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Messe mit Kuschelfaktor

Lim Huynijn bei der Stuhlperformance. (Foto: © Rolf Dennemann /artscenico)
Lim Huynijn bei der Stuhlperformance. (Foto: © Rolf Dennemann /artscenico)

Nein, „Die Messe“ von artscenico, die am 27. Mai 2016 im Theater im Depot abgehalten wurde, war keine katholische noch war sie sonst ein erkennbarer Gottesdienst. Aufbauend auf das Vorgängerstück „Missing Link“ rückte Rolf Dennemann, der kreative Kopf hinter artscenico, die besondere Form des Kultes in den Vordergrund von Schauspiel, Musik und Tanz.

„Im Kult betritt der Mensch eine Sphäre, die sich deutlich vom Alltagsleben abhebt“, so Wikipedia zum Stichwort „Kult“. Der Besucher wurde durch eine Kickboxerin (Virginia Gomez) empfangen, die inmitten des Publikums ihre Übungen absolvierte.

Zu den Inhalten eines sakralen oder auch säkularen Kultes gehören Dinge wie Rituale, Opfer, Mahlzeit und in der „Messe“ eine Form der Beichte. All das wurde in einer abstrahierten, aber dennoch erkennbaren Weise aufgeführt. Gebärden, Bewegungen waren wiederzuerkennen. Natürlich darf bei einer kultischen Handlung Musik und Tanz nicht fehlen. Die Musik kam entweder aus Lautsprechern oder wurde von Patricia Bailey live mit Chor gesungen, unter anderem „Kehr ein bei mir“ von Friedrich Rückert.

Im Mittelpunkt des Stückes standen aber Elisabeth Pleß (Performance) und Lim Hyunjin (Tanz). Die Verschmelzung zwischen Schauspiel und Tanz war ein wesentliches Element des Stückes. Hier ergänzte die Schauspielerin die Tänzerin und umgekehrt. Generell wurde nicht viel gesprochen, außer bei einer Art „Bekenntnis“ oder „Beichte“.

Schöne Idee: Um das Gemeinschaftsgefühl zu heben, wurden unter der Losung „Deutschland ist unterkuschelt“ Stofftiere ans Publikum verteilt, die unter der Aufforderung „Bitte kuscheln Sie jetzt“ benutzt werden sollten.

Insgesamt ist „Die Messe“ in keinster Weise irgendein Tabubruch und Gläubige, egal welcher Konfession, werden sich nicht daran stören. Anders formuliert: „Die Messe“ ist für Gläubige und Ungläubige gleichermaßen einen Besuch wert.

Theatrale Rituale

Mit dem Stück „Die Messe“ führt artscenio, unter der Leitung von Rolf Dennemann, nach „Missing Link“ das Publikum weiter in Richtung archaisches Theater. In der Verbindung zwischen Tanz und Schauspiel finden sich die Zuschauer in einer surrealen Messe wieder, deren Rituale sich an religiösen Praktiken anlehnt, aber einer klaren Zuordnung verweigert. Die Premiere ist am 27. Mai 2016 um 20 Uhr im Theater im Depot.

Was erwartet den Besucher? Das Stück inszeniert eine Messe, in der vielleicht manches bekannt vorkommt, aber theatral aufbereitet und liturgisch verfremdet wird. „Es ist kein Gottesdienst“; stellt Dennemann aber sofort klar. „Das Publikum soll nicht aktiv machen.“ Dennoch werden eifrige Kirchengänger sicher das eine oder andere Deja-vu-Erlebnis haben, denn das lautmalerische Sprechen, das besondere Licht und die spezielle Musik sind auch Elemente, die in Gottesdiensten oder anderen rituellen Handlungen vorkommen.

Eine wesentliche Funktion haben die Schauspielerin Elisabeth Pleß, die schon in verschiedenen Produktionen von artscenico mit dabei war. Für die Tänzerin Lim Huynijn ist es die artscenico-Premiere. Dazu kommt Gesang aus dem Publikumsraum von Patricia Bailey mit Chor und selbst Kampfsportelemente dürfen nicht fehlen.

In Gottesdiensten herrscht meistens ein heiliger Ernst vor, den möchte Dennemann aber vertreiben. „Das Stück ist nicht frei von Humor, das geht bei mir auch gar nicht anders.“