Ars tremonia

Ausnahmezustand

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Es ist schon eine besondere Herausforderung, das bekannte Terrain der Bühne zu verlassen und in den unbekannten Gefilden von Klassenzimmern aufzutreten. Nah am Publikum, auch im Publikum. Roberto Romeo nutzt den gesamten Raum, für die Premiere noch nicht in einem Klassenzimmer, sondern im sog. „Institut“ des Schauspielhauses. Ca. zwanzig Schülerinnen und Schüler sitzen auf Bänken an Tischen und sehen zu Beginn auf einer Leinwand im Hintergrund einen kurzen Film mit brennenden Wäldern, schmelzendem Eis und einem halb verhungerten Eisbären.

Roberto Romeo kommt als Marvin, achtzehn Jahre alt, auf die Spielfläche, schüttet erst einmal eine Tüte Müll auf den Boden, um dann sauberzumachen. Dabei erzählt er seine Geschichte. Sein Verhältnis zu den Eltern, seine Begegnung mit Lea, wie er beginnt, über das Klima und den Klimaschutz nachzudenken. Wie er mit anderen demonstriert und ihm das irgendwann nicht mehr reicht. „Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig.“ Und er meint nicht nur das Putzen des Klassenzimmers.

Was kann man tun? Reicht ein Einkauf im Biomarkt? Schon mal über das Handy und die Rohstoffe nachgedacht? Das Handy ist dem Publikum wichtig, merkt man. Ist es heilig?

Wie weit geht man, wenn man von seinen Zielen überzeugt ist? Wie reagieren andere? Was ist legitim? Was ist legal?

Roberto Romeo als Marvin. (Foto: Birgit Hupfeld.)
Roberto Romeo als Marvin. (Foto: Birgit Hupfeld.)

Marvin putzt, weil er Sozialstunden aufgebrummt bekommen hat. Weil er, um aufzurütteln, radikaler wurde. Im Klassenzimmer. Und in diesem Zimmer sitzen junge Menschen, die verschiedene Meinungen haben.

Die Schülerinnen und Schüler im Publikum sind um die fünfzehn Jahre alt, neunte Klasse. Der Schauspieler ist Mitte zwanzig und verkörpert Marvin so lebensecht, dass die Grenzen zwischen Realität und Fiktion teilweise verschwimmen. Sie erkundigen sich nach Lea, der Freundin von Marvin, was sie dazu sagt. „Wenn man die Welt retten muss, hat man sowieso keine Zeit für die Liebe.“ Sie kritisieren seinen Umgang mit dem Vater.

Teilweise werden die jungen Leute von Marvin direkt angesprochen, teilweise mischen sie sich auch so ein. Roberto Romeo behält souverän seinen roten Faden. Am Ende ist die Spielfläche sauber, er erntet wohlverdienten Applaus. Damit gibt es keinen vorgegebenen Text mehr (Stück von Christina Kettering), die Aufführung ist aber noch nicht zu Ende. Es schließt sich eine Gesprächsrunde an, moderiert von der Theaterpädagogin des Schauspielhauses Sarah Jasinsczcak, die bereits viele Jahre die Stücke am Haus begleitet und auch mit in die Klassenzimmer geht. Für Romeo ist es das erste Klassenzimmerstück, in der Generalprobe mit einer dreizehnten Klasse, in der Premiere mit einer neunten. Dazwischen liegen sicherlich schon Welten.

Spannend zu hören, auf was die Einzelnen achten, was die jungen Menschen beschäftigt. Was sie im Stück gesehen haben. Was sie auf ihre Lebenswelt übertragen können. Und sicherlich endet das Gespräch nicht, wenn die Jugendlichen ihr Klassenzimmer wieder für sich haben. Denn vieles kann das Stück in einer knappen dreiviertel Stunde nur anreißen; es muss in der Diskussion und im Dialog mit den Lehrerinnen und Lehrern noch vertieft werden. Eine Basis ist gelegt, aber die Ver- und Bearbeitung bleiben eine weitere Herausforderung.

 

Regie: Madita Scülfort, Dramaturgie: Cosima Schubert, Ausstattung (bemerkenswert im Laufe des Stücks auf jeden Fall der Hoodie): Slynrya Kongyoo, Unterstützung mobile Vorstellungen: Quinn Mengs