Those were the days oder wie man eine Axt archiviert

Im altehrwürdigen Schulte-Witten-Haus mit seinen holzvertäfelten Wänden ist eine Axt vielleicht eine potenzielle Gefahr. Hier ruht sie an diesem Abend, mehr schlecht als recht, in einem standardisierten Archivkarton und wirft Fragen auf.



Die Theaterinstitution ohne Haus – artscenico e. V. performing arts – hat eingeladen zu einem Performance-Abend, der die repräsentativen Räume im Erdgeschoss des Schulte-Witten-Hauses bespielt. Das Publikum wird in den ersten Raum geführt und erhält einen Einblick in das gesammelte Material des prägenden Kopfes von artscenico, des 2024 verstorbenen Rolf Dennemann, der 1991 diesen Verein mitgründete, neben den Produktionen auch für diverse Festivals verantwortlich zeichnete, z. B. den Theaterzwang, heute „favoriten“, und bis zu seinem Tod der künstlerische Leiter war.

Fotos, an die Wand projiziert, zeigen einen überfüllten Lagerraum. Im Kontrast dazu die säurefreien Archivkartons, von denen es im Fritz-Hüser-Institut vierundachtzig Stück mit Material von artscenico gibt. Einen Einblick in die Archivarbeit vermittelt Anna-Luise Binder. Wie archiviert man eine Axt? Wie hält man mehr als einhundert Produktionen für die Nachwelt fest? Und bei welcher hat die Axt denn nun mitgespielt?

Performance-Abend über artscenico: Wie archiviert man eine Axt? Foto von Martina Bracke.
Performance-Abend über artscenico: Wie archiviert man eine Axt? Foto von Martina Bracke.

artscenico ist immer noch artscenico. Und so geht die nächste Station filmisch über die Leinwand. Erst im dritten Raum wird es theatral, wenn Matthias Hecht und Sascha von Zambelly Poetisches aus der Loseblattsammlung von Rolf Dennemann vortragen. Endlos könnte man lauschen, was alles „schön“ ist. Vieles. Ein Bergsee mit nur einer einzigen Forelle im Mondlicht beispielsweise. Schön kann es überall sein, schön kann fast alles sein, man muss es nur sehen können. Oder sich so schön vortragen lassen von zwei Schauspielern. Wie auch das Manuskript für einen Kurzfilm, der noch zu drehen wäre.

Aber bei den Performances von artscenico wurde auch immer getanzt. Folgerichtig erwartet das Publikum im nächsten Saal eine Tanzepisode: Elisa Marschall hüllt sich kunstvoll in Bandagen ein.

Im schönsten Raum des Hauses, dem blaugekachelten Salon, folgen ein paar Anekdoten mit einer über neunzigjährigen Ikone aus Wuppertal: Lore Duwe-Scherwart, die für artscenico auf Brachen in „Strawberry Fields“ spielte oder mit nach Łódź reiste, dort unverhofft deutsche Volkslieder vortrug und die Herzen des polnischen Publikums damit gewann. Zum Glück sind noch Protagonisten da, die Fragen der Wissenschaftler*innen beantworten können – wie Berthold Meyer, der durch den Abend führt.

Das ganze Ausmaß des internationalen Engagements von artscenico und Rolf Dennemann wird wieder streng wissenschaftlich sichtbar. Material aus den echten Archivkartons zeigt plakativ eine illustre Sammlung von Festivalbändchen oder auch Urkunden für Inszenierungen in anderen Ländern, einiges auch aus Ungarn, gern aus Dortmunder Partnerstädten, denn die freie Szene ist oft zur Stelle, wenn es um den partnerschaftlichen Städteaustausch geht. Lebendig, zum Greifen nah ist das Material. Aber ab jetzt bitte nur mit Baumwollhandschuhen anzufassen.

Während die Protagonisten ihre Schonhandschuhe wieder ausziehen, streift auch die Tänzerin im Hof des Hauses rund um den Brunnen ihre Bandagen kunstvoll wieder ab.

Ein informativer Abend, ein performativer Abend, ein Abend für Insider und alle, die einen Blick darauf erhaschen wollten, was die freie Theaterszene im Ruhrgebiet so bieten kann. Mit oder ohne Haus. Auf jeden Fall mit technischer Unterstützung aus einem Haus, dem Theater im Depot. In einem wirklich schönen Schulte-Witten-Haus.

Nur die Axt wandert leise und still zurück ins Fritz-Hüser-Institut und gibt vorläufig weiterhin Rätsel auf.

www.artscenico.de – Performing Arts

www.dortmund.de/fhi – Fritz-Hüser-Institut für Literatur und Kultur der Arbeitswelt

www.theaterimdepot.de

www.favoriten-festival.de – wieder im Oktober 2026