppen auch von Manuela Linshalm gespielt.

Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan entführte die Zuschauer in eine märchenhafte Atmosphäre. V.l.n.r. Sungho Kim (Belmonte), Irina Simmes (Konstanze), Nikolaus Habjan (Puppenspiel), Sooyeon Kim (Blonde), Fritz Steinbacher (Pedrillo) (Foto: © Björn Hickmann)
Regisseur und Puppenspieler Nikolaus Habjan entführte die Zuschauer in eine märchenhafte Atmosphäre. V.l.n.r. Sungho Kim (Belmonte), Irina Simmes (Konstanze), Nikolaus Habjan (Puppenspiel), Sooyeon Kim (Blonde), Fritz Steinbacher (Pedrillo) (Foto: © Björn Hickmann)

Schwarz gekleidet stehen die Sänger*Innen mit großem Abstand auf den Außenseiten der Bühne, vor oder hinter einem schwarzen Vorhang , wo zum Teil nur die beleuchteten Gesichter zu sehen sind. Mit Livecam Projektionen der Sänger und Puppen gelingt es Handlung und Gesang in Einklang zu bringen und die Geschichte packend zu erzählen.

Einen starken Eindruck hinterläßt Denis Velev mit einem wunderbaren Bass. Er verkörpert den bedrohlichen und etwas tumben Aufseher des Bassas immer auch mit einer gewissen Komik. Sooyeon Lee als Blonde besticht in der Arie „Welche Freude , welche Lust“, als sie erfährt, dass Belmonte zu Ihrer Rettung naht. Eine etwas klarere Artikulation würde den Genuss noch erhöhen. In der Arie „Martern aller Art“, wird der dramatische Ausdruck der Irina Simmes Stimme verschmilzt bei der Arie „Martern aller Art“ mit dem verzweifelten Gesichtsausdruck der Puppe, als Konstanze sich entscheidet, sich nicht dem Bassa Selim zu ergeben.

Zum Ende der gekürzten Fassung scheinen beide Paare, anders als im Original, dem Henker zum Opfer zu fallen.

Weitere Vorstellungstermine sind: 3., 23., 24., 29., 30. Oktober, 1. Und 21. November

Witzig-ironische Inszenierung des „Barbier von Sevilla“

Der dritte Tag des Premieren-Wochenende im Opernhaus Dortmund bot mit „Il barbiere di Siviglia“ (Der Barbier von Sevilla) von Gioachino Rossini (1792 bis 1868) und dem Libretto von Cesare Sterbini eine witzige und ironische Inszenierung von Martin G. Berger.

Die Aufführung dieser komischen Oper wurde nicht nur mit humorvollen deutschen Zwischentexten des Regisseurs, sondern auch durch Special Effects, einige ironische Anspielungen und Symbolik, wechselnden Bühnenhintergrund sowie phantasievollen Kostümen (Masken) ordentlich aufgepeppt.

Das besondere an der Inszenierung war aber neben der Hinzufügung der Figur eines Erzählers,dass die Sängerinnen und Sänger zum Anfang und gegen Ende wie Marionetten an Seilen (mit einem Fluggürtel befestigt) hingen. Das diente als Sinnbild dafür, dass die Akteure auf der Bühne in ihren jeweiligen gesellschaftlichen Konventionen (wie fremdgesteuert) gefangen sind. Das war nicht nur eine Herausforderung für die Kostüm-Abteilung, sondern sicher auch für die Sänger. Die hatten aber sichtlichen Spaß daran, sich nicht nur mit ihren guten Stimmen zu profilieren, sondern auch mit ihre komische Seite zeigen zu können.

Kammersänger Hannes Brock als Erzähler füllte seine Rolle gewohnt humorvoll und charmant mit aktuellen Anspielung (etwa auf die „Me too“Debatte und moderner Kommunikationsmittel wie das iPhone) aus. Im Laufe der Handlung wurde er in das Geschehen hinein gezogen.

Im Zentrum der Geschichte steht der Figaro (Petr Sokolov), ein Frisör und Hallodri mit monetärem Charakter. Der will dem verliebten Grafen Almaviva Sunnyboy Dladla) – natürlich gegen gute Bezahlung – helfen, die junge Rosina (Aytaj Shikhalizada) für sich gewinnen möchte.

Der Graf (Sunnyboy Dladla) schreitet zur Tat und will die Konventionen abschneiden. Basilio (Denis Velev), Dr. Bartolo (Morgan Moody), der Puppenspieler (Hannes Brock) und Figaro (Petr Sokolov) sind skeptisch. (Foto: ©Anke Sundermeier, Stage Picture)
Der Graf (Sunnyboy Dladla) schreitet zur Tat und will die Konventionen abschneiden. Basilio (Denis Velev), Dr. Bartolo (Morgan Moody), der Puppenspieler (Hannes Brock) und Figaro (Petr Sokolov) sind skeptisch. (Foto: ©Anke Sundermeier, Stage Picture)

Sie ist das reiche Mündel des Dr. Bartolo (Morgan Moody). Der wiederum möchte macht- und geldgierig Rosina heiraten und ihr Erbe für sich behalten. Der Graf will die starren Regeln auflösen, und ein bürgerliches Mädchen heiraten, das ihn um seiner selbst willen liebt. Deswegen nähert er sich Rosina nicht nur unter einem falschen Namen, sondern benutzt auf Anraten des Figaro auch verschiedene Identitäten (Student, Soldat oder Musiklehrer). Der intrigante Musiklehrer Basilio (Denis Velev), ein Freund von Dr. Bartolo, verleumdet derweil sinnlos Menschen. Rosina träumt von Freiheit und irgend jemanden, der sie aus ihrem goldenen Käfig heraus holt. Eigentlich vom Charakter eher sanft, kann sie, wenn es darauf ankommt, auch rabiat und zur „Schlange“ werden.

Ironische und witzig werden die Charaktereigenschaften durch die Puppenspielerinnen Julia Giesbart und Veronuika Thieme mit ihren Stoff-Puppen ob als Schlange bei Rosalia oder dem „einäugigen Rufmord-Wurm“ bei dem Musiklehrer Basilio auch bildhaft dargestellt.

Das Gemenge muss zunächst in einem Chaos enden. Von ihren Marionetten-Fäden erst einmal befreit herausfinden, ob die neue Freiheit und Möglichkeit der Selbstbestimmung erstrebenswert ist und welche Rolle sie einnehmen wollen. Fast alle Figuren versuchen, an ihren Rollen festzuhalten.

Am Ende löst sich das Ganze durch Anerkennung der alten Hierarchien mit einem „kleinen Happy End“ auf. Der Graf besinnt sich auf seine Rolle, schmiert und bedroht Basilo, zwingt Dr. Bartolo zum Verzicht auf Rosina, und heiratet diese. Nur seine Machtposition hatte ihm ermöglicht, seine revolutionären Gedankenspiele einmal praktisch auszuprobieren, ohne die Konsequenzen zu tragen.

Ob sich eine Revolution gegen gesellschaftliche Festschreibungen dennoch lohnt, wird jedem (im Publikum) selbst überlassen.

Berger nahm sich in seiner Inszenierung einige Freiheiten, so gab es keine Polizei, sondern der Herrenchor und die Statisterie des Theater Dortmund hatten ihren eindringlichen Auftritt als „öffentliche Meinung“. Auch kleinere Rollen wie der Notar fielen weg.

Neben dem wunderbaren Puppen und Kostümen gab es auf der Bühne viel zu sehen. Eines der Höhepunkte war die Rube-Goldberg-Maschine, die Basilio dem verblüfften Dr. Bartolo vorführt. Diese Maschine hat keinen praktischen Nutzen, bereitet aber durch das pure Hinsehen Vergnügen. Ein Hingucker war auch das furiose Ende des ersten Aktes, als alles auf der Bühne hin und her wogte.

Die sinnliche Musik Rossinis zeichnet sich durch die sogenannte Rossini-Walze, einem stetigen Anschwellen der Musik. Nicht nur die Zunahme der Lautstärke, sondern auch allmähliche Hinzukommen weiterer Instrumente ist für sie kennzeichnend.

Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung des ersten Kapellmeisters Motonori Kobayashi setzte diese Musik sensibel um.

Ein interessantes und gelungenes Opernwochenende, dass dem Publikum das neue Opern-Ensemble näher brachte.

Informationen zu weiteren Aufführungstermine erhalten Sie unter www.theaterdo.de und Tel.. 0231/ 50 27 222.