Künstlerisch starke Positionen zur Globalisierung: Die Kunsthalle Dortmund eröffnet im Dortmunder U

image_print

Mit „INDUSTRIAL: Seidenstraßen 3000“ hat die Kunsthalle Dortmund – ehemals Hartware MedienKunstVerein (HMKV) – auf Ebene 6 des Dortmunder U ihre erste Ausstellung unter neuem Namen eröffnet. Das Kuratoren-Duo Dr. Inke Arns und Thibaut de Ruyter knüpft damit programmatisch an die geschärfte Profilierung des bisherigen HMKV an.

Der Auftakt markiert zugleich einen bemerkenswerten Identitätswechsel: Pünktlich zum 30-jährigen Bestehen verabschiedete sich der renommierte Hartware MedienKunstVerein im Sommer von seinem traditionsreichen, eigensinnigen Namen und firmiert als Ausstellungsort im U nun schlicht als ‚Kunsthalle Dortmund‘. Was einerseits den Abschied von einer unverwechselbaren Marke bedeutet, begründet Leiterin Inke Arns pragmatisch: Medienkunst sei längst kein elitäres Spezialgenre mehr, sondern integraler Bestandteil internationaler Gegenwartskunst geworden. Der neue Name soll Barrieren senken – auch wenn Trägerverein und diskursfreudiger Anspruch dieselben bleiben. Dass die erste Schau unter neuer Flagge gleich globale Handelsströme und geopolitische Netzwerke seziert, beweist: Der Name mag braver klingen, der analytische Biss des Hauses bleibt.

Ida Kammerloch, "MADE IN CHINA", (Foto: Ida Kammerloch)
Ida Kammerloch, „MADE IN CHINA“, (Foto: Ida Kammerloch)

Ausgangspunkt der Schau ist Chinas seit 2013 vorangetriebene „Belt and Road Initiative“, besser bekannt als Neue Seidenstraße. Im Zentrum stehen globale Lieferketten, Logistikströme und die Frage, wie sich diese Verflechtungen auf das Leben konkreter Menschen an konkreten Orten auswirken. Die gezeigten Netzwerke spannen einen Bogen von Japan und China über Zentralasien, den Kaukasus und die Türkei bis mitten hinein ins Ruhrgebiet.

Auf den Ebenen 3 und 6 des Hauses [– genaue Quadratmeterzahl hier einsetzen –] inszeniert Thibaut de Ruyter passend zum Thema eine Szenografie aus mobilen, alltäglichen Objekten der globalisierten Warenwelt – darunter auch der ikonische weiße Monobloc-Plastikstuhl.

Die internationale Gruppenausstellung vereint Arbeiten von 23 Künstlerinnen und Künstlern aus 16 Ländern. Das Spektrum reicht von Videoinstallationen und Skulpturen über Fotostrecken bis hin zu dokumentarischen Arbeiten: Ein japanischer Blick auf traditionelle wie industrielle Seidenproduktion trifft auf gefälschte Markenartikel, Doppelgänger-Phänomene und den Pipelinebau in der Türkei. Eindrückliche Aufnahmen führen etwa in die chinesisch-russische Grenzstadt Manzhouli. Zugleich spart die Ausstellung die Schattenseiten der Konsumgesellschaft nicht aus: Wer möchte, kann in einer Videoarbeit die unbarmherzigen sieben Stunden eines regulär 14-stündigen Arbeitstags in der Billiglohn-Textil- oder Spielzeugproduktion nachverfolgen.

Am Ende schlägt die Ausstellung den Bogen zurück in die Region: Ulrike Frankes und Michael Loekens preisgekrönter Dokumentarfilm „Losers and Winners“ (2006) erinnert an den spektakulären Abbau der Dortmunder Kokerei Kaiserstuhl durch 300 chinesische Arbeiter und deren Verschiffung nach China. Ein historischer Meilenstein, der heute im Dortmunder Norden seine Fortsetzung findet – wo auf einstigen Industriebrachen die riesigen, hochautomatisierten Verteilzentren von IKEA oder Amazon den Takt der neuen Warenwelt vorgeben.

Begleitet wird die Schau von einem Rahmenprogramm aus öffentlichen Führungen, Fachdiskussionen und Familiensonntagen. Zu sehen ist „INDUSTRIAL: Seidenstraßen 3000“ bis zum 10. Januar 2027.