Lasst uns unsere schönen Jahre genießen

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Les Boréades von Jean-Philippe Rameau gespielt von a nocte temporis unter der Leitung von Reinoud van Mechelen

„Lasst uns unsere schönen Jahre genießen …“ Es wird gefeiert am Hofe von Königin Alphise in Baktrien, einem Teil des heutigen Afghanistans. Sie soll sich einen Gatten erwählen und hat zwar die Wahl, aber es muss ein Nachkomme des Nordwindes Boreas (Borée) sein. Verliebt ist sie tatsächlich. Nur leider in Abaris, einen Tempeldiener unbekannter Herkunft.

In seiner letzten Oper zieht der französische Barockkomponist Jean-Philippe Rameau (1683 – 1763) noch einmal alle Register, lässt die Luft flirren vor Liebe zwischen den beiden, die Amors Pfeil getroffen hat. Das einzige spielerische Requisit in dieser konzertanten Aufführung. Die Erde erzittert bei der Rache des Nordwindes, den die beiden verschmähten Bewerber anrufen. Ganz wunderbar der Perkussionist, der hier sein Material ausreizt, und ansonsten auch bei leisen Stellen mit nur einigen Schellen zauberhaft unterstützt.

"Der Liebespfeil in den Händen der Königin Alphise, gesungen von Gwendoline Blondeel" Fotograf unbekannt.
„Der Liebespfeil in den Händen der Königin Alphise, gesungen von Gwendoline Blondeel“ Fotograf unbekannt.

Manche erzählerischen Teile werden nur mit Cello und Cembalo zart untermalt, was dem Sänger des Abaris Raum gibt. Den er sich zu nehmen weiß, denn der Countertenor Reinoud van Mechelen singt nicht nur diese Partie, nein, er ist auch gleichzeitig der Dirigent des gesamten belgischen Ensembles. Und als solcher hält es ihn kaum an seinem Platz. Er findet sich beim Lenken des Orchesters und der Sängerinnen und Sänger des „Chœur de Chambre de Namur“ vor und neben dem Pult wieder, manchmal tänzelnd. Man merkt ihm seine Hingabe zu der Musik an und bewundert den Wechsel vom Dirigenten zum Sänger mit dem Notenbuch in der einen Hand, wie er sich damit dreht, dem Publikum nicht mehr den Rücken zuwendet und sich der Liebe zu Alphise widmet.

Man leidet ein wenig mit in dieser Doppelrolle, aber schnell vergisst man die Mühen, denn das Spiel geht ja weiter, die Liebe will verteidigt werden. Zwar gibt Abaris fast auf, dennoch nimmt er all seinen Mut zusammen und sucht seine Alphise zu befreien, die für sich schon die Lösung gefunden hat, auf den Thron zugunsten der Liebe gänzlich zu verzichten. „Geliebter, was wäre das Reich des Universums selbst ohne Euch?“ Eine gute Absicht, doch mit dem Nordwind nicht zu machen, er entführt sie schlichtweg.

Dem Opernwerk erging es in seiner Zeit nicht viel besser. 1763 sollte sie zur Aufführung kommen, die Proben hatten bereits begonnen, doch sie verschwand für mehr als zweihundert Jahre in den Archiven. Dabei war der Komponist sehr bekannt und gilt auch heute noch als ein Meister seines Faches, der allerdings in der Wahrnehmung in Deutschland hinter die italienischen und deutschen Komponisten zurückfällt. Das zu ändern, bietet das Dortmunder Klangvokal-Festival  einen hervorragenden Rahmen. Und erfüllt damit auch die Erwartungen eines Stammpublikums, indem es bereits über die Jahre sich auch dem Barock widmet und immer wieder hier eher unbekannte Werke auf die Bühne bringt.

Diese Begeisterung merkt man dem Festivaldirektor Torsten Mosgraber genauso an, wenn man ihn ein paar Tage vor dem Konzert vor Studierenden in einem öffentlichen Seminar/Workshop im Dortmunder U erlebt. Zusammen mit Prof. Dr. Barbara Welzel von der TU Dortmund laden sie jedes Jahr ein, sich mit den Hintergründen und auch aktuellen Bezügen eines besonderen Werkes bei Klangvokal zu beschäftigen. Neben den musikalischen Raffinessen geht es auch um die gesellschaftliche Einordnung. „Les Boréades“ handelt von einer unstandesgemäßen Liebe. Und es stellt sich die Frage, wie sich Macht legitimiert. Darf es nur die Herkunft sein?

Vielleicht war das auch, zwanzig Jahre vor der Französischen Revolution, ein Grund, warum die Oper nicht aufgeführt wurde. Vielleicht war sie zu progressiv. So jedenfalls einige Vermutungen. Was nicht passte, durfte nicht sein. Und bloß niemanden auf die Idee bringen, dass Macht auch andere Legitimitätsgründe haben könnte.

Dabei hat der unbekannte Librettist, also Autor des Textes (zugeschrieben Louis de Cahusac), alles dahingehend aufgelöst, dass der Gott des Lichts, Apollon, sich einmischt und offenbart, dass Abaris sein Sohn sei, den er mit einer Nachfahrin des Nordwindes gezeugt hat. Sehr schön präsentiert von dem tschechischen Bariton Tomáš Král.

Ein genussvoller Abend für alle auf der Bühne des Orchesterzentrums NRW in der Brückstraße, der Meile der Musik und Vokalmusik.

Lasst uns das Leben genießen – und das jeden Tag.

Mehr genussvolle Momente unter www.klangvokal-dortmund.de

Und auch nicht verpassen: Das „Fest der Chöre“ in der Dortmunder Innenstadt am 13.06.26