Das Setting in der Inszenierung von Regisseur Benedikt Grubel ist klar: Unterschiedlicher können Ranja, gespielt von Annika Hauffe, und Leonore, verkörpert von Sar Adina Scheer, die beiden Schulfreundinnen in der siebten Klasse, nicht sein. Ranja stammt aus einem reichen Elternhaus, ihre Eltern haben gute Berufe. Leonore hingegen kommt aus einem ärmlichen Haushalt. Ihre alleinerziehende Mutter ist depressiv, das wenige Geld bringt ihr großer Bruder Ferdi, dargestellt von Thomas Ehrlichmann, nach Hause, der als Paketbote arbeitet. Dieser krasse Kontrast zeigt sich im Stück an eindrücklichen Alltagsbildern. Während Ranja sich sorgenlos alles leisten kann, sei es Tennis spielen oder Eis essen gehen, gibt es bei Leonore nur das, was Ferdi gekauft hat, weil es gerade im Angebot war. Dann stehen eben ein Kilo Möhren oder pures Tomatenmark auf dem Speiseplan.
Die Geschichte von der ungleichen Freundschaft ist fast so alt wie das Erzählen selbst, weil sie der einfachste Weg ist, gesellschaftliche Ungerechtigkeit auf einer persönlichen, emotionalen Ebene zu zeigen. Das reicht vom Klassiker wie Erich Kästners Pünktchen und Anton über Elena Ferrantes Meine geniale Freundin bis hin zu modernen Jugendbüchern wie Tigermilch oder Wolfgang Herrndorfs Tschick. Immer wieder ist der Kernkonflikt zwischen Geld und Charakter oder die Diskrepanz der Aufstiegschancen das treibende Element.
Aber es gibt einen Twist, den die Autorin Elisabeth Pape in ihrem Stück Job Safari neu erzählt. Dieser liegt in der spezifischen Zuspitzung auf die Berufswelt der Zukunft und den sogenannten Purpose-Druck. Früher ging es in solchen Geschichten oft nur um Statussymbole wie Kleidung oder Urlaub. In Job Safari geht es aber um die moderne Lebenslüge: Tu, was du liebst, und du musst nie wieder arbeiten. Das Stück zeigt, dass dieser Satz ein Privileg ist. Ranja kann sich diese Haltung leisten, während Leonore schlichtweg Geld verdienen will. Das Stück kritisiert also weniger die Freundschaft an sich, sondern das gesellschaftliche Versprechen der Meritokratie, dass jeder alles werden kann, wenn er sich nur genug anstrengt.

©Birgit Hupfeld
Ein Realitäts-Check erfolgt durch die Lehrerin Lydia Fischer, gespielt von Johanna Weißer, die trotz sicherem Job einen Burnout hat. Sie dient als Dämpfer für beide Mädchen und zeigt auf: Weder nur Geld als Leonores Ziel noch die reine Suche nach Sinn als Ranjas Ziel schützen vor dem Zusammenbruch. Hinzu kommt eine anarchistische oder nihilistische Komponente, die in Gestalt einer maskierten Bande auftritt. Das Bemühen der Lehrerin, in der Rolle einer Journalistin Licht in die Sache zu bringen, bleibt jedoch vage. Dass sie in dieser Funktion das rein Zerstörerische zu interviewen gedenkt, ist ein klassisch absurder und komödiantischer Kniff. Er offenbart die intellektuelle Hilflosigkeit der Gesellschaftsmitte: Wenn das System zusammenbricht oder die Wut überkocht, reagiert das Bildungsbürgertum reflexartig damit, einen Podcast aufzunehmen oder ein Feuilleton-Interview zu führen.
Das Bühnenbild von Marie-Liis Tigasson fängt diese inhaltliche Endzeitstimmung visuell treffend ein. Es zeigt ein Schulgebäude, das an antike Ruinen erinnert, zerstört und halb in den Boden eingesunken. Dass diese Trümmer überhaupt noch als Bildungsanstalt erkennbar sind, liegt lediglich an den abnehmbaren Buchstaben, die das Wort Schule formen. Daneben wirft eine Straßenlaterne ihr flackerndes Licht auf die Szenerie. Diese Kulisse ist ein starkes Sinnbild: Die Institution Schule, die eigentlich den Weg in eine chancengleiche Zukunft ebnen soll, liegt hier bereits in Trümmern, noch bevor das Erwachsenenleben der beiden Mädchen überhaupt richtig begonnen hat.
Am Ende bleibt Leonore in dieser bröckelnden Welt nichts anderes übrig, als auch ihr eigenes, sorgsam aufgebautes Lügengerüst einzureißen und Farbe zu bekennen. Damit stehen die beiden Mädchen vor ihrer ultimativen Bewährungsprobe. Die drängende Frage, die am Schluss unweigerlich im Raum stehen bleibt, ist die nach der echten Belastbarkeit dieser Verbindung. Kann die Freundschaft Bestand haben, wenn sich ihre schulischen und damit gesellschaftlichen Wege trennen, weil Ranja möglicherweise auf das Gymnasium geht und Leonore nicht? Es ist genau diese Ungewissheit, mit der das Stück sein Publikum in die Realität entlässt.
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