In der Übersetzung verlorengegangen – Aşk (Liebe)

Das türkische Wort „Aşk“ kann man im Deutschen mit „Liebe“ übersetzen, doch dann geht einiges von den Nuancen des Wortes verloren – es ist „Lost in Translation“ wie der komplette Titel des deutsch-türkischen Stückes heißt. „Aşk – Lost in Translation“ begibt sich auf die Suche nach den unterschiedlichen Bedeutungen dieses kleinen Wortes. Sinem Süle und Aydın Işık wühlen sich im Theater im Depot gemeinsam durch die ost-westliche Literatur. Begleitet wurden sie von Kemal Dinç mit seiner Bağlama. Regie, Texte und künstlerische Leitung hatten Ayşe Kalmaz und Kemal Dinç.



„What is love?“ sangen bereits Howard Jones in den 80ern und Haddaway in den 90ern. Unzählige Lieder über die Liebe wurden getextet und komponiert. Doch die Frage ist ja, was für eine Art „Liebe“ ist „Aşk“? Ist es das körperliche Begehren nach einer anderen Person, oder kann es auch die Liebe zu einer Idee oder ähnlichem bedeuten. So gibt es den Begriff der „Agape“, die selbstlose, nicht sinnliche Liebe, im Gegensatz zu „Eros“, dem sinnlichen Verlangen.

Sinem Süle und Aydın Işık auf der Suche nach der Bedeutung von "Aşk". (Foto: (c) Kalmaz / Dinç)
Sinem Süle und Aydın Işık auf der Suche nach der Bedeutung von „Aşk“. (Foto: (c) Kalmaz / Dinç)

So diskutieren und streiten Süle und Işık über die verschiedenen Bedeutungsebenen und machen für mich eines deutlich: Der Job eines Übersetzers ist nicht ohne. Denn ohne den richtigen Zusammenhang, kann in der Übersetzung einiges an Feinheiten verloren gehen. Das ist etwas, an dem Übersetzungsprogramme trotz immer besser werdender KI scheitern. Hier ist immer noch der Mensch gefragt, der durch sein Wissen und seine Erfahrung Begriffe richtig einordnen kann.

Das 60-minütige Stück war sehr kurzweilig und hatte mit Kemal Dinç auch jemanden, der musikalische Highlights setzen konnte. Ein vergnüglicher ost-westlicher Ritt durch die Literatur.




BOYBAND – wann ist ein Mann ein Mann

Das Theaterkollektiv notsopretty, in Kooperation mit dem Ringlokschuppen Ruhr, führte das Stück über Männlichkeit, männliche Sexualität und die gesellschaftliche Stellung des Mannes in Theater im Depot in der Immermannstraße 29 auf.



Eine Boygroup oder Boyband (englisch boy band) ist eine Popgruppe mit ausschließlich männlichen Mitgliedern im Teenager- und Twen-Alter, die oft auch synchron zum Gesang tanzen. Nicht unter diesen Begriff fallen für gewöhnlich rein männliche Bands, deren Mitglieder Instrumente spielen

Bereit zum Auftritt: Die Boyband. (Foto:  (c) Anne Spindelndreier)
Bereit zum Auftritt: Die Boyband. (Foto: (c) Anne Spindelndreier)

Die Bezeichnung, Boygroup oder Boyband, wird erst seit den 1990er-Jahren verwendet, auch wenn das Konzept der analog zu Girlgroups meist von Managern oder in einem Casting zusammengestellten Gruppen bereits früher erfolgreich war. So in den 1960ern die Monkees, in den 1970ern die Bay City Rollers und die New Kids on the Block in den 1980ern, übrigens produziert in Deutschland, in Herne. Dann kamen die geradezu identisch konzipierten Gruppen wie Take That, East 17, Worlds Apart, Backstreet Boys, *NSYNC (beide letzteren Lou Pearlman) und Caught in the Act. Mitte der 1990er-Jahre wurde der Begriff Boygroup im deutschen Sprachraum geläufig. In der ersten Hälfte der 2010er-Jahre war One Direction international erfolgreich, in der zweiten Hälfte war vor allem die südkoreanische Gruppe BTS bis heute populär. Gecastet Boygroups und der K Pop sind seit den 1980ern vor allem in Asien sehr erfolgreich. Seit den 2010er-Jahren zunehmend weltweit.

Eine Besonderheit von Boygroups ist ihr kommerzieller Charakter, da sie auf die Zielgruppe der weiblichen Teenager ausgerichtet sind. Daneben bedienen die Boygroups auch die LGBTQIAplus community, aber ohne das zu verbalisieren. Und leider werden Gruppenmitglieder, die gay sind, daran gehindert sich zu outen, weil es die weiblichen Fans verschrecken würde … was eher eine calvinistische Prüderie ist als eine Tatsache. Zumal Boylove Filme und Mangas gerade unter weiblichen Lesern und Zuschauern größter Beliebtheit erfreuen.

Die Musik folgt aktuellen Trends, Satzgesang ist typisch. Ein Musikproduzent überwacht das Gesamtkonzept von der Musik über die Choreografien bis zum Image. Oft lösen sich Boygroups nach einigen Jahren wieder auf, wenn ihre Fans das Teenager-Alter verlassen haben oder eine neue Gruppe vermarktet werden soll, wobei aber einzelne Mitglieder durchaus auch Solo-Karrieren durchlaufen und sich, wie Robin Williams, dauerhaft etablieren können. Die koreanische K Pop Gruppe BTS ist hier eine herausragende Ausnahme, weil sie länger stabil im Markt blieben; Kulturbotschafter Koreas sind und jetzt in eine „Militärpause“ gehen, da sie ihre Militärpflicht erfüllen müssen.

Soweit der Exkurs, nun zum Stück. Es beginnt mit Versatzstücken aus Gesprächen und Fragen an die Protagonisten. Oberflächlichkeiten, die an Instagram-Posts erinnern, sie bleiben unbeantwortet. Wie die unerfüllten Liebessehnsüchte ihrer Fans. In diesen Fragen schwingen Sex und Homoerotik offen und unterschwellig mit. Und über allem schwebt die Frage, was ist das Konzept „Mann“ eigentlich, wie definiert sich ein „Mann“, wie muss oder soll er sein?

Wie toxisch das Konzept Mann ist, wird im Lauf des Stückes immer deutlicher. Ohne dabei an den derzeitigen Krieg zu denken, wo russische Soldaten und Wagner Söldner die in Russland gelebte toxische Männlichkeit „ausleben“, inklusive Vergewaltigung.

Wie schnell diese toxische Männlichkeit, deren Vertreter meine Grandmère immer mit „Männekens“ bezeichnete, gefährlich abgleiten kann, wird im weiteren Verlauf des Stückes von den Protagonisten gut herausgearbeitet und dargestellt.

Im Stück bleibt es nicht bei der Anklage, sondern es wird eine Lösung angeboten, die gerade unsere AltRight Helden im Reichsbürger- und Blut und Boden Wahn auf die hier nicht wachsenden Palmen treibt. Die das Gendern der Sprache, am alten Männlein-Konzept festhaltend, kategorisch ablehnen und dafür einen in Russland, durch einen gewissen Dugin, pervertierten Begriff verwenden, der eigentlich aus der Afro-Community der USA kommt: „woke“. Damit wird alles abgelehnt, was nicht konservativ „männlich“ ist, beginnend beim Gendern, über Trans-Menschen und am Ende alles was LGBTQIAplus ist sowie einfühlsame, sensible Männer, die sich erlauben auch Gefühle zu zeigen.  Der Ausspruch, dass alle Wölfe sein müssen, wabert in den Köpfen der AltRight (Faschisten/NAZIs) vor sich hin. Wo das endet, sieht man in der Ukraine und vor 90 Jahren hier in Deutschland.

Woke entstand im Übrigen in den 1930 in den USA unter der Afroamerikanischen Bevölkerung, die sich für Demokratie, Teilhabe, Bildung, Weltoffenheit und Menschenrechte interessierten.

Die drei Schauspieler, David Martinez Morente, Lars Nichtvontrier und Felix Breuel, schwirren zum Höhepunkt im „transparenten“ Drag als geschlechterübergreifende, fluide Individuen auf der Bühne umher und reißen das Publikum mit in den Strudel.

Zum Ende hin wird deutlich, wie sehr Männlichkeit ein Konstrukt ist, in das wir als Männer und Frauen, die Weibchen in dem primatösen Konzept, hinein geordnet und erzogen werden. Ein toxisches Konzept, das schon Herbert Grönemeyer mit „Wann ist man ein Mann?“ hinterfragte.

Eine Buchempfehlung zum Thema Boygroup/-band

Georgina Gregory: Boy Bands and the Performance of Pop Masculinity. Routledge, New York / London 2019, ISBN 978-1-138-64731-2.

Konzept / Künstlerische Leitung        notsopretty

Video                                                  Pooyesh Frozandek

Technik                                              Nils Hestermann

Outside Eyr                                        Miriam Michel

Grafikdesign                                      Viviane Lennert

Fotographie                                       Anna Spindelndreier




Eine queere Geistergeschichte

Mit „Tanz der Krähen“ zeigte das Theater im Depot am 24. und 25. Februar eine Produktion des Queeren Theater Kollektivs. Ars tremonia war am 24. Februar dabei und hat sich zwar nicht gegruselt, aber dafür viel über queere Lebenswelten erfahren.



„Tanz der Krähen“ basiert lose auf den Kurzgeschichtenband „Die Geisterjägerin“ von Chris* Lawaai. In einer Welt, die voller Magie ist, mit Tarotkarten und natürlich mit Geistern.

Kann sich noch jemand an den Aufschrei erinnern, als eine Neuauflage des „Ghostbuster“-Films erschien, weil die Protagonisten Frauen waren? Das Theaterstück dreht die Schraube nochmals weiter. Die Hauptfigur Robyn (keine Pronomen) identifiziert sich als genderfluid, demisexuell und demiromantisch. Stilsicher und in der Magie versiert, führt Robyn das familiäre Geschäft mit dem Übernatürlichen auf die eigene Art weiter. Eine weitere Hauptfigur Sammi (they/them) identifiziert sich als nicht-binär, androsexuell und mit emotionaler Anziehung. Sammi bezeichnet sich selbst als Geisterjäger*in und hat dabei eine besondere Bindung zu zwei Krähen. Hinzu kommt Cael, er identifiziert sich als androgyn, pansexuell und panromantisch. Hat aber ein Problem: Er ist tot und taucht als Geist auf dem Smartphone auf.

Es gibt bereits Filme, die sich dem Thema Geister auf Smartphones widmen, wie beispielsweise „Unfriended“ von 2014, aber die Geschichte orientiert sich eher an „klassischen“ Künsten, die dem Wicca-Kult“ ähneln. Es gibt Rituale mit den vier Elementen, Tarot-Karten, Kräuterbehandlungen und Tiermagie.  

Unterbrochen wurde das Stück durch kleine Choreografien, bei denen die Darstellenden ihre Gedanken zu emotionaler Nähe und Beziehungen ausdrücken.

Die Aufführung bestach nicht so sehr mit dem Gruselfaktor, sondern mit Informationen über queere Lebenswelten. Hier erfuhren die BesucherInnen einiges über nichtbinäre Geschlechteridentitäten, Demiromantik oder der chosen familiy.

Besonders gefiel mir die Bühne, die mit weißen Bannern gefüllt war. Auf diesen Bannern wurden Filme und Bilder projiziert und es gab eine Art Schattentheater.

Auf der Bühne standen Nys (Robyn), Francis Siefer (Sammy), Johanna Angona, Emir Ersoy, Nikola Asif, Lisa und Markus.




Theater im Depot startet wieder

Nach langer Zeit, wegen Umbau und Wechsel in der Führungsetage, öffnet das Theater im Depot wieder seine Pforten für die Spielzeit 22/23. ars tremonia sprach mit dem künstlerischen Leiter Jens Heitjohann über das Programm, neue Ideen und was geblieben ist.

Das Theater im Depot war ein wichtiger Spielort für die freie Theaterszene in Dortmund und Umgebung, das wird bleiben, aber die Ausrichtung wird überregionaler und internationaler.



Das zeigt sich zu Beginn, denn die Spielzeiteröffnungspremiere gehört der nordirischen Choreografin Oona Doherty, die am 02.09 und 03.09.22 die mit „Hope Hunt and the Ascension into Lazarus“ einen tänzerischen Parforceritt inszeniert.

Das transnationale Ensemble Labsa zeigt mit „Sorry, ich muss schlafen“ den Schlaf als Akt des Widerstandes, als subversive Aktion. Bei den beiden Abenden im Theater (09.09. und 10.09.22) sind die Besucher*innen herzlich eingeladen, mitzuwirken, Träumen zuzuhören und selbst welche zu erzählen, im „Call Center für Träumer:innen und Nicht-Träumer:innen“ Fragen zu stellen oder beherzt nix zu tun und auch jeder Zeit seine Meinung zu ändern.

Auch das FAVORITEN Festival macht vom 15.09. bis zum 25.09. Halt im Theater im Depot mit verschiedenen Stücken.

Im Oktober dreht sich dann alles um Afrika. Ein Autor aus Brazzaville wird ein klassisches Ein-Personen-Stück aufführen, während Robert Ssempijja dem zeitgenössischen modernen Tanz verbunden ist.

Der November wird zornig. Rolf Dennemann von „artscenico“ präsentiert ein neues Stück, aus Köln kommt Eva-Maria Baumeister und ebenfalls aus Köln kommt Björn Gabriel mit einer neuen Interpretation von Büchners „Lenz“.

Im Dezember übernehmen die Hexen das Kommando. Aus feministischer Sicht beleuchten „Hexpistols“ das Phänomen. Was bleibt: das Weihnachtsmärchen und „Aschenbrödel“.

Der Januar setzt sich weiter mit dem Thema Feminismus aus unterschiedlichen Perspektiven auseinander. Das Sepidar Theater präsentiert ein Stück zu „Femizid“ und „Das dritte Narrativ“ tanzt mit einem Hijab.

Im Februar wird es das erste Projekt eines queeren Ensembles geben, Birgit Götz wird mit 4D ein Tanzprojekt zu „Frauenrollen in Horrorfilmen“ machen.

Was im Februar auf den Fall stattfinden soll, ist die „Versammlung der Versammelten“.  In dieser künstlerischen Konferenz soll ein direkter Austausch aller Akteure stattfinden, die an der programmatischen Arbeit des Theaters partizipieren wollen. Ziel sei auch, das alle Beteiligten gleichberechtigt sind.

Weitere Projekte sind in Planung.

Das Theater im Depot hat auch einen Augmented Reality-Raum, in denen zwei Residenzkünstler*innen Workshops zum Thema anbieten und im April ein eigenes Stück vorstellen. Es gibt eine enge Zusammenarbeit mit der Akademie für Theater und Digitalität.

Zur neuen Internetseite des Theaters im Depot: https://www.theaterimdepot.de/de




Kontinentaldrift als Theaterstück

Wir können in sekundenschnelle Nachrichten von Europa nach Australien verschicken, fliegen in hoher Geschwindigkeit von A nach B und auch sonst ist unsere Zeit eher von Hektik geprägt. Ein Beispiel könnten wir uns an den Kontinentalplatten nehmen. Sie bewegen sich langsam, sehr langsam. Entweder voneinander weg oder aufeinander zu, es kommt vor, dass sie sich berühren und es in Folge zu Erdbeben und Vulkanausbrüchen kommt.

Doch ich war bei keiner geologischen Veranstaltung, sondern habe am 08. Oktober 2021 die Premiere von „körper kontinent/kontinent körper von dorisdean im Theater im Depot geschaut. Mit dabei waren von dorisdean Patrizia Kubanek, Anna Júlia Amarel, Philipp Hohmann und Natasha Padilha.

Ein besonderer Fokus der freien Performance-Kompagnie liegt darauf, dass möglichst viele Menschen mit verschiedenen Einschränkungen der Theatervorstellung folgen können. So wurde die Vorstellung der Akteure zu Beginn nicht nur auf Deutsch, sondern auch auf Englisch oder Spanisch gemacht. Oft wurde erzählt, was die Schauspieler*innen gerade tun und wo sie sich auf der Bühne befinden. Eine sehr gute Aktion, die Blinden oder stark Sehbehinderten eine Möglichkeit bot, das Stück zu verfolgen.

Zu Beginn des Stückes: Natasha Padilha, Patrizia Kubanek und Anna Júlia Amarel. (Foto: Lukas Zander)
Zu Beginn des Stückes: Natasha Padilha, Patrizia Kubanek und Anna Júlia Amarel. (Foto: Lukas Zander)

Gleich zu Beginn wähnte man sich kurz in einer Art Fitnessstudio, denn Amarel, Hohmann und Padilha stellten mit Gymnastikbällen und Sport erst den Urkontinent Pangäa dar, dann die weitere Entwicklung instruiert von Kubanek, die im E-Rollstuhl saß. Eine kurze Geschichte des Kontinentaldriftes in tänzerisch-sportlicher Form.

Das Stück war insgesamt in vier Teile unterteilt, wobei der zweite Teil „Dinosaurier“ sehr emotionale Elemente hatte, denn das Zusammentreffen zweier Kontinentalplatten wurde wie eine erotische Begegnung zweier Menschen dargestellt, erst fordernd die Nähe gesucht, dann vielleicht erschreckt über die Härte des Zusammenkommens.

Bewegung oder das Bewegtwerden spielt eine wichtige Rolle im Leben der Menschen. Doch es gibt nicht nur die Freiheit sich bewegen zu können, sondern auch die Freiheit zu bleiben, also nicht bewegt zu werden.

Ein ungewöhnlicher Theaterabend mit einem ungewöhnlichen Thema, der aber zum Nachdenken anregt.




Anfassen – auf der Suche nach Kontakt

Haben wir nach dem Lockdown vergessen, wie es ist, den anderen anzufassen? Müssen wir es wieder neu lernen? Und haben wir schon einmal über unsere Hände nachgedacht? Fragen, die sich das Stück „anfassen“ der Theatergruppe 4.D stellt und in insgesamt 10 Versuchen probiert Antworten zu finden. Die Premiere fand am 18. September im Fredenbaumpark und im Theater im Depot statt.

In der Produktion von „anfassen“ steckt einiges vom Dortmunder Schauspielhaus drin. Nicht nur das Mitglieder des Dortmunder Sprechchors teilgenommen haben, der ehemalige Dramaturg Thorsten Bihegue schrieb den Text zum Stück.

Die Figur von Elina Ritzau feierte die Distanz zwischen den Menschen.
Die Figur von Elina Ritzau feierte die Distanz zwischen den Menschen.

Zu Beginn wurden wir ins zwei Gruppen aufgeteilt und mit Kopfhörern und zwei Guides in den Fredenbaumpark geleitet. Dort wartete der erste Versuch auf uns. Pia Wagner, eine der Schauspieler*innen, versuchte uns das „Anfassen“ vorsichtig näherzubringen. Ging das Vorbeilaufen und die Begrüßung noch allen locker von den Lippen, war es beim „Berühren“ schon komplizierter, denn auch schon vor Corona war das Berühren von fremden Personen durchaus heikel, denn nicht jede*r möchte angefasst werden.

Als Teil der blauen Gruppe gingen wir weiter zum Versuch Nummer 3. Hier auf einer Parkbank hielt Jubril Sulaimon eine Elegie auf seine Hände. Ein perfektes Werkzeug, die Dinge tun, ohne es ihnen bewusst sagen zu müssen. Danach gelangten wir nach einem kleinen Spaziergang zu Versuch 2, dort hatte sich Elina Ritzau hinder einem Schirm mit langen Schnüren versteckt und feierte den Abstand. „Viel Luft zwischen den Körpern“ und „diese tolle Leere will ich nicht mehr missen“, stand sie für alle, die sich – vielleicht schon vor Corona – von Menschen eher fernhielten. Für die „Social Distancing“ kein neuer Begriff, sondern eine Lebenseinstellung ist.

Der vierte Versuch, geleitet von Matthias Damberg stellte wieder die Hände in den Mittelpunkt, denn schließlich heißt das Stück ja „anfassen“. Und das geht nur mit den Händen. Zurück am Theater im Depot konnten die Teilnehmenden den digitalen Sprechchor, der uns über die Kopfhörer begleitet hatte, auch „in echt“ sehen, oder fast: Denn der Sprechchor wurde auf hängende Gazebanner projiziert, durch die man durchgehen konnte.

Wer sich fragte, wo der „Tanz“ bei der Tanz-Theater-Performance blieb, wurde nicht enttäuscht, denn die Versuche sechs bis zehn fanden auf der Bühne im Theater im Depot statt. Hier waren alle Akteure von 4.D aktiv auf der Bühne und zeigten ein beeindruckendes Zusammenspiel zwischen Tanz und Wort. Ob der Versuch aus einem beengenden Raum auszubrechen, dargestellt durch einen Lichtkegel oder die Leere zu zeigen, wenn ein Mensch fehlt, es machte riesen Spaß den vier bei ihren Versuchen zuzuschauen.

Wer Lust auf eine spannende Theater-Performance hat, der kann noch am 25. und 26. September 2021 jeweils um 19 Uhr teilnehmen. Karten gibt es unter www.depotdortmund.de/theater-tanz.html.




Blick in die Psyche eines Reichsbürgers

Im Schatten des drohenden erneuten Lockdowns wegen der steigenden Corona-Fallzahlen im November hatte „Der Reichsbürger“ von Konstantin und Annalena Küspert unter der Regie von Jens Dornheim als neue Produktion des freien Theaters glassbooth am 30.10.2020 im Theater im Depot seiner Uraufführung.

Die Thematik und wachsende Problematik der sogenannten „Reichsbürger“ ist wieder ein kontroverser Stoff und dabei hoch aktuell. Trotz ihrer uneinheitlichem diversen Erscheinungsformen und Auftretens eint sie, dass sie die Rechtmäßigkeit der Bundesrepublik Deutschland nicht anerkennen. Für sie ist das Land seit dem Kriegsende nicht wirklich souverän und nur eine GmbH, deren Gesetze für die Reichsbürger nicht gelten.

Der Protagonist in der als Reichsbürger-Monolog konzipierten Inszenierung wird von Schauspieler Sebastian Thrun eindrucksvoll und fast erschreckend glaubhaft auf der Bühne dargestellt. Er bezeichnet sich als „Selbstverwalter“ und provoziert das Publikum gleich zu Anfang mit der ironischen Bemerkung, wegen ihm müssten die Zuschauer*innen keinen Mund-Nasenschutz tragen.

Sebastian Thrun überzeugte als wortgewandter "Reichsbürger" im gleichnamigen Stück. (Foto: © Oliver Mengedoht)
Sebastian Thrun überzeugte als wortgewandter „Reichsbürger“ im gleichnamigen Stück. (Foto: © Oliver Mengedoht)

Von Beruf Elektriker, könnte der Protagonist aber ein sehr guter Verkäufer auf einer Werbeveranstaltung sein. Er kommt als wortgewandter Menschenfreund daher, der eigentlich nur seine Ruhe will, nicht plump aggressiv.

Er stellt provokative Fragen, weist geschickt auf Missstände (marode Straßen, kein Geld für Bildung, „Migranten-Kriminalität“ u.s.w.) hin, gegen die man doch etwas tun müsse. Das Recht auf Waffenbesitz eines jeden Bürgers ist ihn ein selbstverständliches „Recht“ um sich und seine Familie zu schützen. Dass der freie Waffenbesitz etwa in den USA vielen Menschen das Leben kostet, wird wohlweislich ignoriert.

Widersprüche zwischen gespielter Toleranz, Naturverbundenheit, Humanität und offen zur Schau getragenen Überlegenheit des „Deutschen“ gegenüber dem „Fremden“ werden nicht zur Diskussion gestellt. So beruft er sich auf unter anderem auf Albert Einstein als als einer der „großen Deutschen“, um dann eine herablassende Bemerkung gegen Juden loszulassen. Obwohl er wohl auch gerne mal beim „Syrer, Chinesen, Türken oder anderen“ essen geht, wird die Bereicherung unseres Lebens durch fremde Kulturen geleugnet.

Der „Selbstverwalter“ hat den Durchblick und weiß, wer im Hintergrund die Strippen zieht. Kanzlerin Angela Merkel wird nur als „IM“ Merkel bezeichnet. Offen bekennt er im Gegensatz zu den „Linksliberalen“ einfache Erklärungen und Lösungen für komplexe Zusammenhänge zu haben.

Wie alle Rattenfänger versucht er, Menschen bei ihren Ängsten und Befürchtungen zu packen und sie für seine Zwecke zu instrumentalisieren. Die Vorteile (Rosinen) des abgelehnten Staatssystems nimmt er jedoch gerne für sich in Anspruch, wenn es ihm zu pass kommt.

Eine starke Leistung von Thrun, die Zuschauerinnen und Zuschauer aber auch mit einem ambivalenten Gefühl zurück lässt.

Die Inszenierung verdeutlicht, wie sehr wir aufpassen müssen, kritisch zu reflektieren und nicht auf einfach Lösungen oder „Heilsbringer“ herein zu fallen.




Der Reichsbürger – Inneneinsichten eines Querdenkers

Deutschland ist nur eine GmbH? Das Land immer noch besetzt? Das Deutsche Reich besteht fort? Es gibt Menschen, die das glauben und verbreiten – sogenannte Reichsbürger. Im Theater im Depot präsentiert das Theater glassboth das Stück „Reichsbürger“ von Annalena und Konstantin Küspert. Premiere ist am 30.10.2020.

Die Reichsbürger sind keine homogene Gruppe. Es gibt so manche selbsternannte Reichskanzler oder gar Kaiser, die auf ihrem Grund und Boden eigene Dokumente wie Pässe oder Führerscheine ausstellen. Doch es gibt auch einige, die sich als „Selbstverwalter“ ansehen und versuchen, sich vom Staat abzunabeln. Das klingt doch auf den ersten Blick nicht verkehrt, oder?

Genau in diese Schnittstelle zwischen „klingt doch ganz logisch“ und „was für ein Blödsinn“ setzt das Stück an. Denn der Reichsbürger, gespielt von Sebastian Thrun ist klein plumper Wutbürger oder selbsternannter Kaiser, sondern wirkt ganz vernünftig und versucht das Publikum mit geschickten Fragen und Argumenten auf seine Seite zu ziehen.

Sebastian Thrun versucht in seiner Rolle als  "Reichsbürger"  in dem Stück das Publikum auf seine Seite zu ziehen. (Foto: © Oliver Mengedoht)
Sebastian Thrun versucht in seiner Rolle als „Reichsbürger“ in dem Stück das Publikum auf seine Seite zu ziehen. (Foto: © Oliver Mengedoht)

Für die Reichsbürger ist die Sache einfach: Sie haben den Durchblick und die anderen schlafen noch. Sie wissen, wie das System funktioniert und wer als Strippenzieher dahinter steckt.

Die Gefährlichkeit darf man dabei nicht außer acht lassen. Für NRW sollen rund 3.200 Reichsbürger bekannt sein, früher wurden sie nur als Spinner belächelt, doch mit immer häufigeren Waffenfunden ist klar, dass diese Gruppierung nicht so ganz harmlos ist.

Regisseur Jens Dornheim hat das Stück als Reichsbürger-Vortrag konzipiert. Daher ist das Publikum nicht nur stiller Beobachter, es kann sicherlich passieren, dass manche Thesen des Reichsbürgers auf Widerspruch aus dem Publikum stoßen. Eine spannende Aufgabe für Schauspieler Sebastian Thrun.

Die Premiere ist am 30.10.2020 um 20 Uhr. Weitere Vorstellungen sind am 31.10., 08.11., 13.11. und 14.11.2020. Weitere Informationen unter www.depotdortmund.de




Opus Love – ein Musiktheater über die Liebe

Was haben Sarah Kane, André Gorz und Samuel Beckett gemeinsam? Ihre Texte stehen im Mittelpunkt des Musiktheaters von artscenico namens „Opus Love“, das am 16.10.2020 seine Premiere im Theater im Depot feiert.

In „Gier“ von Sarah Kane geht es unter anderem auch um eine eine Liebesbeziehung, die im Stück „Opus Love“ von Elisabeth Pleß vorgetragen wird. Der zweite Text von André Gorz ist „Brief an D. Geschichte einer Liebe“. Hier schreibt der Autor mit über 80 Jahren einen Liebesbrief an seine ebenso alte Frau. Kurze Zeit später nehmen sich beide das Leben. Der dritte Text von Beckett „Erste Liebe“ handelt von Einsamkeit und die Angst vor Gefühlen.

Mit dabei ist die Schauspielerin Elisabeth Pleß, die bereits in vielen artscenico-Produktionen mitspielte und Sascha von Zambelly. Ein Teil wird nicht vorgetragen, sondern sogar getanzt von Elisa Marschall.

Mit dabei ist auch Elisabeth Pleß, die als Performerin bei "Opus Love" Texte vorträgt. (Foto: © Guntram Walter)
Mit dabei ist auch Elisabeth Pleß, die als Performerin bei „Opus Love“ Texte vorträgt. (Foto: © Guntram Walter)

Wie es sich für ein Musiktheater gehört, gibt es auch Musik. Dafür hat sich Regisseur Rolf Dennemann die Unterstützung von Yoyo Röhm versichert, mit dem er bereits bei verschiedenen Produktionen zusammengearbeitet hat.

Röhm hat verschiedene Musiker für sein kleines kammermusikalisches Theaterorchester gefunden. Mit dabei ist der Schlagzeuger Achim Färber, Cellistin Marie Claire Schlameus und Andreas Dohrmann, der neben Klarinette auch Bassklarinette und Bassflöte spielt. Alle Musiker haben langjährige Erfahrung in unterschiedlichsten Bands und Theaterprojekten sammeln können. Zur Musik verriet Yoyo Röhm nur soviel: Es werden langsame und leise Töne angeschlagen. Die Musik sei eklektizistisch.

Allen Beteiligten ist anzumerken, dass es für sie ein Privileg ist, nach dem Lockdown wieder arbeiten zu dürfen. Die Zuschauer können sich also auf 70 Minuten Musiktheater im Theater im Depot freuen.

Aufführungen gibt es am 16. und am 17. Oktober jeweils um 20 Uhr. Infos zu Karten gibt es unter https://www.artscenico.de/blog/2020/07/29/opus-love/




Taxi Driver – Fallstudie einer individuellen Radikalisierung

Die wegen einer Erkrankung verschobene Premiere von „Taxi Driver – Die totale Mobilmachung“ unter der Regie von Alexander Olbrich konnte zur Erleichterung der Organisatoren am 03.10.2020 im Theater im Depot stattfinden. Für das Theater wurde der Kultfilmklassiker um die Radikalisierung eines stillen Außenseiters hin zum skrupellosen Attentäter für die heutige Zeit überschrieben.

Der Hintergrund (Großstadtkulisse, Taxis u.s.w.) wurde wechselnd per Video auf eine Leinwand projiziert, das Sounddesign wurde von Lukas Rabl übernommen. Der Schauspieler Denis Merzbach spielte die Rolle des Taxifahrers Travis eindringlich, während seine beiden Kolleginnen Chris Nonnast (Zuhälter*in und Macht strebende Politikerin) Brit Purvin ( Minderjährige Prostituierte, Wahlkampfhelferin) in die unterschiedlichen Charaktere ihrer Doppelrollen schlüpften.

In diesen aktuellen Plot wurde eine starke ambivalente Politikerin (etwa angelehnt an Ursula von der Leyen), nicht ein männlicher Präsidentschaftskandidat eingebaut.

Das Geschehen spielt auch nicht in New York, sondern in irgendeiner europäischen Großstadt.

Der während seiner Militärzeit traumatisierte Taxi Driver erlebt während seiner nächtlichen Fahrten all den „Schmutz, Drogen, Prostitution und Verelendung“ in einer gespaltenen Gesellschaft. Für ihn „Abschaum“. Es ist wie in einer Art „Kampfzone“. In seiner „Taxi-Blase“ bekommt er alles verdichtet und geballt mit.

Eigentlich sucht er Glück, Anerkennung und Zuneigung. Seine Annäherungsversuche bei der Wahlkampfhelferin Helen müssen scheitern. Es prallen zwei unterschiedliche Welten aufeinander, und es gibt keine wirkliche Kommunikationsebene. Bezeichnet, dass dies schon beim Tanzen der beiden sinnbildhaft wird.

Beeindruckende Performance aller Schauspieler in "Taxi Driver". Hier zu sehen Chris Nonnast und Denis Merzbach als Hauptfigur Travis. (Foto: © privat)
Beeindruckende Performance aller Schauspieler in „Taxi Driver“. Hier zu sehen Chris Nonnast und Denis Merzbach als Hauptfigur Travis. (Foto: © privat)

Pornokinobesuche beeinflussen sein Frauenbild. Zurückweisung durch Helen und die empfundenen Kränkungen verstärken sein Gefühl der Missachtung. Der Versuch, eine minderjährige Prostituierte aus ihrer Situation heraus zu holen, schlagen fehl. Mit einem „missionarischen“ Eifer ändert er sein Leben und macht sich fit für „die totale Mobilmachung. Der Zwang, etwas tun zu müssen, da es „kein anderer macht“, wächst immer weiter.

Der Schauspieler benutzte zwischendurch auch eine Kamera, um sein Gesicht vergrößert auf die Leinwand zu projizieren. So waren die Emotionen für das Publikum deutlich sichtbar.

Die Politikerin hält im Parlament der EU eine Rede über die aktuellen Krisen- und Problemfelder. Ihr Mantra ist „Europa muss die Sprache der Macht wieder lernen“.

Die Lage spitzt sich zu und Travis wird am Ende zum Attentäter.

Die zunehmende Radikalisierung in einer gespaltenen und entfremdeten Gesellschaft wurde für die Zuschauer*innen auf der Bühne klar und (erschreckend) klar dargestellt.

Informationen zu weiteren Vorstellungsterminen erhalten Sie unter www.depotdortmund.de