Ars tremonia

Gipfeltreffen der Siebten: Marek Janowskis triumphale Rückkehr zu den Dortmunder Philharmonikern

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Es war mehr als nur das 4. Philharmonische Konzert am 27. Januar 2026 im Konzerthaus. Es war eine historische Rückkehr und ein musikalisches Statement. Als Marek Janowski, der die Dortmunder Philharmoniker bereits von 1975 bis 1979 als Generalmusikdirektor prägte, das Podium betrat, schloss sich ein Kreis. Auf dem Programm standen keine solistischen Kabinettstückchen, sondern zwei gigantische Monolithen der Romantik: Schuberts Siebte und Bruckners Siebte.

Man könnte diese mutige Zusammenstellung als eine Reise von der „Keimzelle“ zur „Kathedrale“ bezeichnen. Die Dramaturgie des Abends schlug eine historische Brücke: Schubert, der Urvater der romantischen Sinfonik, der mit seinem Mut zu langen, singenden Themen und atmosphärischen Wanderungen den Weg bereitete – und Bruckner, der diesen Stil später in gigantische Dimensionen führte. Ohne Schuberts Vorarbeit wäre Bruckners Klangkosmos kaum denkbar gewesen.

Von der himmlischen Länge zur architektonischen Tiefe

Beide Werke eint das Spiel mit der Zeit, doch auf völlig unterschiedliche Weise. Was Robert Schumann einst bei Schubert als „himmlische Länge“ bezeichnete, nutzt dieser für einen unaufhaltsamen, rhythmischen Puls. Es ist ein musikalisches „Ja“ zum Leben, strahlend, tänzerisch und voller Vorwärtsdrang trotz aller innewohnenden Melancholie.

Nach der Pause dann der Kontrast in der Energie: Bruckners Siebte in E-Dur. Hier wird die Zeit genutzt für einen monumentalen, fast sakralen Aufbau. Vom ersten, endlos strömenden Thema bis zum berühmten Adagio – der Totenklage für Richard Wagner – füllt die Musik Raum und Zeit auf eine Weise, die eher dem Besteigen eines Berggipfels gleicht als einer Wanderung im Tal.

Das Programmheft zum 4. Philharmonischen Konzert.
Das Programmheft zum 4. Philharmonischen Konzert.

Der Architekt am Pult

Dass dieses „schwere“ Programm nicht unter seinem eigenen Gewicht zusammenbrach, ist dem Rückkehrer am Pult zu verdanken. Marek Janowski erwies sich einmal mehr als der „Architekt“ unter den Dirigenten. Er ist kein Mann des bloßen Pathos, sondern ein Analytiker, der Strukturen offenlegt.

Bei Schubert verhinderte Janowskis Zugriff konsequent, dass die „Große C-Dur“ im rein „Gemütlichen“ stecken blieb; stattdessen verlieh er ihr den nötigen Drive und rhythmische Schärfe. Bei Bruckner wiederum sorgte er mit struktureller Klarheit dafür, dass die riesigen Steigerungswellen nicht zerflossen, sondern sich logisch und zwingend aufbauten.

Ein Wiedersehen mit der „Janowski-Schule“

Für das Orchester war der Abend wie ein Wiedersehen mit einem strengen, aber hochgeschätzten Lehrmeister. Der spezifische, transparente Orchesterklang, den Janowski fordert, war deutlich zu hören. Es wirkte wie eine Rückbesinnung auf die eigene Identität und das Kernrepertoire der deutschen Romantik.

Dabei blieb Janowski seinem Ruf als „Anti-Star“ treu. Dass er zwei so massive Sinfonien ohne Solisten und ohne Beiwerk nebeneinanderstellte, passt perfekt zu seinem Ethos: Keine Mätzchen, die Musik soll für sich selbst sprechen. Es war ein puristisches Programm, das volles Vertrauen in die Substanz der Kompositionen setzte.

Eine Brücke in die Vergangenheit

Der langanhaltende Applaus am Ende galt nicht nur der künstlerischen, sondern auch der physischen Leistung. Für den 1939 geborenen Dirigenten ist ein solches Programm ein Kraftakt, der höchste Konzentration und Ausdauer verlangt. Dass er diese Energie mit weit über 80 Jahren noch aufbringt, rang dem Saal tiefen Respekt ab.

Besonders für jene Besucher, die Janowski noch aus den 70er Jahren kannten, war dieser Abend eine emotionale Brücke in die eigene Vergangenheit. In einer sich schnell verändernden Welt wirkte Janowskis Beständigkeit – als sachdienlicher, strenger Diener der Partitur – beruhigend und erdend. Ein großer Abend für Dortmund.