Zeitinsel Arvo Pärt

Das Konzerthaus Dortmund widmete ihre Zeitinsel 2024 dem estnischen Komponisten Avro Pärt. Nach Sofia Asgatowna Gubaidulina im vergangenen Jahr wurde erneut ein zeitgenössischer Komponist in den Mittelpunkt gestellt.

Pärt erfreut ich als zeitgenössischer Komponist einer großen Beliebtheit. Warum das so ist, konnten die BesucherInnen vom 15. bis zum 18. Februar 2024 erleben. Pärts Musik wurde in vier Konzerten sowie zwei Sonderveranstaltungen gewürdigt und in ihrer Breite vorgestellt. Wenn man möchte, war bereits das Konzert des estnischen Dirigenten Paavo Järvi eine Art Prequel zur „Zeitinsel Avro Pärt“, denn Werke des estnischen Komponisten standen auf dem Programm.

Der Donnerstag mit dem Titel „Spiegel im Spiegel“ bot einen Querschnitt der unterschiedlichen Schaffensperioden Avro Pärts. Das Tallinn Chamber Orchester und der Estnische Philharmonische Kammerchor unter der Leitung von Tōnu Kaljuste spielten frühe Werke wie „Solfeggio“ (1963) oder Übungen in der Collagentechnik in „Collage über B-A-C-H“ (1964). Doch Pärt geriet danach in eine Schaffenskrise, aus die er mit dem kurzen Stück „Für Alina“ (1976) wieder entkam. Seine neue Technik, „Tintinnabuli“, ist ein reduzierter Musikstil, der Pärts Beziehung zur Kirchenmusik zeigt. Er wird durch die Verwendung einer Melodie- und einer Dreiklangsstimme gekennzeichnet.

Davon zeugen die beiden Chorwerke „Veni creator“ und „Te deum“, die an diesem Abend zu hören waren. Ein gelungener Einstieg in die Musik von Avro Pärt.

Am Freitag traf Avro Pärt auf Johann Sebastian Bach und Dimitri Schostakowitsch, natürlich nur musikalisch. Die Veranstaltung „Happy Hour – Klassik um Sieben“ wurde launig moderiert von Jan Malte Andresen vom WDR. Das WDR Sinfonieorchester spielte unter der Leitung von Kristiina Poska.  Zu Beginn erklang „Tabula rasa“ von Pärt, das vor allem im zweiten Satz sehr beeindruckend war. Die Musik verändert sich nur minimal, es wird leiser und leiser bis eben die „Stille“, so heißt der zweite Satz, eintritt.

Danach folgten zwei Ausschnitte aus dem Momumentalwerk von Bach „Die Kunst der Fuge“. Poska wählte den Anfang und das unvollendete Ende aus. Soe entschied sich ebenfalls dazu, keines der unzähligen Komplettierungsversuche zu spielen, sondern endete abrupt mit der letzten Note des Manuskripts von Bach. Bach benutzte in diesem letzten Werk die Tonbuchstaben B-A-C-H, auch Schostakowitsch tat dies 210 Jahre später in seiner Kammersinfonie für Streichorchester op.110. Nun musste er im Gegensatz zu Bach etwas tricksen und nahm seine Initialen D-Es-C-H. Die Kammersinfonie (basierend auf dem Streichquartett Nr.8) durchläuft eine breite Palette von Emotionen, von tiefster Verzweiflung bis hin zu Momenten der Hoffnung und des Trotzes. Schostakowitsch integriert geschickt Zitate aus eigenen Werken sowie Zitate von Komponisten wie Gustav Mahler, wodurch eine vielschichtige und kontrapunktische Textur entsteht, die dem Werk zusätzliche Bedeutungsebenen verleiht.

Am Samstag fanden zwei Veranstaltungen statt. Der frühe Nachmittag widmete sich dem „Mindful Listening“, während der Abend der Chormusik vorbehalten war. Elisabeth Lemken war beim „Mindful Listening“ dabei:

Im Rahmen der Reihe „Zeitinsel – Arvo Pärt“ vom 15.02. – 18.02.2024 konnte das Publikum im Konzerthaus Dortmund am 17.02.2024 am Nachmittag für eine Stunde ein Mindful-Listening (achtsames Hören) – Konzert mit unter anderem mit drei passenden Werken des estnischen Komponisten Arvo Pärt. Nicolas Nomoradze  führte als Moderator und Pianist durch das spezielle Konzert. Ihm zur Seite stand unterstützend der 1980 in Großbritannien geborenen Violinisten Hugo Ticciati.

Das Publikum saß größtenteils dort, wo eigentlich das Orchester seinen Platz findet. Kuschelige Sitz oder Liegemöglichkeiten oder einfach bequeme Stühle sorgten für eine meditative Stimmung. Zusätzlich wurde mit gedämpfter Beleuchtung und kleine runde Lampen am Boden für einen beruhigenden Hintergrund gesorgt.

Einen meditativen Prozess anzustoßen, mit unserem Bewusstsein (unserem bewussten Erleben, zum Beispiel auch von Musik) in Verbindung zu treten, ist ein in die Tiefe gehendes besonderes Erlebnis.

Zur passenden Einstimmung spielte der Pianist „Ich ruf zu dir Herr Jesu Christ“, BWV 639 (um 1705) in der Fassung für Klavier von Ferrucio Busoni.

Die erste meditative Übung bezog sich auf das bewusste Atmen.

Im weiteren Verlauf wurden drei für „das achtsame Hören“ auch atmosphärisch gut ausgewählte Werke von Arno Pärt (1935*), György Ligeti (1923 – 2006) oder dem französischen Komponisten Gabriel Fauré zu Gehör gebracht.

Die beiden meditativen Übungen dazwischen bezogen sich auf bewusste Konzentration auf einzelne Körperbereiche sowie dem Resonanzraum der Musiktöne. Auch der Umgang mit störenden Geräuschen aus dem Außenbereich (etwa Husten aus dem Publikum) war ein Thema.

Ein ungewöhnliche und interessante Musikerfahrung.

Die Mindful-Listening-Konzerte der kommenden Saison finden übrigens am 15.12.2024 und den 02.02.2025 statt.

Die Abendveranstaltung wurde vom estnischen Philharmonischen Kammerchor unter der Leitung von Tōnu Kaljuste getragen, die schon am Donnerstag für ein gelungenes Konzert sorgten. Hier wurde deutlich, wie der sehr religiöse Pärt von der musikalischen Tradition der orthodoxen Kirche, aber auch von den lateinischen Texten der katholischen Kirche geprägt war. Es passte daher sehr gut, dass mit Sergej Rachmaninov und dem zum orthodoxen Glauben konfertierten Engländers John Tavener zwei „gleichgesinnte“ Komponisten zur Seite gestellt wurden. Dazu kam noch Johann Sebastian Bach Motette „Lobet den Herrn, alle Heiden“. Das einzige nichtreligiöse Stück stammte von der estnischen Komponisten Elevin Seppar, die mit „Iris“ der Sibirischen Schwertlilie ein beeindruckendes musikalisches Denkmal setzte.

Zu den Höhepunktend es Konzertes gehörte Pärts „Summa“, ein Werk von erhabener Schlichtheit und spiritueller Tiefe. Es verkörpert Pärts Suche nach einer reinen und unverfälschten Ausdrucksweise, die darauf abzielt, den Hörer in einen Zustand der inneren Einkehr und spirituellen Kontemplation zu versetzen.

Am letzten Tag der Zeitinsel Avro Pärt spielte das Gidon Kremer Trio Stücke von Pärt und Schubert sowie weiteren Zeitgenossen des estnischen Komponisten. Der lettische Violinist Kremer spielte zusammen mit Giedrė Divanauskaitė (Violoncello) und Georgijs Osokins (Klavier). Ein spannendes Stück war „Middelheim“ von Gija Kantscheli. Das Werk „Middelheim“ ist von Kantschelis typischer musikalischer Sprache geprägt, die eine tiefe spirituelle und emotionale Dimension aufweist. Es durchdringt eine Vielzahl von Emotionen, von meditativer Ruhe bis hin zu dramatischer Intensität, und nutzt eine spärliche Instrumentierung, um die Klanglandschaften zu formen und den Fokus auf die melodischen Linien zu lenken. Die Musik durchläuft eine Reihe von Variationen und Entwicklungen, wobei das Violoncello als zentrales Bindeglied fungiert, das die verschiedenen Abschnitte des Stücks verbindet.

Musikalischer Höhepunkt allerdings war das zweite Klaviertrio von Schubert. . Der erste Satz, das „Allegro“ durchläuft eine Vielzahl von Stimmungen, von lyrischen und singenden Melodien bis hin zu dramatischen und kraftvollen Passagen. Die Themen werden von allen Instrumenten des Trios gemeinsam entwickelt und führen zu einer eindrucksvollen und lebendigen musikalischen Erzählung.

Insgesamt war es eine gelungene Zeitinsel, die das Schaffen von Avro Pärt breit dargestellt hat. Erstklassige Musiker und SängerInnen sorgten für abwechslungsreiche Abende und spannende Musikerlebnisse selbst für diejenigen, die nicht ganz so religiös wie Avro Pärt sind.

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