Tierischer Saisonauftakt im Theater im Depot: Die Katze Eleonore

Miau! Wer hat sich nicht schon einmal vorgestellt, wie das Leben als Katze wäre? Auf dem Ofen liegen oder auf dem Sofa, sich der Fellpflege widmen, sich ab und zu recken und strecken und auf das Essen warten. Zumindest alle, die mit einer Katze leben, kennen das.



Für die Katze Eleonore ist es keine Vorstellung mehr: Die Immobilienmaklerin fühlt, dass sie eine Katze ist. Aber ganz so einfach ist das Finden der neuen Identität und die Verwandlung in eine Katze nicht. Es wächst nicht plötzlich über Nacht ein Katzenfell. Eleonore versucht sich zu behelfen. Beim Essen klappt es auch ganz gut. Aber natürlich nimmt die menschliche Umgebung das nicht so ohne Weiteres hin. Wo käme man denn hin, wenn jede*r die eigene Identität entdecken und konsequent verfolgen würde? Anfangs gibt es Konflikte mit der Mutter, später auch im Beruf, den Eleonore mehr und mehr vernachlässigt. Und relativ schnell schickt man sie zu einem Psychiater, der sich interessiert alles anhört, aber letztlich die Verwandlung nicht nachvollziehen und auch nicht stoppen kann.

Die Katze Eleonore. (Foto: Oliver Stroemer)
Die Katze Eleonore. (Foto: Oliver Stroemer)

„Wie geht es Ihnen denn ohne Arbeit, Frau Garazzo?“ „Ach Wildbruch, ich bin eine Katze, wie soll es mir gehen – gut.“

Eleonore hat insofern Glück, als dass sie sich ihr neues Leben leisten kann. Sie ist auf die Menschen nicht angewiesen, sie kann sich ganz und gar ihrem Katzendasein widmen und häutet sich vor den Augen des Publikums. Mehr und mehr fallen die menschlichen Hüllen, und in geschmeidigen Bewegungen erkundet die Katze Eleonore ihr neues Leben. S. Rudat inszenierte das Stück von Caren Jeß, das 2022 seine Uraufführung in Dresden erlebte, und spielt selbst. Die Mutter und der Psychiater werden gleichermaßen auf der Bühne lebendig; Rudat stellt sie mit kleinen Gesten und entsprechender Stimme überzeugend dar. Nur Eleonore folgt ihrem eigenen Weg und lässt sich kaum beirren. Sie findet in ihre Identität, füllt nicht nur den Platz auf der Chaiselongue, sondern den gesamten Theaterraum mit ihrer Präsenz. Wie es die Sicht einer Katze ist, gehört ihr an diesem Abend alles. Das Physical Theatre von Rudat lässt das Publikum aufmerksam, fasziniert und nachdenklich zurück. Das Stück markiert den Start des Theaterfestivals „Physical Fest 2026“, das das Physical Theatre Netzwerk NRW in Dortmund, Bochum und Essen veranstaltet. In diesem Jahr widmet sich das Festival der Reduzierung von Barrieren. Die Aufführung eignet sich daher ebenso für sehbehinderte/blinde und schwerhörige/gehörlose Menschen. Wer sie noch einmal sehen will, muss nun dafür allerdings nach Köln reisen. Die Inszenierung, die für den Kölner Theaterpreis 2026 nominiert ist, wird im Freien Werkstatt Theater in der Kölner Südstadt gezeigt. Gleichzeitig ist es der Saisonauftakt im Theater im Depot unter neuer Teamleitung – nach fünf Jahren mit Jens Heitjohann als künstlerischem Leiter. Ihm dankte Christoph Rodatz, der Vorsitzende des Trägervereins, vor der Vorstellung für seine Arbeit, die er als modern, politisch und international würdigte. Aus dem jetzigen Leitungsteam ergriff Johannes Bergmann das Wort und vermittelte, dass man ein Theater der Toleranz und Vielfalt, ein Theater mit offenen Türen sein wolle. Dazu passt die zweite Performance des Abends, die zeitgleich auf dem Nordmarkt mit Menschen aus der Nordstadt stattfand.

Man darf den Start als geglückt bezeichnen. Und man darf gespannt sein auf mehrere Premieren und das „favoriten-Festival“ in der nächsten Zeit. Mehr unter www.theaterimdepot.de

„Die Katze Eleonore“ kann Ende September wieder in Köln im Freien Werkstatt Theater besucht werden. www.fwt-koeln.de Das „Physical Fest 2026“ läuft weiter bis zum 27.09. noch in Bochum. Physical Fest 2026 | PTN




Wer verdient den roten Teppich? „ALL THAT FAME“ bringt moderne Klytaimnestras ins Theater im Depot

Tanzwerkstatt KOBI Seminare ALL THE FAME (c) Anne Kleff
Tanzwerkstatt KOBI Seminare ALL THE FAME (c) Anne Kleff

Der rote Teppich – einst ein heiliger Pfad, der laut der antiken Sage um Klytaimnestra und Agamemnon allein den Göttern vorbehalten war – ist heute zur ultimativen Bühne der Eitelkeiten geworden. Das Tanztheater-Projekt „ALL THAT FAME“ der Tanzwerkstatt KOBI Seminare nahm sich am vergangenen Wochenende im Theater im Depot genau dieses altehrwürdigen Rituals an, um eine hochaktuelle Frage zu stellen: Wer verdient es heute wirklich, auf diesem Symbol des Ruhms zu stehen?
Unter der konzeptionellen und choreografischen Leitung von Birgit Götz bildete der leuchtend rote Teppich das unbestrittene Zentrum des Bühnenbildes. Ergänzt wurde die clevere Inszenierung durch den Einsatz moderner, kabelloser Touch-Tischlampen. Durch das gezielte Ein- und Ausschalten schufen die Akteurinnen selbst fokussierte Lichtinseln und lenkten den Blick des Publikums gezielt auf die großen und kleinen Momente der Präsentation.
Das große Ensemble der Tänzerinnen überzeugte vor allem durch seine starke Präsenz als geschlossene Einheit – eine kollektive, moderne Klytaimnestra. Aus dieser Einheit traten jedoch immer wieder gezielt Individuen hervor. Besonders einprägsam war der satirische Seitenhieb auf unsere heutige Promi-Kultur, als sich einige Tänzerinnen in „Heidi Klum“ verwandelten. Dieser Kontrast zwischen der Suche nach echter weiblicher Sichtbarkeit und der kommerzialisierten Casting-Show-Welt brachte das Thema treffend auf den Punkt.
Der dazugehörige Flyer versprach eine „mitreißende und provokante“ Suche nach Antworten. Man muss fairerweise anmerken: In Zeiten von Social Media, ständiger Selbstdarstellung und medialer Dauerempörung ist es schwer, auf einer Bühne noch echte Provokation zu erzeugen. Was dem Stück vielleicht an schockierendem Skandalpotenzial fehlen mag, macht es jedoch durch eine ungemein mitreißende Energie mehr als wett.
Das zeigte sich eindrucksvoll im großen Finale: Als am Schluss alle Tänzerinnen gemeinsam über den roten Teppich schritten, sprang der Funke endgültig über. Das gesamte Publikum ging enthusiastisch mit und feierte einen Moment, in dem aus dem elitären Symbol des Ruhms plötzlich ein Teppich für alle Frauen wurde.




Zwischen Peitschenhieben und Kerzenschein: Ein Abend der Kontraste im Theater im Depot

Am 05.12.2025 präsentierte das Theater im Depot „Things Falling“. Die Produktion ist weit mehr als konventionelles Tanztheater; sie ist eine intensive, körperliche Auseinandersetzung mit der Erinnerung. An der Schnittstelle von queerem Ausdruck und Diversity erforscht das Ensemble unter der Leitung von William Sánchez H., wie sich Konflikte in unsere Körper einschreiben.

Der Abend eröffnete mit einer beinahe sakralen Szenerie. Das Bühnenbild war von Teelichtern und Kerzen geprägt, untermalt von einer ruhigen musikalischen Klangkulisse. Doch diese Stille währte nicht lange. Das Stück verdeutlicht, dass der Terror epochenübergreifend dieselbe Sprache spricht. Es wirft drängende Fragen auf: Was verändert uns? Wie hallt das Weltgeschehen in uns nach?

Plakat zu "Falling Things".
Plakat zu „Things Falling“.

Dementsprechend steigerten sich Musik und Choreographie zunehmend ins Aggressive – bis hin zu knallenden Peitschen, die knapp über die Köpfe der Tanzenden geschwungen wurden. Das Finale bildete einen ruhigen Kontrapunkt: Durch einen Kostümwechsel verwandelten sich die Performer in sphärische Naturgestalten. Bleibt am Ende die Rückbesinnung auf die Natur als Lösung? Ist sie die Heilung für die zugefügten Wunden?

Mit einem starken Ensemble und einer eindrucksvollen visuellen Wandlung gelingt „Things Falling“ der Spagat zwischen Brutalität und Sanftheit.




Geteilte Vergangenheit, gemeinsame Zukunft – Deutschland und Kamerun im Spiegel der Kunst

Die Geschichte zwischen Deutschland und Kamerun ist eine Geschichte von Eroberung, Widerstand und Begegnung – aber auch eine Geschichte des Schweigens, das erst allmählich gebrochen wird.

Als Deutschland 1884 Kamerun zum „Schutzgebiet“ erklärte, begann ein Kapitel europäischer Kolonialherrschaft, das von Gewalt, Unterdrückung und Ausbeutung geprägt war. Hinter der beschönigenden Bezeichnung „Protektorat“ verbarg sich ein System der Kontrolle, das Land und Menschen seinem ökonomischen Nutzen unterwarf. Deutsche Handelsgesellschaften eigneten sich riesige Flächen an, die einheimische Bevölkerung wurde zu Zwangsarbeit verpflichtet, ihre Rechte und Kulturen wurden ignoriert oder zerstört.

Szene aus "BÂTIR LE COMMUN". Foto: (c) Kathleen Kunath
Szene aus „BÂTIR LE COMMUN“. Foto: (c) Kathleen Kunath

Doch die koloniale Herrschaft stieß von Anfang an auf Widerstand. Kamerunische Gemeinschaften leisteten mutigen Widerstand gegen die militärische Übermacht – etwa die Bakweri gegen Landenteignungen an den Hängen des Kamerunbergs oder die Duala, die gegen die Verletzung ihrer Handelsrechte protestierten. Diese Akte des Widerstands sind Teil einer Geschichte, die in der deutschen Erinnerung lange verdrängt blieb, während sie in Kamerun als Ausdruck nationaler Selbstbehauptung weiterlebte.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 endete das deutsche Kolonialprojekt abrupt. Frankreich und Großbritannien besetzten das Gebiet, und 1918 besiegelte der Versailler Vertrag den Verlust der deutschen Kolonien. Kamerun wurde geteilt – ein Symbol für die anhaltende Fremdbestimmung durch europäische Mächte. Dennoch bleibt die Zeit der deutschen Herrschaft ein prägendes Fundament der kamerunisch-deutschen Beziehungen – ein Erbe, das bis heute Fragen nach Verantwortung, Erinnerung und Gerechtigkeit aufwirft.
Eine interessante Facette dieses Erbes zeigt sich auch im kulturellen Bereich: In Kamerun entstand im Laufe der Kolonialzeit Tänze, der unter Einfluss der deutschen Kolonialherren entstanden beziehungsweise von ihnen inspiriert wurden. Beispiele dafür, wie koloniale Begegnung – auch wenn sie von Unterdrückung geprägt war – in kultureller Hybridität münden konnte.
Im Rahmen des Stücks „BÂTIR LE COMMUN“, das am 25.10.2025 im Theater im Depot gezeigt wurde, eröffneten die Tänzerinnen aus Kolumbien, Japan und dem Balkan eine Perspektive, die weit über die deutsch-kamerunische Beziehung hinausreicht: Sie erzählten von Kolonialisierten und Kolonialherren, von Machtverhältnissen und Verflechtungen. Begleitend zu ihren Tanzeinlagen wurden auf einer Videoleinwand Aussagen von Nachfahren der Widerstandskämpfer:innen eingeblendet und machten die „Stimme von unten“ hörbar.
Der Abend mündete in ein gemeinsames Tanzevent im Theatersaal – als symbolisches Zeichen dafür, wie Erinnerung, Bewegung und Gemeinschaft zusammenkommen können. Dabei wurde aus der geteilten Vergangenheit eine greifbare Einladung zur gemeinsamen Zukunft, zu einem veränderten Blick auf die Gegenwart – zwischen Deutschland und Kamerun und weit darüber hinaus.




„touching the not yet“: Liminalität zwischen Brachen und Erwachsensein

Das Ruhrgebiet ist bis heute eine Landschaft der Narben. Ehemalige Industrieareale, Halden, stillgelegte Bahntrassen und verlassene Gewerbeflächen prägen das Gesicht einer Region, die nicht recht weiß, ob sie endlich Zukunft werden oder weiterhin Vergangenheit konservieren will.Diese Brachen sind mehr als topografische Restflächen: Sie sind liminale Räume – Orte ohne klare Funktion, Zonen des Dazwischen, in denen die alte Ordnung abgeschafft ist und die neue noch nicht begonnen hat. Besonders Jugendliche finden hier Rückzugsorte und Möglichkeitsräume, die der kuratierte Stadtraum längst nicht mehr bietet: Graffiti, Skaten, Musik, selbstgebaute Freiräume – nicht erlaubt, nicht geplant, aber möglich.

Mit dieser Ästhetik des Übergangs beschäftigt sich das Stück „Power Strangers – touching the not yet“ der Gruppe Sticky Fragments, das am 17. Oktober 2025 im Theater im Depot zu sehen war. Es führt zurück in eine Zeit, in der solche Brachen noch mythische Orte der Selbstvergewisserung waren. Drei „Power Strangers“ blicken zurück auf Wünsche, Sehnsüchte und verheißungsvoll flackernde Zukunftsentwürfe ihrer Jugend – jene Lebensphase, die selbst liminal ist: Pubertät als Schwebezustand zwischen Kindheit und Erwachsensein, zwischen Sozialisation und Selbstbehauptung. Doch schnell stellt sich eine Frage, die schwerer wiegt als die Nostalgie, die sie hervorruft: Wer werden wir gewesen sein? Was ist geblieben von den Visionen? Und was hängt heute an uns wie ein ausgeleierter Hoodie, der mehr peinliche Erinnerung als gelebtes Leben ist?

Fundstücke, Erinnerungsstücke? (Foto: Sticky Fragments)
Fundstücke, Erinnerungsstücke? (Foto: Sticky Fragments)

Musik, Videokunst und Physical Theatre versuchen, Antworten zu ertasten. Das Publikum wühlt in Fundstücken aus der Emscher, lauscht dem Sound eines Bahnhofs – selbst ein archetypischer Schwellenort – und beobachtet nächtliche Bushaltestellen, an denen das Stück jene vertraute Urbanpoesie beschwört, die man vielleicht aus Jugendfilmen kennt. Alles ist Bewegung, Suchbewegung, tastendes Voranschreiten.

Doch so sinnlich das Material ist, so bleibt eine Spannung bestehen: Reicht die ästhetische Geste, um die politische Leerstelle zu füllen? Brachen verschwinden im Ruhrgebiet – zugunsten von Investorenfantasien, Logistikboxen und urbaner Verwertungsprosa. Immerhin erlaubt der Schlussmoment – ein gemeinsamer Schritt hinaus in die kalte Dortmunder Nacht – einen Perspektivwechsel: Die Bühne zersplittert, der Stadtraum übernimmt, und plötzlich steht man selbst in einem Zustand, der wieder Übergang ist.

Das Theater verweigert die Antwort. Und vielleicht ist genau das der ehrlichste Satz, den man über Jugend, über Brachen – und über diese Region – überhaupt sagen kann.




Was bleibt, wenn jemand geht? – Hinterlassenschaft – A House Full of Stuff

Early boarding – wer früher kommt, darf eher rein. Also zwanzig Minuten vor Beginn bereits auf Einlass warten, dann schnell hinein und mit dem Handtuch den besten Platz sichern. Nein, so ist es nicht gemeint. Obwohl … mit der Jacke lässt sich der Platz vielleicht doch schon mal sichern, bevor man die Bühne betritt.Dort gibt es dann etwas zu schauen und anzufassen. Notsopretty, die Gruppe, die heute Premiere feiert, konzentriert ihren Kram, ihren Stuff, in der rechten hinteren Ecke der Bühne. Regale, schräg angeschnittene Kommoden, ein Einhorn, Fotos, Papiere, Ordner, Vasen, eine Schallplatte von Tina Turner und vieles mehr. Das künftige Publikum nimmt die Gegenstände in Augenschein und verbindet mit einigen direkt eigene Erinnerungen. Auch mit dem Ensemble (Anna Júlia Amaral, Marcel Nascimento und Nina Weber) kann bereits gesprochen werden.

Bis zur Vorstellung ist es aber noch Zeit, der Platz durch die Jacke gesichert, also in Ruhe noch einmal an die Theke und mit Getränken versorgen. Dann startet der selbstständig tönende Lautsprecher mit seinem Intro zum Stück. Nach und nach bauen die drei Darstellerinnen und Darsteller ihre kleinen Welten auf der Bühne auf, tragen den Berg ihres „Stuffs“ ab, kleiden sich in Kostüme, z. B. Jacken, die zur Hälfte aus einem Faltenrock bestehen. Begleitet werden ihre Aktionen von Audiodeskriptionen, die teilweise über die Lautsprecher kommen, teilweise von den Handelnden selbst kommentiert werden. Das Stück will auch für blinde Gäste erlebbar sein, was dank der Beratung durch Adriani Botez gut funktioniert. Jede Person trägt zudem andere Schuhe, durch die sie sich bei ihren Gängen auf der Bühne akustisch unterscheiden.

notsopretty sind: (v.l.n.r.) Anna Júlia Amaral, Marcel Nascimento und Nina Weber. (Foto: (c) Martina Bracke)
notsopretty sind: (v.l.n.r.) Anna Júlia Amaral, Marcel Nascimento und Nina Weber. (Foto: (c) Martina Bracke)

In ihren neu aufgebauten kleinen Welten erzählen die Figuren ihre jeweils eigenen Geschichten, die im Laufe des Stücks immer wieder weiterentwickelt werden.

Die kleinen Dinge spielen zunächst eine Rolle, denn mit ihnen verknüpfen sich Erinnerungen, was ja schon beim Publikum beim Early Boarding sichtbar wurde, aber immer wieder kommt die Frage auf: „Reden wir über Geld?“

Hinterlassenschaft ist nicht nur sentimental. Hinterlassenschaft bedeutet erben, nicht nur die Nase wird geerbt, geerbt wird auch Geldvermögen oder keins. Wie viel Geld? Kann man das auch irgendwie messen? Eine große Rechnung wird aufgemacht: Wenn ein Euro einem Zentimeter entspricht, wie viele Kilometer sind dann eine Milliarde? Die Gruppe überschlägt es und kommt auf  10.000 Kilometer. Große Summen stehen im Raum und hier setzt Gesellschaftskritik an. Vermögens- und Erbschaftsteuer sind Thema. Später wird der Umgang mit Reichen und ihrem Erbe noch in einen Song verpackt, für den es Szenenapplaus gibt.

Dazwischen schwelgt man in Fotos, man blättert akustisch durch das Fotoalbum, und „Weißt du, wie dein Vater gelacht hat?“

Das Spiel mit den Requisiten gelingt dem Ensemble eindrucksvoll. Besonders schön der quasi „Rutsch in die Urne“ über eine der abgeschrägten Kommoden. Letztlich kann man nur erben, wenn jemand stirbt, dennoch kann des Öfteren im Stück gelacht werden. Man erfährt jede Menge übers Erben und Vererben, was vielleicht den Gang in die Verbraucherzentrale erspart und vielleicht nicht so ausführlich hätte sein müssen, aber im Leben kann es sich noch als nützlich erweisen. Das Publikum kann aber auch einfach einen gelungenen Theaterabend genießen.

Am Ende landet alles erst einmal im Keller, wie das so ist mit den vielen Hinterlassenschaften, von denen man sich noch nicht trennen kann. Auch die Kirschen im Weckglas von 1978. Die Bühne ist aufgeräumt, aber das Publikum kann nichts mehr anfassen, denn eine Plane schützt das Erbe vor zu großer Neugier. Also Jacke vom Stuhl nehmen und an der Theke noch ein Getränk genießen. Auf die Verstorbenen! Mögen sie in guter Erinnerung bleiben.

 

Notsopretty, ein seit 2019 bestehendes Performancekollektiv, macht am Ende auf die angekündigten Etatkürzungen seitens des Landes NRW für die Freie Theaterszene aufmerksam. Mehr Infos dazu z. B. ein offener Brief unter www.dott-netzwerk.de (Netzwerk Dortmunder Tanz- und Theaterszene).

 

Mit dem Stück tourt das Ensemble noch durch verschiedene Städte und kehrt hoffentlich nochmal zum Koproduzenten und Premierenort Theater im Depot in Dortmund zurück.

 

Mehr:

Theater im Depot

Immermannstr. 29

44147 Dortmund

www.theaterimdepot.de

 

Die Gruppe:

www.notsopretty.de

 

Aktuelle Termine:

Fr/Sa, 13.-14.6. | 19 Uhr | Kulturhaus Thealozzi | BOCHUM

Sa, 28.6. | 16:30 Uhr | Droste Festival | HAVIXBECK

Fr/Sa, 25.-26.7. | 20 Uhr | Theater im Karlstorbahnhof | HEIDELBERG

Sa/So, 1.-2.11. | 20 Uhr | Landungsbrücken | FRANKFURT




Theatrale Annäherung an ein schwieriges Erbe

Am 20. und 21. März 2025 hatte eine neu formierte Gruppe Kulturschaffender aus Leipzig – mit Ahnen im globalen Süden und Norden – ihr Gastspiel mit Elfenbein – Annäherung an ein fleischloses Erbe im Theater im Depot in Dortmund. Allgemein geht es darum, welche sichtbaren und unsichtbaren Vermächtnisse wir als Erbe mit uns herumtragen. Wie gehen wir damit um?

Ein spezielles Augenmerk dieses performativen Theatererlebnisses liegt auf dem schwierigen Erbe eines ein Meter großen Elefantenstoßzahns, der nun am Küchenschrank des Vaters lehnt. Der Großvater hatte diesen 1971 auf einer Safari geschossen und als „stolzes Erbe“ hinterlassen. Die Erbin fragt sich, was sie nun mit diesem Erbstück tun soll.

Eine künstlerische Spurensuche

Aus diesem Anlass begeben sich die drei Performerinnen Aziza Bouizedkane, Aisha Konaté und Svenja Wolff mit verschiedenen künstlerischen Ausdrucksmitteln auf die Suche nach einem Umgang mit solch kolonialem Erbe. Zum gelungenen Gesamtkonzept gehörten außerdem die Medienkünstlerin Vanesa Opoku, die Lichtdesignerin Iana Boitcova, die Dramaturgin Jasmin Jerat und die Provenienzforscherin Isabelle Reimann.

Die Performer:innen in Aktion Foto: André Wirsig
Die Performer:innen in Aktion Foto: André Wirsig

Mit starkem Gesang, Tanz, Lesung, der Einspielung originaler historischer Kommentare und Video-Projektionen gehen sie der Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung nach. Kolonialer Kunstraub und menschliche Kopftrophäen schlummern bis heute in Museen und Kellern. Behutsam, aber direkt nähern sich die drei Performerinnen der Dekolonisierung. Es wird eine Haltung für alle gesucht sowie ein besonderer Blick auf den Zahn und seine Zeit geworfen.

Dabei wurde unter anderem eine helle Tuchplane mit drei Löchern fantasievoll genutzt, aus denen die Köpfe der Darstellerinnen langsam und mutig hervorlugten. Die Künstlerinnen machen mit sinnlich-emotionalen Darstellungen und ironischen Zwischentönen das fleischlose Erbe zwischen Trauerritualen, familiärer Spurensuche und spekulativer Science-Fiction (be)greifbar. Auch das Publikum wurde direkt angesprochen.

Wir tragen nicht nur körperliche Merkmale unserer Vorfahren in uns, sondern auch ihre dunklen Vermächtnisse. Es ist wichtig, sich ehrlich und kritisch mit dieser Vergangenheit auseinanderzusetzen – und nicht zu verdrängen.




Ein Ungewöhnlicher Abend: Normal gibt’s schon präsentierte „Lange Rede – kurzes Gesicht“

Mit „Lange Rede – kurzes Gesicht“ bot das Theater im Depot einem ungewöhnlichen Ensemble zwei Tage Raum auf der Bühne. Am 7. und 8. Juni 2024 präsentierte „Normal gibt’s schon“ einen musikalischen und literarischen Abend.



„Normal gibt’s schon“ trägt diesen Namen nicht umsonst, denn die meisten ihrer Mitglieder sind psychisch erkrankte Erwachsene. Im Jahr 2017 entstand in der Halte-Stelle in der Blücherstraße in Dortmund auf die Initiative von Regina Schubert und Carmen Krüger die Theatergruppe. Mit Ekkehard Freye konnten sie einen erfahrenen Schauspieler am Theater Dortmund gewinnen, der die Leitung übernahm.

Zu hören waren am Anfang vom gesamten Ensemble kurze Texte, die wie Kalendersprüche oder Redewendungen wirkten. Ein Schwerpunkt schien mir dabei auf Kommunikationsproblemen zu liegen. So gab es eine Nummer, bei der ein ausufernder Streit die Hauptrolle spielte, aber die gesamte Diskussion eigentlich ein Reden um nichts war. Floskelhaft eben.

Bei der zweiten längeren Nummer, die von einem Besitzer eines Pfandhauses handelte, dem vergeblich „singende Blumen“ verkauft werden sollten, entstand ein wortreicher Schlagabtausch.

Die Texte stammten von Autoren wie Ionesco, Charms, Bayer und Wolf sowie von selbst verfassten Texten von Zoé Ritterstern und Heike Jordan.

Bereichernd für diesen Abend war auch eine Live-Band, bestehend aus Robin Krick (Bass), Peter Bollmann (Gitarre) und Lisa Heinrich (Schlagzeug). Mit Songs wie „Ohne Dich“ oder „Stay (Just a Little Bit Longer)“, das lange Zeit das Werbelied für eine Brauerei war.

Zum Ensemble gehörten: Lisa Heinrich, Zoé Ritterstern, Heike Jordan, Saskia Singh, Sevda S., Annette Yüksel, Anna Helmsorig, Ralf Neuhaus, Caro Manthei, Peter Bollmann und Ekkehard Freye.

Ein vergnüglicher Abend ging zu Ende, bei dem man auch spürte, dass alle Beteiligten großen Spaß hatten.




Raincatchers: Szene 2wei über den (unv)erhofften Wandel

Ein Nachbericht

Am 17. & 18. Mai 2024 brachte die mixed-abled Tanzkompanie Szene 2wei den Regen auf die Bühne des Theaters im Depot. Analog zur ökologischen Lage der Welt beginnt Raincatchers mit dem drohenden Ende. Wir sehen eine reich gedeckte Tafel mit Weinkelchen und Äpfeln bestückt, um die sich die diverse Gesellschaft der Szene 2wei tummelt. Sie prosten sich zu, reichen sich die süßen Früchte an und lassen es sich augenscheinlich gut gehen. Im Hintergrund strahlt uns das romantische Bild einer unberührten Wiesen-Landschaft über einen Bildschirm an. Doch etwas Unheilvolles kündigt sich in dieser Tischidylle an, die zwischen letztem Abendmahl und morbidem großen Fressen oszilliert.



Allmählich bricht das Bild auf und die feine Gesellschaft ergießt sich über den Tischrand hinweg: Sie rollen, kriechen und robben sich in den weiten Raum der Bühne, der sonst nur einen Müllberg aus Tüten beherbergt. Das Ensemble tanzt sich mit immer wilder werdender Dynamik in verschiedene Emotionen und Zustände hinein. Sie bilden wechselnde Konstellationen, zucken, schwingen, vibrieren, imitieren, resonieren miteinander oder tanzen stur aneinander vorbei. Die Performer:innen zeigen uns Bilder und Anordnungen, die nicht nur inhaltlich von Diversität erzählen, auch die Choreografie (William Sánchez H.) setzt die diversen körperlichen Konstitutionen des Ensembles ganz selbstverständlich in Beziehung. Der Apfel als Symbol und konkretes Objekt begleitet sie durch ihre Bewegungsfolgen. Schließlich rückt er ganz in den Mittelpunkt als eine Stimme aus dem Off die reine, feine Frucht lobpreist und ein anmutiger Tanz die Eloge an den Apfel krönt.

Das Ensemble von Szene 2wei bei "Raincatchers". (Foto: Stefan Wachter)
Das Ensemble von Szene 2wei bei „Raincatchers“. (Foto: Stefan Wachter)

Und dann der Bruch! Klimawandel! Und der kickt so richtig: Die Performer:innen hüllen sich in absurder Manier in Kleidung, die aus den Mülltüten zum Vorschein kommt. Die Stoffe werden in Lagen und ansteigendem Tempo angelegt, umständlich umwickeln sie die Gliedmaßen der Performer:innen und werden so teils zum Handicap. Wieder teilen sich die Bewegungsfolgen in kollektives und vereinzeltes Handeln und Sein. Die Diversität der Bühnengesellschaft bleibt gleich, aber mit der Umwelt scheinen sich ihre sozialen Dynamiken und Zustände zu verändern. Dabei hören wir Texte über Konsum, Ressourcen, Überfluss, Hoffnungen, Verunsicherung, politisches Handeln und Scheitern. Die Landschaft im Hintergrund ist längst in ein Dämmerlicht gehüllt und lässt uns im Dunkeln, ob es Nacht wird oder der Morgen wieder graut. Die Fast Fashion Show endet schließlich mit einem knalligen Statement der Nacktheit, das mit einem Augenzwinkern auf unseren „natürlichen“ Ursprung verweist, aber so schnell wieder vergeht, wie es kam. Zum Schluss geraten die Körper der Szene 2wei ein letztes Mal in Wallung und tanzen sich zu „my body, my choice“ und dröhnenden Beats (Soundtrack: Lukas Tobiassen) in Ekstase. Und dann – endlich – regnet es wieder… Ruhe kehrt ein und wir hören nur noch die belebenden Tropfen auf die Erde niederprasseln.

Choreografie: William Sánchez H.
Leitung: William Sánchez H. und Timo Gmeiner
Tanz: Jörg Beese, Sonja Pfennigbauer, Ricarda Noetzel, Manuela Aranguibel, Jose Manuel Ortiz, Sander Verbeek
Musik: Lukas Tobiassen
Licht Design: Clément Debras
Bühnenbild und Kostüme: William Sánchez H. und Simone Müller




Protokolle der Sprachlosigkeit Erinnerung an Mehmet Kubaşik

Es gibt Ereignisse, die einen sprachlos und wütend machen. Eines davon sind die NSU-Morde, die bis zu ihrer endgültigen Aufklärung unter dem scheußlichen Begriff „Dönermorde“ in den Medien waren. Grund dafür ist, dass die meisten Opfer migrantischen Hintergrund hatten. Von der Floskel „Wir ermitteln in alle Richtungen“ ist auch bei der Polizei schnell Mord im Drogenmilieu, Kämpfe innerhalb migrantischer Kreise usw. geworden, so dass die Opfer und auch ihre Angehörigen quasi verdächtigt wurden.



Auch in Dortmund gab es ein NSU-Opfer: Mehmet Kubaşik wurde am 04. April 2006 in seinem Kiosk in der Nordstadt ermordet. Erst mit dem Selbstmord von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt 2011 war klar, dass der Mord nichts mit innermigrantischen Banden oder Drogen zu tun hatte, sondern mit rechtsradikalem Terrorismus.

Jasmina Musić und Johanna Wieking vom HER.STORY KOLLEKTIV gaben in ihrer Performance „Protokolle der Sprachlosigkeit“ Raum zum Angedenken nicht nur an Mehmet Kubaşik, sondern auch den anderen zahllosen Opfern des Rechtsextremismus. Denn viel zu schnell sind die vielen Opfer rechtsradikaler Gewalt aus den Nachrichten und den Erinnerungen der Öffentlichkeit verschwunden.

Schon der Beginn war beeindruckend, als die Zuschauer in den Saal kamen, der Zuschauerbereich war mit Absperrband versperrt und beide Performerinnen aus dem Grundgesetz zitierten. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Doch dann wurde es emotional. Fast dokumentarisch berichteten die beiden Performerinnen über den Mord an Mehmet Kubaşik aus Sicht seiner Tochter. Das Schlimme war, durch die einseitigen Ermittlungen wurden die Angehörigen mit in den Dreck gezogen, was Spuren hinterließ. Passend dazu wurden die Angehörigen auch nicht durch die Polizei von der Aufklärung 2011 informiert, sondern bekamen das durch die Presse mit. Daneben wurden auch persönliche Geschichten und Erfahrungen von Frauen, die aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen sind, beleuchtet.

Damit die Opfer rechter Gewalt nicht vergessen wurden, bauten Musić und Wieking gegen Ende noch eine Art Gedenktafel mit den Namen der vielen Opfer auf. Vor der einige BesucherInnen Blumen hinterlegen konnten.

Insgesamt ein sehr emotionaler Abend zu einem ernsten, aber wichtigen Thema. Niemals dürfen die Opfer rechter Gewalt vergessen werden.