Raincatchers: Szene 2wei über den (unv)erhofften Wandel

Ein Nachbericht

Am 17. & 18. Mai 2024 brachte die mixed-abled Tanzkompanie Szene 2wei den Regen auf die Bühne des Theaters im Depot. Analog zur ökologischen Lage der Welt beginnt Raincatchers mit dem drohenden Ende. Wir sehen eine reich gedeckte Tafel mit Weinkelchen und Äpfeln bestückt, um die sich die diverse Gesellschaft der Szene 2wei tummelt. Sie prosten sich zu, reichen sich die süßen Früchte an und lassen es sich augenscheinlich gut gehen. Im Hintergrund strahlt uns das romantische Bild einer unberührten Wiesen-Landschaft über einen Bildschirm an. Doch etwas Unheilvolles kündigt sich in dieser Tischidylle an, die zwischen letztem Abendmahl und morbidem großen Fressen oszilliert.

Allmählich bricht das Bild auf und die feine Gesellschaft ergießt sich über den Tischrand hinweg: Sie rollen, kriechen und robben sich in den weiten Raum der Bühne, der sonst nur einen Müllberg aus Tüten beherbergt. Das Ensemble tanzt sich mit immer wilder werdender Dynamik in verschiedene Emotionen und Zustände hinein. Sie bilden wechselnde Konstellationen, zucken, schwingen, vibrieren, imitieren, resonieren miteinander oder tanzen stur aneinander vorbei. Die Performer:innen zeigen uns Bilder und Anordnungen, die nicht nur inhaltlich von Diversität erzählen, auch die Choreografie (William Sánchez H.) setzt die diversen körperlichen Konstitutionen des Ensembles ganz selbstverständlich in Beziehung. Der Apfel als Symbol und konkretes Objekt begleitet sie durch ihre Bewegungsfolgen. Schließlich rückt er ganz in den Mittelpunkt als eine Stimme aus dem Off die reine, feine Frucht lobpreist und ein anmutiger Tanz die Eloge an den Apfel krönt.

Das Ensemble von Szene 2wei bei "Raincatchers". (Foto: Stefan Wachter)
Das Ensemble von Szene 2wei bei „Raincatchers“. (Foto: Stefan Wachter)

Und dann der Bruch! Klimawandel! Und der kickt so richtig: Die Performer:innen hüllen sich in absurder Manier in Kleidung, die aus den Mülltüten zum Vorschein kommt. Die Stoffe werden in Lagen und ansteigendem Tempo angelegt, umständlich umwickeln sie die Gliedmaßen der Performer:innen und werden so teils zum Handicap. Wieder teilen sich die Bewegungsfolgen in kollektives und vereinzeltes Handeln und Sein. Die Diversität der Bühnengesellschaft bleibt gleich, aber mit der Umwelt scheinen sich ihre sozialen Dynamiken und Zustände zu verändern. Dabei hören wir Texte über Konsum, Ressourcen, Überfluss, Hoffnungen, Verunsicherung, politisches Handeln und Scheitern. Die Landschaft im Hintergrund ist längst in ein Dämmerlicht gehüllt und lässt uns im Dunkeln, ob es Nacht wird oder der Morgen wieder graut. Die Fast Fashion Show endet schließlich mit einem knalligen Statement der Nacktheit, das mit einem Augenzwinkern auf unseren „natürlichen“ Ursprung verweist, aber so schnell wieder vergeht, wie es kam. Zum Schluss geraten die Körper der Szene 2wei ein letztes Mal in Wallung und tanzen sich zu „my body, my choice“ und dröhnenden Beats (Soundtrack: Lukas Tobiassen) in Ekstase. Und dann – endlich – regnet es wieder… Ruhe kehrt ein und wir hören nur noch die belebenden Tropfen auf die Erde niederprasseln.

Choreografie: William Sánchez H.
Leitung: William Sánchez H. und Timo Gmeiner
Tanz: Jörg Beese, Sonja Pfennigbauer, Ricarda Noetzel, Manuela Aranguibel, Jose Manuel Ortiz, Sander Verbeek
Musik: Lukas Tobiassen
Licht Design: Clément Debras
Bühnenbild und Kostüme: William Sánchez H. und Simone Müller

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