Gemusical – ein Musical über Gemüse

Wie wurde eigentlich der „Sauerkraut“ zur „Kartoffel“? Mit dem Begriff „Kartoffel“ wird manchmal ein Deutscher oder eine Deutsche scherzhaft bezeichnet. Jetzt gilt das Nachtschattengewächs als Symbol für den typischen Deutschen. Doch woher kommt die Kartoffel eigentlich? Und die Tomate? Und die Avocado, die als Superfood aus europäischen Küchen kaum wegzudenken ist? Die Antwort: Aus Mittel- und Südamerika.



Nach „Boyband“ geht es jetzt um Gemüse. Das Performancekollektiv notsopretty präsentierte in ihrem Musical „Gemusical“ am 22. und 23. März 2024 im Theater im Depot die Reise der Kartoffel (gespielt von Anna Júlia Amaral) zu sich selbst. Mit Hilfe ihres Freundes Tom  (Marco Gonzales) und einem Mitarbeiter des Mycelium Network Centers (Emmanuel Edoror) konfrontiert sich Kartoffel mit ihren Erinnerungen und einer Geschichte, die viel komplexer ist, als sie dachte. Wie ist die Kartoffel zu einem Symbol für Deutschland geworden, obwohl sie in Südamerika ihren Ursprung hat?


Auch Brokkoli spielt mit als gemüsegewordene Bürokratie: (vorne Anna Júlia Amaral, dahinter v.l.n.r. Nina Weber,Emmanuel Edoror und Marco Gonzales) Foto © Sarah Rauch
Auch Brokkoli spielt mit als gemüsegewordene Bürokratie: (vorne Anna Júlia Amaral, dahinter v.l.n.r. Nina Weber,Emmanuel Edoror und Marco Gonzales) Foto © Sarah Rauch

Die Antwort lautet Friedrich der Große, der auch in dem Stück einen Auftritt hat. Friedrich (im Stück Freddy genannt) erkannte das Potenzial der Kartoffel als preiswerte Nahrungsquelle für die wachsende Bevölkerung und setzte Maßnahmen zur Förderung des Kartoffelanbaus durch. Er ließ Kartoffelfelder anlegen und verordnete die Kartoffel als Grundnahrungsmittel für seine Armee und die Bevölkerung. Dadurch wurde die Kartoffel in weiten Teilen Europas als wichtiges Nahrungsmittel anerkannt und gewann an Popularität.

Doch die Geschichte der Nahrungsmittel hat auch seine Schattenseiten (passend zu Nachtschattengewächsen). Die Spanier und andere Kolonialmächte waren nicht auf friedlichen Austausch mit den indigenen Völkern aus. Die europäische Entdeckung und Kolonialisierung Amerikas ermöglichten nicht nur die Einführung neuer Pflanzen und Nahrungsmittel nach Europa, sondern waren auch eng mit Ausbeutung, Versklavung und Unterdrückung indigener Völker verbunden. Die Kartoffel war Teil dieses komplexen Netzwerks des Austauschs zwischen den Kontinenten und trug sowohl zur Ernährungssicherheit als auch zu sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen bei.

Wir, und damit meine ich nicht nur die Deutschen, haben der Kartoffel viel zu verdanken. Sie spielte eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung von Hungersnöten und der Ernährungssicherheit in Europa. Insbesondere während des 19. Jahrhunderts, als Europa von zahlreichen Missernten und Hungersnöten geplagt wurde, diente die Kartoffel vielerorts als zuverlässige Nahrungsquelle, da sie robust genug war, um widrige klimatische Bedingungen zu überstehen.

Aber mit Tomate und Kartoffel ist es nicht getan. Angebliches Superfood wie Chia oder Avocados (als Food-Influencerin Nina Weber) sind immer noch beliebt. Besonders Avocados haben eine schlechte Ökobilanz, weil sie einen enormen Wasserverbrauch haben und weil Wälder für Anbaugebiete gerodet werden. Der Avocadokonsum steig von 2016 bis 2019 auf ein Drittel. Anders als bei der Kartoffel ist unser Hunger auf die Avocado ein ernstes Problem für die Umwelt.

Ist die Kartoffel jetzt kulturelle Aneignung? Nein, eher eine gelungene Integration, ähnlich wie die Hugenotten fast 100 Jahre vorher in Preußen. Sie bereicherte den Speiseplan vieler Länder.

Das Kollektiv notsopretty verpackte ihre Kritik an koloniale Geschichte und Gegenwart geschickt in mitreißenden Songs und Choreografien. Absurdes, Lustiges und Trauriges war ebenso zu sehen, wie gut gemachte Kostüme. Alles in allem waren es zwei Stunden, die wie im Flug vorübergingen. Ein großes Lob an das gesamte Team von notsopretty.




Theater im Depot als Experimentallabor

Ein ungewöhnliches Stück hatte im Theater im Depot am 23. Februar 2024 sein Dortmund-Debut: Alles in Strömen von Polar Publik. Eine Mischung zwischen akustischem Experimentallabor, philosophisches Thema und Musik.



Worum ging es bei „Alles in Strömen“? Im Mittelpunkt stehen die Theorien von Hartmut Rosa und seinen Resonanzen. Im Zentrum von Rosas Resonanztheorie steht der Begriff der Resonanz. Resonanz entsteht, wenn eine Person eine tiefe und positive Beziehung zu etwas oder jemandem entwickelt. Dies kann sowohl in Bezug auf Objekte, wie Kunstwerke oder Natur, als auch in Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen geschehen. Wenn eine Person resonante Beziehungen eingeht, fühlt sie sich verstanden, geschätzt und erlebt eine Art „Schwingung“ zwischen sich selbst und der Welt.

Da Resonanzen im akustischen raum entstehen, waren im Theatersaal viele beleuchtete Snaredrums zu sehen, die auf die Musik von Oxana Omelchuk und Axel Lindner leicht zu vibrieren begannen.

Die Resonanztheorie von Rosa versuchten vor allem Fiona Metscher (bekannt aus Produktionen von trafique) und Jimin Seo dem Publikum näherzubringen. Denn sie teilt sich in vier Abschnitte auf: ein gegenüber, Selbstwirksamkeit, Transformation und Unverfügbarkeit. Zusätzlich hatten die BesucherInnen auch Kopfhörer bekommen, auf denen Geschichten erzählt wurden, die für die erzählende Person eine Art von Resonanz gewesen war.

Trotzdem wirkte die Mischung von Philosophievorlesung, akustischen Experimenten und Musik etwas zu verkopft. Begriffe wie „Selbstwirksamkeit“ oder „Transformation“ blieben zu abstrakt. Dennoch ist der Versuch, ein Theaterstück mit Experimenten (die auch mal nicht funktionieren können) aufzuwerten, keine schlechte Idee.




Experimental Toppings 2024 – Neues aus der Szenischen Forschung

Zum zweiten Mal findet im Theater im Depot das Festival „Experimental Toppings“ statt, eine Zusammenarbeit zwischen dem Studiengang Szenische Forschung an der Ruhr-Universität Bochum und dem Theater. Vom 02. bis 04. Februar 2024 wurden Forschungsstände, Wiederaufnahmen und Neuproduktionen präsentiert.



Leider war es mir nicht möglich, am Freitag die Arbeiten von Mira-Alina Schmidt und Camilia Scholtbach zu sehen, da ich leider auf einem anderen Termin war.

Da „Willkommend“ von Marina Fervenza & Viro sowie „cogito moves“ von Saskia Schalenbach das ganze Festival über liefen, hier ein paar Anmerkungen. Die Video-Installation „cogito moves“ zeigte Scans von menschlichen Gehirnen beim Denken. Lassen sich Gedanken nachweisen und wenn ja, sind sie ein Beweis für meine Existenz?

Für die Audioinstallation „Willkommend“ wurde im Theaterfoyer ein Tisch freigeräumt. Hier erzählten die beiden KünstlerInnen über ihre Erfahrungen in ihrer 3-wöchigen Residenz am Künstlerhaus Helleweg, dazu gab es Stimmen der Bewohner von Versmold und Bockhorst.

Kann man aus Müll Kunst machen? Sicher. Kann man daraus die Zukunft lesen? Vielleicht. Neele Ruckdeschel und Ruth Gordon bildeten das Duo „witches’wednesday“ und ermutigten die BesucherInnen aus dem sammelten Müll eine eigene Skulptur zu errichten, die Ruckdeschel dann interpretierte. Es konnte aber auch ein Sinnbild für die Beliebigkeit von Kunstexpertisen sein…

Nooshin Seifi führte uns BesucherInnen mittles Augenmasken in die Dunkelheit. Gruselige Geräusche, kaum hörbare Gesprächsfetzen brachten uns die Situation von Blinden und Sehbehinderten etwas näher. Seifi ging es im Besonderen um Personen, die durch Gummischosse ihr Augenlicht verloren.

Am Samstagabend überraschte uns Judith Grytzka mit einer frischen Inszenierung von „Lysistrata“. Der antiken Geschichte über einen Sexstreik von Frauen gegen ihre kriegslüsternen Männer. Ich musste erneut feststellen, dass die antiken griechischen Stücke immer noch eine große Relevanz für unser heute haben. An der Performance auf der Bühne waren beteiligt: Marina Fervenza, Lea Maline Hiller und Annalena Volk. Erstaunlich war, dass der Rant über die Lage der Frau (also wie sie zu sein hat) im Stück, fast gleich ist mit der Brandrede, die Gloria gegen Ende im „Barbie“-Film von sich gibt.  

Der Sonntagabend war eine Melange einer realen Figur, Andrew Tate und einer fiktiven Figur aus der Bibel, Samson. Cornelius Heuten und Christian Minwegen verschmolzen beide Figuren zu einer extremen misogynen Figur „Samson Tate“. Die Figure des biblischen Samson ist im laufe der Geschichte sehr unterschiedlich bewertet worden, durch seine letzte Tat, die Zerstörung eines Philistertempels mit Tausenden Toten gilt er auch als Prototyp des Selbstmordattentäters. Andrew Tate ist ein ehemaliger Kickboxer, der in den sozialen Medien durch seine chauvinistischen und frauenfeindlichen Äußerungen zu einer Berühmtheit geworden ist. Heuten und Minwegen verknüpfen beider Lebensläufe aus dem „Buch der Richter“ und dem realen Leben zu einer extrem unsympathischen Figur Samson Tate. Dabei ist ein wichtiger Punkt, dass das Gift, was diese Figur verspritzt, weitere Generationen vergiftet werden.




Beyond gravity – das zweite Wochenende

Vom 24.11. bis zum 26.11. wurden wieder im Theater im Depot und in der Akademie für Theater und Digitalität die VR-Brillen aufgesetzt und die ZuschauerInnen in virtuelle Welten geschickt.



Am Freitag erlebte ich ein Doppelprogramm mit „Touching clouds“ (akademie) und „Bodies under Influence“ (Depot). In „Touching Clouds“von Norbert Pape und Simon Speiser gelangte ich in eine Welt, die gefüllt war mit Objekten wie Steinen, Tarotkarten oder merkwürdigen Pflanzen, die eine Aktion ausführten und/oder eine Sounddatei abspielten. So ging ich auf Entdeckungstour durch eine magisch anmutende Welt. Die anderen BesucherInnen waren in einem schemenhaften Schwarz-Weiß zu erkennen, so dass wir uns nicht gegenseitig über den Haufen liefen.

„Bodies under Influence“ von Fernanda Ortiz war eine außergewöhnliche Tanzperformance. Mit VR-Brillen ausgestattet wurden wir in eine futuristische Welt entführt. Dort tanzte ein menschlich aussehendes Wesen, dass sich aber immer in eine Symbiose mit der Natur und anderen Lebewesen hineinwächst. Sidn unsere Avatare zunächst ohne Gliedmaßen, so „bekommen“ wir später Hände, mit denen wir eine kleine blaue Kugel steuern können. Ein tolles Erlebnis!

Zum Schluss sah ich mir am Samstag noch „Get real“ an. Hier wurden wir zunächst in Paare eingeteilt. Ich begann mit meiner Reise in die virtuelle Welt. Es begann mit einer Raumerkundung und ging dann weiter auf eine Art Platz, auf dem zu Technomusik getanzt werden konnte. Es konnte Kontakt zu den anderen Avataren aufgenommen werden oder einfach der Raum erkundet werden. Es war irre, einfach mal durch einen der Pfeiler zu fahren. Gegen Ende haben die Partner, die die ganze Zeit auf einem Stuhl saßen, die anderen „abgeholt“. Dann wurden die Plätze getauscht.

Gesamtes Fazit: Insgesamt habe ich in den zwei Wochen wirklich spannende, aufregende und innovative Formate erlebt. Dabei stehen wir bei diesen Technologien sicher noch am Anfang und die Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgeschöpft. Ich hoffe auch, dass das Festival einen festen Platz in Dortmunds Kulturkalender findet und ich die Entwicklung von Theater und Digitalität weiter verfolgen kann.




Jenseits der Schwerkraft – Festival Beyond Gravity

Newton, Einstein und andere aufgepasst: Das Festival „Beyond Gravity“ bringt vom 17. bis zum 26. November 2023 die Schwerkraft durcheinander. Schon das erste Wochenende bot unglaubliche Erlebnisse in der Virtuellen Realität, vom Fahrstuhlfahren über Wüstenwind, der über die Haut streicht, bis hin zu modernem Tanztheater, bei dem der Zuschauer mittendrin ist.



Das Festival, das im Theater im Depot und in der Akademie für Theater und Digitalität stattfindet, zeigt auch eine Richtung, in der sich das Tanztheater hinbewegen kann: Eine Mischung zwischen VR und „echten“ Menschen.

Dabei sollte es aber nicht vergessen werden, dass dieser Weg auch einige Hürden hat: Die VR-Brillen, die bis jetzt zum Einsatz kamen, verursachen noch hohe Kosten. 50 Personen gleichzeitig in virtuelle Tanzräume zu schicken, wäre vermutlich unbezahlbar. Ein anderes Problem, das ich persönlich teile: 38,1 % aller Erwachsenen in Deutschland tragen eine Brille. Es muss daher auf diese nicht kleine Gruppe geachtet werden.

Kommen wir zum bisherigen Programm. Das erste, was ich am 17.11.23 besucht habe war „I AM (VR)“ von Susanne Kennedy und Markus Selg, die für diese Arbeit mit Rodrik Biersteker zusammengearbeitet haben. Das war unglaublich. Auf einem Fluss fahrend gelang ich in einen Raum mit vielen weiteren Kammern, von denen sich eine als Waldschlucht entpuppte, ein Fahrstuhl brachte mich nach oben und ich fuhr über eine Planetenoberfläche. Eine Wahnsinnsreise.

Der zweite Beitrag an diesen Abend war „Coded Rituals“, vom Cistifellea Collective (Dortmund) & Camila Scholtbach (Tänzerin). Ein Tanztheaterstück, das in zwei Teilen aufgebaut war. Der erste Teil spielte in einem hellen Kasten, der mit durchsichtiger Folie umspannt war. Im Innern befand sich die Tänzerin, die sich langsam aus ihrem Käfig befreite. Eine Analogie mit dem Verpuppen eines Insekts war zu erkennen. Im zweiten Teil tanzte Scholtbach nicht mehr alleine, sondern hatte virtuelle Begleitung, hier drehte es sich offenbar um Reproduktion.

“One Window is Enough” von Sara Escribano Maenza (Köln), Anna Schneider (Hamburg) & Lieve Vanderschaeve (Bonn) führte uns wieder teilweise in virtuelle Welten.

Die Choreografin Sara Escribano präsentiert in Zusammenarbeit mit der Tanzkünstlerin Anna Schneider und der Videokünstlerin Lieve Vanderschaeve eine Mischung aus Tanzperformance und digitaler Kunst.

In einem Spiel zwischen Körper und Technologie, bei dem der Körper eine Quelle und die Technologie ein Übersetzer/Mitgestalter der Choreografie ist, lassen sie Bewegung entstehen. Dabei entführten sie die BesucherInnen in eine Wüste und schafften es sogar mit Windmaschinen einen Sandsturm erlebbar zu machen. Der zweite Part ihres Programms fand wieder in der Realität statt, beide Tänzerinnen tanzten auf und mit einer Schaukel.

Am Samstag (18.11.23) stand mein erster Besuch in der Akademie für Theater und Digitalität auf dem Programm. „Das Totale Tanz Theater 360“ nimmt Ideen von Oskar Schlemmer aus den 1920er Jahren auf und bringt sie in die virtuelle Zukunft. Erschaffen von der Interactive Media Foundation und Filmtank, in Ko-Kreation mit Artificial Rome tauchen die Besucher mittels VR-Brille in einen gewaltigen, virtuellen Bühnenbau ein und durchlaufen mit einer von ihnen aktivierten Tanzmaschine eine tänzerische Choreographie über drei Ebenen. Dabei begleitet sie die Frage nach ihrer wirklichen Einflussmöglichkeit auf Raum und Maschine. Aus dem Ineinandergreifen von menschengemachter Choreographie, persönlicher Intervention sowie maschinellem Algorithmus ergeben sich dabei immer neue Formen der Bewegung und des Tanzes im Raum.

The Dead Code Must Be Alive!” von Brigitte Huezo brachte am Sonntag (19.11.23) wieder die Kombination zwischen realer Tänzerin auf der Bühne und zeitgliecher Animation auf drei Bildschirmen. Während sich ein Tänzer über die Bühne bewegt, entfaltet sich ein unendlicher virtueller Raum um einen Avatar, der seine Bewegungen widerspiegelt. Der physische und der virtuelle Körper sind untrennbar miteinander verbunden, aber nie ohne Reibung. Denn es ist nicht alles perfekt im Cyberspace.




Penthesilea – wie den Kampf der Geschlechter überleben?

Penthesilea, das Drama von Heinrich von Kleist, diente dem Theaterkollektiv Trafique unter der Leitung von Björn Gabriel als Vorbild für ihre Version von „Penthesilea“ mit dem Untertitel „Battle oft he Sexes“. Das zeigte schon von Anfang an, wohin die Reise in den kommenden 90 Minuten gehen wird. Ein Premierenbericht vom 22.09.2023 aus dem Theater im Depot.



Die Geschichte von Achill und der Amazonenkönigin Penthelisea geht auf Homers (der auch zu Beginn auf der Leinwand erschien) Erzählung über den Trojanischen Krieg zugrunde. Bei ihm nahm Penthelisea ein böses Ende, bei Heinrich von Kleist siegte die Amazonenkönigin.

Lassen wir mal die ganzen Überlegungen über das sagenumwobene Amazonenvolk (no evidence) beiseite, natürlich gab es, mehr als manche bis jetzt annehmen, Kriegerinnen zu allen Zeiten. Doch Trafiques „Penthelisea“ ist auch kein Stück über das weibliche Heldentum, sondern seziert die Beziehung zwischen Mann und Frau.

Diese Beziehung ist nicht einfach und geprägt und Ungleichbehandlungen. Im Stück träumt Penthelisea von einer Welt ohne Männer, die sie als „große Plage der Welt“ bezeichnet. Dieser Monolog, ich könnte ihn neudeutsch auch als „Rant“ bezeichnen, erinnert an einige Science-Fiction-Filme, in denen durch eine Katastrophe oder ähnliches, (fast) nur noch Frauen auf dem Planeten Erde leben. Die Serie „Y: The Last Man“ ist so ein Beispiel.

Wie hat sich Mann denn nun zu verhalten in der Welt, in der Frau ihren gerechten Anteil fordert? Bezeichnet er sich schnell als Feminist, um als „pinker Gockel“ eine Frau in Bett zu bekommen?

Und was wäre, wenn Achill und Penthelisea beide überlebt hätten? Trafique zeigt es uns gegen Ende des Stückes in all seiner Schönheit. Ehe, Kind, Alltagstrott. (K)Eine Alternative?

Eine weitere Figur hat in dem Stück Platz. Ein Namenloser, der anscheinend mit der strikten Einteilung von Mann und Frau bricht. Von der Gesellschaft ausgeschlossen, ist er aber jemand, der sexuelle Selbstbestimmtheit lebt.

„Penthesilea“ gibt keine Antworten auf die Kämpfe zwischen den Geschlechtern, sondern zeigt einen kleinen Einblick in die aktuellen Diskurse. Hervorzuheben sind die drei Darstellenden auf der Bühne: Nicolas Martin, Johanna Reinders und Tomasso Tessitori, die ihre Figuren mit Leben erfüllen. Hinzu kommt der typische Trafique-Stil mit einer Mischung von Film und Schauspiel und den obligatorischen Backgroundgesprächen der Schauspielenden.

Nicht zu vergessen: Trafique schafft es wieder, die Vorlage (hier Kleist) zu entstauben und für den aktuellen Diskurs aufzupeppen.




Im Zwiegespräch mit der Musik

Es ist zunächst ungewöhnlich, denn im Stück „Duett“ beginnen die drei Tänzer:innen Chris Leuenberger,  Jenny Beyer und Chihiro Araki ohne einen Tanzpartner oder Tanzpartnerin. Warum also „Duett“?



Jenny Beyer studierte an der Ballettschule des Hamburg Ballett und bei Codarts/Rotterdam. Ihre vorwiegend auf Kampnagel und bei K3 Tanzplan Hamburg verankerte Arbeit steht für die Einbeziehung und Bindung von Zuschauer*innen durch regelmäßige offene Proben. Sie konzipierte „Duett“ vor zehn Jahren als ein Tanzstück, dass die enge Beziehung des Tanzenden mit der Musik beschreibt. Drei Klavierstücke von Chopin waren die „Begleitung“ der einzelnen Akteure auf dem Tanzparkett.

Jenny Beyer, Chris Leuenberger und Chihiro Araki – Duett (Foto: (c) Thies Rätzke

Am 16. September 2023 im Theater im Depot begann Chris Leuenberger, der „mit“ der Prelude, Op.28, Nr. 4 tanzte. Bekannt geworden ist das Stück auch weil die Band „Radiohead“ die Musik von Chopin für ihren Song „Exit Music for a film“ benutzten. Die anderen Stücke waren Prelude Nr 15, Op. 28 und die Ballade Op. 23.

Es war spannend zu sehen, wie sich die Musik durch die Tanzenden in eine imaginäre Partnerin verwandelte, die durchaus nicht immer wohlgesonnen war, sondern von ihrem menschlichen Counterpart geformt werden musste.  Im letzten Teil sind alle drei Tänzer:innen auf der Bühne, die sich gleichzeitig mit der Musik auseinandersetzen.  

Das rund eine Stunde dauernde Stück war auch ein Einladung an die Besucher:Innen sich mit dem zeitgenössischen Tanz auseinanderzusetzen. Chris Leuenberger,  Jenny Beyer und Chihiro Araki zeigten an diesem Abend die wichtige Beziehung zwischen Tänzer und der Musik.




Archipel – Inseln zwischen Ebbe und Flut

Mit dem Stück „Archipel – ein Kaleidoskop menschlicher Beziehungen“ präsentierte das ensemble 17 am 09. und 10. Juni 2023 im Theater im Depot ein tiefsinniges Stück über unterschiedliche Gefühllagen.



Das Bühnenbild von Matthias Schubert zeigte eine Landschaft zwischen Wohnzimmer und Strand. Ein Bild an der Wand, fliegende Möwen und andere Gegenstände komplettierten die Ausstattung.

Der Mensch als Insel. Das kann verschieden Interpretiert werden. Individualität und Einzigartigkeit: Jeder Mensch ist auf seine Weise einzigartig und unterscheidet sich von anderen. Isolation und Selbstständigkeit: Jeder Mensch hat seine eigenen Bedürfnisse, Ziele und Verantwortlichkeiten und muss lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. Einsamkeit und Abgrenzung: Jeder Mensch hat eine innere Welt, die für andere Menschen nicht vollständig zugänglich ist, was zu einem Gefühl der Isolation führen kann. Unabhängigkeit und Autonomie: Jeder Mensch hat die Fähigkeit und die Verantwortung, Entscheidungen unabhängig zu treffen und sein eigenes Leben zu gestalten, ohne von anderen abhängig zu sein.

Ähnlich war das Theaterstück aufgebaut. Als Szenencollage  mit Fremdtexten und eigenen Texten erarbeiteten sich Philipp Böddecker, Jeanette Kindas, Klara Noack, Anastasia Papoutsoglou, Anke Pidun, Katharina Stillger und Bettina zeuch unter der Leitung von Barabara Müller verschiedene Szenen, die komische, nachdenkliche, aber auch traurige Elemente beinhaltete. Vor allem das Thema Einsamkeit versus Lust auf Menschen wurde häufiger thematisiert („Ich bin kein wir“). Das ensemble 17 ist aus der damaligen Theaterwerkstatt im Depot entsatnden, die vor Corona in aller Regelmäßigkeit Stücke im Depot aufgeführt hat. Schön zu sehen, dass es jetzt weitergeht. Das „Archipel“ lässt auf alle Fälle hoffen, dass es in Zukunft weitere Stücke zu sehen gibt.  




Tanztheater – mittendrin statt nur dabei

Mit dem Stück „Sitzen ist eine gute Idee“ präsentierte Antje Pfundtner im Theater im Depot ein Stück um das Thema „wofür würdest du aufstehen?“ Dabei kombinierte die Choreografin verschiedene Elemente zu einem Programm, dass das Publikum integrierte.



Wer kennt es nicht, die „Reise nach Jerusalem“? Antje Pfundtner eröffnete damit ihr Stück. Die einzelnen Menschen mussten auf Aufforderung ihren Platz wechseln, doch keine Angst, niemand musste stehen. So unterhaltsam ging es weiter. Statt von weitem auf eine Bühne zuschauen, wurden wir Teil ihrer Performance und ob sie uns direkt berührte oder einen Ball durch die Reihen schoss, es wurde nie langweilig.

Das ist eben das Schöne, was Live-Kunst ausmacht, mal eben ein Teil der Inszenierung zu werden und nicht etwas passiv über den Bildschirm zu konsumieren.

Aber was ist mit dem Gegensatz von Sitzen und Aufstehen? Ist Aufstehen immer etwas Aktives und sitzen passiv? Ist Sitzen „für den Arsch“ wie es Fußballfans deklamieren, die lieber auf ihrer Stehplatztribühne stehen.

Und zum Schluss die spannende Frage: Wann stehen wir – das Publikum – auf? Wann wissen wir, wann das Stück zu ende ist? Klar, nach dem Schlussapplaus. Aber wenn der nicht kommt? Haben wir den Mut, aufzustehen und zu gehen?

„Sitzen ist eine gute Idee“ zeigt uns auf unterhaltsame Weise den Unterschied zwischen Sitzen und Aufstehen. Wobei ja es ja auch mit dem Aufstehen nicht getan ist…Was folgt danach?

Antje Pfundtner war nicht allein, sie kam „in Gesellschaft“, das heißt zusammen mit ihrem Team, mit dem sie gemeinsam Theaterstücke entwickelt.




Doom – ein nebliger, düsterer Ort

Es war alles angerichtet für ein Metal-Konzert am 13. Mai 2023. Die Fläche des Theaters im Depot war in dichtem Nebel gehüllt. Die Zuschauer konnten es sich aber gemütlich machen, Sitzkissen waren vorbereitet.



Bei „Doom“ denken Gamer natürlich sofort an das legendäre Computerspiel, doch die Schöpfer Layton Lachman und Samuel Hertz verbinden mit dem Titel die gleichnamige Spielart des Heavy Metals „Doom Metal“. „Doom Metal“ zeichnet sich dadurch aus, dass die Akkordwechsel sehr langsam vonstattengehen und die Songs durchaus über 10 Minuten dauern können. Die Abgabe von Ohrstöpsel machte klar: Es wird laut werden.

Insgesamt stand vier Performer:innen auf der Bühne, von denen drei hauptsächlich getanzt haben und ein Gitarrist. Die erste Phase wirkte – so mein Eindruck – als wenn die drei Tänzer:innen typische Rockposen annahmen, die Musiker auf der Bühne performen. In der zweiten Phase wurde es dann laut, denn dann benutzten alle vier Gitarren und Bässe und sorgen dank Rückkopplung dafür, dass die Musik im wahrsten Sinne des Wortes spürbar war.

Aber es gab auch ruhigere Phasen, ein Solotanz mit Fahrradfahrendem Kollegen oder einen eher spirituellen Gesang.  Nicht zu vergessen, ein Stück Orange für das Publikum in einem Setting, das etwas an BDSM erinnerte.

Doom war ein Erlebnis für alle Sinne. (Foto: (c): Carla Schleiffer)
Doom war ein Erlebnis für alle Sinne. (Foto: (c): Carla Schleiffer)

Dass das Stück über Trauer und Verlust handeln soll, wie in dem kleinen Begleitzettel erklärt, wird mit nicht deutlich gemacht. Ich finde es aber auch nicht schlimm, denn ich finde es wichtiger, dass der Betrachter sich selbst seine Gedanken machen muss.

„Doom“ ist kein Produkt für die Masse. Schon allein deshalb, weil „Doom Metal“ selbst eine Nische in der Nische Heavy Metal ist.  Diese Musik wird man im Radio äußerst selten hören.

„Doom“ war ein Erlebnis für alle Sinne, das den Betrachtenden hineinzog in eine düstere, neblige Welt. Es bedarf schon etwas an Unerschrockenheit, um sich dieser Erfahrung zu stellen.

 Die Beteiligten: Layton Lachman, Samuel Hertz, emeka ene, und Caroline Neill Alexander.