Mit der deutschen Erstaufführung von Mazeppa ist der Oper Dortmund ein echter Coup gelungen. Das Werk stammt aus der Feder von Clémence de Grandval (1828–1907), einer der produktivsten Komponistinnen ihrer Zeit. Dass sie ihre Opern oft unter Pseudonymen veröffentlichen musste und von Kritikern trotz ihres Talents oft als „Amateurin“ herabgestuft wurde, macht diese späte Würdigung ihres handwerklich brillanten Fünfakters umso bedeutender.
Vom Held zum Verräter: Der historische Kern
Die Oper greift den Mythos um Ivan Mazepa (1639–1709) auf, jene schillernde historische Figur, die heute als ukrainischer Nationalheld verehrt wird. Die Legende seiner Jugend – er soll wegen eines Ehebruchs nackt auf ein Wildpferd gebunden und in die Steppe gejagt worden sein – bildet den furiosen Auftakt der Oper. Doch de Grandval und ihr Regisseur Martin G. Berger blicken tiefer: Es geht um den Mann, der zwischen den Fronten lavierte und schließlich vom glühenden Hoffnungsträger zum ausgestoßenen Verräter wurde.
Die Inszenierung: Treppensturz statt Historienschinken
Regisseur Martin G. Berger verzichtet konsequent auf historischen Pomp. Das zentrale Bühnenelement ist eine karge, aber wirkungsvolle Treppenlandschaft. Diese „Himmelsleiter“ dient als Symbol für den rasanten Aufstieg und den unvermeidlichen Fall.

Foto: (c) Björn Hickmann
Besonders spannend ist die visuelle Ebene: In Video-Sequenzen wird Mazeppa als Comic-Held im Stil moderner Blockbuster überzeichnet. Diese Ästhetik macht Mazeppa zu einer fast künstlichen Ikone – ein „Superheld“, dessen Fassade bröckelt, je mehr die politische Realität ihn einholt. Dieser „Netflix-Rhythmus“ sorgt für ein hohes Tempo, das die fünf Akte wie im Flug vergehen lässt.
Musikalische Romantik und sängerische Glanzlichter
Unter der Leitung von Jordan de Souza entfaltet die Partitur eine Wucht, die weit über das Jahr 1892 hinausweist.
Der cineastische Klang des Abends wurde maßgeblich von den Dortmunder Philharmonikern getragen, die unter der Leitung von Jordan de Souza in einem betont warmen, romantischen Stil schwelgten. Dabei verliehen besonders die geschickt eingewobenen russischen Volksweisen der Partitur eine atmosphärische Tiefe. Inmitten dieser orchestralen Pracht präsentierte sich Mandla Mndebele in der Titelpartie als die personifizierte Zerrissenheit – gleichermaßen charismatisch in seinem rasanten Aufstieg wie erschütternd in seinem tiefen Fall. Ihm gegenüber bildete Anna Sohn als Matréna das emotionale Zentrum des Abends; vor allem ihre bewegende Wahnsinnsszene im Finale markierte einen sängerischen Höhepunkt, der das Publikum zutiefst berührte. Flankiert wurde das Paar von Gegenspielern, die das Drama stimmlich zuspitzten: Während Sungho Kim als Iskra mit einem schneidenden Tenor überzeugte, dessen Warnungen vor dem Fremden tragisch ungehört verhallten, machte Artyom Wasnetsov als Kotchoubey die verzweifelte Ohnmacht eines Vaters mit seinem profunden Bass unmittelbar fühlbar.
Die Oper Dortmund zeigt, dass Clémence de Grandval eine Meisterin der Dramaturgie war. Ihr Mazeppa ist kein verstaubtes Relikt, sondern durch Bergers kluge Abstraktion und die Comic-Ästhetik eine hochaktuelle Parabel über die Zerbrechlichkeit von Macht. Ein Pflichttermin für alle, die große Oper im modernen Gewand erleben wollen.
