Gretas Metamorphose im Theater im Depot
Die Tür öffnet sich und man betritt einen Gang, der nicht gerade, sondern gewunden verläuft. Weiße Tücher begrenzen ihn, das Publikum verteilt sich. Von dem eigentlichen Theatersaal ist nichts zu erkennen, der Raum hat sich verwandelt.
Die weißen Flächen ermöglichen Schattenspiele. Zwei Figuren agieren dahinter, jede für sich, an zwei Stellen des Ganges, sodass alle Zuschauerinnen und Zuschauer etwas sehen und erleben können. Ein Sound mit Vogelgezwitscher erfüllt den Raum, die Schatten verwandeln sich mit verschiedenen Requisiten in etwas Insektenähnliches und später auch wieder zurück.
Die beiden Schauspielerinnen Edith Nana (auch künstlerische Leitung) und Bahar Sadafi nutzen den Gang, den Raum hinter den Tüchern und auch oberhalb und wechseln je nach Situation ins Sichtbare und Unsichtbare.
Warum weint Grete? Wer ist Milena?

Fragen, die im Raum stehen und den Bezug zu Kafka herstellen. Milena war Übersetzerin einiger Geschichten Kafkas vom Deutschen ins Tschechische und eine Brieffreundin. Allerdings gibt es ein Buch, „Briefe an Milena“, das nur seine Sicht der Dinge darstellt. Ihre Briefe existieren nicht (mehr).
Grete ist eine Nebenfigur in Kafkas „Verwandlung“, die am Ende verheiratet werden soll. Wie sie dazu steht, erfährt man nicht.
Bei Kafka widerfährt Gregor die Verwandlung in ein Insekt. An diesem Abend verwandeln sich Grete und Milena von Randfiguren zu selbst agierenden Personen.
Man muss die Erzählungen von Kafka nicht kennen. Das Stück nimmt einen mit auf die Strecke durch den Geburtskanal, der es sein soll (Bühnenbild: Kathrin Ebmeier), und in den geöffneten Raum, der mit allerlei Technik aufwartet und zum Schauen, Anfassen und Spielen einlädt. Dort liegen Briefe aus, die so nie geschrieben wurden, ein Film erklärt das Vorgehen der Gottesanbeterin, die ihr Männchen tötet, auch wenn es sich in Acht nimmt, und mehr.
Nach einigem Wandern durch die Installation nehmen alle Platz, auch mitten im Raum. Während die beiden Protagonistinnen ihre ganz persönlichen Geschichten erzählen von Frauen in Kamerun und Frauen im Iran.
Wir erfahren auch mehr über Grete und Milena. Symbolhaft zieht sich zudem der Granatapfel durch die Inszenierung. Bis er wirkungsvoll zerquetscht wird. Der Apfel, der mit Eva verbindet. „Ich bin nicht Eva. Ich hätte die Schlange aus dem Paradies gegessen, nicht den Apfel.“
Eine durchaus annehmbare Sichtweise, wie das Publikum findet. Das kommt auch bei dem Nachgespräch zur Geltung. Schade, dass die Studierendengruppe bereits direkt nach der Aufführung geht. Nun, sie werden sicherlich in ihrem Seminar noch darüber sprechen, aber dann nicht mehr mit den Aktiven.
Ein spannender und sinnlicher Abend, auf Deutsch, teilweise Französisch und Persisch, der zum Nachdenken anregt und hoffentlich noch Widerhall in der Uni und bei dem einen oder der anderen zu Hause findet.
