Das Dortmunder Klangvokal Musikfestival ist bekannt für seine Sternstunden der Vokalkunst – doch was die katalanische Ausnahmekünstlerin Andrea Motis am Abend des 27. Mai 2026 im ausverkauften Jazzclub domicil präsentierte, war weit mehr als ein gewöhnliches Konzert. Es war eine Lektion in musikalischer Eleganz, Reduktion und spürbarer Spielfreude.
Im Zentrum des Abends stand das Material ihres brandneuen Albums Intimate, und das Trio – bestehend aus Motis und ihren zwei meisterhaften Gitarristen Josep Traver und Jurandir Dã Silva – nahm diesen Titel entwaffnend wörtlich.
Ein Abend in zwei Akten: Von leisen Tönen zum mitreißenden Swing
Die Dramaturgie des Konzerts war klug gewählt und spiegelte die enorme Bandbreite der 31-Jährigen wider. Der erste Teil des Abends gehörte ganz der Introspektion. Motis verzichtete zunächst fast vollständig auf ihr Markenzeichen, die Trompete, und stellte stattdessen ihre Stimme ins Scheinwerferlicht. Begleitet vom feinsinnigen, harmonischen Geflecht der beiden Gitarren – wo Travers jazziges Fundament perfekt mit Dã Silvas fließenden, afro-brasilianischen Bossa-Nova-Rhythmen verschmolz – entfaltete der Gesang eine fast magnetische Wirkung. Warm, klar und verletzlich zog sie das Publikum im Club vom ersten Ton an in ihren Bann.

Nach der Pause änderte sich die Energie im Raum spürbar. Als Andrea Motis im zweiten Teil endlich zur Trompete griff, atmete der Club tief den Geist des klassischen Bop und Swings ein. Ihr lyrischer, an Chet Baker erinnernder Ton auf dem Instrument brachte eine wunderbare Dynamik in das Set. Die Arrangements wurden schwungvoller, die Interaktion mit Traver und Dã Silva noch dichter und das domicil pulsierte.
Gänsehaut-Momente und Publikumsnähe
Ein absoluter Höhepunkt des Abends war zweifellos ihre ganz eigene Interpretation des modernen Klassikers „Valerie“. Befreit vom treibenden Pop-Gewand der bekannten Amy-Winehouse-Version legte das Trio den emotionalen Kern des Songs frei und bewies, wie zeitlos gutes Songwriting im Jazz-Gewand funktionieren kann.
Wie nahbar und unprätentiös diese Künstlerin agiert, zeigte sich spätestens, als sie das Dortmunder Publikum aktiv einbezog: Bei einem eigens dafür ausgewählten Stück stimmte der gesamte Saal textsicher und enthusiastisch in den Refrain ein – ein intimer Gänsehaut-Moment, der die Barriere zwischen Bühne und Zuschauerraum komplett auflöste.
Fazit
Insgesamt überzeugte Andrea Motis im domicil auf ganzer Linie. Es war kein Abend der lauten Show-Effekte, sondern ein Fest der leisen Nuancen, die in der zweiten Hälfte in pure, swingende Lebensfreude mündeten. Mit zwei Gitarristen der Extraklasse an ihrer Seite und dem perfekten Wechselspiel aus berührendem Gesang und virtuosem Trompetenspiel hat sie Dortmund einen unvergesslichen Festival-Abend beschert. Eine reife, tief beeindruckende Künstlerin, von der man noch sehr viel hören will.
