Archiv der Kategorie: Darstellende Kunst

Tana-Schanzara-Preis für Carmela de Feo

Das Festival RuhrHOCHdeutsch verlieh am 07. August 2022 zum siebten Mal den Tana-Schanzara-Preis. Die Jury entschied sich für Carmela de Feo und die Künstlerin zeigte bei ihrem kleinen Programmvorgeschmack, dass die Jury die richtige Entscheidung getroffen hatte.

Die Preisträgerin Carmela de Feo überzeugte die Jury des Tana-Schanzara-Preises. (Foto:  © Ralf Rottmann)
Die Preisträgerin Carmela de Feo überzeugte die Jury des Tana-Schanzara-Preises. (Foto: © Ralf Rottmann)

Carmela de Feo zeigte in ihrer Rolle als „La Signora“, warum sie Preise sammelt wie andere sie mit Preisen überhäuft wird. Ihr Outfit als „Schwarze Witwe der Volksbelustigung“ mit Haarhäubchen und schwarzer, biederer Kleidung täuscht. Dahinter brodelt es mit südeuropäischer Wucht. De Feo hat italienische Wurzeln und das spürt das Publikum in jeder Sekunde.

Darüber hinaus ist sie eine Meisterin des Akkordeons. Und das ist keine Floskel, denn sie studierte das Instrument an der Folkwang Hochschule in Essen. Mit dem Akkordeon also veränderte sie bekannte Pop-Lieder in überaus witzige Nummern. Natürlich durfte auch eine Hommage an ihre Geburtsstadt Oberhausen nicht fehlen.

Wenn die Qualifikation für den Tana-Schanzara-Preis ist, dass die PreisträgerInnen „in unterschiedlicher Weise die Tradition des spezifischen Ruhrgebietshumors aufnehmen und weiterentwickeln“, dann war die Wahl von Carmela de Feo ein Volltreffer.

Bald ist es soweit: Das MICRO!FESTIVAL verzaubert wieder

Am 12. und 13. August zwei Tage lang mit Weltmusik und Straßentheater die Dortmunder Innenstadt – natürlich umsonst und draußen!


26 Ensembles, Künstler*innen und Bands aus 16 Ländern zelebrieren an vier unterschiedlichen Spielflächen ein buntes Programm aus Weltmusik, Straßentheater und Kleinkunst.
Dieses Mal auf zwei würfelförmigen Bühnen, den „Cubes“, auf dem Alten Markt und in der Kleppingstraße sowie einer reinen Straßentheater-Spielfläche auf dem Reinoldikirchplatz. Zusätzlich erwartet die Besucher*innen ein kleines, charmantes Hörvergnügen auf dem Platz von Hiroshima.
Mehr als 30 Programmpunkte versprechen zwei aufregende Tage zwischen atemberaubender Akrobatik, mitreißender Musik, umwerfendem Tanz, beeindruckendem Theater und waghalsigen Zirkuseinlagen.

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Alice „lost“ auf dem Hauptfriedhof

m August des vergangenen Jahres gab es im Fredenbaumpark eine besondere Premiere: Drei freie Theatergruppen führten gemeinsam „Alice im Wunderland“ auf. Für Dortmund war artscenico beteiligt, die den Mittelteil übernahmen. Dieser Mittelteil war auch die Basis für die Aufführung von „Lost in Wonderland – Creatures II“, die am 30. und 31. Juli 2022 auf dem Dortmunder Hauptfriedhof.

(v.l.n.r.) Roman D. Metzner, Lore Duwe, Elisabeth Pleß und Salma Parra im Unterholz des Hauptfriedhofs. (Foto: © Guntram Walter)
(v.l.n.r.) Roman D. Metzner, Lore Duwe, Elisabeth Pleß und Salma Parra im Unterholz des Hauptfriedhofs. (Foto: © Guntram Walter)

Auch wenn einige Elemente aus dem Fredenbaumpark übernommen wurden, es gab auch ein paar Veränderungen. Statt Stefanie Winner spielte Salma Parra die Figur der Alice, die Tänzerin Jelena Ivanovic war mit von der Partie, ebenso wie der Dortmunder Sprechchor.

Nichts gegen den Fredenbaumpark als Location, aber der Hauptfriedhof strahlt als Veranstaltungsort eine ganz andere Aura aus. Allein schon der Beginn am uralten Baum an den Trauerhallen am Eingang versprühte einen eigenartigen Zauber. Vor allem als der Sprechchor, alle gekleidet als weißes Kaninchen, über die Zeit sinnierten: „zu spät“, „die Zeit läuft davon“.

Dann begegnen wir „Dideldum und Dideldei“ (Cynthia Scholz und Chino Monagas), die versuchen, die verwirrte Alice (Salma Parra) ein wenig Orientierung zu geben. Schließlich ist sie ja in einer ziemlich verrückten Gegend gelandet. Beispielsweise mit einer jodelnden Köchin (Lore Duwe) und der unheimlich lässigen Grinsekatze (Elisabeth Pleß), deren Lied „Entspann Dich“ durchaus Hitcharakter besitzt. Sascha von Zambelly spielte erneut den distinguierte „Humpty Dumpty“, der ein schönes Rededuell mit Alice führte. Auch „The Royal Squeeze Box“ (Roman D. Metzner und Aaron Perry) war wieder mit dabei. Die beiden Songs von Queen waren „I want it all“ und gegen Ende „Bohemian Rhapsody“ zusammen mit dem Sprechchor. Roman D. Metzner hatte auch die musikalische Leitung und begleitete mit seinem Akkordeon die Szenen.

Vertraut, aber doch anders. Wie im August 2021 im Fredenbaumpark mit dabei war, hat sicherlich einiges wiedererkannt, aber der Sprechchor hat das Stück noch einmal auf eine höhere Ebene gebracht. Die imposante Präsenz, vor allem zu Beginn und am Ende, war beeindruckend. Auch Salma Parra konnte als „Alice“ überzeugen.

Ballettgala mit abwechslungsreichem Programm

Auch die 34. Ballettgala am 25. und 26. Juni 2022 zeigte zum Spielzeitabschluss wieder ein breites Spektrum der Ballettkunst. Neben dem Ensemble des Dortmunder Balletts hatte Ballettdirektor Xin Peng Wang internationale Gäste eingeladen. Natürlich führte wieder Kammersänger Hannes Brock durchs Programm.

Yonah Acosta zeigte seine Sprungfähigkeit beim Pas de deux von  "Giselle" (Foto: © Wilfried Hösl)
Yonah Acosta zeigte seine Sprungfähigkeit beim Pas de deux von „Giselle“ (Foto: © Wilfried Hösl)

Den Beginn macht das Ballett Dortmund mit der eindrucksvollen Choreografie „Dust“. Während der erste Teil sehr sakral wirkte, wurde es im zweiten Teil rhythmisch. Das Stück erzeugte schöne Bilder, so wurden aus Armen Schlangen gebildet.

Danach ging es nach Spanien. Lucia Campillo interpretierte das Solostück „Dansa de la Buenaventura“ mit Feuer und Energie und verzauberte das Publikum mit ihrem Flamenco.

Neben dem modernen Tanz gehört das klassische Ballett zu den beliebten Teilen des Programms. Auch dieses Mal kamen die Besucher auf ihre Kosten. Bei „Giselle“, „Donizettis Pax de deux“, „Romeo und Julia“ und „Don Quichotte“ zeigten Tänzerinnen und Tänzer ihre Sprungkraft und Eleganz.

Nach „Giselle“ wurde es Zeit für zwei Uraufführungen. In „Eyes open, shut your eyes“ zeigten Sasha Riva und Simone Repele eine beeindruckende Choreografie voller Synchronizität. Eine Art modernes Pas de Deux zeigten Mayara Magri und Matthew Ball in „(Re) Current“. Trotz des japanischen Titels „Ikigai“ (生甲斐), übersetzt: etwas, wofür man lebt, war das Stück ein Flamenco. Diesmal hatte Lucia Campillo mit Jésus Carmona einen Partner an ihrer Seite.

Nach der Pause wurde es etwas humorig. In „Le grand sot“ (Der große Dummkopf) erlebte das Publikum Caroline Bouquet, Manon Bouquet und Julien Ramade als drei Personen, die einen Workout oder etwas ähnliches vollziehen. Das zur Musik von Ravels „Bolero“. Bei „Inno alla Vita“ erlebten wir die Rückkehr von Riba und Ripele. Diesmal mit einem ernsten Choreografie. Das Thema war der Ukrainekrieg.

Jésus Carmona tantze für uns den „Tanz der Bestie“ (Baile de Bestias). Das Solostück dreht sich um die Bestie in uns, die wir versuchen, unter Kontrolle zu halten.

Zum Schluss zeigte das Dortmunder Ballett noch das Stück „Cacti“ aus dem Programm „Drei Farben: Tanz“. Das wichtigste Requisit sind leuchtende Rechtecke, die als Versteck oder Plattform dienen.

Besondere Einblicke in die Arbeitsweise des JugendTanzTheaters

Schon seit 2008 arbeitet das JugendTanzTheater am Ballett Dortmund unter der Leitung von Justo Moret mit tanzbegeisterten jungen Menschen (ab 16 Jahren) und fördert sie. Die Gruppe ist divers mit Menschen verschiedenen Alters und Herkünften zusammengesetzt.

Nicht nur die Begeisterung für die „Weltsprache“ Tanz übt einen Reiz aus, sondern auch die Möglichkeit, in einem partizipatorischen Projekt gemeinsam etwas von Anfang zu erarbeiten. Da ist kein Choreograf, der von oben herab alleine alles vorbestimmt. Alle sind am Entwicklungsprozess beteiligt. Das ist eine große Verantwortung, macht den Beteiligten aber auch viel Spaß.

Beispielbild: Ballett ist eine tänzerische Erzählung einer Geschichte. (Foto: © romanen / pixelio)
Beispielbild: Ballett ist eine tänzerische Erzählung einer Geschichte. (Foto: © romanen / pixelio)

In einer Werkschau gaben am 21.06.2022 im Dortmunder Opernhaus eine Gruppe von zehn junge Frauen unter dem Titel „Wir stellen uns vor“ nicht nur Einblicke in den Prozess der Vorarbeit (zum Beispiel Aufwärmen), sondern ließen das Publikum an den sich schrittweise steigernden Anforderungen und Lernprozessen teilhaben.

Koordination von Armen und Beinen, Drehungen, stabiles Gleichgewicht und Präzision sind dabei wichtige Elemente. Die Auswahl der passenden Musik ist natürlich für die Wirkung ebenfalls sehr bedeutsam. Am Ende entsteht eine Art tänzerische Erzählung einer Geschichte ohne Worte. Als Inspiration für die Tanztheaterprojekte dienen etwa Bilder, Skulpturen oder Erzählungen. Gegen Ende wurden von den Tänzerinnen drei Kostproben geboten. Das Publikum konnte sich von einer professionellen Leistung der Beteiligten überzeugen.

Durch das Programm führten mit Humor und Begeisterung die Projektleitung Justo Moret und Svenja Riechmann sowie die Inspizientin Jelena-Ana Stupar Moody.

Zwischendurch wurden drei Trailer von früheren Projekten (2016: Faust, 2018: Being Titania, 2019: Trust) auf der Leinwand gezeigt.

Interessante Info nebenbei: Der Dortmunder Ballettdirektor Xin Peng Wang hatte sich nach Aufführung seines Handlungsballetts „Faust“ gefragt, wie die jungen Tänzer*innen den Stoff (mit der gleichen Musik) interpretieren würden. Das taten diese dann auf ihre ganz eigene Art.

Übrigens: Es war nur ein Teil des JugendTanzTheaters (größere Gruppe) auf der Bühne zu sehen und erleben. Manche sind erst kurz dabei, manche schon ein paar Jahre.

Junge tanzfreudige Männer sind ebenfalls willkommen, wenn auch noch in der Minderheit.

Niemand, der Spaß am Tanzen hat und sich ausprobieren möchte, sollte sich durch das Können der anderen in der Gruppe abschrecken lassen. Es gilt Teamwork.

Neue sind immer herzlich Willkommen!

Humorvolle Parabel um Streit und Verständigung

Im Rahmen des Kindertheaters im Fletch Bizzel (Dortmund) war Ars tremonia bei der zweiten Aufführung von „Zwei Monster“ der Kulturbrigaden (nach dem Kinderbuch von DavidMcKee in der deutschen Bühnenfassung von Gertrud Pigor) dabei.

Mika Kuruc als „rotes Monster“ trifft auf das blaue Monster (Christiane Wilke). (Foto: © Kulturbrigaden)
Mika Kuruc als „rotes Monster“ trifft auf das blaue Monster (Christiane Wilke). (Foto: © Kulturbrigaden)

Rada Radojcic führte nicht nur Regie, sondern präsentierte sich auch als Erzählerin samt Gesangeinlage in der Geschichte um Streit und Verständigung (ab 4 Jahre). Musikalisch begleitet wurde die Handlung atmosphärisch passgenau von Dixon Ra.

Für die wie immer bei den Kulturbrigaden fantasievollen Kostüme und das Bühnenbild war Anna Hörling verantwortlich.

Im Mittelpunkt der Bühne steht ein „Monsterberg“ aus verschieden großen und geformten blauen Stoff-Felsbrocken samt künstlicher Blumenverzierung.

Auf der einen Seite, wo die Sonne morgens aufgeht, wohnt das rote Monster (Mika Kuruc). Auf der anderen Seite, wo die Sonne untergeht, lebt das blaue Monster (Christiane Wilke). Gesehen haben sich die beiden noch nie, aber sie kommunizieren durch ein Loch im Berg miteinander. Jeder will als besonders stark und sportlich dastehen.

Aufgrund ihrer unterschiedlichen Standorte kommt es zu unterschiedlichen Sichtweisen und Streit. Natürlich möchte jeder der beiden rechthaberischen Monster nicht nachgeben und so schaukelt sich der Streit, bis die Felsbrocken hochfliegen …

Man merkt den beiden Schauspieler*innen dabei den Spaß am Spielen, Streiten, später Versöhnen und Verständigen an. Eigentlich wissen beiden Monster um die Schönheit von „ihrem Berg“ und halten zusammen, als ein „Bergsteiger-Wicht“ diesen besteigen will.

Eine Parabel, die neben all dem Spaß zeigt, wie wichtig allerdings möglichst konstruktives Streiten, aber vor allem auch Verständigung zwischen verschiedenen Sichtweisen ist. Früh übt sich, um seinen Standpunkt zu kämpfen.

Eine emotionale Oper als Monument der Menschlichkeit

Das Klangvokal Musikfestival Dortmund hatte am 11.06.2022 im hiesigen Konzerthaus Gaetano Donizettis (1797-1848) dramatische lyrische Oper „Caterina Cornaro“ als konzertante Aufführung auf dem Programm.

Alles war auf das feinste für die Freunde der italienischen Belcanto-Opernmusik vorbereitet.

Das renommierte WDR Rundfunkorchester spielte unter der sensiblen Leitung von Giacomo Sagripanti. Der 1947 gegründete altehrwürdige WDR Rundfunkchor bildete die eindrucksvolle begleitende öffentliche Stimme.

Als Sänger*innen standen mit der italienischen Sopranistin Roberta Mantegna als Caterina Cornaro, der Bass Adam Palk als ihr Vater Andrea, der für den indisponierten Davide Luciano kurzfristig eingesprungene Bariton Germán Enrique Alcántara als ihr Ehemann König Lusignano von Zypern, Dimitry Korchak (Tenor) als ihr große Liebe Gerardo, George Andguladze (Bass) als Intrigant und Erpresser Mocenigo, Dimitry Ivanchey (Tenor) als Handlanger Strozzi sowie als ihre Vertraute Matilde die Sopranistin Anna Malesza-Kutny einige Hochkaräter auf der Bühne.

Roberta Mantegna sang die Titelrolle der "Caterina Cornaro" im Konzerthaus. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Roberta Mantegna sang die Titelrolle der „Caterina Cornaro“ im Konzerthaus. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Die dramatische lyrische italienische Oper basiert auf die historische Geschichte der „Caterna Cornaro (1454 -1510)“. Caterina plante eine Liebesheirat mit dem französischen Edelmann Gerardo. Kurz vor der Trauung wird sie jedoch von Mocenigo vom Rat der Zehn in Venedig aus politischen Machtinteressen unter Druck gesetzt, den zyprischen König Lusignano zu heiraten. Ihr Vater ist nicht stark genug, sich dagegenzustellen. Es geht um die Herrschaft Venedig über Zypern. Eine dramatische Geschichte um die Kraft von Freundschaft, Vertrauen und Liebe. Zudem aber auch um Liebesleid, Verrat, Vertrauen und den Kampf für Freiheit und Selbstbestimmung.

Als die ganze Intrige offensichtlich wird, zeigen Caterina, Lusignano und Gerardo ihre wahre Stärke und bringen das Volk hinter sich. Im Gegensatz zur realen Historie gewinnen die Zyprioten gegen die Macht des „Löwen“ Venedig.

In dieser Fassung kehr Gerardo mit dem sterbenden König Zyperns heim. Caterina wird neue Königin.

Konnten alle beteiligten Sänger*innen mit ihren warmen und vollen Stimmen dem Publikum gefallen, gab es doch besondere Beifallsbekundungen (Bravo-Rufe) für die sehr emotionalen Gesangdarbietungen von Roberta Mantegna, Germán Enrique Alcántara und Dimitry Korchak. Bei ihnen kam die in ihren Charakteren angelegte gesamte Gefühlspalette wie etwa Liebe, Leiden, Zweifel Schwäche oder Stärke besonders gut rüber.

Eine Oper, die leider nichts von ihrer Aktualität eingebüßt hat. Auch heute sind wir inmitten von Europa, in der Ukraine, mit einem schrecklichen Macht-Krieg durch Putins Russland konfrontiert. Die Menschen erleben die Zerstörung ihres Landes mit viele Toten. Die Bevölkerung dort kämpft mit Mut und Hoffnung für ihre Selbstbestimmung, Sicherheit und Glück.

Die Donizetti-Oper ist ein universales musikalisches Monument der Menschlichkeit.

Creatures – und andere komische Vögel

Die Theatergruppe artscenico hat ja schon immer besondere Orte für ihre Theaterperformances gewählt. Sei es Parks, besondere Gebäude oder Friedhöfe. Den Dortmunder Hauptfriedhof haben sie vor einiger Zeit bereits bespielt, jetzt ist die ehrwürdige Trauerhalle des über 100 Jahre alten Bestattungsortes dran.Ars tremonia war bei der Premiere am 28.05.2022 dabei.

Die große Trauerhalle ist schon ein Raum, der ehrfurchtgebietend wirkt und Stille gebietet. Matthias Hecht als eine Art Pastor lässt eine Computerstimme Definitionen zu “Stille” herunterrasseln. Die Stille wird durch das Auftauchen der ersten “Kreatur” zwar nicht gebrochen, denn die Tanzdarbietung auf der Empore lenkt alle Blicke auf sich. Erst später gesellen sich die anderen Kreaturen dazu. Deren Kommunikation beginnt mit Atmen und steigert sich dann zu Vogelgeräuschen. Sind die “Creatures” vielleicht (komische) Vögel, die sich in die Trauerhalle verirrt haben. Sind sie freundlich oder sind sie feindlich gesinnt?

Die Creatures gemeinsam bei einer ihren musikalischen Darbietungen. (Foto: (c) Guntram Walter)
Die Creatures gemeinsam bei einer ihren musikalischen Darbietungen. (Foto: (c) Guntram Walter)

Auf jeden Fall haben sie Instrumente und Lieder mit dabei. Bass, Trompeter, Akkordeon und Gesang machen das Stück zu einem Live-Konzert. Elisabeth Pleß sing eine sehr langsam gezogene Version von Radioheads “Creep”, Es gab einen weiteren Song von Radiohead, eine Version von “Fly Robin Fly” (Silver Convention) und zum Abschluss “Dark Side of the Moon”, aber nicht von Pink Floyd, möglicherweise von Dune.

Dieser Fokus auf den musikalischen Aspekt war sehr gelungen, hat mir gut gefallen. Ebenso die modernen Tanzeinlagen. 

Gruselig war es trotz den etwas düsteren Kostümen (Kostüme von Dena Heydari) nicht, eher wirkten die Kreaturen mystisch und geheimnisvoll. Auch nicht als die Akteure die Vorrichtung bedienten, mit der der Sarg hoch- und runter gefahren wird. Die eigene Vergänglichkeit wird jedem sofort bewusst, der die Trauerhalle besucht.

Nach ungefähr 70 Minuten ging ein gelungener Theaterabend zu ende, der durchaus experimentelle Züge trug, aber auch sehr musikalisch war. Es bleibt zu hoffen, dass weitere Spieltermine gefunden werden. Im Herbst und Winter vielleicht. Denn dann ist die Zeit, in der Angst und Bedrohung stärker zum Tragen kommen.

Mit dabei waren Jochen Brüse, Matthias Hecht, Elise Marschall, Roman D. Metzner, Chino Monagas, Elisabeth Pleß, Lars Wege und Sascha von Zambelly. Die Idee und Kreation stammt von Rolf Dennemann.

Die Walküre – Vater-Tochter-Drama

Was war das für ein Operntag mit Richard Wagners „Walküre“ am 21. Mai 2022. Worauf sollte ich den Fokus lenken? Auf die überzeugende Stéphanie Müther als Brünnhilde? Auf Astrid Kessler und Daniel Frank als Liebes- und Geschwisterpaar Sieglinde und Siegmund? Auf die frische Bearbeitung von Regisseur Peter Konwitschny und Frank Philipp Schlößmann (Bühne und Kostüme)? Oder auf die Musik mit den Dortmunder Philharmonikern unter der Leitung von Generalmusikdirektor Gabriel Feltz? Zusammenfassend kann ich sagen, dass alle Komponenten dazu beigetragen haben, dass der Abend ein sehr gelungener Abend wurde.

Doch eine kleiner Wermutstropfen bleibt. Warum wurde der Dortmunder „Ring“ mit dem zweiten Teil eröffnet? Was ist mit dem „Rheingold“? Ich lese ja auch nicht den zweiten Teil von „Herr der Ringe“ vor dem ersten Teil. Dadurch fehlt mir persönlich der logische Faden. Warum handelt Wotan (Noel Bouley) so „merkwürdig“? Vereinfacht gesagt: Wotan hat beschlossen, dass die Welt nach Gesetzen handelt, an die sich alle halten müssen. Dummerweise auch er. Das hat für das Liebespaar Sieglinde und Siegmund (beide Wotans Kinder) schlimme Folgen. Denn statt der „freien Liebe“, muss Wotan auf die Moralgöttin Fricka (Kai Rüütel) hören, die ausgerechnet auch seine Frau ist. Zumal Sieglinde ihren Ehemann Hunding (Denis Velev) verlassen hat. So muss er der Walküre Brünnhilde, seiner Tochter, widerwillig den Befehl geben, Hunding siegen zu lassen und Siegmund nach Walhalla zu bringen. Doch Brünnhilde lässt sich von Siegmund erbarmen und wird im dritten Akt für ihren Frevel gegenüber Wotan bestraft.

 Stéphanie Müther (Brünnhilde), Noel Bouley (Wotan) (c) Thomas Jauk, Stage Picture
Stéphanie Müther (Brünnhilde), Noel Bouley (Wotan) (c) Thomas Jauk, Stage Picture

Die Geschichte, dass sich Götter oder ähnlich hohe Tiere an ihren eigenen Gesetzen verstricken und böse auf die Nase fallen, ist nicht neu, aber die Wucht und Dramatik, die Richard Wagner in über drei Stunden auf die Bühne bringt, ist bemerkenswert. Vor allem der erste Akt mit Siegmund und Sieglinde ist atemberaubend, als beide erkennen, dass sie Geschwister sind, aber nichts gegen ihre Gefühle tun können und sich ihre gegenseitige Liebe gestehen. Die Dortmunder Philharmoniker und Gabriel Feltz scheinen die „Walküre“ auch zu genießen und kosten jeden Moment musikalisch aus.

Kommen wir zur Inszenierung. Konwitschny und Schlößmann haben ein kleines Faible für Küchen, denn in allen drei Akten steht die Küche im Mittelpunkt. Ist sie im Haus von Hunding noch ziemlich ärmlich, wird sie im Haus von Wotan etwas moderner, bis im dritten Akt eine schöne moderne Küche im Zentrum der Auseinandersetzung zwischen Tochter Brünnhilde und Vater Wotan wird.

Verständlich, denn Wagners „Ring“ ist immer noch eine hochaktuelle Erzählung von der Gier nach Macht und Reichtum bis zum Untergang. Da haben (fake) Wikingerhelme und ähnliches nichts verloren.

Ein großes Lob haben auch die Sängerinnen und Sänger verdient. Vor allem Stéphanie Müther als Brünnhilde. Zunächst fröhlich herumtollend mit ihrem Vater, gegen Ende voller Verzweiflung und Entsetzen nach seinem Urteilsspruch. Jeder im Publikum konnte mit ihr mitfiebern. Großartige Leistung. Nicht zu vergessen Astrid Kessler und Daniel Frank als Sieglinde und Siegmund, die den ersten Akt glänzend gestalteten. Auch Noel Vouley war als Wotan beeindruckend.

Jede Sekunde war ein Erlebnis. Ein Muss, nicht nur für Wagner-Fans.

Mädchen wie die – Rollenklischees und gefährliche Gruppendynamik

In dem neuen Jugendclubprojekt „Mädchen wie die“ nach einem Text von Evan Placey geht es um gesellschaftliche Rollenklischees, gefährliche Gruppendynamiken, Sexismus und der Angst vor Ausgrenzung. Insbesondere geht es aber um notwendige Solidarität unter Mädchen und Frauen. Dabei ist es wichtig, sich die eigenen sowie männlichen Vorurteilen und gängigen Rollenklischees bewusst zu machen, um sie zu überwinden. Am 20.05.2022 war Premiere im Dortmunder Kinder und Jugendtheater.

Jugendclubproduktion "Mädchen wie die" (v.l.n.r.) Charly Lutomski, Lea-Marie Hofmann, Alina Nikolova, Merit Briese, Julie Meyer, Beatrice Neumann, Camil Leon Demirović (c) Birgit Hupfeld
Jugendclubproduktion „Mädchen wie die“ (v.l.n.r.) Charly Lutomski, Lea-Marie Hofmann, Alina Nikolova, Merit Briese, Julie Meyer, Beatrice Neumann, Camil Leon Demirović (c) Birgit Hupfeld

Die sieben jungen Nachwuchsschauspieler*innen (darunter ein junger Mann) begaben sich unter der Leitung von Alina Baranowski und Jacqueline Rausch in einer Art Suchbewegung zwischen verschiedenen Zeiten, Orten und Situationen.

Dabei benutzten sie wenige Requisiten und drei verschiebbare multifunktionale beleuchtbare Bankkonstruktionen. Zudem werden daneben Videos (etwa aus dem Jahr 1945) auf einer kleinen Leinwand gezeigt.

Alle waren gleich gekleidet (hellgrau), geschminkt (grüner Lidschatten) und nach hinten gekämmten Haare.

Sie kennen sich seit der Kindergartenzeit und besuchten dann die St. Helens Schule.

Diese ist ein besonderer Ort für Mädchen, die wegen ihres kreativen Potenzials oder unkonventionellem Denkens auserwählt wurden.

Zusammen aufgewachsen, verbinden sie viele gemeinsame Erfahrungen und sie befinden sich in einer klaren hierarchische Ordnung. Man kennt all die kleinen Missgeschicke oder Erfolge jeder einzelnen.

Die Solidarität unter den Mädchen hat seine Grenzen erreicht, als ein Nacktfoto (schnell verbreitet im Netz) der einen (Scarlett), den Ruf aller anderen gefährdet. Darf sich ein Mädchen so benehmen?

Wie sich verhalten? Distanzieren und sich lustig machen, damit man selber nicht „in die Schusslinie“ gerät? Oder sich männlichem „Macho-Gehabe“ und Vorurteilen solidarisch entgegenstellen und sich verantwortungsvoll Position zu beziehen?…

Eine kurzweilige Aufführung zu einem wichtigen Thema, bei dem sich alle Beteiligten auf der Bühne mit viel Engagement einbringen konnten.