Ars tremonia

Wenn der Kaffee nach Träumen schmeckt – Eine Rezension von Superspecial

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Früher gab es „nur“ Filterkaffee, heute stehen wir vor der Wahl: Muss es ein Java Chocolate Chip Frappuccino sein oder doch der klassische Schwarze? Die Bestellung an der Kaffeebar ist längst zu einem kleinen Akt der Selbstdarstellung geworden. Wer heute bestellt, kommuniziert weit mehr als nur seinen Durst. Er signalisiert eine Zugehörigkeit, einen Lifestyle. „Normal“ ist fast schon ein Schimpfwort und Durchschnitt ein absolutes No-Go. Am Ende bleibt jedoch die Frage: Schmeckt uns die Individualität wirklich besser, oder genießen wir einfach nur das Gefühl, nicht „wie alle anderen“ zu sein?

Genau in dieses Spannungsfeld entführte uns das Tanztheaterstück „Superspecial“, das am 31. Januar 2026 im Fritz-Henßler-Haus Premiere feierte.

Zwischen Frappuccino und Transformation

Das Stück startete in einem „Café am Rande des Wahnsinns“. Hier stellten sich nicht nur Fragen nach der richtigen Milchvariante, sondern auch die ganz großen Fragen des Lebens: Wann kommt eigentlich die Band? Und ist JETZT die richtige Zeit für eine allumfassende Transformation?

Das Publikum begegnete Figuren, die wir alle kennen – oder in denen wir uns selbst ertappt fühlen. Da war zum Beispiel Gerd, der nervige Kunde, der dem Personal ungefragt die Welt des Kaffees erklärt. Er steht exemplarisch für den modernen Drang, sich durch Wissen und Kennerschaft von der Masse abzuheben. Doch hinter der Fassade des „Bescheidwissers“ und den coolen Bestellungen schlummerten bei den Figuren tiefe Wunden: das Gefühl, übersehen zu werden, oder der Schmerz, wegen der Hautfarbe diskriminiert zu werden.

Die Karte von "Superspecial".
Die Karte von „Superspecial“.

Eine Goldcard für das Publikum

Unter dem Coaching von Birgit Götz und Cordula Hein präsentierte das Kollektiv „wichtigemenschen“ eine humorvolle, schräg-sinnliche Tour durch diese Megatrends der Individualisierung. Besonders eindrucksvoll war, dass die Transformation nicht nur auf der Bühne behauptet, sondern physisch erlebbar gemacht wurde.

Ausgestattet mit einer „Goldcard“ musste das Publikum das Café verlassen und den Spielort wechseln – von der Cafeteria hinüber in den Kinosaal. Ein kluger Schachzug: Der Weg vom Alltäglichen ins „große Kino“ der Träume wurde so zur gemeinsamen Bewegung. Mit viel Musik, Witz und Tanz erkundeten die Darstellenden, ob sich Einzigartigkeit und Gemeinschaft überhaupt vereinen lassen.

Es war ein Abend, der bewegte – räumlich wie emotional. Weitere Termine gibt es aktuell leider nicht, was die Premiere im Rückblick genau zu dem macht, was der Titel versprach: „Superspecial“.

Es spielten (Kollektiv wichtigemenschen): Carla Brockmann, Greta Heimbach, Marcia Kemper, Anneli Koch, Maya Krämer, Bhavdeep Kumar, Mathis Pollmann, Henna Schmaler, Lotta Severin & Sam Meier.