Winterreise – eine Wanderung, die mehrere Sinne anspricht

Ein multisensuales Poem nach dem Stück von Elfriede Jelinek im Studio des Schauspielhauses

Das Zucken des Lichts trifft das Auge. Der Donner ist mit dem ganzen Körper spürbar. Taube und Hörende können das Gewitter erleben. Im Publikum sitzen sie nebeneinander und folgen den fünf Wanderinnen und Wanderern auf ihrer Winterreise durch die Zeit und die Zeiten. Sturm, Schmerz, Tränen – Gefühle streifen durch ein Bühnenbild mit Wasserbecken, Windmaschinen und einem umgestürzten Mobilfunkmast. Im Hintergrund eine Projektionsfläche.

Ausgangsbasis ist die Winterreise von Franz Schubert, ein Liederzyklus aus dem Jahr 1827, in dem er vierundzwanzig Gedichte von Wilhelm Müller vertonte. Vielfach interpretiert und aufgenommen, finden sich Elemente daraus bereits in verschiedenen Werken, z. B. in einem Film von Hans Steinbichler oder dem Stück „Baal“ von Brecht. Auch eine Übersetzung der Lieder in österreichische Gebärdensprache gibt es.

Die Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek ließ sich in den 2010er Jahren inspirieren und erhielt für ihre „Winterreise“ den Mülheimer Dramatikerpreis im Jahr 2011.

v.l.n.r.: Rafael-Evitan Grombelka (Gast), Linda Elsner, Eyk Kauly (Gast), Roberto Romeo und Marlene Goksch©Birgit Hupfeld
v.l.n.r.: Rafael-Evitan Grombelka (Gast), Linda Elsner, Eyk Kauly (Gast), Roberto Romeo und Marlene Goksch
©Birgit Hupfeld

Die Mitglieder des Ensembles des Dortmunder Schauspielhauses, Linda Elsner, Marlene Goksch, Roberto Romeo und die Gäste Eyk Kauly – Deaf Performer, Schauspieler und Leiter des Deutschen Gehörlosentheaters – sowie Rafael-Evitan Grombelka arbeiten gemeinsam mit dem Regisseur Zino Wey mit Jelineks Text. Hörende und Taube interpretieren und finden neue Formen des Ausdrucks für diese „Partitur der Einsamkeit“. Gesprochen und gebärdet, vieles passiert auch ganz ohne Worte. Gefrorene Tränen werden auf die Gesichter geklebt. Im Wasserbecken stehend, mit Gewändern aus silbernen Bändern, entsteht die Illusion von fließendem Wasser. Wind jagt flatternde Fahnen. Einprägsame Bilder.

Dazwischen Liedfetzen von Schubert und Jelineks Worte. „Vorbei. Das Vorbei ist immer vorbei. Es kann anders kommen, man kann mit ihm mitgehen, aber vorbei ist vorbei.“ Die Liebe ist vorbei, verloren steht man in der Weite. Ein Zurück ist nicht möglich. Aber wohin? Allgemeingültig bleibt diese Suche über die Jahrhunderte.

Aber der Mobilfunkmast spielt auch seine Rolle. Sie wandern ohne Netz. Wieder ein eindrückliches Bild mit Mobiltelefonen auf der Suche nach Empfang. Die Geräte beleuchten die Gesichter aus der Nähe (verbaute LEDs machen es möglich). Individuell, aber kollektiv auf der Suche nach Liebe und Verbindung. Im Internet scheinbar so einfach. Aber auch das Verlassen und Weiterziehen sind naheliegende Optionen. Nur eine Spur. Und wieder vorbei.

Anklänge an Jelineks Lebensgeschichte finden sich insbesondere in dem Ausschließen des Vaters, aber dazu muss man tief eintauchen. Ihr Vater war in seinen letzten Lebensjahren dement. Der Text wirkt auch für sich. „Wandern im Vergessen“ ist die Passage betitelt.

Zino Wey zeichnet für Regie und Bühne verantwortlich, Pascale Martin für die vielfältigen Kostüme. Musik mit Lukas Hübner und Dramaturgie und Access-Dramaturgie in der Verantwortung von Sabrina Toyen und Franziska Winkler. Eine Einführung fand in Gebärdensprache mit Untertiteln im sog. „Institut“ eine halbe Stunde vorher statt.

Vor Lichtreizen und lauten Basstönen, die in den Körper dringen, wird gewarnt, es ist aber gut anzunehmen und unterstützt das „multisensuale Poem“. Ein eindrückliches, intensives Schauspiel mit und ohne Ton, eine insgesamt lohnenswerte Inszenierung, die sich für Hörende und Taube gleichermaßen eignet. Langanhaltender Applaus belohnt das Ensemble nach rund siebzig Minuten.

Weitere Aufführungen folgen, zum Beispiel am 28. und 29. März.

 

Alle Termine unter www.theaterdo.de




Schuberts „Winterreise“ in einer besonderen Bearbeitung mit Daniel Behle

Startenor Daniel Behle begeistert erneut beim KLANGVOKAL Musikfestival

Am 17. November 2024 war Startenor Daniel Behle beim KLANGVOKAL Musikfestival im Dortmunder Reinoldihaus zu Gast. Der vielseitige Künstler, bekannt für seine Innovationsfreude, präsentierte eine außergewöhnliche Interpretation von Franz Schuberts Winterreise (op. 89, D 911), einem der bekanntesten Liederzyklen der Romantik mit Texten von Wilhelm Müller. Diesmal brachte er eine Bearbeitung für Tenor und Klaviertrio mit auf die Bühne, die er selbst arrangiert hat.

An seiner Seite musizierten Oliver Schnyder (Klavier), Andreas Janke (Violine) und Benjamin Nyffenegger (Violoncello). Diese Besetzung verlieh den 24 Liedern der Winterreise eine zusätzliche Klangdimension und hob besonders den Reichtum der Klavierstimme hervor. Die erweiterte Fassung, die Schubert aus den ursprünglich 12 „Wanderliedern“ zu einem umfassenden Liederzyklus ausbaute, wurde so in neuem Glanz präsentiert.

Ein musikalischer Zyklus voller Tiefe und Romantik

Die düstere, oft melancholische Grundstimmung der Winterreise ist eng mit ihrem zentralen Thema verknüpft: der Liebe, oder genauer gesagt, der unglücklichen Liebe eines Wanderers. Der Zyklus pendelt zwischen der Sehnsucht nach Erfüllung und der bitteren Enttäuschung über unerwiderte Gefühle. Die Lieder, geprägt von Wehmut, Schmerz, Einsamkeit und Visionen von Tod und Erlösung, ziehen das Publikum in ihren Bann. Besonders bekannt ist das Lied Der Lindenbaum, das als Symbol für Trost und Erinnerung gilt.

Tenor Daniel Behle mit dem Oliver Schnyder Trio. (Foto: (c) C. Spitzner)
Tenor Daniel Behle mit dem Oliver Schnyder Trio. (Foto: (c) C. Spitzner)

Das Wandermotiv spiegelt den romantischen Zeitgeist wider, in dem das Gehen durch die Natur als Heilmittel für seelische Wunden und als Aufbruch zu Neuem betrachtet wurde. Schuberts Kompositionen, überwiegend in Moll-Tonarten gehalten, unterstützen dieses Gefühl durch langsame, regelmäßige Rhythmen, die den Eindruck einer gleichmäßigen Wanderbewegung verstärken.

Daniel Behle und sein Ensemble beeindrucken mit emotionaler Tiefe

Daniel Behles facettenreiche Stimme brachte die Tiefen und Nuancen von Schuberts Musik eindrucksvoll zum Ausdruck. Darüber hinaus setzte er Gestik und Mimik gezielt ein, um die emotionale Wirkung zu verstärken. Das Zusammenspiel mit seinen musikalischen Partnern – Schnyder, Janke und Nyffenegger – war harmonisch und präzise. Gemeinsam schufen sie ein Klangerlebnis, das das Publikum von der ersten Note bis zum tragisch-romantischen Schlusslied Der Leiermann in den Bann zog.

Diese Interpretation von Daniel Behle hat bewiesen, dass Schuberts Winterreise auch in dieser besonderen Besetzung nichts von ihrer emotionalen Intensität verliert und immer wieder neu fasziniert. Ein Höhepunkt des Musikfestivals, der nachhaltig in Erinnerung bleibt.