Rückmeldungen aus Robotermund

Paul Hess zeigte eine grandiose tänzerische Leistung. (Foto: © Guntram Walter)
Paul Hess zeigte eine grandiose tänzerische Leistung. (Foto: © Guntram Walter)

„Wir sind die Roboter“, sagen bereits Kraftwerk in den 70er Jahren und die Robotertechnik scheint ja immer weiter voranzuschreiten. Rolf Dennemann hat nach seinem „Rosinenblues“ mit „Feed back“ ein Stück auf die Bühne des Theaters im Depot gebracht, das Tanz und Schauspiel miteinander verbindet. Ars tremonia war in der Vorstellung am Sonntag.

 

„Feedback“. Das ist (unter anderem) eine verbalisierte Rückmeldung an eine Person über ihr Verhalten. Vier Schauspieler, ein Tänzer. Video und Musik sorgten für viele Rückmeldungen. Ein Abend für alle Sinne.

 

Die Rahmenhandlung spielte in einem „Institut für angewandte Manipulation“. Die Probanden spielten vier Robotor, die in unterschiedlichen Dienstleistungsuniformen wie Müllwerker, Krankenhausmitarbeiter, Security Dienste oder Kellner. Ein kleiner Seitenhieb darauf, dass in der Zukunft vielleicht die Straße von einem Roboter gefegt oder die Pflege im Altenheim automatisiert wird. Horror-Vorstellung oder lieber Roboter-Pflege als gar keine Pflege?

 

Kleine Besonderheit des Stückes: Über einen Knopf im Ohr bekamen die Schauspieler Texte vorgesprochen, die sie sofort wiedergeben mussten. Daraus entfiel natürlich die sprachliche Bearbeitung.

Bei den Müllmännern (und -frauen) stand die Debatte um den „Freien Willen“ im Mittelpunkt. Der „Security-Dienst“ beschäftigte sich beispielsweise mit dem Thema „Kunst“. Dabei wurden keine Theatertexte vorgelesen, sondern wissenschaftliche Statements, politische Aussagen oder Zitate von Personen aus Kunst und Gesellschaft. Klingt merkwürdig, funktioniert aber.

 

Eingerahmt wurde diese Veranstaltung durch die wirklich virtuosen Tanzdarbietungen von Paul Hess, der allein den Besuch des Stückes wert ist. Der Höhepunkt war die äußerst witzige Adaption eines Dressurritts mit Passagen und Piaffen und allem, was dazugehört.

 

Matthias Hecht, Thomas Kemper, Elisabeth Pleß und Nicole Janze spielen ihre roboterhaften Gegenstücke fast perfekt. Mit den typischen ruckartigen Bewegungen und den Irritationen, wenn die Sensoren nicht genau wissen, was sie nun zu tun haben. Aber bei allem stammen diese Roboter wohl weder aus den Terminator-Filmen noch aus „Westworld“. Dafür haben sie alle noch ihre kleinen Macken.

 

Das Problem bei den Texten: Redet mehr als ein Schauspieler, wird es schwierig, sich zu entscheiden, wem man folgt. Doch das passiert glücklicherweise nicht zu oft. Ansonsten merkt man, wie grotesk es manchmal ist, was Politiker so von sich geben. Ein gutes Beispiel ist Bundespräsident Gauck, der die Bankenkritik „unsäglich“ nannte.

 

Ein Abend, der mehr Zuschauer verdient hätte. Denn – wie erwähnt – die Tanzeinlagen von Paul Hess waren große Klasse. Auch die Leistung der vier Schauspielerinnen und Schauspieler konnte überzeugen.




Feedback der besonderen Art

Science-fiction oder Spiel mit dem Theater? (v.l.n.r.) Paul Hess (Tanz, Choreographie), Nicole Janze (Schauspielerin), Rolf Dennemann (künstlerischer Leiter), Thomas Kemper (Schauspieler) und Elisabeth Pleß (Schauspielerin).
Science-fiction oder Spiel mit dem Theater? (v.l.n.r.) Paul Hess (Tanz, Choreographie), Nicole Janze (Schauspielerin), Rolf Dennemann (künstlerischer Leiter), Thomas Kemper (Schauspieler) und Elisabeth Pleß (Schauspielerin).

Der berühmte Mann im Ohr spielt eine wichtige Rolle im Tanz- und Theaterabend „Feedback“ nach einer Kreation von Rolf Dennemann. Die Premiere ist am 09. Mai um 20 Uhr im Theater in Depot.

 

Worum geht es? Einerseits geht es um die Frage, ob wir eigentlich noch alles begreifen können, weil die Informationsflut so riesig ist, dass wir resignieren und uns damit abfinden. Andererseits dreht sich in der Rahmenhandlung von „Feedback“ alles um das Thema Robotik. Es spielt im „Institut für angewandte Manipulation“. Dass alle vier Schauspieler in Kleidung von Servicekräften auf der Bühne stehen, ist kein Zufall. Denn Dennemann geht es um die Dienstleistungsgesellschaft und ihre Zukunft. „In Japan experimentieren sie bereits mit Pflegerobotern“,so Dennemann. Werden wir also von Robotern gepflegt und ist das besser oder schlechter als möglicherweise überhaupt nicht mehr gepflegt zu werden? Diese Wahl wird den Zuschauern nicht abgenommen, sie müssen selber eine Antwort finden.

 

Für das Stück „Feedback“ hat Dennemann dafür als kleinen Kniff den „Mann im Ohr“ reaktiviert. Die Schauspieler lernen keinen Text auswendig, sondern müssen den Text wiedergeben, der ihnen ins Ohr geflüstert wird. Damit ist eines der wesentlichen Merkmale eines Schauspielers negiert: Das besondere Betonen des Textes, denn dafür ist er viel zu beschäftigt. „Durch den Verlust an Interpretation gewinnt der Text eine neue Dimension“, erklärt Dennemann. Die Texte sind keine Theatertexte. Zitate von Angela Merkel, Gregor Gysi, aber auch von Jenny Elvers und anderen Personen aus Politik und Talk werden benutzt. Für die vier Schauspieler wirkt es ein wenig wie eine Simultanübersetzung.

 

Auf der Bühne wird es eine Mischung zwischen Tanz, Schauspiel, Ton, Bild und Video geben. Für Ton und Tanz ist der Tänzer und Choreograph Paul Hess zuständig, spielen werden Matthias Hecht, Thomas Kemper, Elisabeth Pleß und Nicole Janze.

 

Neben der Premiere am Freitag um 20 Uhr gibt es eine weitere Vorstellung am Sonntag um 19 Uhr.

Der Eintrittspreis beträgt im Vorverkauf 13 € (ermäßigt 8 €) und an der Abendkasse 15 € (ermäßigt 10 €).

Das Theater im Depot befindet sich in der Immermannstraße 29 in 44147 Dortmund.




Ein Chronist des Jedermann

Zufall? Nachdem Ars tremonia kurz zuvor den Roman „Menschenfischer“ von Markus Veith rezensiert hat (Rezension hier), geht es mit seinem Bühnenstück über Wilhelm Busch weiter. Eines muss man Veith lassen, als er mit seinem Wilhelm-Busch-Programm „Ein jeder Narr tut, was er will“ am 13. April 2014 die Bühne im Depot betrat, erleben die Zuschauer eine Metamorphose: Veith wird zu Busch und lässt für knapp zwei Stunden den humoristischen Dichter und Zeichner wieder auferstehen.

 

Wilhelm Busch (1832-1908) vorzustellen, ist wie Eulen nach Athen zu tragen. Fast jeder kennt „Max und Moritz“, „Die fromme Helene“ oder Redensarten wie „Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr“, die in den Alltagsgebrauch übergegangen sind.

Veith erzählt in seinem Programm zwei große Geschichten von Busch, vor der Pause „Balduin Bählamm, der verhinderte Dichter“ aus dem Jahre 1883. Vielleicht hat sich Busch mit einer gehörigen Portion Selbstironie auch als Baluin Bälamm gesehen. Obwohl Busch mit seinen humoristischen Werken einen großen Erfolg hatte, sein ernster Gedichtband „Kritik des Herzens“ war zu beginn kein Erfolg beschieden und eine zahllosen Gemälde fand er persönlich nicht gut genug. Nach der Pause war es Zeit für „Maler Klecksel“, auch hier steckt vermutlich etwas Busch in der Hauptfigur.

 

Veith porträtiert Busch als einen durchaus grimmigen Einsiedler, der Junggeselle geblieben ist und dem Trank und Tabak frönt. Doch zwischen den gereimten Zeilen blitzt auch etwas Ernstes auf, wenn Busch über seine Malerei spricht oder in einem kurzen Moment seine Einsamkeit Bahn bricht. Seine Kleidung, sein Gestus wirken lebensnah und echt und so hat der Zuschauer dann und wann fast die Vorstellung, einer Wiedergeburt von Busch. Zumal Veith sein Programm ausschließlich in Reimform absolvierte.

 

Eine wichtige Seite von Wilhelm Busch wurde in Veiths Programm ausgespart: Als Protestant erzogen, stand Busch im Kulturkampf auf der preußischen Seite, wie seine deutlich antiklerikalen Werke „Die fromme Helene“ oder „Der heilige Antionius von Padua“ zeigen.

 

Markus Veith kann das Reinem nicht lassen: Dem interessanten und humorvollen „Wilhelm Busch-Nachmittag“ folgt am 15. Juni 2014 im Depot ein Bühnenstück mit dem Titel “Eulenspiegels Enkel“.




Mit dem Baron ein Tänzchen wagen?

Am Sonntag, den 06. April startete das Rahmenprogramm des 5. Afro Ruhr Festivals mit einer außergewöhnlichen Tanzdarbietung im Theater im Depot. Koffi Kôkô und Kettly Noël, beide Tänzer und Choreografen sind Repräsentanten der modernen afrikanischen Tanzszene, zeigten „Un tango avec le Baron“. Europa, Afrika und Voodoo trafen sich. Die Inszenierung wurde live durch den Kölner Trompeter und Komponisten Udo Moll begleitet.

 

Ein Mann und eine Frau. Beide in weiß gekleidet: Kôkô im Frack, Noël im Kleid. Zwei weiße Hocker. Auf der linken Seite nahm Moll Platz. Nachdem die beiden Tänzer auf die weißen Hocker gestiegen waren und einen Text rezitierten, begann das Spektakel.

 

Moderner europäischer Tanz verband sich mit afrikanischen Elementen, die zeitweise einen starken Voodoo-Einschlag bekamen. Denn beim Voodoo geht es auch um eine Veränderung des Transformationszustandes des Körpers, in unseren Kreisen negativ besetzt als „Besessenheit“. Aber im Prinzip bedeutet es nichts anderes, als in andere Rollen hinein und wieder herauszuschlüpfen.

 

Natürlich geht es auf einer anderen Ebene auch zum die Beziehung zwischen Mann und Frau. Der Kampf der Geschlechter, die Begierde, die Verführung. Tolle Bilder zeigten Kôkô und Noël als er versuchte, dass sich ihre Finger berührten, sie aber gelangweilt ihren Finger nahe beim Körper behielt.

 

Wer oder was war nun eigentlich der Baron? Kôkô, der gegen Ende des Stückes auch einen eleganten Hut aufhatte, könnte, wenn man die Voodoo-Analogie weiterführt, den Baron Samedi darstellen, ein Geistwesen (Loa) im Voodoo. Dazu würde passen, dass im Stück das Veve (ein grafisches Symbol) von Madame Brigitte, seiner Ehefrau, auf die Leinwand projiziert wurde. Dazu passten die Hintergrundgeräusche, die geheimnisvoll und manchmal bedrohlich klangen.

 

Nach knapp einer Stunde kehrten die Zuschauer von der Reise in eine geheimnisvolle Welt zurück und dankten den Tänzern mit großem Applaus.




Der Blues des Lebens

Jetzt sind die armen Rosinen Schuld. In Brot gebacken und mit Käse als Aufschnitt sorgen sie bei Rolf Dennemann regelmäßig für Albträume. Doch Dennemann wäre nicht Dennemann, wenn er aus seinen Albträumen nicht noch etwas Produktives machen würde: Er verarbeitet sie literarisch und liest sie dem geneigten Publikum vor. Aber Rolf Dennemann ist nicht alleine bei seinem „Rosinenblues“, wie das Programm heißt, er hat mit Thomas Erkelenz und Gregor Hengesbach zwei Vollblut-Musiker an seiner Seite, die wie der Autor den Blues haben. Ars tremonia war bei der Vorstellung im Theater im Depot am Samstag, den 29. März dabei.

 

Die kleinen Geschichten, die Dennemann vorträgt, sind Geschichten aus seinem Leben oder entspringen seiner guten Beobachtungsgabe. Der zeitliche Rahmen seiner Erzählungen reicht von frühen Kindheitsgeschichten wie „Bei der Omma“, die ihm auf drastische Weise zeigt, dass Fleisch nicht einfach eine Ware im Supermarkt ist, sondern vom einem (vorher) lebenden Tier stammt. Gegen Ende des Programms wird Dennemann mit seinem Alter konfrontiert, als es in einer Arztpraxis heißt: „Herausnehmbare Zähne bitte entfernen“. Welche Impertinenz! Dennemann ist am besten, wenn er gegen solche Unbillen anliest. Hier und da hört man Max Goldt heraus, besonders bei seinem wunderbar witzigem Stück „Allein Essen gehen“, als Dennemann beklagt, wie er als Einzelperson in einem Restaurant an den Katzentisch gesetzt und fortan ignoriert wird.

 

Seine Geschichten sind vielschichtig, treiben manchmal surreale Blüten und tragen auch einen selbstironischen Touch. Dennemann erspart uns nichts. Sein Selbstbesäufnis beim „Sofablues“ ebenso wenig wie sein „Schlager-Tourette“, das ihm dazu zwingt, bei den unpassendsten Stellen irgendeine Schlagerzeile zu singen. Bei „Gelsenkirky“ singt(!) und spricht Dennemann über seine Geburtsstadt. Sein Fazit: Ein trostloser Ort, aber die, die bleiben, sind Helden. Dennemann kann aber auch die leisen Töne. Beim Balkan-Blues „Der alte Mann“ ebenso wie bei seiner Erzählung „Seltsam“, in der es um die Frage geht, „Kann man zu spät zu einer Beerdigung kommen?“ Mit einem „Die Welt ist schön“ entließ Dennemann die Zuhörer wieder in den Dortmunder Abend.

 

Thomas Erkelenz und Gregor Hengesbach spielten eine Art Soundtrack für die Lesung. Zwischen den einzelnen Texten hatten die beiden Musiker etwas Zeit, ihr Können an der Gitarre oder der Bluesharp zu zeigen, aber auch während Dennemann las, betonten manchmal Bassläufe oder andere Geräusche aus der Zauberwelt der Effektgeräte die Atmosphäre der Texte.

 




Durch Rosinenbrot zum Blues

Haben den Blues: Rolf Dennemann, Gregor Hengesbach und Thomas Erkelenz.
Haben den Blues: Rolf Dennemann, Gregor Hengesbach und Thomas Erkelenz.

Wenn Rolf Dennemann Rosinenbrot mit Käse isst, dann bekommt er Albträume, so sagt er. Ob es die Rache der Rosinen sind? Wer weiß. Jedenfalls verarbeitet er seine Albträume zusammen mit den Gitarristen Thomas Erkelenz und Gregor Hengesbach zum „Rosinenblues“, der am 29. und 30. März über die Bühne des Theater im Depots geht.

 

Der Zuschauer wird einen Lese-Blues erleben. „Zum Blues gehört auch die Selbstironie“, erklärte Dennemann beim Pressegespräch und genauso selbstironisch werden auch die beiden Abende. Blues ist für Dennemann eine archaische Art des Erzählens. Musik vermengt sich mit Dennemanns Texten. Erzählt werden Geschichten aus dem Alltag, Privates wird Politisches und umgekehrt. Auch das Thema Heimatliebe wird behandelt. So ist „Gelsenturkey“ ein kritischer Text über eine Stadt im Ruhrgebiet, bei der man den Blues bekommt, wenn man an sie denkt.

 

Musikalisch steht logischerweise der Blues im Vordergrund, mit einigen Einflüssen aus dem Balkan und Griechenland.

 

Der „Rosinenblues“ am Samstag (29. März) fängt um 20 Uhr an, der am Sonntag (30. März) um 19 Uhr.

 

Eintrittspreise: VVK 13 € / 8 € ermäßigt, Abendkasse 15 € / 10 € ermäßigt. Der Vorverkauf läuft entweder direkt über das Theater (Unter 0231/ 98 22 336 (Anrufbeantworter) oder einfach eine E-Mail an ticket@theaterimdepot.de) oder DORTMUNDticket in der Tourist-Information gegenüber dem Hbf, Max-von-der-Grün-Platz 5-6, Telefon: 0231/ 18999-444.

 




Mit Fado in den Untergang

Das Opern-Libretto „Zusammenstoss“ von Kurt Schwitters scheint besonders für Jugend- und Schülertheatergruppen einen besonderen Reiz auszuüben. Am 21. März fand im Theater im Depot die Premiere von „Peng!“ statt, ein Stück, dass sich an Schwitters‘ Libretto anlehnte. Getanzt, gesungen und gespielt wurde es von Teilnehmern der Theaterwerkstatt Westfalenkolleg. Mit dabei waren: Elikem Anyigba, Suzan Demir, Victoria Ebel, Laura Gebauer, Manuel Mesa Mendoza, Florina Mesa Mendoza, Mathis Pollmann, Anna-Carina Rysi. Gesamtleitung hatten Mechtild Janssen und Klaus Pfeiffer.

 

Kurt Schwitters (1887-1946) war Maler, Dichter und Werbegrafiker. Er lernte früh den Dadaismus in Zürich und Berlin kennen, emanzipierte sich aber mit seinem eigenen „MERZ-Gesamtkunstbild“. Sein Libretto „Zusammenstoss“ ist ein Stoff, der manchem bekannt vorkommt: Ein Komet wird die Erde treffen. Wie regiert die Bevölkerung angesichts des zu erwartenden Endes?

 

Natürlich kommen einem Hollywoodstreifen wie „Deep Impact“ oder „Armageddon“ in den Sinn, doch Schwitters Libretto untersucht, wie grotesk wir Menschen angesichts einer nahenden Katastrophe handeln. Angefangen mit der Entdeckung, dem ersten Unglauben bis hin zum Finale.

 

Zu einen der besten Szenen des Stückes gehörte auf jeden Fall die „Krisensitzung“. Nachdem klar war, der Stern kracht auf die Erde, musste etwas getan werden. Und die Gruppe zeigte, wie es auf solchen Sitzungen zugeht. „Ismen“ wie der Kommunismus und „Alen“ wie die „Liberalen“ sprachen und zerstritten sich, um aber auf dem abschließenden Fioto einträchtig nebeneinander zu stehen. Nichts erreicht, aber schön war’s. Realistischer, aber auch zynischer war das „gekrönte Haupt“, das winkend und mit lieblicher Stimme erklärte „Liebes Volk! Wir werden alle sterben“.

 

Auch die Ignoranz der Bevölkerung wurde sehr schön auf den Punkt gebracht. Was passiert, wenn die Katastrophe auf dem Bildschirm auftaucht? „Ich zappte weg und gut war“, so die Reaktion. Zur Not wird die Katastrophe auch über den Balkon gekippt.

 

Die TV-Moderation entpuppte sich als moderne Kassandra, eine doppelte und gefakte. „Ich hab so meine Quelle“, sagt sie, doch Glauben schenkten ihr die Menschen nicht. Bei den Interviews zu den Weltuntergangsfeiern, bekam sie nur unverständliche Antworten.

 

Eine kleine Sonderrolle hatte „Oswald, der Feuerwehrmann“, der öfters als Unterbrecher auftrat und aus seinem bizarrem Leben erzählte.

 

Mit „Major Tom“ von David Bowie begann ein weiteres Highlight. Vier Akteure simulierten Astronauten, die wie im erwähnten Film „Armageddon“ auf dem Kometen landen. Zum Schluss der Szene gelang noch eine schöne Persiflage auf das berühmte Foto, auf dem Soldaten im Zweiten Weltkrieg auf der Insel Iwo Jima eine amerikanische Fahne aufstellen.

 

Kommen wir zur Musik. Sie spielte eine besondere Rolle in dem Stück. Neben David Bowie erklang auch das lakonische Durchhaltelied „Davon geht die Welt nicht unter“ bekannt geworden durch Zarah Leander. Aber auch moderne Sachen wie der Rap am Anfang oder das Lied „Sie mögen sich“ von Shaban & Käptn Peng(!) gehörten zum Repertoire wie der Fado zum Schluss.

 

Jedenfalls machte das Stück „Peng!“ den Zuschauern mächtig viel Spaß. Der Funke sprang von den Darstellern auf das Publikum über.

 

Am 23. und 24. Mai 2014 um 20Uhr hat man noch die Chance, das Stück im Theater im Depot zu erleben. Infos unter ticket@theaterimdepot.de

 




In jedem Ende steckt auch ein neuer Anfang

Das Tanztheater im Dortmunder Depot zeigte mit ihrem neuen Stück „Alles auf Ende Anfang“ einen Appell zur Neuorientierung: Auch wenn das Leben wie ein verworrener Knäuel aussieht. Ein neuer Anfang ist möglich. Ars tremonia besuchte die zweite Vorstellung am 16. Februar.

 

Eine leere Bühne, ein einsames angestrahltes Knäuel. Wo ist der Anfang, wo das Ende? Ist das eigene Leben nicht genauso verworren? 15 Tänzerinnen und ein Tänzer versuchten sich an einer Entwirrung.

Im Mittelpunkt des Abends stand eine Erzählerin, die dem Stück den roten Faden gab. Begonnen wurde es im Kindesalter, als die TänzerInnen mit allerlei Spielzeugen auf die Bühne kamen. Cowboy und Indianer wurde gespielt, mit dem Roller und später mit dem Fahrrad wurde symbolisch gefahren.

Nach der Kindheit kam die Jugend und die Verliebtheit. Das wurde von den Beteiligten schön mit Gesichtsmasken umgesetzt und so traf Charlie Chaplin auf Marilyn Monroe. Danach gab es Szenen aus dem Arbeitsleben und dem ewigen Konkurrenzkampf. Dieser Kampf wurde sehr gut mit Stühlen umgesetzt. Das was man hat, gefällt einem plötzlich nicht mehr und man möchte das, was der Nachbar hat.

Gut gelungen war auch die Umsetzung des Themas „Veränderung und Rebellion“. So verriet die Erzählerin, dass sie sich gerade erst die langen Haare hatte abschneiden lassen, die sie damals aus Rebellion gegenüber ihren Eltern super lang wachsen ließ. Das Ende der einen Rebellion als der Anfang einer neuen Rebellion?

 

Ein gelungener Abend mit ebenfalls gut ausgesuchter Musik. Von Philipp Glass über Charleston bis hin zu Pop-Musik war eine ausgewogene Mischung zu hören.

 

Zu Recht wurden alle Tänzerinnen und Tänzer mit großen Applaus verabschiedet.

Weitere Termine: 19.02.14 (20 Uhr) und 20.02.14 (20 Uhr). Kartenreservierung unter 0231 9822336 oder ticket@theaterimdepot.de




Ist Sisyphos glücklich?

Normalerweise ist die Figur aus der griechischen Mythologie zu bedauern: Ständig muss Sisyphos einen Stein einen Berghang hochrollen. Kurz vor dem Ziel entgleitet der Stein dem armen Kerl und er muss von neuem anfangen. Daher leitet sich der Begriff Sisyphusarbeit ab, eine sich ständig wiederholende; doch sinnlose Arbeit. Das Theater im Depot präsentierte am 08. November die Premiere des Stücks „Play Sisyphos – Ein Mysterienspiel“ unter der Leitung von Gregor Leschig mit Menschen, die unterschiedliche Schauspielerfahrungen haben.

Was ist Arbeit? Was bedeutet mir Arbeit? Diese Fragen stellt das Stück in den Mittelpunkt. Konkret geht es um Marga, deren Arbeit es ist, Leuten, die zu ihr geschickt werden, Bewerbungstraining angedeihen zu lassen. Sie spult ihr Programm herunter, wohl auch in dem Wissen, auf konkrete Fragen der Teilnehmer keine Antwort zu haben. Zu ihrem Leidwesen macht ihr Sohn statt einer Lehre ein Praktikum in einem Theater, ihre Tochter will unbedingt bei einem Casting dabei sein. Da überzeugt sie ein unbekannter Mann, in den Hades zu kommen, um dem armen Sisyphos eine Pause zu gönnen und die ganze mühselige Arbeit wäre für die Menschen vorbei.

Leschig inszeniert das Theaterstück als ein „Stück im Stück“. Auf der linken Bühnenseite steht ein Besprechungstisch, an dem Leschig und seine Schauspieler sitzen und für bestimmte Szenen des Stückes auf die andere Seite gehen. Hinzu kommen Videoeinspielungen und Lichteinstellungen.

Was passiert mit Marga (Gespielt von Leonore Franckenstein) nach ihrem Gang in des Hades? Hier wird sie mit verschiedenen Aspekten der Arbeit konfrontiert. Zunächst versucht die Arbeit sich als Art „Geliebte“ wieder in Margas Herz zu schmuggeln, doch vergebens. So schnell will Marga ihr monotones Arbeit nicht wieder. Auch der Alkohol tritt auf, als Mittel, die Arbeit erträglich zu machen. Er hat aber Probleme mit seinem Selbstverständnis, schließlich ginge es auf der Erde immer mehr um „Komasaufen“. Auch Zeit und Geld treten als Metaphern auf. Das eine bedingt das andere: Mehr Zeit, weniger Geld oder mehr Geld weniger Zeit. Aber am schlimmsten sei: Verlorene Zeit ohne Gewinn. Marga wird auch mit dem süßen Gift des Müßiggangs konfrontiert und gibt sich erst den Verlockungen hin. Doch Sisyphos scheint nirgends zu sein. Letztendlich erkennt sie, dass ihr unbekannter Begleiter immer Sisyphos war, der aber gar nicht so unglücklich ist. Denn zum mühsamen Hinaufrollen, gehört auch den „Stein zurückrollen zu lassen, wohin er gehört.“ Das ist ebenfalls ein Aspekt von Arbeit. Denn „wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen“, schreibt Albert Camus in seinem Essay „Die Pest“. Denn alle Aspekte, die negativen wie die positiven gehören zu Arbeit dazu.
Schließlich kommt Marga wieder zurück auf die Erde. Erneut in ihr Beratungszimmer.

Das Stück beleuchtet sehr gut die einzelnen Aspekte, die der Begriff Arbeit für den Menschen beinhaltet. Sowohl die Guten wie Schlechten. Die „Arbeit“ ist in der heutigen zeit komplexer geworden. Alte Formen sterben aus, neue werden geboren. Die Generation Praktikum hat mit anderen Problemen zu kämpfen als die Generationen vorher. Was ist sinnvolle Arbeit? Die vielleicht sogar Spaß macht? Wie verändert sich Arbeit bei einem Bedingungslosen Grundeinkommen? Diese Frage wird (leider) nicht gestellt. Es wäre aber spannend geworden.
Das ist vielleicht das einzige kleine Manko, bei dem ansonsten sehr engagiert spielenden Ensemble.




Eine schwierige Vater-Sohn Beziehung

André Wülfing gab den Thomas Mann. (Foto: © Carlo Feick)
André Wülfing gab den Thomas Mann. (Foto: © Carlo Feick)

Beim Leseabend „Vater.Sohn.Mann.“ im Dortmunder Theater im Depot am 13. Oktober 2013 beleuchteten der Erzähler André Wülfing als Schriftsteller Thomas Mann und der Künstler Michael Em Walter als dessen Sohn Klaus Mann deren schwierige und ambivalente Beziehung.

Dazu benutzten Tagebuchaufzeichnungen von Thomas Mann und Auszüge aus dem Briefwechsel zwischen Vater und Sohn, um ein wenig Licht in das Verhältnis der beiden Schriftsteller zu bringen. Außerdem lasen sie Auszüge aus deren Werken und ließen zwischendurch über ein altes Radio auch die original Stimmen von Erika Mann, Golo Mann oder Thomas Mann einfließen. Auch kurze Musikeinspielungen, zum Beispiel Wagner oder die amerikanische Nationalhymne, wurde geschickt zur Untermalung der Stimmungen, Vorlieben und passend zur Situation eingesetzt. Im Blickpunkt stand dabei der Zeitraum 1918 bis zu Klaus Manns Freitod im Jahr 1949.

Wülfing schlüpfte mit hellem Anzug, Oberlippenbart, Brille und Haare und mit der etwas gestelzten Sprache beim Lesen bis hin zur Mimik verblüffend glaubwürdig in die Rolle von Thomas Mann. Dabei amüsierte er mit leicht ironischer Überzeichnung. Er zeigte Mann als disziplinierten, etwas eitlen, in seinen Alltagsabläufen fast pedantischen Menschen mit einer Portion Ironie. Ein Mensch, der das Schreiben auch dazu benutzte, um seine homoerotischen Neigungen, die er sich nicht gestattete, auszuleben und dichterisch zu sublimieren. Das wird schon bei seinem Roman „Der Zauberberg“ aus dem Jahr 1924 deutlich.

Michael Em Walter zeichnete ein sensibles Bild von Klaus Mann, der immer um die Gunst und Anerkennung seines berühmten Vaters kämpfte und immer versuchte , aus dessen Schatten zu treten. Der exzentrische älteste Sohn ist ein lebenshungriger Mensch bis hin zur Selbstzerstörung mit Todesfantasien. Er lebt exzessiv und bereist mit seiner Schwester Erika in seinen jungen Jahren auch die Welt. Klaus lebt im Gegensatz zu seinem Vater seine Homosexualität aus und bekennt sich offen zu ihr.

Das Dilemma ist. Eigentlich bewundert Thomas Mann unterbewusst einen Sohn für sein Mut zur offenen Homosexualität und seinem offenen politisches Engagement. Auch sein schriftstellerische Werk findet nach und nach bei ihm an Beachtung. Für Thomas Mann ist es schwer, Klaus als Schriftsteller-Konkurrent, aber vor allem als homosexuellen Mann distanzlos und liebevoll gegenüber zu treten. Er wird durch seinen Sohn mit seiner eigenen homoerotischen Neigung und mit einem Leben konfrontiert, dass seine Persönlichkeit sich selbst zu gestatten. Am deutlichsten wird das distanzierte Verhältnis der beiden am Schluss, als Thomas Mann nach dem Freitod seines Sohnes sagt: „Das hätte er ihnen (Erika und seiner Mutter ) nicht antun dürfen.“

Wichtig ist zudem der gesellschaftspolitische Hintergrund der Zeit vor und bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Auch da zeigen sich die Unterschiede zwischen Vater und Sohn. Klaus steht dem Nationalsozialismus schon früh kritisch und ablehnend gegenüber. Kritische Schriften aus den Niederlanden und sein Kabarett mit Schwester Erika, die „Pfeffermühle“ bezeugen das ein ja eindeutig. Sein Vater stellt sich erst spät offen gegen die Nationalsozialisten und Emigriert.

Ein gelungener Leseabend, dem man noch mehr Publikum wünschen möchte.