Die Rückkehr der Schwirrlinge: „Dronetale“ im Theater im Depot

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Der Aufbruch in ein abgeriegeltes Areal gehört zu den eindringlichsten Motiven der spekulativen Fiktion: eine Sperrzone, in der die vertrauten Gesetze der Zivilisation außer Kraft gesetzt sind. Während moderne Werke wie Alex Garlands Annihilation dieses Sujet als schillernd-mutierenden Eco-Horror inszenieren, schlägt das transdisziplinäre Projekt Dronetale des Kollektivs Sticky Fragments eine Brücke, die im Kern viel spürbarer an Andrei Tarkowskis Meisterwerk Stalker erinnert.

Hier wie dort ist die Reise keine rein technische Expedition, sondern ein existenzieller Grenzgang. Vier Menschen verlassen die entseelten, sterilen Megastädte, um ein unberechenbares Sperrgebiet zu durchqueren – auf der Suche nach „Schwirrlingen“, jenen fliegenden Insekten, die der technokratischen Moderne abhandengekommen sind. Genau wie Tarkowskis Suchende durch eine von der Natur zurückeroberte Trümmerlandschaft ziehen, bewegen sich die Figuren in Dronetale durch schlummernde Halden und postindustrielle Habitate. Die Zone ist kein reiner Todesort, sondern ein mythisch aufgeladener Resonanzraum für die Sehnsucht nach Leben, Koexistenz und einer Neuausrichtung zwischen Mensch, Natur und Technologie.

Digitale Collage aus Archivbildern der Sticky Fragments, Stock Footage, Zeichnungen von König und Schwerdfeger und Deeplearning Text-zu-Bild-Generator (KI-gestützt)
Digitale Collage aus Archivbildern der Sticky Fragments, Stock Footage, Zeichnungen von König und Schwerdfeger und Deeplearning Text-zu-Bild-Generator (KI-gestützt)

Die reale Krise hinter der Dystopie

Was auf der Bühne als Fabel über vertriebene, verfemte und ausgerottete „Schwirrlinge“ verhandelt wird, spiegelt eine der drängendsten ökologischen Krisen der Gegenwart: das reale, dramatische Insektensterben. Durch intensive Landwirtschaft, Pestizideinsatz, Lichtverschmutzung und fortschreitende Versiegelung natürlicher Räume gehen weltweit Biomasse und Artenvielfalt in erschreckendem Tempo verloren. Insekten sind keine lästigen Schädlinge, sondern das unsichtbare Fundament stabiler Ökosysteme – unersetzlich als Bestäuber, Bodenverbesserer und Nahrungsgrundlage. Ihr schleichendes Verschwinden gefährdet die biologischen Lebensgrundlagen der Menschheit im Kern.

Raum, Körper und taktile Begegnung

Das Ensemble – Victoria Stellpflug, Valentin Schwerdfeger, Meret König und Sandro Hähnel – verleiht dieser Expedition eine bemerkenswerte physische Präsenz. Getragen von präzisen, sehr schönen Choreografien schlagen die Darstellenden eine Brücke zwischen Physical Theatre und erzählerischer Fabel.

Das Raumkonzept bricht die Trennung zwischen Bühne und Saal konsequent auf: Das Publikum sitzt im Kreis auf Stühlen, und die vier Spielenden bewegen sich nicht nur quer durch den Raum, sondern mischen sich immer wieder direkt unter die Zuschauenden, nehmen neben ihnen Platz und lassen die Distanz völlig schmelzen. Ein zentraler „Infoturm“ ragt wie ein technologischer Monolith empor – Schnittstelle, Relikt der Megastadt und Vermittler in die Wildnis zugleich.

Dazu kommt eine berührende taktile Ebene: Im Lauf des Abends werden detailreiche Insektenmodelle aus dem 3D-Drucker im Kreis herumgereicht. Das Verlorene und Bedrohte wird dadurch buchstäblich greifbar – die Insekten sind keine abstrakte Idee, sondern liegen als feingliedrige Körper in den Händen des Publikums.

Die Stationen der Zone

Die Handlung nimmt ihren Lauf, als die vier Protagonisten einen verletzten Schwirrling finden und mitnehmen. Dieser Fund zwingt sie zum Aufbruch. Die Reise führt sie durch ein dichtes Stationendrama:

  • Ins Ödland: die karge Schwelle jenseits der abgeriegelten Stadträume.
  • Zum Haus der Großmutter von „Träumer“: ein intimer, melancholischer Erinnerungsort inmitten des Wandels.
  • An einen Fluss und in eine riesige Bibliothek: eine archäologische Grabung in den Untergrund, hinab zu den verschütteten Wissensschichten menschlicher Kultur.
  • In einen Wald mit pausenlos tanzenden Menschen: eine pointierte Zivilisationskritik an kollektiver Betäubung und Eskapismus – das rastlose Feiern als Verdrängungsmechanismus, um sich der drohenden Realität nicht stellen zu müssen.

Entscheidung und Demut

Schließlich gelangt die Gruppe zur Gottesanbeterin (Mantis), die den verloren geglaubten Schwirrling hütet. An diesem Punkt spitzt die Inszenierung ihre partizipative Haltung vollends zu: Per Publikumsentscheid wird bestimmt, dass der Schwirrling – ein Glühwürmchen – in die Freiheit entlassen wird. Die Verantwortung für das Überleben der Spezies wird unmittelbar in den Zuschauerraum verlagert.

Das Stück schließt mit einem eindringlichen Lied, das dem anthropozentrischen Blick eine heilsame Demut entgegensetzt. Es erinnert daran, dass Insekten Hunderte Millionen Jahre vor dem ersten Menschen existierten – und diesen Planeten aller Wahrscheinlichkeit nach auch dann noch bewohnen werden, wenn die letzte menschliche Megastadt längst vergangen ist.