Die Dinge an sich

Die beiden Kuratorinnen Gaby Peters (links) und Nina Nowak mit dem Playboy in Blindenschrift von Caroline Douglas.
Die beiden Kuratorinnen Gaby Peters (links) und Nina Nowak mit dem Playboy in Blindenschrift von Caroline Douglas.

Die Ausstellung „Thingness – Über die Dinge“ im Künstlerhaus Dortmund zeigt eine Auswahl internationaler Künstlerinnen und Künstler, die der Frage nachgehen, wie Dinge und unbelegte Objekte unser Leben beeinflussen. Die Ausstellung läuft vom 07. Oktober bis zum 13. November 2016.

Kaifeng Chun aus Singapur erhebt die alltäglichen Dinge in eine Art höheren Status. Sein Objekt „Not much to see“ besteht aus zwei Flip-Flops, die durch LEDs einen heiligenscheinartigen Rahmen bekommen. Dadurch wirken sie beinahe wie eine Ikone.

Dinge können auch eine gewisse Erwartungshaltung besitzen. So präsentiert Caroline Douglas aus Großbritannien einen Playboy in Blindenschrift. Auf einem Video wird rund 5 Minuten daraus vorgelesen. Somit ergibt sich ein Dialog von Objekt und gesprochenen Wort. Die Arbeit reflektiert natürlich auch die Geschlechterbeziehungen. Wobei in der Playboy-Aufgabe in Blindenschrift keine ertastbaren Bilder vorhanden sind.

Die Verbindung zwischen Wissenschaft und Kunst hat Marcel Große im Visier. In seiner Arbeit „Kreisbeschleuniger“ wird elektrische Spannung von Lichtbögen in Fotografien übersetzt. Das eingesetzte Material ist entscheidend für den verlauf des glühenden Teilchens. Elektromagnetismus goes art.

Ein Ding kann auch einen Menschen beeinflussen. Die Dänin Lea Gulditte Hestelund transformierte sich innerhalb eines Jahres mit Hilfe eines Personal Trainers in die Statur eines griechischen Diskuswerfers. Spannende Reflexion über Körperkult in unserer fitnessorientierten Gesellschaft.

Dinge werden zu Musikautomaten bei Ragnhild May (USA/DK). Sie bastelt mit Motoren und Flöten eine mechanische Orgel, die sie mit eigener komponierter Musik bespielen lässt.

Die Gesetze der Fliehkraft durchbricht scheinbar Till Nowak in seinen Computerzeichnungen und seinem Video „The Experience of Fliehkraft“. Auf den ersten Blick hat es den Anschein, als seien die Bilder des Videos auf einem ganz normalen Rummelplatz aufgenommen worden, doch zeigt sich, dass irgendwas nicht stimmen kann. Die Fliehkräfte wären viel zu stark für einen Menschen oder manche Fahrgeschäfte gar nicht zu erreichen. Ein kritischer Blick auf das „schneller, höher, weiter“ in den Vergnügungsparks.

Christiane Overvad Hansen (DK) zeigt auf drei Screen drei Filme über merkwürdige Maschinen, die sich in ihrer Wohnung befinden. Sind die mechanisierten Objekte Erweiterungen des Körpers oder wird der Körper selbst zum Instrument?

Der Däne Emil Toldbod ging auf Tauchgang. Seine vier Objekte in der Ausstellung sind allesamt aus diesem Tauchanzug. Toldbod ging auf die (vergebliche) Suche nach einer seltenen Schneckenart. Hier geht es um Dinge, die den Körper erweitern und schützen, eben den Tauchanzug.

Nisrek Varhonka ist ebenfalls wie Marcel Große auf wissenschaftlichen Pfaden unterwegs. In ihrer Denkmütze und ihrem genähten schwarzen Loch hüpft sie im Rahmen der Fernsehinstallation „das schwarze Loch“ durch die Ausstellungsräume.

Eine ausstellungsbegleitende Publikation ist dank der Kunststiftung NRW auch entstanden. Neben Portraits der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler haben vier Theoretikerinnen und Theoretiker unterschiedliche Perspektiven zum Thema Dinge aus Philosophie und Kunstgeschichte beigesteuert.

Öffnungszeiten des Künstlerhauses sind: Donnerstag bis Sonntag von 16 bis 19 Uhr.




Künstlerischer Blick auf Dortmund

Mit diesem Truck geht es auf die Reise durch Dortmund.
Mit diesem Truck geht es auf die Reise durch Dortmund.

Vom 06. Oktober bis zum 05. November 2016 haben die Dortmunder die Möglichkeit sich mit einem Truck durch Dortmund fahren zu lassen und an sieben ungewöhnlichen Stationen sieben kleine Hörspiele zu erleben. Ars tremonia fuhr am 05. Oktober bei der Generalprobe von „TruckTracks Ruhr – Album Dortmund“ mit. Das Konzept stammt von „Riminiprotokoll“, die diese TruckTouren schon in Oberhausen, Duisburg und Recklinghausen durchgeführt haben.

Zugegeben, es ist ziemlich ungewöhnlich in einen Lastwagen einzusteigen, der drei kleine Zuschauertribünen besitzt. Man schaut zunächst auf drei Leinwände, die Kamerabilder von außen projizieren. Aber ist es wirklich die Realität, die 1:1 auf die Leinwände fällt?

Das Prinzip ist folgendes: Die Zuschauer werden an sieben Orte gefahren, die Leinwände werden hochgezogen, wir sehen den Ort und erleben ein kurzes Hörspiel. Eine Seite des Trucks ist nämlich so verspiegelt, dass wir zwar heraussehen können, aber die Passanten nicht in den Wagen hinein.

Da die Fahrt am Megastore startet (das Dortmunder Schauspiel ist eines der Kooperationspartner), liegen die ersten Stationen in der Nähe, nämlich in Hörde. Eine leerstehende Fabrik(?) und eine leere Halle auf dem Phönix-West-Gelände werden als erstes angefahren. Cool war es, mit hochgezogenen Leinwänden durch Dortmund zu fahren. Als wir auf der B1 bei den Westfalenhallen vorbei fuhren, erklang passende Geigenmusik zum Plakat für ein David-Garrett-Konzert und natürlich gab es Torjubel beim Passieren des Westfalenstadions.

Die weiteren Stationen waren eine Tankstelle an der Rheinischen Straße, der Hafen, ein besonderer Punkt, mit besonderer Sicht auf die Skyline von Dortmund, die Mallinckrodtstraße in der Nordstadt und die Katharinentreppe. Die Fahrt endete am Dortmunder U (auch der Hartware Medien Kunstverein ist Kooperationspartner), wobei es die Möglichkeit gab, zum Megastore zurückgefahren zu werden.

Die beteiligten Künstler sind Danckwart und Kühlein (Berlin), Jens Heitjohann (Berlin), Herborth/Mohren (Stuttgart), Richard Ortmann (Dortmund), Jean Peters und Joel Vogel (Berlin), Marike Splint und Jonathan Snipes (Amsterdam / Los Angeles), Subbotnik (Köln/Düsseldorf). Die Musik stammt von Rasmus Nordholt.

Termine und Tickets unter: http://www.trucktracksruhr.de/de/album/dortmund




Trialog mit dem Domino

"Irrlicher" vom Künstlerinnenensemble "Triple B" (Beringer, Brinkmann-Grempel, Ring).
„Irrlicher“ vom Künstlerinnenensemble „Triple B“ (Beringer, Brinkmann-Grempel, Ring).

Seit anderthalb Jahren bilden Susanne Beringer, Birgit Brinkmann-Grempel und Barbara Ring das Künstlerinnenensemble „Triple B“. Hier erarbeiten die drei Künstlerinnen gemeinsam Werke, die zwischen künstlerischer Individualität und künstlerischem Miteinander liegen. Zu sehen sind aktuelle Arbeiten unter dem Titel „Das Dominokonzept“ in der Galerie Dieter Fischer im Depot, die vom 07.10. bis 23.10 2016 läuft.

Schon in der Ausstellung „von Burgen und Fräulein“ im Torhaus Rombergpark präsentierten sie ihre Spezialität: drei individuelle Einheiten verschmolzen zu einem Ganzen. Jede Künstlerin bearbeitete eine Acrylplatte und daraus entstand eine Einheit oder besser gesagt, eine Dreiheit. Die Durchsichtigkeit ermöglichte es dem Betrachter die Figuren aus unterschiedlichen Positionen zu betrachten. Der Sockel ermöglicht es sogar die einzelnen Platten zu verschieben.

Von diesen Arbeiten sind auch einige in der Ausstellung in der Galerie Dieter Fischer zu sehen. Doch die drei Künstlerinnen haben sich auch weiterentwickelt. Wie Forscherinnen arbeiet sie an neuen Strukturen wie dem Würfel oder konzentrieren sich auf kleinformatige Arbeiten (20×20 cm). Diese kleinen Quadrate werden wie Dominosteine kombiniert. Einem Anlageprinzip folgend reagiert ein Dominostein auf den anderen. Sei es formal, inhaltlich oder farblich. Auch wird darauf geachtet, dass alle drei Beteiligten mit der gleichen Anzahl von Ebenen vertreten ist, quasi eine gerechte Kombination.




Kunst zum Erforschen

Bis zum 13. November 2016 zeigt das Museum Ostwall die Ausstellung „Material und Struktur“ im dortigen Foyer. Rund 900 Schülerinnen und Schüler aus 40 Dortmunder Schulen haben sich mit der Sammlung des Ostwall Museums auseinander gesetzt, sind nach draußen gegangen und haben Farben selber gemischt. Die Ergebnisse sind auf vielen 13×13 cm großen Leinwänden zu sehen.

Es war ein kleines Forschungsexperiment, das Sabine Held für die Kinder vorbereitet hatte. Für jede Schule gab es einen Termin, vormittags von 10 -13:30 Uhr. Die ganze Aktion lief vom April bis September.

Ganz am Anfang stand die Frage: welche Kunstwerke passen zum Thema „Material und Struktur“? Ausgewählt wurde unter anderem George Brechts „Crystal Box“ oder Werke der „Nouveaux Rèalistes“, die mit Alltagsmaterialien arbeiteten. Danach ging es nach draußen in die Umgebung des Dortmunder U. Hier wurden Frottagen von interessanten Oberflächen gemacht und Collagen erstellt und im dritten Schritt Farben selbst hergestellt.




Ausblick auf Faust II

Ein Abend für Steven McRae – der ungekrönte König der Internationalen Ballettgalas zeigte in der 24. Ausgabe am 24. September 2016 wieder, warum ihm das Dortmunder Publikum zu Füßen liegt: Exquisites klassisches Ballett und Stepptanz in Perfektion. Ansonsten bot die Ballettgala wieder einen Querschnitt unterschiedlicher Stile und einen Ausblick auf das neue Ballett von Xin Peng Wang.

Mit „Giselle“, „Scheherazade“ und „Don Quichotte“ kamen die Anhänger des klassischen Balletts auf ihre Kosten, leider verletzte sich Ekaterina Kondaurova bei ihrem ersten Stück am Fuß und daher entfiel ihr zweiter Auftritt nach der Pause. Bei „Don Quichotte“ konnten Iana Salenko und Steven McRae die Zuschauer begeistern.

Doch auch die Beiträge des modernen Tanzes bekamen viel Applaus. Choreograph Marco Goecke war mit „Tué“, getanzt von Drew Jacoby und „Black Swan“, getanzt von Mitgliedern des NRW Juniorballetts, doppelt vertreten. In beiden Stücken ist Goeckes avantgardistische Tanzsprache sichtbar.

Der Kubaner Miguel Altunaga vom Rambert Dance London erzählt in seinen eigenen Stücken viel über Liebe, Verlust und Hoffnung. Seine eigenen Choreografien unterstrichen seine enorme körperliche Beweglichkeit. Nach der Pause gab es erneut einen Auftritt von „Stammgast“ Steven McRae als Steppdancer, die bewies, warum der Titel „I got rhythm“ gut zu ihm passte.

Choreograph Itzik Galili begeisterte bei der 23. Internationalen Ballettgala mit dem Stück „Sofa“. Hier zeigten Alicia Amatriain und Friedemann Vogel vom Stuttgarter Ballett ein herausragenden Tanz mit Licht- und Schattenelementen.

Einen Ausblick auf das neue Stück „Faust II – Erlösung“ von Xin Peng Wang, das am 29.Oktober 2016 Premiere feiert, gab es ebenfalls zu bewundern. Den Schlusspunkt setzte „Cacti“ in der Choreografie von Alexander Ekman. Der Beginn erinnerte ein wenig an Zombiefilme und entwickelte sich zu einer Art Kampf der Tänzerinnen und Tänzer mit ihrem Quadrat.




Mehr Dialog statt Wettstreit

Pia Bohr (links) und Sabine Held im Dialog der Künste.
Pia Bohr (links) und Sabine Held im Dialog der Künste.

Mit dem Begriff „Paragone“ verbindet man in der Kunstgeschichte einen künstlerischen Wettstreit innerhalb der bildenden Künste. In der Galerie Torhaus Rombergpark treten die Malerei (vertreten durch Sabine Held) und die Bildhauerei (vertreten durch Pia Bohr) gegeneinander an. Wer gewinnt? Oder geht es in der Ausstellung „Paragone“ vom 25. September bis zum 16. Oktober 2016 gar nicht ums Gewinnen, sondern eher um den Dialog zwischen den Künsten.

Die Frage der Künstler in der Renaissance und im Barock war: Welche Kunst bildet die Wirklichkeit besser ab? Bildhauerei, Malerei? Doch was ist mit der abstrakten Malerei, die überhaupt nicht den Anspruch hat, die Wirklichkeit abzubilden. Denn Bohr und Held arbeiten beide abstrakt.

So passiert durch den Aufbau der Ausstellung etwas anderes. „Es entsteht ganz viel Kommunikation zwischen den Arbeiten“, erklärt Pia Bohr. Die Bilder von Held hängen an der Wand und viele der Arbeiten von Bohr sind im Raum verteilt. Aber sie stehen dadurch immer in Beziehung zueinander.

Bei soviel Harmonie – was sind denn die Vorteile der jeweiligen Kunst? Für Pia Bohr hat die Bildhauerei drei wesentliche Pluspunkte: Die Haptik, die Dreidimensionalität und das prozesshafte Arbeiten mit dem Material. Für die Malerei führt Sabine Held folgende Argumente ins Feld: Die Farbigkeit, die Farbe frei vom Objekt zu gestalten und die Möglichkeit Geschichten zu erzählen, was allerdings nur für die realistische Malerei gilt.

Wie dem auch sei, einen Sieger wird es nicht geben, es gibt auch keine Medaillen zu gewinnen wie bei den Olympischen Spielen zwischen 1912 und 1948, die beiden Künste teilen sich das Torhaus schiedlich friedlich.

Zur Eröffnung am Sonntag, dem 25. September 2016 wird es einen performativen Dialog durch die Schauspieler Uta und Axel Holst geben.




Liebe oder gesellschaftlicher Aufstieg?

Auch in der Liebe gilt: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. (v.l.n.r. Bettina Lieder,  Frank Genser, Julia Schubert, Christoph Jöde und Max Thommes) Foto: © Birgit Hupfeld.
Auch in der Liebe gilt: Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. (v.l.n.r. Bettina Lieder,
Frank Genser, Julia Schubert, Christoph Jöde und Max Thommes) Foto: © Birgit Hupfeld.

Immerhin geht es trotz Krise den Friseuren anscheinend prima, zumindest in der Inszenierung von „Kasimir und Karoline“ in der Regie von Gordon Kämmerer, die am 18. September im Megastore Premiere hatte. Die Kostüme und Frisuren wirkten leicht skurril und hatten einen leichten Comic-Touch. Hinzu kamen choreografische Elemente, die aus dem tragikomischen Stück eine flotte Unterhaltungspartie machte. Eben wie auf dem Rummel, Glück und Elend liegen eng beieinander und manchmal ist der Partner auf dem Nachhauseweg ein anderer als auf dem Hinweg.

„Kasimir und Karoline“ von Ödön von Horváth spielt in den Jahren der Weltwirtschaftskrise des 20. Jahrhunderts. Aber das Stück kann problemlos in die Jetztzeit verlegt werden, denn Wirtschaftskrise ist immer noch aktuell. Passend zur Jahreszeit spielt das Stück auf dem Oktoberfest. Kämmerer verzichtete – anders als die Düsseldorfer beim Theatertreffen 2014 – auf eine Verortung in heimische Gefilde.

Kämmerer beginnt mit einer Szene aus einem anderen Stück von von Horváth nämlich „GlaubeLiebeHoffnung“, in der eine Frau ihren Körper an die Anatomie verkaufen möchte. Diese Idee ist nicht neu, denn Jette Steckel hat es 2015 im Thalia Theater ähnlich gemacht. Glücklicherweise geht Kämmerer direkt danach straff zum eigentlich Stück über: Kasimir (Ekkehard Freye) und Karoline (Julia Schubert) möchten einen Abend auf dem Oktoberfest verbringen. Die Stimmung ist getrübt, denn Kasimir hat vor einem Tag seinen Job verloren. Kasimirs depressive Stimmung vertreibt Karoline, die mit dem Zuschneider Schürzinger (Frank Genser) eine passende Begleitung kennenlernt. Kasimir hingegen trifft seinen kriminell gewordenen Freund Merkl Franz (Christoph Jöde) mit seiner Freundin Erna (Bettina Lieder). Doch auch das aufkeimende Glück von Karoline wird gestört, als zwei Herren der gehobenen Gesellschaft, Kommerzienrat Rauch (Carlos Lobo) und Landgerichtsdirektor Speer (Max Thommes) ein Auge auf Karoline werfen.

Trotz der leicht schrillen Inszenierung (Jugendlichen wird‘s vermutlich gefallen), strahlt dieses Stück eine melancholische Stimmung aus. Kasimir, auch wenn er am Schluss mit Erna möglicherweise sein Glück und seine Bestimmung findet, muss den Verlust seiner Liebe Karoline verwinden. Karoline ist in gewisser Weise berechnend, denn sie will auf gesellschaftlicher Ebene aufsteigen und schafft es mit Schürzinger. Denn auch Schürzinger tauscht Liebe für Karriere, er überlässt Karoline seinem Chef Rauch für eine Beförderung. So gesehen passen beide gut zusammen.

Kämmerer inszeniert sein Stück passend für einen Rummelplatz. Schrill, laut, rasant (die umgebauten Carts sind ein Hingucker) und strafft den Horváth. So lässt er beispielsweise die menschlichen Kuriositäten wegfallen. Zwar ist der Beginn aus „GlaubeLiebeHoffnung“ in meinen Augen etwas merkwürdig, der zweite eingebaute Text von Horváth, der kleine Monolog „Die Wiesenbraut“ über die Rolle von manchen Mädchen auf dem Oktoberfest, ist aber sehr passend.

Das Ensemble macht einen guten Job, es harmonisiert sehr und es macht Spaß, ihnen beim der Handlung durch das Festzelt mit den riesigen Weißwürsten zu folgen. Musik gibt es in zwei Varianten: Hauptsächlich durch den Elektronik-Musiker Max Thommes, der passende Rummelplatz-Musik einstreut und dem Fanfaren-Corps 1974 Dortmund-Wickede, der für die entsprechende Bierzelt-Atmosphäre sorgt.

Auf dem Rummelplatz sind alle gleich, sagt Kommerzienrat Rauch einmal. Auf den ersten Blick vielleicht, aber es macht schon einen Unterschied, ob man einmal die teure Achterbahn fahren kann oder öfters. Das Stück und die Inszenierung ist eine absolute Empfehlung, vor allem für junges Publikum.

Mehr Infos: www.theaterdo.de

 




Die Demokratie auf wackeligem Fundament

Kaum gewählt wird der Abgeordnete (Sebastian Kuschmann) von der Basis (Dortmunder Sprechchor) in die Mangel genommen. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Kaum gewählt wird der Abgeordnete (Sebastian Kuschmann) von der Basis (Dortmunder Sprechchor) in die Mangel genommen. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Die Französische Revolution ist die Geburtsstunde des modernen Europas. Das Bürgertum emanzipiert sich gegenüber dem Adel und wird endgültig politische Kraft. Die Ideale „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ verbreiten sich über ganz Europa. Den ersten Schritt zur Revolution machten die Generalstände, die sich 1789 zur Nationalversammlung erklärten, mit dem Ziel Frankreich eine Verfassung zu geben. Mit dem Erwachen des Volkes erwachte auch der Volkszorn. In „Triumph der Freiheit #1“ nach dem ausgezeichneten Theaterstück „Ça ira (1) Fin de Louis (La Revolution #1)“ von Joel Pommerat geht es um die ersten Schritte der bürgerlichen Gesellschaft im Kampf um politische Macht. Ein Premierenbericht vom 16. September 2016.

Dass das Stück von Pommerat 2015 viele Preise in Frankreich abgeräumt hat, ist wahrscheinlich der Tatsache geschuldet, dass die Französische Revolution in den Genen der Franzosen verankert ist. Bei uns hier ist das eher ein Thema im Geschichtsunterricht. Je nach Aufmerksamkeit erinnert man sich noch an Namen wie Robespierre oder Danton und die Guillotine. Doch wie hat alles angefangen? Regisseur Ed. Hauswirth und Dramaturg Alexander Kerlin zeigen in ihrer Bearbeitung einen kleinen Politkrimi mit Intrigen, Finten und einem König, der vom Schachspieler zur Schachfigur mutiert. In der Inszenierung steht dabei nicht die historische Exaktheit im Mittelpunkt, sondern die Referenzen auf die Jetztzeit. Und davon gibt es mehr als uns lieb sein kann.

Bereits der Beginn ist hochaktuell: Frankreich ist 1789 so gut wie pleite. Staatsbankrott droht. Der Premierminister (gespielt von Andreas Beck) hat einen revolutionären Plan: Alle sollen sich gleichermaßen an den Staatsfinanzen beteiligen. Das kommt bei den privilegierten Ständen von Klerus und Adel gar nicht gut an. Eine Reichensteuer? Unvorstellbar! Daher verlangt der Adel die Einberufung des Generalstände, die seit über 150 Jahren nicht mehr getagt haben. Die einzelnen Stände sollen fein säuberlich getrennt tagen. Schnell ist den Abgeordneten des dritten Standes (Bürgertum) klar, dass sie nur Staffage sind und keinerlei politische Macht bekommen sollen. Die Unzufriedenheit wächst. Aus die Versammlung der Generalstände wird zur Nationalversammlung erklärt. Auf der Seite des Königs wie auch auf der Seite des Volkes wächst die Radikalität.

Ein Historienstoff im modernen Kostüm. Auch wenn das barocke Element in Kleidung oder Haartracht aufgenommen wurde, es wurde oft mit Ereignissen aus der Jetztzeit kombiniert. Der König (Uwe Rohbeck) wird per Videokonferenz zugeschaltet, bei der Berichterstattung über die Pariser Krawalle läuft ein Nachrichtenticker wie bei N24, die Ansprache des Königs auf dem Smartphone ist eine Reminiszenz auf eine ähnliches Ereignis nach dem Putsch in der Türkei.

Doch im Mittelpunkt des Stückes stehen die Diskussionen bei den Vertretern des Dritten Standes. Schon bald macht sich eine Radikalisierung und Aufspaltung in verschiedene Fraktionen breit, deren Gräben immer tiefer werden. Lefranc (Marlena Keil), ist eine radikale Politikerin, die die

Unzufriedenheit des Volkes schürt und mit geheimen Todeslisten arbeitet. Dem Vertreter Carray (Sebastian Kuschmann) wird Verrat an den Zielen des Volkes vorgeworfen. Er bekommt, auch eine kleine Anspielung, eine Torte ins Gesicht. Der Kampf zwischen Gemäßigten wie Gigart (Uwe Schmieder) und Boberlé (Caroline Hanke) und den radikalen Vertretern verläuft nicht immer starr. Es gibt Koalitionen und Zerwüfnisse je nach Entwicklung der Ereignisse.

Ein weiteres Thema in dem Stück spielt die Flüchtlingsproblematik. Hier sind sie keine Bootsflüchtlinge, sondern ausländische Soldaten, die für die Staatsmacht das aufständische Volk bekämpfen. Die Aufstände werden unter dem bekannten Schlachtruf „Wir sind das Volk“ begleitet. Hier verliert die junge Demokratiebewegung auch ihre Unschuld, indem sie gefangene Soldaten töten lässt.

Ein gelungenes Element im Stück war die Bühne. Sie stand in der Mitte des Raumes und war wie eine riesige rechteckige Wippe. Auf großen Federn gelegen zeigte sie die Fragilität der Demokratiebewegung, der Schritt ließ die Bühne in eine andere Richtung kippen.

Die Schauspieler inklusive des Dortmunder Sprechchors zeigten eine sehr kompakte Vorstellung. Herauszuheben ist Uwe Rohbeck als König, der vom mutmaßlichen Entscheider zum Getriebenen wird und trotz des Mantras „Wir schaffen das schon“ am Ende allein da steht. Ein bitteres Bild zum Schluss, als sich alle Figuren von ihm wegdrehen.

„Triumph der Freiheit“ ist mit Sicherheit mehr politisches Theater als historisches. Historische Genauigkeit stand nicht im Zentrum des Stückes, sondern die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und die haben manchmal erschreckende Parallelen zum Heute. Es lohnt sich, dieses Stück anzusehen, denn es wird nicht nur gezeigt, was passiert, wenn die Büchse der Pandora (Volkszorn) geöffnet wird, sondern auch wie Politik in den Hinterzimmern funktioniert.

Weitere Infos unter www.theaterdo.de




Auf dem Rummelplatz sind alle gleich

Kasimir (Ekkehard Freye) in schlechter Gesellschaft mit Merkl Franz (Christoph Jöde) und Dem Merkl Franz seine Erna (Bettina Lieder). (Foto: © Birgit Hupfeld)
Kasimir (Ekkehard Freye) in schlechter Gesellschaft mit Merkl Franz (Christoph Jöde) und Dem Merkl Franz seine Erna (Bettina Lieder). (Foto: © Birgit Hupfeld)

Oder auch nicht. In Ödön von Horváths Drama „Kasimir und Karoline“ geht es für die Protagonisten um die Frage, welchen Platz sie in der Gesellschaft einnehmen und ob die Liebe die Unterschiede ausgleichen kann. Premiere des Stückes in der Regie von Gordon Kämmerer ist am 18. September 2016 um 18 Uhr im Megastore.

Kasimir hat seinen Job als Chauffeur verloren, aber seine Verlobte Karoline möchte gerne auf den Rummelplatz, um für einen Abend die Sorgen des Alltags zu vergessen. Doch geht das überhaupt? Der Rummelplatz ist zwar ein Ort, bei dem die Standesunterschiede verwischen, ähnlich vielleicht wie im Fußballstadion, aber ganz verschwinden sie nicht.

Von Horváth hat das Stück kurz nach der Weltwirtschaftskrise geschrieben, es wurde 1932 aufgeführt. Doch von seiner Aktualität hat es bis heute nichts verloren.

Freuen können sich die Zuschauer auf den Musiker Max Thommes, der auch eine Rolle im Stück übernimmt und den Fanfaren-Corps 1974 Dortmund-Wickede, der für die entsprechende Rummelplatz-Musik sorgen wird.

Neben der Premiere am 18. September gibt es weitere Vorstellungen am 25. September, 01., 15. und 26. Oktober, 03., 11. und 18. November, 08. Januar 2017, 26. Februar 2017 und 05. Mai 2017. mehr Informationen unter www.theaterdo.de




Ça ira oder „Wir schaffen das“

Die königliche Familie: Uwe Rohbeck, Leonhardt Walkenhorst und Friederike Tiefenbacher. (Foto: © Birgit Hupfeld)
Die königliche Familie: Uwe Rohbeck, Leonhardt Walkenhorst und Friederike Tiefenbacher. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Mit „Ça ira (19 Fin de Louis (La Révolution #1)“ hat Joël Pommerat das Stück des Jahres 2015 in Frankreich geschaffen. Das Schauspiel Dortmund zeigt eine Bearbeitung unter dem Titel „Triumph der Freiheit #1“, die am 16. September 2016 im Megastore um 19:30 Uhr Premiere feiert. Im Mittelpunkt stehen die Anfänge der französischen Revolution, die die Geburtsstunde des modernen Europas sind. Regie führt Ed. Hauswirth.

Mit einer Schuldenkrise fängt das Stück an. Nein, nicht Griechenland, 1788 ist der französische Staat zahlungsunfähig. Der König versucht nun, die Generalstände einzuberufen und den Adel sowie den Klerus davon zu überzeugen, sich an den Kosten des Staates zu beteiligen. Doch die privilegierten Stände lehnen ab und sorgen somit für politischen Zündstoff. Der dritte Stand, Bürger und Bauern, radikalisiert sich zusehends.

Es wird kein historischen Kostümtheater“, verspricht Dramaturg Alexander Kerlin. Die Atmosphäre wird vielmehr der Serie „House of Cards“ ähneln, so Kerlin. Also wird der Zuschauer in die Hinterzimmer schauen können. „‘Triumph der Freiheit‘ ist politisches Theater, aber unterhaltsam“, fasst der Dramaturg den Charakter des Stückes zusammen.

Neben zehn Schauspielern des Ensembles sind drei Videokünstler, der musikalische Leiter Tommy Finke und der Dortmunder Sprechchor mit dabei.

Die ersten beiden Aufführungen sind bereits ausverkauft, für die dritte Vorstellung am 09. Oktober sind bereits die Hälfte der Karten verkauft. Weitere Vorstellungen sind am 27. Oktober sowie am 04. und 12. November 2016. weitere Informationen unter www.theaterdo.de