Kapitalismus im Endzeit-Gewand: „Die Dreigroschenoper“ im Salzlager der Kokerei Hansa

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Was für ein passenderer Ort ließe sich für Bertolt Brechts und Kurt Weills Dreigroschenoper finden als das Salzlager der Kokerei Hansa? Wo einst Salze und Dünger für die Landwirtschaft industriell produziert und gewinnbringend verkauft wurden, wird heute das Elend bewirtschaftet. In ihrer Inszenierung zeigt Regisseurin Julia Wissert eine Welt, die keine sentimentale Tragödie über die Unterschicht ist, sondern eine zynische, hochaktuelle Analyse des Raubtierkapitalismus in seiner reinsten Form – inklusive der totalen Ökonomisierung von Armut und Menschlichkeit.

Dünger für das Elend: Die Kulisse und das Leading Team

Die industrielle, rohe Kulisse des Salzlagers atmet den Geist des Stücks und wird vom Ensemble geschickt bespielt. Bühnenbildner Thilo Ullrich bettet seine fantasievolle, dynamische Szenerie nahtlos in diese Fabrikatmosphäre ein. Kombiniert mit den Kostümen von Lorena Díaz Stephens entsteht eine dystopische Welt, die optisch stark an die Mad Max-Filme erinnert. In diesem endzeitlichen Überlebenskampf gibt es keine moralischen Instanzen mehr: Besonders sinnbildlich brennt sich der Polizeichef Brown ins Gedächtnis, der – gehüllt in knallrotes Plastik – als wandelndes, korruptes Signalfeuer die Analogie von Gangster- und Spießbürgertum verkörpert.

Hier wird deutlich, was Brecht meinte: Jonathan Jeremiah Peachum betreibt kein Wohlfahrtsunternehmen, sondern bewirtschaftet Mitleid als knappe Ressource. Armut ist hier der Treibstoff für Profit und politische Erpressung.

Haben eine komplizierte Beziehung. v.l.n.r.: Polizeichef Brown (Viet Anh Alexander Tran) und Meckie Messer (Lukas Beeler). Foto:  © Florian Dürkopp
Haben eine komplizierte Beziehung. v.l.n.r.: Polizeichef Brown (Viet Anh Alexander Tran) und Meckie Messer (Lukas Beeler). Foto: © Florian Dürkopp

Ein zynischer Mackie und eiskalte Frauenclans

Das Ensemble transportiert diesen zynischen Grundton grandios. Lukas Beeler brilliert als Macheath (Mackie Messer). Er legt die Figur präzise als überheblichen, zynischen Gangster an, der sich in seiner bürgerlichen Fassade absolut sicher wiegt – schließlich weiß er den Polizeichef in seiner Tasche.

Doch die eigentliche Dynamik des Abends gehört den Frauenrollen, die in diesem patriarchal-kapitalistischen Gefüge zu strategischen Akteurinnen werden. Herausragend gelingt Rose Lohmann die Wandlung der Polly Peachum: Aus der scheinbar romantischen, naiven Tochter wird im Handumdrehen eine knallharte, effiziente Geschäftsfrau, die Mackies Gang mit einer Kälte übernimmt, die den Ganoven das Blut in den Adern gefrieren lässt. Auch Marlene Goksch überzeugt als Spelunken-Jenny im Juni-Ensemble auf ganzer Linie. Ihr Verrat an Mackie geschieht nicht aus Bosheit, sondern aus schierer ökonomischer Notwendigkeit – das Prinzip „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“ wird hier schmerzhaft spürbar.

Solide Musik mit akustischen Hindernissen

Musikalisch wird der Abend von der siebenköpfigen Band unter der Leitung von Yotam Schlezinger solide getragen. Kurt Weills Songs behalten ihren rotzigen, treibenden Charakter. Allerdings forderte die raue Industrie-Architektur des Salzlagers an diesem Abend ihren Tribut: Für Zuschauer auf den Außenplätzen (wie am rechten Rand) blieb die Band visuell verborgen. Zudem kämpfte die Aufführung mit punktuellen akustischen Problemen. Sobald das Ensemble am jeweils anderen Ende der weitläufigen Bühne agierte und sang, ging die Textverständlichkeit bei einigen Songs leider spürbar verloren.

Fazit
Trotz der akustischen Abzüge durch die Hallenkonstruktion ist Julia Wissert eine bildgewaltige Inszenierung gelungen. In Dortmunds wohl passendster Industriekulisse regt das Stück genau dazu an, über die zynischen Mechanismen nachzudenken, die Armut erst profitabel machen. Ein starker, sehenswerter Theaterabend.