Die Macht der Gutachten

Haben Gutachter zu viel Macht? (Cover: © Gmeiner Verlag)
Haben Gutachter zu viel Macht? (Cover: © Gmeiner Verlag)

Beim Lesen von Klaus Erfmeyers neuem Krimi „Gutachterland“ (gmeiner Verlag) kommt einem ständig der Name Gustl Mollath in den Sinn. Mollath wurde 2006 anhand eines Gutachtens in die Psychiatrie eingeliefert. Erst Jahre später wurde er rehabilitiert. Auch in Scheidungsfällen werden Gutachter zur Urteilsfindung herangezogen. Sie entscheiden über die Frage, ob ein Kind bei der Mutter oder dem Vater lebt und wie oft ein Elternteil es sehen darf, wenn überhaupt.

Im neunten Fall übernimmt Rechtsanwalt Stefan Knobel mehr oder weniger widerwillig ein Mandant seines Schulfreundes Patrick Budde, Psychologe und anerkannter Gutachter. Budde befürchtet, dass seine Frau Miriam sich in den Fängen von Markus Bojarzin befindet, den Budde in einem Gutachten als Triebtäter beurteilt hat.

„Gutachter haben Macht. Deutschland ist Gutachterland“, sagt Budde einmal selbstgefällig zu Knobel. „Wenn ich wollte, könnte ich aus Schwarz Weiß machen und umgekehrt.“ Das ist wohl der zentrale Satz des Krimis, der – ganz psychologisch – langsam und wendungsreich seine 247 Seiten füllt. Nein, das ist wahrlich kein Krimi für Till Schweiger, sondern eher für Liebhaber doppelbödiger Charaktere. Hier haben fast alle Charaktere irgendein dunkles Geheimnis und bei manchen ist es nicht so lustig wie bei Knobel und seiner Frau, die als Nebenerwerb erotische Unterwäsche über das Internet verkauft. Was zu Ärger mit einer Frau vom Jugendamt führt, die aber – ich verrate wohl nicht zu viel – auch ein Geheimnis hat.

Ein ganz besonderes Denkmal setzt Erfmeyer dem mittlerweile abgerissenen Hotel Bender, das lange Jahre in der Nähe des Hauptbahnhofes lag und quasi das Tor zur Nordstadt war. Denn die Geschichte beginnt dort. „Das Haus war über die Jahrzehnte von baulichen Veränderungen […] im Wesentlichen unberührt geblieben“, schreibt Erfmeyer. Viel besser kann man es kaum ausdrücken, wenn man „Hotel Bender“ noch in Erinnerung hat.

Über die Kriminalgeschichte hinaus macht das Buch noch auf einen Missstand im Justizsystem aufmerksam: Das allmächtige Gutachten. Richter ziehen sich auf den Standpunkt zurück, sie seien ja Laien und brauchen Expertenwissen. So wird dem Ergebnis des Gutachtens blind vertraut. Gnadenlos werden so Menschen zerstört wie Mollath oder Erfmeyers Figur Bojarzin.

Klaus Erfmeyer
Gutachterland
Knobels neunter Fall
247 S. / 12 x 20 cm / Paperback
Juli 2015
sofort lieferbar
ISBN 978-3-8392-1771-9
9,99 € (e-pub/pdf Download 8,99 €)

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