Klangvokal – Die Magie des Countertenors im Reinoldihaus

Mit Leidenschaft und Temperament präsentieren sich das Originalklangensemble Il Pomo D´Oro und Jakub Jozef Orliński. Jede Note, jede Phrase, sämtliche dynamischen Nuancen sind fein ausgearbeitet. Ensemble und der Solist verschmelzen zu einer Einheit, das Zusammenspiel besticht durch Präzision und hörbare Spiel- und Sangesfreude, zudem zeigt sich Orliński als virtuoser Interpret der solistischen Gesangs Passagen. Die Tempi überzeugen, kraftvoll und agil, positiv überraschend.

Barockmusik ist weit mehr als „nur“ die Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi oder Variationen von Johann Sebastian Bach, seine Brandenburgischen Konzerte, oder die Musik von Lully, die man vielleicht aus „La roi danse“ kennt!

Barockmusik ist theatralisch, ja auch bombastisch, weswegen einige Zeitgenossen dieser Musik nichts abgewinnen können oder wollen … aber zugleich lieben sei eventuell Edgar Elgar oder die Musiken aus dem Star Wars Universum oder den Piraten aus der Karibik. Die Musik des Barock spiegelt die vielen Facetten, Widersprüche und Lebensfreude, ja den Lebenshunger angesichts eines nahen Todes in dieser Epoche wider. Die Gräuel des 30-jährigen Krieges passieren gerade bei einigen der Stücke dieses Abends. Andere sind weit davon entfernt, findet jedoch den Widerhall dieser europäischen und besonders deutschen Katastrophe darin wieder. Was damals als Religionskrieg begann, weitete sich schnell zu einem europäischen Machtkonflikt aus, der mit dem ersten Gesamteuropäischen Friedenskonzept 1648 in Münster und Osnabrück endete.

Countertenor Jakub Jozef Orliński und  Il Pomo D´Oro beim Konzert im Reinoldihaus. (Foto: © Sandra Spitzner)
Countertenor Jakub Jozef Orliński und Il Pomo D´Oro beim Konzert im Reinoldihaus. (Foto: © Sandra Spitzner)

Und vielleicht stören sich Zeitgenossen auch an der Stimme eines Countertenors, Jakub Jozef Orliński ist ein Countertenor. Das waren vor langer Zeit die Stimmen der Kastraten, unglücklichen jungen, deren helle Stimme für immer in deren Alter und Zeit ihres Lebens gerettet werden sollten durch … Kastration. Sie hatten im Barock ihre Hochzeit. Es wurden Opern und Arien speziell für sie geschrieben. Sie waren traurige Superstars ihrer Zeit. Wie Farinelli. Bestimmt haben auch Sie diesen Film gesehen. Die Stimme des Schauspielers musste aus verschiedenen Stimmen künstlich für den Film erzeugt werden. Aber sie kommt der Stimme von Orliński nahe, oder er Farinelli. Zumindest hatte ich sofort diese Assoziation als ich dem Gesang von Orliński lauschte.

Orliński studierte an der Fryderyk-Chopin-Universität für Musik in Warschau und schloss sein Studium im Jahr 2012 mit einem Master ab. Ab 2011 nahm er an einer Reihe von Gesangswettbewerben in Europa und den USA teil und gewann einige davon. Er sang in Warschau, Aachen, Cottbus, Gießen, Leipzig, New York, Karlsruhe, auf dem Festival d’Aix-en-Provence, u. a. in France Musique und nun Dortmund.

Orliński, unser Countertenor, ist zugleich auch als Breakdancer aktiv und nahm an einigen Wettbewerben teil. Als Model, Tänzer und Akrobat ist er in mehreren Commercials zu sehen, beispielsweise in den Kampagnen für Levi’s, Nike, Turbokolor, Samsung, Mercedes-Benz, MAC Cosmetics, Danone und Algida. Wenn man Orliński aber bei einem Barock Konzert sieht … diese „fremde“ Welt scheint weit entfernt von ihm zu liegen.

Ein Countertenor vom Format eines Orliński, lässt nur erahnen wie Kastrat damals geklungen haben mag. Man möchte sagen zum Glück. Denn unmenschlicher ist fast nicht auszudenken … wobei … wir müssen immer wieder grausamstes erfahren. Die Stimme des Countertenors aber ist anders geartet.

Als Countertenor, Kontratenor bzw. Kontertenor (lateinisch ‚Gegen-Tenor‘), manchmal auch Altus (von lateinisch altus ‚hoch‘) wird ein männlicher Sänger bezeichnet, der mithilfe einer durch Brustresonanz verstärkten Kopfstimmen- bzw. Falsett-Technik in Alt- oder seltener in Sopranlage singt. Der Countertenor ist also nicht mit einer Kastratenstimme gleichzusetzen, weder physiologisch noch in Klang, Volumen oder Stimmumfang.

Und doch bringt gerade ein Countertenor die Musik des Barock zum Leben, bei Orliński zum vibrieren. Er trägt einen fort in eine andere Epoche … mitsamt der Kleidung.

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