Eine Zeitmaschine aus Klang – Das Sollazzo Ensemble in der Dortmunder Marienkirche

Es passiert nicht alle Tage, dass die Musikwelt einen jahrhundertealten Schatz hebt. Als 2015 der sogenannte Leuven Chansonnier bei einer Auktion auftauchte, war das eine musikwissenschaftliche Sensation: Ein intaktes, winziges Liederbuch aus der Zeit um 1470, vollgepackt mit weltlichen Chansons der franko-flämischen Schule. Einige dieser Werke sind weltweit einzigartig (Unica). Das hochkarätige Sollazzo Ensemble unter der Leitung von Anna Danilevskaia brachte dieses musikalische Juwel nun in der St. Marienkirche zu Gehör – und verwandelte das Gotteshaus für einen Abend in einen spätmittelalterlichen Fürstenhof.



Klangliche Transparenz in historischen Mauern

Wer die St. Marienkirche kennt, weiß um die akustischen Herausforderungen, die große Kirchenräume für komplexe, mehrstimmige Musik oft bereithalten. Aus den vorderen Reihen bot sich dem Publikum jedoch ein phänomenales Klangerlebnis. Die komplexe Polyphonie von Meistern wie Johannes Ockeghem, Antoine Busnoys oder Robert Morton verschwamm keineswegs im architektonischen Nachhall. Im Gegenteil: Die Gesangsstimmen und historischen Instrumente präsentierten sich in einer wunderbaren Klarheit und messerscharfen Deutlichkeit. Jede feine Linie, jede harmonische Reibung blieb transparent und greifbar.

Die Kunst der Zeitreise

Es ist eine Gratwanderung, Musik des 15. Jahrhunderts so zu interpretieren, dass sie nicht wie ein staubiges Museumsstück wirkt. Dem Sollazzo Ensemble gelang hier ein kleines Kunststück: Sie brachten die höfische Liebeslyrik und die intellektuelle Tiefe der Epoche so authentisch zu Gehör, dass sich die Zuhörenden unweigerlich auf eine Zeitreise zurück an die Schwelle zwischen Spätmittelalter und Renaissance versetzt fühlten.

Das Sollazzo Ensemble in der Marienkirche. (Foto: (c) Karen Elias)
Das Sollazzo Ensemble in der Marienkirche. (Foto: (c) Karen Elias)

Einzelne Stücke herauszuheben, fiele schwer und würde dem geschlossenen Charakter des Abends kaum gerecht werden. Jedes Chanson funktionierte wie ein kunstvoll gestaltetes Epochenfenster. Man konnte förmlich die melancholische Eleganz und die strenge Etikette der damaligen Adelshöfe spüren. Die Musikerinnen und Musiker transportierten die Emotionen der Texte mit einer Lebendigkeit, die das Gestern ganz nah ans Heute heranholte.

Ein Abend für Entdecker und Kenner

Dass ein solches Nischenprogramm kein klassisches Mainstream-Publikum anzieht, liegt in der Natur der Sache. Die Marienkirche war an diesem Abend spürbar von einem fachkundigen Publikum besetzt – Menschen, die die Seltenheit und den musikhistorischen Wert dieser Aufführung zu schätzen wussten. Doch auch die neugierigen Entdecker im Raum wurden von der dichten Atmosphäre und der handwerklichen Perfektion des Ensembles sogleich gefesselt. Unbekannte Musik der Renaissance in dieser Qualität bekommt man schließlich nur extrem selten live geboten.

Fazit: Das Sollazzo Ensemble hat dem Leuven Chansonnier in Dortmund genau die Bühne geboten, die dieser sensationelle Fund verdient. Ein Abend von berückender Klarheit, der bewies, dass alte Musik, wenn sie mit so viel Hingabe und Sachverstand interpretiert wird, die kraftvollste Zeitmaschine überhaupt sein kann.




Klangvokal 2019 – Mit dem Sollazzo Ensemble im musikalischen Liebesfieber

Das sechsköpfige Sollazzo Ensemble (Basel) unter der Leitung von
Anna Danilevskaia existiert seit 2014 und gilt als Shootingstars im
Bereich Alte Musik des Mittelalters und der Frührenaissance. Im
Rahmen des Klangvokal Musikfestivals konnte es nun sein Können am
12.06.2019 in der Dortmunder St. Marienkirche unter dem Titel „Tag
und Nacht – oder: Von der Liebestollheit in der Ars Nova“ unter
Beweis stellen. Die „Ars Nova“ besingt mit einer expressivem
Klangfarbe alle Schattierungen zwischen Liebesfreud und Liebesleid.

Mit dabei waren
Perrine Devillers mit ihrem klaren Sopran, Vivien Simon als sensibler
Tenor, und an den alten eindrucksvollen Instrumenten Franziska
Fleischanderl (Psalter: mittelalterlicher Zither ohne Griffbrett),
Sophia Danilevskaia (Fidel), Anna Danilevskaia (Fidel und Christoph
Sommer (Laute).

Um (Liebes-) Gefühle
in weltliche Gesangsformen zu transformieren, bildeten Balladen oder
sogenannte „“Virelai“ (ein mittelalterliches Tanz- und
Liebeslied) gerade in Frankreich und Italien die Grundlage.

Als ein Beispiel sei
hier das von einem gewissen französischen Komponisten „Borlet“
(Trebol?) Anfang des 14. Jahrhunderts entstandene „ Hé,
tres doulz roussignol joly“ genannt. Es gehört zu den musikalisch
verspielten Virelais mit geschickt eingebauten Vogelimitationen. Man
muss wissen, das Vögel, besonders die Schwalben als „Liebesboten“
galten.

Das Sollazzo Ensemble präsentierte Liebeslieder der Renaissance in der Marienkirche. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Das Sollazzo Ensemble präsentierte Liebeslieder der Renaissance in der Marienkirche. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Mit
Madrigalen (Singgedichte,
bei dem der
Text nicht nur wiedergegeben, sondern durch Gesang wie
Instrumentierung mit gedehnten lautmalerischen Effekten gestaltet)
wie etwa
„Quel sole che
nutric‘al gentil fiore“, wird
die Schönheit der Frauen und der Natur mit Tiefe und Intensität
besungen.

Devillers
und Simon beeindruckten vor allem durch ihre Harmonie, wenn sie
zusammen sangen.

Das
wunderbare Zusammenspiel der Instrumente sorgte zwischendurch immer
wieder für atmosphärische Tiefe.

Im
ersten Teil
des Abends standen in
französischer oder italienischer Sprache gesungenen Texten das
Liebesleid, in der
zweiten Hälfte schon mehr die Liebesfreude und Liebeslust im
Zentrum.

Gespielt und gesungen wurde Lieder von Borlet, Vincenzo da Rimini (ca. 1350-1400), Bartolino da Padova (1365-1405), Niccolò da Perugia (, Matteo da Perugia , Jacob de Senlèche (ca. 1382-1395) oder Francesco Landini (ca. 1335-1397).

Das
Abschlusslied des Programms „Or sus, vous dormés trop“ stammt
von einem anonymen Komponisten und seine Noten
finden sich im „Codex Ivrea“, der Bibliothek
der piemontesischen Stadt Ivrea. Hier
wird eine schöne Dame ausgelassen gefeiert, die zu lange schläft.
Stattdessen soll sie lieber der Lerche, Amsel, Drossel oder dem
Zeisig, aber nicht zuletzt dem Verehrer ihr Ohr und Herz schenken.