Ars tremonia

Über den Wolken: Götterdialoge – alles nochmal gründlich durchdenken

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Götter schweben bekanntlich in anderen Sphären. Hoch über den Wolken?

Die Bühne im Theater im Depot ist an diesem Abend mit einem weißen Tuch großflächig bedeckt. Wie auf einer Wolke bewegt sich der Solist des Abends, Thomas Lehmen, in seiner Performance im Kampfpilotenanzug und mit entsprechendem Helm über die Bühne zu einem Sound, der für niemanden hörbar ist. Ein großer Gitarrenverstärker steht als Lautsprecher im Hintergrund, im Vordergrund links und rechts jeweils ein Mikrofon. Der Wolkenplatz wird von Scheinwerfern auf Stativen erhellt.

Der Gott des Unsinns ist sofort zu erkennen. Er führt den Tänzer an der Nase herum. Clowneske, pantomimische Bewegungen, die das Publikum amüsieren. Für die weiteren Dialoge kommt ein Buch ins Spiel, das es gar nicht mag, wenn jemand in ihm herumkritzelt. Dabei ist der Pilotenoverall auch mit drei Kugelschreibern bestückt. Doch diese kommen nicht zum Einsatz. Stattdessen darf das Buch durch Thomas Lehmen jede Menge sagen.

Tänzer Thomas Lehmen in "Götterdialoge". (Foto: (c) Thomas Aurin)
Tänzer Thomas Lehmen in „Götterdialoge“. (Foto: (c) Thomas Aurin)

„Jedes Gespräch nimmt mehr von der Sprache, als es gibt.“ Immer wieder bricht Lehmen das Gesagte durch seinen Tanz auf, zeigt seine Antwort – ohne Worte – darauf. Die Götter selbst mischen sich auf andere Weise weiter ein. Auf der linken Seite der Bühne symbolisieren verschiedenfarbige Transparentpapiere mehr oder weniger lebendige Wesen, vom Tänzer genutzt als Masken, Gegenpart, aber auch als eigenständig artikulierende Subjekte, die, zerknüllt über das Mikrofon gestülpt, bei ihrer Entfaltung Geräusche über die Boxen abspielen. Man hört also die Götter sprechen, doch das Gesagte bleibt faszinierend, aber unverständlich. So hält man sich an dem Buch fest, dem die Worte nicht ausgehen.

Die Bewegung auf dem Tuch ist nicht immer einfach, schließlich ist es lose und wirft Falten, aber Lehmen meistert seine tänzerischen Dialoge souverän, und so ein Gespräch mit Göttern ist ja auch immer ein etwas gefährliches Spiel. Götter sind und bleiben unberechenbar. Neben dem Gott des Unsinns sind es an diesem Abend noch die Götter für Nichts, Alles, Kunst, Liebe, Arbeit, Denken. Jede Menge Spielraum, Worte aus dem Buch, die vom Tänzer selbst stammen. Ein Fülle von Möglichkeiten, die Thomas Lehmen auf der Bühne zur Begeisterung des Publikums umsetzt.

Zum Ende hat er alles fest in der Hand, zieht langsam, aber stetig das Wolkentuch mit sämtlichem Equipment von der Bühne. Und schaltet bewusst jeden Scheinwerfer einzeln aus.

Lang anhaltender Applaus belohnt die monatelange Arbeit an dieser Tanzperformance.

 

Ein spannender Abend, der in einer kurzen Einführung mit Johannes Bergmann vom Theater im Depot und dem langjährigen Begleiter und Berater des Künstlers, Dr. Franz Anton Cremer, sowie einem Nachgespräch mit dem interessierten Publikum weitere Einblicke in die Arbeit des gebürtigen Oberhauseners gewährt. Thomas Lehmen tanzt seit mehr als dreißig Jahren. Nach Ausbildung in Amsterdam und verschiedenen Stationen, u. a. in Berlin, Gastprofessuren in Gießen, Hamburg und in Arizona, leitet er seit 2019 das Kunsthaus Mitte in Oberhausen und die Tanz-Arbeit Oberhausen. Hier widmet er sich intensiv seinem Anliegen, Kunst als Arbeit mit der Gesellschaft zu verbinden. Als ein durchaus sehr irdisches Projekt hat er seinerzeit das „Das Erste Oberhausener Arbeitslosen-Ballett“ in Leben gerufen.

Unterstützt wurde Lehmen bei den „Götterdialogen“ durch Anna Luisa Binder und punktuell durch die renommierte niederländische Tänzerin und Choreographin Pauline de Groot.

Weitere Aufführungen sind derzeit nicht terminiert, aber es wäre schön, wenn die Produktion wieder auf die Bühne käme. Ein Besuch im Theater im Depot lohnt auf alle Fälle.

 

www.theaterimdepot.de

www.kunsthausmitte.de