Klangkörper St. Reinoldi

Il Divino! Leonardo García Alarcón und die CAPELLA MEDITERRANEA eröffneten mit Claudio Monteverdis „Marienvesper“ das Klangvokal Musikfestival 2023 Dortmund. „Eine vielstimmige Messe für Kirchenchöre und mehrstimmige Vesper mit einigen geistlichen Gesängen für Kapellen oder fürstliche Privatgemächer“, so der endlose Untertitel des Werkes.



Monteverdi komponierte vor mehr als 400 Jahren die „Marienvesper“ in Mantua. Er pilgerte mit dem Werk, das er Papst Paul V. widmete, als Bewerbung nach Rom. Dieses Opus Magnum, die „Vespero delle Beata Vergine“, sollte „Il Divino“, wie Zeitgenossen Monteverdi schon nannten, eine neue, beruflich bessere Alternative in Rom ermöglichen. Monteverdi wollte unter allen Umständen Mantua, nicht nur des Klimas wegen, verlassen. Die Gonzagas, Fürsten von Mantua, waren nicht nur knauserige Arbeitgeber, sondern auch sehr unzuverlässige Lohnzahler. Zudem fehlte Monteverdi die Wertschätzung seines Dienstherren. 1613 erst sollte Monteverdi dann eine neue Stelle in Venedig antreten, als Maestro della Capella die San Marco.

Das Werk zeigt eine stilistische, verwundernde Vielfalt auf. Was Leonardo García Alarcón mit seinem Ensemble und Orchester bewundernswert herausstrich. Dabei nutzte er die Reinoldi Kirche geschickt als einen eigenen Klangkörper, den er in das Orchester mit Leichtigkeit integrierte. Gerade gotische Kirchen bieten sich wegen ihrer speziellen Akustik an.

Alarcón setzte geschickt die Klangraummöglichkeiten der gotischen Reinoldi Kirche wie ein zusätzliches Instrument des CŒUER DE CHAMBRE NAMUR ein. Klangmöglichkeiten, die nur einer gotischen Kirche eigen sind. Auch ohne Rechenschieber oder gar Computer wussten die Baumeister genau, was sie machten und zu tun hatten, damit der Priester auch ganz hinten zu verstehen war. So drehten sich die Musiker z. B. in den Chor, mit dem Rücken zum Publikum, wie auch die Sänger. Dadurch wurde eine Klangfülle erreicht, die man so „frontal beschallt“ nicht kennt. Alarcón variierte dabei noch zusätzlich die Positionierung des Chorensembles, indem er den Chor sich an verschiedenen Stellen im Kirchenschiff zwischen dem Publikum oder auf der Empore im Turm platzierte und singen ließ.

Paul V. konnte irgendwie nichts mit dem genialen Werk von Monteverdi anfangen, denn zu sehr brach er mit der Tradition der Vokalpolyfonie, mit neuen konzertierenden und opernhaften Ideen. Es überforderte offensichtlich Paul V. wie den VI. die Pille.

Dafür konnte Alarcón mit seiner CAPELLA MEDITERRANEA und CŒUER DE CHAMBRE NAMUR das Dortmunder Publikum überraschen, mitreißen und begeistern.

Egal, ob das Werk so jemals zu „Il Divinos“ Lebzeiten so aufgeführt wurde, oder es sich tatsächlich „nur“ um eine Zusammenstellung der Musikstücke durch seinen Verleger ist … und welche Rolle dabei Paul V. wirklich hatte … 1612 jedenfalls entließen die Gonzagas Monteverdi in Mantua und der zunächst Mittellose brauchte einen neuen Dienstherren.

Tatsache ist aber, dass Monteverdi nicht ein Erneuerer der geistlichen Musik ist, sondern auch der Vater der modernen Oper, wie wir sie heute kennen. Denn sein „L´Orpheo“ ist DIE Oper schlechthin. Auch die Erste! Ist die „Marienvesper“ bahnbrechend? Nein! Aber sie ist fantastisch, egal welche Geschichte hinter ihr steckt.

Der Dirigat Alarcón, die CAPELLA MEDITERRANEA und das CŒUER DE CHAMBRE NAMUR zauberten einen Klang kräftigen Hörgenuss. Und dass es sowohl Alarcón, als auch den beiden Ensembles Spaß machte, konnte man nicht nur hören, sondern auch sehen.

Wir werden hoffentlich noch öfter Alarcón und seine Ensembles in Dortmund, vielleicht nicht nur bei Klangvokal erleben und hören dürfen. Denn nicht nur Monteverdi ist „Il Divino“.




Weltmusik und die abenteuerlichen Reisen des Leo Africanus

Viele Menschen müssen aus unterschiedlichen Gründen ihre Heimatländer verlassen und versuchen, durch Flucht in für sie sichere Länder ihre Freiheit und Leben zu sichern. Heute wie auch damals.



Im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals Dortmund stand am 01.06.2023 im hiesigen Orchesterzentrum Weltmusik um diesen Themenbereich auf dem Programm.

Der Sänger, Musiker und Komponist Rebal Alkhodari (verließ 2011 Syrien) widmete sich in diesem Jahr gemeinsam mit Orpheus XXI NRW, dem Amaan Choir XXI sowie weiteren musikalischen Gästen der Musik aus gleich mehreren unterschiedlichen Ländern. Darunter Marokko, Ägypten, Mali, Saudi-Arabien, Syrien, Türkei, Italien oder Frankreich. Dabei kamen auch traditionelle Instrumente wie die afrikanische Kora oder der arabische Kanun zum Einsatz.

Die Sänger*innen und Instrumentalist*innen wandeln zu jeweils passenden Videoprojektionen und kurzen Texterklärungen (deutsch) auf den Pfaden des Diplomaten und Forschers Leo Africanus (geboren ca. 1488 als Abu Hassan al-Wazzan in Andalusien). 

Dieser war schon als Kind gezwungen, gemeinsam mit seiner Familie seine Heimat zu verlassen. Nach einer Odyssee durch verschiedene arabische und afrikanische Länder auf seiner Reise wurde er schließlich von europäischen Piraten gefangen genommen und danach dem Papst in Rom als Sklave übergeben. Um frei leben zu können, konvertiert Leo Africanus zum Christentum und erhielt so seinen neuen Namen. Wie auch bei den heutigen Flüchtlingen war die Sehnsucht nach Heimat bis zuletzt immer dabei.

Die Instrumente hatten eine ganz besondere Atmosphäre und einen arabischen Flair. Die wunderbaren Stimmen gaben den oft religiösen, von der Liebe zur Natur oder Heimatsehnsucht getragenen Texten Tiefe und Ausdruckskraft. Der afrikanische Rhythmus begeisterte beim Auftritt von Ibou Kalaama.

Weltmusik als Plädoyer für Toleranz und Verständnis.

Nicht nur unter den Religionen, sondern den Menschen in ihrer Vielfalt im Allgemeinen.




The Tallis Scholars – Musik zu Ehren von heiligen Frauen

Nach 2015 und 2018 konnte ich zum dritten Mal das Vokalensemble „The Tallis Scholars“ im Rahmen des Festivals Klangvokal erleben.  Und erneut gab es ausgewählte Musik aus der Zeit der Renaissance, wobei sich auch drei modernere Komponisten mit „hineingeschmuggelt“ hatten. Das Konzert fand am 25. Mai 2023 in der Propsteikirche statt.



Das bemerkenswerte an dem Konzert war, dass alle aufgeführten Werke eine heilige Frau im Mittelpunkt hatte. Überwiegend stand Maria, die Mutter Jesu, im Zentrum, Francesco Guerrero widmete Maria Magdalena eine Motette.

Nach Orlando di Lassos „Alma redemptoris mater” war der erste Teil des Konzertes der Missa „Ave maris stella“ von Josquin Desprez gewidmet. Die „Ave maris stella“ ist eine Marienantiphon, eine Hymne an die Jungfrau Maria, und Josquin Desprez basierte seine Messe auf diesem gregorianischen Choral. Die Messe wurde wahrscheinlich um das Jahr 1500 komponiert und ist eines von Josquins bekanntesten Werken. Josquin Desprez schafft eine eindringliche musikalische Darstellung der Verehrung der Jungfrau Maria. Durch den Einsatz verschiedener kompositorischer Techniken wie Imitation, Kontrapunkt und Klangfarbenwechsel erzeugt er eine vielschichtige und emotionale Wirkung. Diese Wirkung wurde von den die Sänger:innen der Tallis Scholars unter der Leitung von Peter Philips in gewohnt hochwertiger Weise erzielt.

Nach der Pause ging es mit Renaissancemusik von Francesco Guerrero weiter.  Seine Musik zeichnet sich durch eine ausgeprägte melodische Schönheit, sorgfältige Textausdeutung und ein feines Gespür für Kontrapunkt und Harmonie aus. Danach gab es eine kleine Zeitreise in die Jetztzeit. Der zeitgenössische Komponist Matthew Martin zeichnet sich durch eine moderne Tonsprache und eine sorgfältige Textausdeutung aus. Seine Kompositionen vereinen traditionelle und zeitgenössische Elemente und zeigen eine beeindruckende Beherrschung von Harmonik, Rhythmik und Klangfarben.  Auch hier überzeugten die Tallis Scholars ebenso wie beim russischen „Bogoroditse Devo“ von OIgor Strawinsky, der sehr stark auf die russisch-orthodoxe Kirchenmusik in seiner Komposition zurückgreift.

Ein Name durfte bei moderner geistlicher Chormusik natürlich nicht fehlen: Arvo Pärt. Hier erklang „Virgencita“, die an eine Marienerscheinung im 16. Jahrhundert in Mexiko erinnern soll.

Zum Schluss ging es wieder zurück in die Renaissance. Heinrich Isaacs „Virgo prudentissima“ ist ein mehrstimmiges Chorstück, das typisch für die polyphone Musik der Renaissance ist. Die Komposition besteht aus vier oder fünf Stimmen, die in kunstvoller Weise miteinander verwoben sind. Isaac ist durch seine Komposition „Innsbruck, ich muss dich lassen“ bekannt geworden.

Das Konzert hat wieder mal gezeigt: Wer Chormusik aus Renaissance-Zeit liebt, wird an den Tallis Scholars nicht vorbeikommen.




Caravaggios Reise – musikalische Hommage

Das Festival Klangvokal brachte uns die Musik von Michelangelo Merisi da Caravaggio in einem fantastischen A-Capella-Konzert näher.



Caravaggio war ein unkonventioneller Künstler, ein Meister des Lichts, der zahlreiche Filmschaffenden beeinflusst hat, Licht in Szenen zu setzen. Er war ein Geschichtenerzähler mit Bildern, ein offener schwuler Mann an der Schwelle zur Renaissance zum Barock.

Die Cappella Mariana entführte die Zuhörer:innen in das Zeitalter von Caraviaggo. (Foto: (c) Bülent Kirschbaum)
Die Cappella Mariana entführte die Zuhörer:innen in das Zeitalter von Caravaggio. (Foto: (c) Bülent Kirschbaum)

Caravaggio hatte mächtige Gönner, die auch wie er, mehr am eigenen Geschlecht interessiert waren und soweit es ging, ihre schützenden Hände über ihn hielten … wobei das nicht immer gelang. Die Händel, die der aufbrausende, jähzornige Maler immer wieder provozierte, führten zu einem Duell. Die Ursache ist unbekannt. Vielleicht ging es um einen Liebhaber?

Das Ensemble Cappella Mariana unter der Leitung von Vojtěch Semerád, Hana Blažiková, Barboa Kabáthová, Daniel Čermáková, Tomáš Lajtkep, Ondřej Holub und Jaromír Nosek intonierte die CapellaMadrigal Gesänge aus der turbulenten Zeit des Wechsels von der Renaissance zum Barock in Italien.

In wechselnder Besetzung intonierte das Ensemble in mitnehmender Weise, geradezu, um sich hinweg zu träumen, oder Traum zu wandeln, unterstützt von den eingeblendeten Meisterwerken, des Lichtregisseurs Michelangelo Caravaggio.

Die Musikstücke kamen von verschiedenen Zeitgenossen von Caravaggio und handeln in erster Linie von Liebe und Sehnsucht, wovon Caravaggio getrieben war.

Die gezeigten Gemälde und ihre darin dargestellten Figuren stammten zumeist von Straßen der Wirkungsorte des Meisters des Lichts, Straßenjungen, Spieler, Tagelöhner und Dirnen. Diese Personen bildeten einen derben Kontrast zu den Liebesliedern, aber aus religiösen Themen wie „Ilumina nos“ aus Sacrae Cantiones II. Bis auf Claudio Monteverdi, dessen Oper L´Orfeo einem breiteren Publikum bekannt ist, dürften die anderen Musikschaffenden weniger bis unbekannt sein. Dennoch schufen sie Meisterwerke der Musik, und Ohrenschmaus für Liebhaber des Madrigal.

Klangvokal hat es wieder einmal geschafft, mit dem Ensemble der Cappella Mariana einen fantastischen Gesangsabend nach Dortmund zu bringen, der beinahe nicht zustande gekommen wäre. Glücklicherweise konnte er jetzt etwas mehr als ein Jahr nach dem ursprünglichen Termin dieses Jahr stattfinden.

Caravaggios Reise endet vorzeitig 1610 in Porto Ercole mit ungeklärter Todesursache, ohne seine Begnadigung erhalten zu haben, auf die er dort gewartet hatte. Der getriebene Mensch, dem kein Glück vergönnt war, aber der Welt seine Meisterwerke schenkte.




Mit „Zuversicht“ in die 15. Spielzeit vom KLANGVOKAL MUSIKFESTIVAL

Das KLANGVOKAL Musikfestival Dortmund startet in seine 15. Saison und präsentiert unter dem Motto „Zuversicht“ bei 24 Veranstaltungen an acht verschiedenen Spielorten vokale Höhepunkte aus Oper, Chor, Jazz und Weltmusik mit illustren Gästen wie Jordi Savall, Vox Luminis und Daniel Behle. Das Festival wird am 21. Mai feierlich mit Claudio Monteverdis „Marienvesper“ in der St. Reinoldikirche eröffnet und endet am 18. Juni mit der konzertanten Aufführung der Barockoper „Carlo il Calvo“ im Konzerthaus Dortmund. Vom 7. September 2023 bis zum 15. März 2024 schließt sich eine Saison mit sieben weiteren Konzerten an und ermöglicht Freund*innen des Gesangs damit fast ein ganzes Jahr voller Konzertfreuden.



Opernraritäten aus Italien und Liedgesang aus Deutschland
Gleich drei Werke aus dem Mutterland der Oper sind in diesem Jahr bei Klangvokal zu erleben: Im Juni gelangt Saverio Mercadantes Wiederentdeckung „Il giuramento“ exklusiv im Rahmen des Festivals zur Aufführung und Nicola Antonio Porporas barockes Kleinod „Carlo il Calvo“ erklingt unmittelbar nach einer Aufführung an der Mailänder Scala in gleicher Besetzung in Dortmund. Emilio de‘ Cavalieris frühbarockes Meisterwerk „Rappresentatione di anima et di corpo“ steht im Oktober auf dem Programm und Gaetano Donizettis opernnahe „Messa di Requiem“ wird exklusiv für das Festival einstudiert.        

Nach einer längeren Zäsur ist auch wieder Liedgesang vertreten: Mit Daniel Behle widmet sich einer der renommiertesten deutschen Tenöre dem Œuvre von Robert Schumann und Richard Strauss.

Musik der Renaissance und des Barock        
Mit der Cappella Mediterranea, The Tallis Scholars, dem {oh!} Orkiestra Historyczna unter Martyna Pastuszka, der Accademia Bizantina unter Ottavio Dantone und der lautten compagney BERLIN unter Wolfgang Katschner präsentieren weitere Akteure der internationalen Alte Musik-Szene Werke der Renaissance und des Barock.

Chorgesang und Weltmusik        
Auch im Bereich Weltmusik gibt es viel zu entdecken: Während Jordi Savall sich mit seinen Ensembles auf „Die Routen der Sklaverei“ begibt, wandeln der Amaan Choir XXI und Orpheus XXI NRW unter der Leitung von Rebal Alkhodari auf den Spuren des andalusischen Forschers „Leo Africanus“. Das Quintett L’Alba lädt unterdessen zu einer musikalischen Reise nach Korsika ein und die Singer-Songwriterin Somi präsentiert eine Hommage an ihr Vorbild Miriam Makeba. Ein weiterer Höhepunkt: Zum 15. FEST DER CHÖRE haben sich wieder über 100 Chöre angemeldet.

Treue lohnt sich        
Bei Buchungen ab drei Veranstaltungen erhalten die Kund*innen über das Festival-Büro zusätzlich 20 % Ermäßigung auf ihre Karten. Schüler*innen, Auszubildende, Bufdis, Studierende bis zur Vollendung des 27. Lebensjahres sowie Inhaber des Dortmund-Passes erhalten über das Klangvokal-Büro sogar 50 % Ermäßigung auf den Kartennettopreis.

Hier finden Sie die Veranstaltungsübersicht: https://www.klangvokal-dortmund.de/programm/veranstaltungen.html

Das programmbuch als PDF: https://www.klangvokal-dortmund.de/fileadmin/user_upload/Programmbuch_2023/230207_KLANGVOKAL_Programmbuch_final.pdf




Eine Reise mit dem fliegenden Teppich

Am 22. Oktober 2022 entführte Rebal Alkhodari und die Mitmusizierenden die Zuhörenden im Reinoldisaal und nahm sie mit auf seinem fliegenden Teppich auf eine weite Reise. Unsere musikalische Tour begann in Granada und führte uns über das Mittelmeer bis in den Iran und nach Afghanistan. Einen Abstecher nach Deutschland gab es auch.



Zusammen mit dem Orpheus XXI NRW Ensemble und dem Orpheus XXI NRW Chor standen fast 30 Beteiligte auf der Bühne, die mit verschiedener orientalischer Musik die Menschen im Reinoldisaal faszinierten.

Nach einem beinahe Ouvertüre-artigen Stück namens „Rumi 2222“ begann unsere Reise. Sie führte uns im Zickzackkurs durch eine islamisch-orientalisch geprägte Welt, sei es aktuell oder historisch. So wurden Lieder aus Spanien und Portugal ebenso gespielt wie Lieder aus dem Nahen Osten.

Auf einer Leinwand wurden einige Drohnenaufnahmen von Städten der betreffenden Länder gezeigt. Beispielsweise sah man Petra in Jordanien oder Lissabon zu Portugal.

Die Musik war abwechslungsreich, von traurigen Stücken wie dem portugiesischen „Una tarde“, dem schon ein wenig die Fado-Schwermütigkeit eingeimpft scheint bis hin zu fröhlichen „Wa’uniha“ aus Palestina. Die beiden gespielten Lieder aus dem „Westen“ nämlich „Ecco la prima vera“ und „Unter den Linden“ klangen auch nicht völlig fehl am Platz, denn durch die Kreuzzüge kam auch die arabische Musik in den Westen.

Besonders zu erwähnen sind die Sänger*innen aus dem Chor, die neben Rebal Alkhodari solistische Funktionen übernommen haben.

Fazit: Eine gelungene Reise auf dem fliegenden Teppich durch eine alte und reiche Musikkultur.




Oratorium „La vièrge“ in der Reinoldikirche

Eigentlich wäre die Marienkirche in Dortmund der passendere Ort für die Aufführung von Jules Massenets „La vièrge“, denn die Handlung dreht sich um Maria, die Mutter Jesu. Am 24. September wurde das Stück im Rahmen des Festivals Klangvokal in der Reinoldikirche aufgeführt.



Jules Massenets (1842-1912) ist vor allem als Opernkomponist bekannt, „Manon“ ist eines seiner bekanntesten Opern. Doch er schuf auch Oratorien über biblische Figuren wie Maria Magdalena, Eva oder eben Maria.

Wer bei „La vièrge“ eine durchgehende Handlung erwartet, der wurde enttäuscht, denn das Libretto von Charles Grandmougin setzt einzelne Schlaglichter. Die Verkündung, das Festmahl zu Kanaa, Karfreitag und Marias Himmelfahrt sind die vier Themen. Große Soloparts haben außer Maria nur der Erzengel Gabriel, der Rest ist mehr oder weniger Stichwortgeber. Von daher ist es nicht unverständlich, dass das Stück nach seiner Uraufführung 1880 lange nicht Vergessenheit geriet, obwohl das Präludium des vierten Teils („Le dernier sommeil de la vièrge“) heute noch in Konzerten gespielt wird.

Obwohl Massenet ja ein Opernkomponist war, schafft er es in „La vièrge“ bis auf wenige Ausnahmen nicht, einen Spannungsbogen zu erzeugen. Immerhin hat der zweite Teil (Festmahl zu Kanaa) Rhythmik und Dynamik.

Für die Vorlage konnten die Musiker und Sänger nichts, sie machten das beste daraus. Die Dortmunder Philharmoniker unter der Leitung von Granville Walker, der Philharmonische Chor des Dortmunder Musikvereins und der Opernkinderchor waren ebenso mit Leidenschaft dabei wie die Solokünstler*innen Valentina Stadler, Suzanne Jerosme, Lotte Verstaen, Sungho Kim und Thomas Laske.




Huelgas Ensemble – Französischer Renaissancemusik

Das Huelgas Ensemble aus Belgien und die Musik der Renaissance aus Frankreich und Flandern, mit Landschaftsprojektionen

Seit mehr als 40 Jahren ist die franko-flämische Vokalpolyphonie des Mittelalters und der Renaissance die musikalische Muttersprache von Paul van Nevels. Meisterwerke dieser Madrigal Musik der Renaissance brachte uns das Huelgas Ensemble am 18. September im Reinoldihaus zu Gehör. Das Ensemble wurde 2019 mit dem Opus Klassik zurecht geehrt. Die Klangimpressionen des vielstimmigen Gesangs spiegelten sich in den melancholischen Bildern der photographisch festgehaltenen Landschaften Flanderns und Nordwestfrankreichs, Nord-Pas-de-Calais, das Land der Stif, wie wir seit einer bitterbösen französischen Komödie wissen.

Das Madrigal ist ursprünglich eine sehr freie Gedichtform, die als Textgrundlage für eine Komposition diente (Singgedicht). Besonders in Italien war diese Gattung im 16. und 17. Jahrhundert zuerst als mehrstimmige Chorkomposition, dann auch als instrumental begleitetes Sologesangsstück sehr beliebt. Der Text beinhaltet zumeist weltliche Themen; das geistliche Pendant zum Madrigal bildet die Motette.

In der Geschichte des Madrigals hat sich seine Gestalt mehrfach verändert, zu allen Zeiten aber handelte es sich dabei um weltliche, in der Regel vier-, fünf- oder sechsstimmige Chorstücke in einem kammermusikalischen Rahmen.



Man schreibt das Madrigal als ab 1520 unter den Medici Päpsten entstanden … so wie Vasari, Michelangelo Groupie, die Renaissance ausschließlich in Italien entstanden sah und die Barbaren im Norden Europas von der Renaissance ausschloss … So vehement kaprizierte sich Vasari auf Italien, das die im Norden schon lange sich entwickelte Kunst als Flämische Naive oder Primitive verunglimpft wurden, und die Maler und Bildhauer nur früher weiter waren als die von Vasari gepriesenen italienischen Meister. Man denke nur an den Bamberger Reiter aus der Mitte des 13.Jh. und die Flämische Meister: Bruegel, Rubens, Van Eyck, van der Weyden, Memling, Bouts, u.a.

MA DUCE AMOR von Johannes Symonis Hasprois (1430-1492) entstand nun vor 1520 im flämisch-nordfranzösischen Grenzraum … im Hennegau, der im 15. und 16. Jhdt. als eine Wiege der Musikgeschichte der Renaissance Musik gilt.

Die Melancholie der Bildprojektionen spiegelte sich in den vorgetragenen Musikstücken wieder, machen sie aber auch damit wieder mittelalterlich, trotz ihres Ursprungs in der Renaissance. Sanft fast sind die polyphonen A cappella Gesänge des Huelgas Ensemble die wir unter sanfter, kaum wahrnehmbarer Leitung von Paul van Nevel hörten. Nein Instrumente brauchte es wirklich nicht. Die Stimmen waren das Instrument jedes einzelnen aus dem Ensemble.




Barock à la Française

Reinhold van Mechelen. Tenor und Dirigat, und sein Ensemble A Nocte Temporis

Barockmusik aus Frankreich ist für die meisten von uns zuerst einmal die Musik, die am Hof von Versailles unter Louis XIV. komponiert und gespielt wurde, allen voran Lully, Charpentier und andere. Vielleicht denken wir auch an den fantastischen Film Le Roi Danse … Es war die Musik die der „Verherrlichung des Königs“ diente, bzw. geschaffen wurde, wie Lully der Initiator es postulierte, obgleich Lully aus Italien stammte. Die Musik war als dynastischer und nationaler Kontrapunkt zur italienischen Musik gedacht.



Van Mechelen brachte uns aber eine andere Zeit und Protagonisten zu Gehör … Während nach dem Tode Louis XIV. das Zeitalter des Barocks endete und das frivole und dem Plaisir verfallene Rokoko mit der Regentschaft des Philip d´Orleans für den unmündigen Louis XV. begann, verharrte die Musik im Barock mit all seiner Bombastik und auch mathematische Strenge.

Barockmusik herrschte vor allem in Frankreich von ca. 1600 bis 1750, während sich die Vorklassik schon mit dem empfindsamen Stil ca. 1720 ankündigte und ca. 1730 bis 1770 zur Klassik wurde. Ab 1770 herrscht in Europa dann die Wiener Klassik (ca. 1770 bis 1830).

In den 1750er Jahren befand sich die Pariser Musik- und Opernwelt in einem Ausnahmezustand, denn in der französischen Hauptstadt schwelte ein Grundsatzkonflikt, der „Buffonenstreit“, welche Musik nun den Primat habe, die italienische oder die französische. Das schloss auch die Frage welcher Operngattung den Vorzug zu geben habe, der bürgerlichen oder der höfischen … Die ersten Glocken der kommenden Revolution läuteten.

Van Mechelen stellte uns nun Jean-Philippe Rameau, Jean-Joseph Cassanéa de Mondonville, Jean-Marie Leclair mit ihren Werken vor.

Aus dem „Buffonenstreit“ gingen am Ende die „Italiener“ hervor mit der frischeren und einfacheren Musik.Die Barockmusik dominierte aber noch weiter die Musik, obgleich sich die Klassik immer mal wieder meldete.

Diese Zeit lassen van Mechelen und sein Ensemble wiedererstehen, inklusive eines Stückes das das Rokoko und sein „Plaisir Absolute“ durchscheinen lässt … inkl. Travestie.

Der Einstieg in die Musik des Spätbarock gab van Mechelen mit der Ouvertüre aus Hippolyte et Aricie von Rameau, bombastisch, vielstimmig und volumig, mit Pauken und Trompeten, à la Lully und Charpentier. Der Zuhörer könnte sich an Le Roi Danse erinnert fühlen, vor meinem Auge tanzte er als Apollo im Garten von Versailles …

Aber die Reise ging weiter mit Arien einfühlsam von van Mechelen vorgetragen und fantastisch von seinem Ensemble begleitet. Alle Stücke des Abends wurden einst von Pierre de Jéliote (1713-97) gesungen. Jéliote wurde nachgesagt, dass er der Einzige gewesen sei, der den wahren Geist der französischen Musik wiederzugeben in der Lage gewesen sei. Er war einer der wenigen Sänger des Ancien Regime der sich eines dauerhaften Nachruhms erfreuen durfte, hätte er denn länger gelebt. Ihre Anfänge 1789 har er erlebt.




Barockmusik mit einer Legende

Am 12. Juni 2022 fand im Konzerthaus Dortmund ein bemerkenswertes Konzert statt. Sir John Eliot Gardiner , der Monteverdi Choir und die English Baroque Soloists spielten Musik von Schütz, Schein und Bach,

Sir John Eliot Gardiner gab ein vielumjubeltes Konzert im Dortmunder Konzerthaus. (Foto: © Bülent Kirschbaum)
Sir John Eliot Gardiner gab ein vielumjubeltes Konzert im Dortmunder Konzerthaus. (Foto: © Bülent Kirschbaum)

Im Zentrum des Konzertabends stand die Trauermusik. Johann Sebastian Bachs Werk „Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit“ (BWV 106) eine frühe Trauerkantate, die thematisch Texte aus dem Alten und Neuen Testament benutzt, um die Ablösung vom alten durch den neuen Bund darzustellen. Auch das zweite Bachstück „O Jesu Christ meines Lebens Licht“ gehört in die gleiche Gattung und wurde vermutlich für eine Trauerfeier komponiert.

Doch Trauerkantaten gab es bereits vor Bach. Auch die frühbarocken Komponisten wie Schütz oder Schein waren in diesem Metier aktiv. Vor allem Johann Hermann Schein (1586-1630) war leidgeprüft. Er verlor gleich sieben Kinder und seine erste Frau. Doch das Konzert begann fröhlich mit einem Hochzeitslied von Heinrich Schütz (1586-1672) „Freue dich des Weibes deiner Jugend“ (SWV 453). Im Mittelpunkt des ersten Teils stand die „Musikalische Exequien“ (SWV 279-281), die als Musik zur Beisetzung des Landesherrn von Heinrich Schütz, Heinrich Posthumus Reuß, gespielt wurde.

Sir John Eliot Gardiner ist seit den 60er Jahren in Sachen Alter Musik unterwegs. Er gründete 1964 den Monteverdi Choir und 1978 die English Baroque Soloists. Die jahrelange enge Zusammenarbeit zwischen Dirigenten, Musikern und Chor war in jeder Sekunde spürbar und erzeugte eine eigene Form der musikalischen Magie.