Ars tremonia

Echo der Abwesenheit: Wenn Klänge ohne Lautsprecher den Raum erobern

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In der aktuellen Ausstellung „8 Ω LESS“ im Künstler*innenhaus Dortmund wird eine radikale Grenze gezogen: Die Abwesenheit von Lautsprechern. Was zunächst wie ein technisches Defizit klingt, entpuppt sich als eine tiefgreifende Untersuchung des Klangs als physisches, skulpturales Medium. Unter der Leitung von Kurator Ach Kuhzunft präsentieren Künstler:innen der Kunsthochschule für Medien Köln Werke, die Klänge durch mechanische Prozesse wie Streichen, Schlagen oder Blasen direkt im Raum erzeugen.

Die Mechanik der Unruhe und industrielle Nachklänge

Ein zentrales Motiv der Schau ist die Spannung zwischen sichtbaren und unsichtbaren Klangquellen. Yue Cao verarbeitet in „Übernächtigung“ traumatische Erinnerungen an scharrende Stühle während seiner Studienzeit in China. Zwei mechanische Vorrichtungen schieben Stühle über eine konstruierte Decke und erzeugen ein schrilles Kratzgeräusch, das für das Publikum unsichtbar bleibt und eine Atmosphäre existenzieller Angst heraufbeschwört.

Ähnlich industriell, aber mit Fokus auf den Verfall, agiert dennis aycicek mit seinem Werk „ZONE“. Unter Verwendung von Spundwänden und Moniereisen reflektiert er das Verstummen einer Industrieregion und die Anziehungskraft von Gefahrenzonen. Den technoiden Gegenpol bildet Justus Kaufmann, dessen Installation „Bellwech“ Stahlbleche durch Motoren in Schwingung versetzt und so Klänge erzeugt, die zwischen „Gewitter- und UFO-Geräuschen“ changieren.

Poesie der Fragilität und des Widerstands

Die Ausstellung bietet jedoch auch Raum für zarte, fast sphärische Momente, die mechanische Präzision mit inhaltlicher Tiefe verweben. So erzeugt Tina Tonagel in ihrer Arbeit „Gedicht“ eine meditative Atmosphäre, indem sie hinter Schlitzen verborgene Gitarrensaiten mittels E-Bows in dauerhafte Schwingung versetzt. Eine ähnliche Fragilität, jedoch getrieben von Unberechenbarkeit, zeigt Farah Wind in „NETZ_TEILE“: Hier werden kleine Motoren und Luftströmungen zu Akteuren, die fragile Rhythmen entstehen und wieder zerfallen lassen. Politisch aufgeladen wird diese Ästhetik schließlich bei Bella Comsom, deren Klangskulptur „Sie dachten, sie würden verschwinden“ Keramik und Mini-Ventilatoren nutzt, um symbolisch den „Atem“ von Schlangen zu erzeugen – ein akustischer Widerstand gegen die jahrhundertelange Unterdrückung weiblichen Wissens.

Der Staub saugende Chor und tanzende Tüten

Besonders kurios wirkt der Beitrag von Karen Fritz. Ihr „blow connector“ lässt einen handelsüblichen Nass-/Trockensauger durch den Raum rollen. Das Dröhnen des Motors vermischt sich mit dem Singen metallischer Gestänge zu einer unerwarteten klanglichen Performance. Kontrastiert wird diese rohe Energie durch die „Papiergeister“ von Esther Rosiny-Wieland, deren leises Knistern beim Drehen der Papiertüten eine fast geisterhafte Präsenz im Raum schafft.

„Papiergeister“ von Esther Rosiny-Wieland,
„Papiergeister“ von Esther Rosiny-Wieland,

Zwischen Ritual und Vergänglichkeit

Die Partizipation bleibt ein Herzstück der Schau. Während Samuels Ozoliņš mit seinen „stillen Altären“ lettische Zaubersprüche durch das laute Aussprechen der Besucher:innen zum Leben erweckt, lädt Jeongan Choi in „Tearable Sound“ dazu ein, Papierstapel nach bestimmten Linien zu zerreißen. Hier wird der Klang des Reißens selbst zur Partitur.

Fazit

„8 Ω LESS“ ist weit mehr als eine formale Fingerübung. Die Ausstellung zwingt uns, genau hinzusehen, woher ein Geräusch kommt, und die Materialität unserer akustischen Umwelt neu zu bewerten. Sie zeigt, dass die Abwesenheit von Technik (hier: Lautsprechern) den Weg ebnet für eine unmittelbare, körperliche Erfahrung von Kunst.

 

Besuchshinweise:

  • Ort: Künstler*innenhaus Dortmund, Sunderweg 1.
  • Öffnungszeiten: Do – So 16 – 19 Uhr.
  • Eintritt: Frei.
  • Hinweis: Die Ausstellungsräume sind derzeit nicht barrierefrei.