Rezension Jan Zweyer: Starkstrom

Grafit Verlag 281 Seiten ISBN 978-3-89425-576-3 € 12,00

In seinem neuen Kriminalroman „Starkstrom“ hat der Schriftsteller Jan Zweyer einen bedrückend eindringlichen Blick in die nahe Zukunft gewagt.

Dystopische Zukunftsvision von Jan Zweyer. (Cover: © Grafit Verlag)
Dystopische Zukunftsvision von Jan Zweyer. (Cover: © Grafit Verlag)

Im Jahr 1953 in Frankfurt geboren und Mitte der 70er ins Ruhrgebiet gezogen, war er nach seinem Studium zunächst viele Jahre für verschiedene Industrieunternehmen tätig. Heute arbeite er er als freier Schriftsteller in Herne und hat eine Art Kultstatus als als Autor in Sachen Ruhrgebietskrimis.

Nachdem er sich im Jahr 2015 mit der Trilogie „Das Haus der grauen Mönche“ und deren Fortsetzung „Ein Königreich von kurzer Dauer“ dem Mittelalter zugewandt hatte, führt er die Leser nun in eine ( mögliche) nahe Zukunft.

Der ungewöhnliche Krimi spielt im Jahr 2030. Europa hat sich in Zentraleuropa und der Europäischen Assoziation gespalten. Katalonien und Süd-Tirol gehören dabei zu Zentraleuropa.

Europa verbarrikadiert sich mit einem meterhohen mehrfach gesicherten Metallzaun, um Flüchtlinge um jeden Preis fern zu halten. Es gibt Transitzentren, in denen tausende verzweifelten Flüchtenden festsitzen. Ein Lotterie entscheidet per Zufall, wer die Chance auf ein besseres Leben bekommt. Die deutsche Regierung beauftragt die Good-Fence-Cooperation, den Zaun mit allen Mitteln zu verteidigen. Sie droht mit der stärksten Abschreckung. Wer den Zaun zu überwinden versucht, wird auf alle Fälle sterben. Es soll nur eine leere Behauptung sein, um potentielle Flüchtlinge abzuschrecken. Dann aber steht der Zaun wirklich unter Strom und zurück bleiben eine verkohlte Leiche, ein Schweinekadaver und jede Menge Fragen. Die Politik möchte diese auf keinen Fall beantworten…

Der Krimi spielt auf mehren Ebenen und aus verschiedenen Sichtweisen. Auf der einen Seite sind da die Machtinteressen der Politiker sowie der Wunsch nach Gewinnmaximierung der Rüstungsindustrie und vor allem auch der Schlepper. Die Flüchtlinge dagegen kämpfen um ihr nacktes Leben und eine bessere Zukunft für sich, ihre Familien und Dörfer. Dann gibt es noch die investigativen Journalisten und Flüchtlingshelfer, die aufklären und die verzweifelten Menschen retten wollen.

Zweyer beschreibt eindringlich und ohne Pathos eine Gesellschaft von politischen Machtinteressen, Habgier auf Kosten der Verzweiflung von Menschen, und dem mutigen Kampf dagegen. Es ist eine Welt voll Misstrauen, die Ängste gezielt für ihre Zwecke schürt.

So unvorstellbar sind diese bedrückenden Zukunftsaussichten leider nicht. Derzeit wird viel über Zäune, Mauern, Ein- und Ausgrenzungen diskutiert. Die „Brandstifter“ stehen schon lange mit ihren Plänen in den Startlöchern. Pläne, wie etwa die des neuen „Heimat und Innenministers“ Horst Seehofer für „Ankerzentren“ sind da nur ein Anfang. Populistische Maßnahmen für den Machterhalt greifen immer mehr um sich.

Ein ungewöhnlicher und lesenswerter Krimi.

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