Eine Zeitmaschine aus Klang – Das Sollazzo Ensemble in der Dortmunder Marienkirche

Es passiert nicht alle Tage, dass die Musikwelt einen jahrhundertealten Schatz hebt. Als 2015 der sogenannte Leuven Chansonnier bei einer Auktion auftauchte, war das eine musikwissenschaftliche Sensation: Ein intaktes, winziges Liederbuch aus der Zeit um 1470, vollgepackt mit weltlichen Chansons der franko-flämischen Schule. Einige dieser Werke sind weltweit einzigartig (Unica). Das hochkarätige Sollazzo Ensemble unter der Leitung von Anna Danilevskaia brachte dieses musikalische Juwel nun in der St. Marienkirche zu Gehör – und verwandelte das Gotteshaus für einen Abend in einen spätmittelalterlichen Fürstenhof.



Klangliche Transparenz in historischen Mauern

Wer die St. Marienkirche kennt, weiß um die akustischen Herausforderungen, die große Kirchenräume für komplexe, mehrstimmige Musik oft bereithalten. Aus den vorderen Reihen bot sich dem Publikum jedoch ein phänomenales Klangerlebnis. Die komplexe Polyphonie von Meistern wie Johannes Ockeghem, Antoine Busnoys oder Robert Morton verschwamm keineswegs im architektonischen Nachhall. Im Gegenteil: Die Gesangsstimmen und historischen Instrumente präsentierten sich in einer wunderbaren Klarheit und messerscharfen Deutlichkeit. Jede feine Linie, jede harmonische Reibung blieb transparent und greifbar.

Die Kunst der Zeitreise

Es ist eine Gratwanderung, Musik des 15. Jahrhunderts so zu interpretieren, dass sie nicht wie ein staubiges Museumsstück wirkt. Dem Sollazzo Ensemble gelang hier ein kleines Kunststück: Sie brachten die höfische Liebeslyrik und die intellektuelle Tiefe der Epoche so authentisch zu Gehör, dass sich die Zuhörenden unweigerlich auf eine Zeitreise zurück an die Schwelle zwischen Spätmittelalter und Renaissance versetzt fühlten.

Das Sollazzo Ensemble in der Marienkirche. (Foto: (c) Karen Elias)
Das Sollazzo Ensemble in der Marienkirche. (Foto: (c) Karen Elias)

Einzelne Stücke herauszuheben, fiele schwer und würde dem geschlossenen Charakter des Abends kaum gerecht werden. Jedes Chanson funktionierte wie ein kunstvoll gestaltetes Epochenfenster. Man konnte förmlich die melancholische Eleganz und die strenge Etikette der damaligen Adelshöfe spüren. Die Musikerinnen und Musiker transportierten die Emotionen der Texte mit einer Lebendigkeit, die das Gestern ganz nah ans Heute heranholte.

Ein Abend für Entdecker und Kenner

Dass ein solches Nischenprogramm kein klassisches Mainstream-Publikum anzieht, liegt in der Natur der Sache. Die Marienkirche war an diesem Abend spürbar von einem fachkundigen Publikum besetzt – Menschen, die die Seltenheit und den musikhistorischen Wert dieser Aufführung zu schätzen wussten. Doch auch die neugierigen Entdecker im Raum wurden von der dichten Atmosphäre und der handwerklichen Perfektion des Ensembles sogleich gefesselt. Unbekannte Musik der Renaissance in dieser Qualität bekommt man schließlich nur extrem selten live geboten.

Fazit: Das Sollazzo Ensemble hat dem Leuven Chansonnier in Dortmund genau die Bühne geboten, die dieser sensationelle Fund verdient. Ein Abend von berückender Klarheit, der bewies, dass alte Musik, wenn sie mit so viel Hingabe und Sachverstand interpretiert wird, die kraftvollste Zeitmaschine überhaupt sein kann.




Grand opéra im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals 

Das Klangvokal Musikfestival Dortmund bot mit „La Favorite“ von Gaetano Donizetti (1797–1848) am 07.06.2026 wieder einmal ein besonderes konzertantes Opernerlebnis im hiesigen Konzerthaus. 



Dieses Werk ist geprägt von einer gelungenen Verbindung französischer theatraler Monumentalität und italienischer, ausdrucksstarker melodischer Schönheit. Gesungen wurde in französischer Sprache mit deutschen Untertiteln. 

Im Zentrum von „La Favorite“ steht die dramatische Konstellation um den historischen König Alfons XI. von Kastilien, seine Mätresse Léonor de Guzmán und deren große Liebe zum jungen Fernand. Zwischen Klosterwelt, höfischer Macht, der Einflussnahme der katholischen Kirche und individueller Leidenschaft entwickelt sich ein packendes Drama. Standesunterschiede, Schuldgefühle, Missachtung und ein veralteter Ehrbegriff führen schließlich zu einem tragischen Ende. 

Die Solisten (v.l.n.r.) Angel Macias, Suzanne Jerosme und Bogdan Talos. (Foto: (c) Karen Elias)
Die Solisten (v.l.n.r.) Angel Macias, Suzanne Jerosme und Bogdan Talos. (Foto: (c) Karen Elias)

Die für das Konzert aufgebotenen internationalen Stars der Opernszene machten die verschiedenen Emotionen gesanglich, mimisch sowie gestisch spürbar. Als Léonor überzeugte die Mezzosopranistin Varduhi Abrahamyan (aus Jerewan), während der australisch-chinesische Tenor Kang Wang der Rolle des Fernand besondere Eindringlichkeit verlieh. Mit seinem warmen Bariton begeisterte zudem der aus Neapel stammende Vito Priante als König Alphonse XI. 

Ihr großes gesangliches Können bewiesen auch die französische Sopranistin Suzanne Jerosme als Inez (Vertraute), der in Mexiko geborene Tenor Angel Macias als Don Gasparo (Offizier des Königs) und Bogdan Talos mit seinem tiefen Bass in der Rolle des Balthazar (Prior des Klosters San Giacomo). 

Das Ensemble des WDR Funkhausorchesters unter der temperamentvollen Leitung des italienischen Belcanto-Dirigenten Antonino Fogliani sorgte für eine feinfühlige und je nach Ort der Handlung differenzierte musikalische Begleitung. Zudem untermalte der WDR Rundfunkchor (Einstudierung: Alexander Lüken) das Geschehen eindrucksvoll und stimmgewaltig aus dem Hintergrund. 

Sendehinweis: Der Konzertmitschnitt wird am 4. Juli 2026 um 20:00 Uhr auf WDR 3 und weiteren Sendern der ARD ausgestrahlt. 




Lasst uns unsere schönen Jahre genießen

Les Boréades von Jean-Philippe Rameau gespielt von a nocte temporis unter der Leitung von Reinoud van Mechelen

„Lasst uns unsere schönen Jahre genießen …“ Es wird gefeiert am Hofe von Königin Alphise in Baktrien, einem Teil des heutigen Afghanistans. Sie soll sich einen Gatten erwählen und hat zwar die Wahl, aber es muss ein Nachkomme des Nordwindes Boreas (Borée) sein. Verliebt ist sie tatsächlich. Nur leider in Abaris, einen Tempeldiener unbekannter Herkunft.



In seiner letzten Oper zieht der französische Barockkomponist Jean-Philippe Rameau (1683 – 1763) noch einmal alle Register, lässt die Luft flirren vor Liebe zwischen den beiden, die Amors Pfeil getroffen hat. Das einzige spielerische Requisit in dieser konzertanten Aufführung. Die Erde erzittert bei der Rache des Nordwindes, den die beiden verschmähten Bewerber anrufen. Ganz wunderbar der Perkussionist, der hier sein Material ausreizt, und ansonsten auch bei leisen Stellen mit nur einigen Schellen zauberhaft unterstützt.

"Der Liebespfeil in den Händen der Königin Alphise, gesungen von Gwendoline Blondeel" Fotograf unbekannt.
„Der Liebespfeil in den Händen der Königin Alphise, gesungen von Gwendoline Blondeel“ Fotograf unbekannt.

Manche erzählerischen Teile werden nur mit Cello und Cembalo zart untermalt, was dem Sänger des Abaris Raum gibt. Den er sich zu nehmen weiß, denn der Countertenor Reinoud van Mechelen singt nicht nur diese Partie, nein, er ist auch gleichzeitig der Dirigent des gesamten belgischen Ensembles. Und als solcher hält es ihn kaum an seinem Platz. Er findet sich beim Lenken des Orchesters und der Sängerinnen und Sänger des „Chœur de Chambre de Namur“ vor und neben dem Pult wieder, manchmal tänzelnd. Man merkt ihm seine Hingabe zu der Musik an und bewundert den Wechsel vom Dirigenten zum Sänger mit dem Notenbuch in der einen Hand, wie er sich damit dreht, dem Publikum nicht mehr den Rücken zuwendet und sich der Liebe zu Alphise widmet.

Man leidet ein wenig mit in dieser Doppelrolle, aber schnell vergisst man die Mühen, denn das Spiel geht ja weiter, die Liebe will verteidigt werden. Zwar gibt Abaris fast auf, dennoch nimmt er all seinen Mut zusammen und sucht seine Alphise zu befreien, die für sich schon die Lösung gefunden hat, auf den Thron zugunsten der Liebe gänzlich zu verzichten. „Geliebter, was wäre das Reich des Universums selbst ohne Euch?“ Eine gute Absicht, doch mit dem Nordwind nicht zu machen, er entführt sie schlichtweg.

Dem Opernwerk erging es in seiner Zeit nicht viel besser. 1763 sollte sie zur Aufführung kommen, die Proben hatten bereits begonnen, doch sie verschwand für mehr als zweihundert Jahre in den Archiven. Dabei war der Komponist sehr bekannt und gilt auch heute noch als ein Meister seines Faches, der allerdings in der Wahrnehmung in Deutschland hinter die italienischen und deutschen Komponisten zurückfällt. Das zu ändern, bietet das Dortmunder Klangvokal-Festival  einen hervorragenden Rahmen. Und erfüllt damit auch die Erwartungen eines Stammpublikums, indem es bereits über die Jahre sich auch dem Barock widmet und immer wieder hier eher unbekannte Werke auf die Bühne bringt.

Diese Begeisterung merkt man dem Festivaldirektor Torsten Mosgraber genauso an, wenn man ihn ein paar Tage vor dem Konzert vor Studierenden in einem öffentlichen Seminar/Workshop im Dortmunder U erlebt. Zusammen mit Prof. Dr. Barbara Welzel von der TU Dortmund laden sie jedes Jahr ein, sich mit den Hintergründen und auch aktuellen Bezügen eines besonderen Werkes bei Klangvokal zu beschäftigen. Neben den musikalischen Raffinessen geht es auch um die gesellschaftliche Einordnung. „Les Boréades“ handelt von einer unstandesgemäßen Liebe. Und es stellt sich die Frage, wie sich Macht legitimiert. Darf es nur die Herkunft sein?

Vielleicht war das auch, zwanzig Jahre vor der Französischen Revolution, ein Grund, warum die Oper nicht aufgeführt wurde. Vielleicht war sie zu progressiv. So jedenfalls einige Vermutungen. Was nicht passte, durfte nicht sein. Und bloß niemanden auf die Idee bringen, dass Macht auch andere Legitimitätsgründe haben könnte.

Dabei hat der unbekannte Librettist, also Autor des Textes (zugeschrieben Louis de Cahusac), alles dahingehend aufgelöst, dass der Gott des Lichts, Apollon, sich einmischt und offenbart, dass Abaris sein Sohn sei, den er mit einer Nachfahrin des Nordwindes gezeugt hat. Sehr schön präsentiert von dem tschechischen Bariton Tomáš Král.

Ein genussvoller Abend für alle auf der Bühne des Orchesterzentrums NRW in der Brückstraße, der Meile der Musik und Vokalmusik.

Lasst uns das Leben genießen – und das jeden Tag.

Mehr genussvolle Momente unter www.klangvokal-dortmund.de

Und auch nicht verpassen: Das „Fest der Chöre“ in der Dortmunder Innenstadt am 13.06.26




Eindringlicher Desert-Rock beim Klangvokal Musikfestival

Im Jahr 1975 zwang der Westsahara-Konflikt zehntausende Sahrauis zur Flucht. Diese Auseinandersetzung – ein Resultat der Dekolonisierung und der verweigerten Selbstbestimmung dieses Volkes – ist bis heute ungelöst. Die Westsahara gilt nach wie vor als Territorium ohne Selbstverwaltung.



Aziza Brahim (*1976 in Tindūf, Westalgerien) wuchs in einem der dortigen Flüchtlingslager auf. Früh wurde die Musik für sie zum entscheidenden Mittel, um ihre Erlebnisse zu verarbeiten; durch die universelle Sprache des Gesangs schöpfte sie Kraft. Nach ihren Jugendjahren in Kuba zog sie im Jahr 2000 nach Spanien, von wo aus sie ihre internationale Karriere startete.

Gemeinsam mit ihren Musikerkollegen Ignasi Cussó (E-Gitarre), Guillem Aguilar (Bass) und Andreu Morena (Schlagzeug) trat sie am 13.03.2026 im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals im Dortmunder Reinoldihaus auf. Ihr besonderer „Desert-Rock“ verbindet Elemente aus Rock, Funk, Electro und Afro-Blues mit traditionellen saharauischen Klängen. Inhaltlich erzählen ihre Lieder von Heimat, Widerstand und Hoffnung. Dabei nutzt Brahim nicht nur ihre klare, ausdrucksstarke Stimme, sondern setzt auch die traditionelle Tablatrommel (ein Membranophon) als künstlerisches Ausdrucksmittel ein.

Aziza Brahim und Band im Reinoldihaus in Dortmund. (Foto: (c) Karen Elias)
Aziza Brahim und Band im Reinoldihaus in Dortmund. (Foto: (c) Karen Elias)

Live vermittelte das Ensemble ein Stück der Seele ihrer Heimat, kombiniert mit Jazz-Energie und mitreißenden Rhythmen – mal melancholisch, mal temperamentvoll und voller Zuversicht. Sowohl die Instrumentalisten als auch die Sängerin erhielten ausreichend Raum, ihr virtuoses Können zu entfalten. Ein gelungenes Beispiel für die völkerverbindende Kraft der Musik über Kultur- und Sprachgrenzen hinweg.




Eine Reise durch Jahrhunderte amerikanischer Musikgeschichte

Das Klangvokal Musikfestival Dortmund lud am 30. Januar 2026 zu einem besonderen Abend in das Reinoldihaus: Das renommierte Vokalensemble Chanticleer präsentierte sein Programm „OUR AMERICAN JOURNEY“. Der Anlass könnte kaum passender sein, begehen die Vereinigten Staaten in diesem Jahr doch ihren 250. Unabhängigkeitstag.

Das 1978 in San Francisco gegründete und mit einem Grammy ausgezeichnete Ensemble steht unter der Leitung von Tim Keeler. Es setzt sich aus sechs Countertenören, drei Tenören sowie drei Bässen bzw. Baritonen zusammen.

Die Sänger führten das Publikum auf eine abwechslungsreiche Reise durch mehrere Jahrhunderte und diverse Musikstile. Der Abend begann mit Werken aus spanischen und mexikanischen Chorbüchern des 17. Jahrhunderts, gefolgt von Klängen, die ihren Ursprung in den englischen Kolonien Nordamerikas haben. Auffällig war dabei die Stimmführung, die sich nur selten den strengen Regeln des formalen Kontrapunkts unterwarf.

Einen besonders tiefen Eindruck hinterließ vor der Pause das Stück „Un-Covered Wagon“, das Brent Michael Davids 2002 eigens für Chanticleer komponierte. Es nimmt Bezug auf den Stummfilm „The Covered Wagon“ (1923), der einen Siedlertreck von 1848 aus einer glorifizierenden Pionier-Perspektive zeigt. Davids bricht mit dieser einseitigen Sichtweise und dem Mythos der „unbewohnten Landschaft“. Stattdessen lenkt er den Blick – und das Gehör – auf die Ureinwohner, indem er indigene Musikelemente kunstvoll in das Werk integriert.

Das Programmhelft von Chanticleer."
Das Programmhelft von Chanticleer.“

Breiten Raum nahmen zudem der Shape-Note-Gesang sowie Spirituals und Gospels der afroamerikanischen Gemeinschaft ein. In den protestantisch-methodistischen Kirchen entwickelten sich diese Stile einst zu einem lebendigen Ausdruck der Freiheit für ehemals versklavte Menschen.

Mit „Hee-oo-oom-he“ von Toby Twining bot das Ensemble spannenden experimentellen Gesang: Markante Klänge, wechselnde Metren, Polyrhythmen sowie Techniken wie Vocal Fry, Jodeln und Hecheln forderten die Sänger heraus. Den Abschluss bildete ein Ausflug in die moderne Welt des Jazz und Pop.

Chanticleer glänzte nicht nur durch starke Solisten, sondern auch durch perfekte Intonation und klangliche Reinheit im Zusammenspiel der Stimmlagen – ein vielschichtiges und anspruchsvolles Programm, das meisterhaft umgesetzt wurde.




Liebe und Tragik in der Wärme des Südens: „Amore Siciliano“ bei Klangvokal

„Palermo, 22 Grad, Sonnenschein“ – diesen Wunsch äußerte Barbara Welzel zu Beginn der Vorträge am Dienstag in der Reihe „Bild und Klang“ in der Reinoldikirche, bevor der Leiter des Klangvokal-Musikfestivals, Torsten Mosgraber, ans Mikro trat und Sizilien und seine Musik vorstellte. Ein frommer Wunsch in kühler Kirche. Wärmer wurde es dann am Freitag, dem 31.10.2025 im Reinoldisaal, denn dort konnte „Amore Siciliano“ mit fünf Sängerinnen und Sängern und neunköpfigem Orchester, der Cappella Mediterranea, auf Einladung von Klangvokal bei ihrem einzigen Deutschlandkonzert live erlebt werden.

Das Ensemble bot eine wohltemperierte Mischung (Pasticcio) aus Volksmusik aus Sizilien, aber auch aus Apulien und Kalabrien sowie Barockmusik aus Süditalien des 17. und 18. Jahrhunderts. Geformt zu einem Prolog und zwei Akten, in denen es um Liebe ging – natürlich –, aber mit Irrungen und Wirrungen: Verrat, Eifersucht und Tod, nicht ganz natürlich.

Den Rahmen bildet das Lied von Cecilia, La Canzone di Cecilia, die sich den Versprechungen Don Lidios hingibt, der dafür ihren im Gefängnis schmorenden Peppino freilassen will. Zu Beginn erklingt ein geistliches Lied von Vincenzo Tozzi aus dem 17. Jahrhundert. Stimmungsvoll mit Kerzen wird die Geburt Jesu in der Weihnachtsnacht gepriesen. Die Kunstmusik der Zeit ist geprägt durch die katholische Kirche, bei der Tozzi als Chorleiter in Messina angestellt war, nachdem er bereits in Rom gewirkt hatte.

Sizilianische Wäre im herbstlichen Dortmund. (Fotocollage: Martina Bracke)
Sizilianische Wäre im herbstlichen Dortmund. (Fotocollage: Martina Bracke)

Nach diesem eher getragenen Prolog beginnt die Erzählung, die der Komponist und Leiter des Ensembles, Leonardo García Alarcón, aus den Liedern gewoben hat. Seine Recherchearbeit führte ihn dabei bis nach Malta. Im Kathedralenmuseum in Valletta lagern diverse Manuskripte und gedruckte Werke italienischer und maltesischer Komponisten. Malta liegt nur rund einhundert Kilometer von Sizilien entfernt.

Das tragische Geschehen nimmt seinen Lauf. Peppino möchte nicht, dass seine Cecilia sich hingibt, doch ihre Liebe bringt sie dazu. Eifersucht spielt bei der Gattin des Verführers hinein. Zwischendurch erleben die Zuhörerinnen und Zuhörer auch erheiternde Stücke, wenn zum Beispiel die Laute eines Esels in einem Volkslied erklingen. Dafür erhält der Tenor Valerio Contaldo Szenenapplaus.

Der ganze Abend kommt ohne Bühnenaufbauten aus. Die Musikerinnen und Musiker mit einigen interessanten Instrumenten (Viola da Gamba, zwischen den Beinen gehalten, oder auch verschiedene Lauten) befinden sich auf der Bühne. Der Leiter des Ensembles spielt die Orgel, manchmal auch stehend, damit er gleichzeitig dirigieren kann. Die Sopranistinnen und die Sänger nutzen Mimik und Gestik und auch den Balkon des Saales, um miteinander zu interagieren. Ein Programmheft mit sämtlichen italienischen Texten und deutscher Übersetzung hilft, die Handlung zu verfolgen. Viele genießen aber auch einfach das Zusammenspiel und den Klang der Musik, vorgetragen von wunderbaren Künstlerinnen und Künstlern.

Zum zweiten Akt tragen die Damen andere Kleider. Ana Vieira Leite und Mariana Flores singen gemeinsam ein Volkslied über die Schwalbe, in dem es natürlich auch um Liebe geht. Weiteren Zwischenapplaus erntet das Orchester für seinen Instrumentalteil: eine spanische Tarantela (ein Volkstanz, tatsächlich nach der Spinne, der Tarantel, benannt). Alarcón fügt gegen Ende, das Peppino nicht überlebt, noch ein eigenes Musikstück ein, in dem alle Sängerinnen und Sänger ihren Part haben.

Lang anhaltender Applaus am Ende bewegt das Ensemble glücklicherweise zu zwei Zugaben. Dann ist dieser schöne Abend auch schon zu Ende und das Publikum wird entlassen in ein Dortmund mit 13 Grad, bei Nacht.

www.klangvokal.de




Meditativ-kraftvolle Klänge aus der tuwinischen Steppe

Im Rahmen des Klangvokal Musikfestivals 2025 entführte die tuwinische Gruppe Huun-Huur-Tu das Publikum am 10. Oktober im Dortmunder Reinoldihaus in die endlose Weite der sibirischen Steppe. Tuwa – ein abgelegenes Gebiet im Süden Sibiriens – ist ihre Heimat. Seit über zwanzig Jahren prägt die Band dort die traditionellen, naturverbundenen Klänge ihrer Region und führt sie mit modernen Arrangements zusammen.

Zentrales Element ist der Khoomei, der berühmte Ober- und Kehlgesang, der Töne gleichzeitig in mehreren Frequenzen erklingen lässt. Mit Lippen, Zunge, Kehlkopf und Stimmbändern erschaffen die Musiker ein vibrierendes Klanguniversum aus tiefem Grollen, schwebenden Obertönen und feinen Pfeifmelodien. Wer sich auf diesen Klangstrom einlässt, spürt die Bewegung von Wind und Pferden in der Steppe – eine meditative Reise durch Klanglandschaften, die zwischen Erde und Himmel zu schweben scheinen.

Auch visuell ist das Ensemble ein Erlebnis: In traditionellen Gewändern stehend, umgeben von Instrumenten aus ihrer Heimat, entfaltet sich ein Klangbild von archaischer Schönheit.

Huun-Huur-TU bei Klangvokal im Reinoldisaal (Foto: Céline-Christine Spitzner)
Huun-Huur-TU bei Klangvokal im Reinoldisaal (Foto: Céline-Christine Spitzner)

Zu hören waren unter anderem:

  • Igil, das zweisaitige Streichinstrument mit geschnitztem Pferdekopf, Symbol der tuwinischen Musiktradition.
  • Toschpulur, eine langhalsige Laute mit warmem, holzigem Klang.
  • Byzaanchi, ein Streichinstrument mit vier Saiten und Tierhautbespannung.
  • Chuur, die weiche, atmende Flöte der Steppe.
  • Tungur, die Schamanentrommel, deren tiefe Schläge spirituelle Kraft entfalten.
  • Khomus, die Maultrommel mit ihrem schillernden Obertonspektrum.
  • Tuyug, ein Rhythmusinstrument aus Pferdehufen, das den Klang galoppierender Tiere nachahmt.

Mit diesem Instrumentarium erschaffen die vier Musiker von Huun-Huur-Tu eine dichte, fast filmische Klangwelt – zwischen archaischer Erdverbundenheit und hypnotischer Trance.

Auf der Bühne standen:
Sayan Bapa (Gesang: Kargyraa, Khoomei; Toschpulur, Gitarre, Igil),
Alexej Saryglar (Gesang: Sygyt; Tuyug, Tungur, Igil),
Radik Tyulyush (Gesang: Borbangnadyr; Byzaanchi, Khomus)
und Kaigal-ool Khovalyg (Gesang: Khoomei, Sygyt, Kargyraa; Igil).

Ein Konzert, das weniger gehört als erlebt wird – intensiv, erdig und zutiefst verbunden mit der Natur.




Poro – Händels Kammeroper im königlichen Gewand

Die Oper Poro markierte für Georg Friedrich Händel eine Art Comeback. Nachdem die Royal Academy of Music in Schwierigkeiten geraten war, gründete Händel 1729 gemeinsam mit dem Impressario Johann Jakob Heidegger eine neue Opernkompanie am King’s Theatre in London. Zwei Jahre später, 1731, feierte Poro Premiere – eine Oper, die ganz im Zeichen des Humanismus steht. Sie zählt heute zu den weniger häufig gespielten Werken Händels, umso erfreulicher war es, dass das Klangvokal Musikfestival dieses Juwel am 19. August 2025 in einer konzertanten Aufführung im Konzerthaus Dortmund präsentierte.

Worum geht es in Poro?

Die Handlung spielt im alten Indien zur Zeit Alexanders des Großen. König Poro wurde von Alexander besiegt und lebt versteckt. Seine Geliebte Cleofide versucht, ihn zu schützen. Alexander wiederum zeigt Interesse an Cleofide – politisch wie persönlich –, was bei Poro Misstrauen und Eifersucht weckt. Um ihre Treue zu prüfen, gibt er sich als einfacher Offizier aus.

(v.l.n.r.) Julia Lezhneva (Cleofide),, Rémy Brès-Feuillet als Gandarte , Lucile Richardot (Erissena) und  Timothy Edlin (Timogene). (Foto: (c) Oliver Hitzegrad)
(v.l.n.r.) Martyna Pastuszka ([oh!] Orkiestra ), Julia Lezhneva (Cleofide),, Rémy Brès-Feuillet als Gandarte , Lucile Richardot (Erissena) und Timothy Edlin (Timogene). (Foto: (c) Oliver Hitzegrad)
Es folgen Intrigen, Missverständnisse und ein beinahe tödlicher Konflikt. Doch Cleofide bleibt standhaft. Am Ende zeigt Alexander sich als großmütiger Sieger: Er vergibt Poro und gibt ihm und Cleofide ihre Freiheit und ihr Reich zurück. Die Oper endet mit einem versöhnlichen Schluss – Gnade statt Rache, Menschlichkeit statt Machtgehabe.

Kalkutta liegt nicht am Ganges – und Alexander war nie dort

Wie viele Werke der Barockoper ist auch Poro kein historisches Tatsachenstück, sondern ein moralisches Drama. Der Fokus liegt auf dem Ideal des aufgeklärten Herrschers: Alexander zeigt Stärke nicht durch Gewalt, sondern durch Großmut. Seine Vergebung – auch gegenüber dem Verräter Timagene – unterstreicht seine Größe, nicht seine Schwäche.

Hugo Hymas sang den Alexander. (Foto: (c) Oliver Hitzegrad)
Hugo Hymas sang den Alexander. (Foto: (c) Oliver Hitzegrad)

Historisch ist einiges allerdings anders gelaufen: Alexander besiegte König Poros tatsächlich am Fluss Hydaspes (heute im heutigen Pakistan), doch er erreichte nie den Ganges. Seine Truppen weigerten sich, weiterzuziehen. Auch Cleofide, Poros Geliebte, ist eine reine Erfindung der Opernliteratur.

Ein musikalisches Erlebnis

Musikalischer Mittelpunkt der Aufführung war weniger der Titelheld, sondern Cleofide. Die russische Sopranistin Julia Lezhneva brillierte in dieser Rolle mit technischer Präzision, feiner Phrasierung und emotionaler Tiefe. Ihre Stimme spannte den Bogen von zarter Innigkeit bis zu entschlossener Stärke – mehrfach quittiert mit spontanen Bravo-Rufen aus dem Publikum.

Max Emanuel Cenčić überzeugte als Poro mit seiner wandlungsfähigen Countertenorstimme und einer tiefgründigen Darstellung des innerlich zerrissenen Königs.

Max Emanuel Cenčić als "Poro". (Foto: (c) Oliver Hitzegrad)
Max Emanuel Cenčić als „Poro“. (Foto: (c) Oliver Hitzegrad)

Als Alexander glänzte der britische Tenor Hugo Hymas mit klarer Diktion und charismatischer Bühnenpräsenz – er verkörperte den humanistischen Herrscher mit Eleganz und Feinsinn.
Lucile Richardot gab Poros Schwester Erissena mit warmer Stimme und subtiler Charakterzeichnung.
Rémy Brès-Feuillet als Gandarte verlieh der Rolle heldische Stärke, ohne die lyrischen Nuancen zu vernachlässigen.
In der Rolle des zwielichtigen Timagene überzeugte Timothy Edlin mit klarer Linienführung und dramatischem Ausdruck.

Insgesamt hatten die Sängerinnen und Sänger Spaß daran, durch Gesten und Mimik der konzertanten Aufführung noch mehr Leben einzuhauchen, sehr zur Freude des Publikums.

Das polnische Ensemble [oh!] Orkiestra unter der Leitung von Martyna Pastuszka sorgte für den klanglichen Rahmen dieser konzertanten Aufführung. Mit feinem Gespür für barocke Klangfarben und dramatische Zuspitzung brachte Pastuszka Händels Musik zum Leuchten – ausbalanciert zwischen dramatischer Geste und fein ziselierter Detailarbeit.




Global Jazz Spaniens auf hohem Niveau

Im Rahmen des diesjährigen Klangvokal Musikfestivals Dortmund wurde am 18. Juni 2025 im Domicil ein weiterer Höhepunkt für Fans des spanischen Global Jazz gesetzt. Als hochkarätiger Gast trat die junge katalanische Sängerin, Posaunistin und Komponistin Rita Payés gemeinsam mit ihrer Band auf.

Dass Payés aus einer musikalischen Familie stammt, zeigte sich nicht zuletzt durch die energiegeladene Unterstützung ihrer Mutter Elisabeth Roma an der spanischen Gitarre. Ergänzt wurde das Ensemble durch Juan Rodriguez Berbin (Percussion), Horacio Fumero sowie Pol Batlle (Gitarre, Gesang) – allesamt exzellente Musiker.

Die Sängerin mit ihrer leicht angerauten Altstimme, die auch mühelos höhere Lagen erklimmen konnte, beeindruckte zudem durch ihre sprachliche Vielseitigkeit: Ob Spanisch, Portugiesisch, Katalanisch oder Englisch – sie wandte sich stets charmant an ihr Publikum.

Rita Payés verzauberte das domicil. (Foto: (c) Clara Ruiz)
Rita Payés verzauberte das domicil. (Foto: (c) Clara Ruiz)

Das abwechslungsreiche Programm war geprägt von einem spannenden Stilmix. Mal klanglich leicht verschleiert und portugiesisch-melancholisch, dann wieder durchzogen von lateinamerikanischen oder brasilianischen Rhythmen wie Bolero-Son oder Bossa Nova.

Ihr Gesang – häufig inspiriert von persönlichen Lebenserfahrungen – wurde eindrucksvoll durch ihr ausdrucksstarkes Posaunenspiel ergänzt. Ihre starke Bühnenpräsenz erfüllte den Raum mühelos.

Immer wieder bekamen auch die anderen Bandmitglieder Gelegenheit, ihr Können solistisch oder in kleineren Formationen unter Beweis zu stellen. Dabei entstand stellenweise eine mitreißende Jam-Session-Atmosphäre.

Ein gelungener und klangvoller Abschluss des Klangvokal Musikfestivals im Domicil – und ein überzeugender Beweis dafür, wie lebendig und facettenreich der spanische Global Jazz sein kann.




Ein roter Teppich für Weltmusik: Morekoma

Klangkosmos – Familienkonzert – Klangvokal

Der rote Teppich ist ausgerollt. Frühmorgens im domicil Dortmund. Für Kinder, die auf ihm Platz nehmen können, um ganz nah bei Musikerinnen und Musikern und ihren Instrumenten zu sein, die konsequenterweise auch nicht auf der Bühne, sondern davor spielen. Allerdings sind die meisten im Saal „Kinder mit grauen Haaren“, wie der Moderator und Initiator des multinationalen Ensembles, Percy Yip Tong, feststellt.
Begeistern lassen sich diese erwachsenen Kinder genauso schnell. Sie tauchen ein in die Vielfalt der Musik des südindischen Ozeans. Viele kleine Inselstaaten gehören dazu, auf der Bühne versammeln sich Madagaskar, La Réunion, die Komoren und Mauritius mit etablierten Künstlerinnen und Künstlern – quasi „Indian Ocean All Stars“. Die Gruppe ist speziell für diese kleine Reihe von Konzerten zusammengewachsen.
Und sie nehmen uns mit in den Rhythmus und in die Gesänge. Traditionelles ist im Programm ebenso wie eigene Stücke der Musiker:innen. So präsentiert Christine Salem von der französischen Insel La Réunion, die bereits mit zwölf Jahren komponierte, ihren Song über Nelson Mandela. Sie ist die „Königin der Maloya“, einer inzwischen zum immateriellen Weltkulturerbe gehörenden Musikrichtung des Indischen Ozeans. 2009 aufgenommen von der UNESCO, war der Musikstil doch bis 1981 auf La Réunion verboten. Von Musik der Sklavenarbeiter auf Zuckerrohrplantagen wollte man sich wohl distanzieren. Heute wird sie weiterhin gespielt und immer wieder auch neu interpretiert. Rund dreihundert Ensembles widmen sich ihr.
Es wird in verschiedenen Sprachen gesungen, darunter auch Sanskrit, eine alte indische Sprache. Diesen traditionellen Song präsentiert Sarasvati Mallac mit Herzblut, die auf Mauritius geboren wurde.

Eliasse Ben Joma  von "Morekoma" (Foto: (c) Martina Bracke)
Eliasse Ben Joma von „Morekoma“ (Foto: (c) Martina Bracke)


Die Geschichte der Lieder und ihr Inhalt werden jeweils von den Musikerinnen und Musikern auf Englisch, Französisch und Deutsch vermischt erklärt, ansonsten bleibt einmal mehr Musik die Sprache der Welt.
Aber über Sprache kann man sich auch amüsieren. So sorgt es für Erheiterung, dass ein Instrument „Sense“ heißt, was nichts mit Tod oder dem Schneiden von Heu zu tun hat. Es ist eh nur die Lautsprache, denn man schreibt es wohl eher „Dzendze“.
Dafür lernen wir auch das Wort „Marahaba“. Ein wichtiges Wort, denn es bedeutet „Danke“. Und Danke kann man immer gebrauchen. Aber es geht auch weiter: Dankeschön heißt Marahaba menji. Jedenfalls auf den Komoren, von denen Eliasse Ben Joma stammt, der auch die Dzendze spielt und seit Längerem in Bordeaux in Frankreich lebt. Ein bisschen mokiert er sich zu Beginn über den frühen Start des Konzerts, der für die Stimme nicht besonders förderlich sei, aber sie ist schon beim ersten Ton voll da. Wer weiß, wann er dafür aufgestanden ist.
Besonderen Klang bringt auch Bosco Rakoto aus Madagaskar ins domicil – zum einen über seine voluminöse Stimme, zum anderen über seine Instrumente, die er selbst baut. So spielt er eine Harfe, die aus der Ferne an ein Didgeridoo erinnert; bei näherem Hinsehen sind aber Saiten rund um das Holz angeordnet. Diese stammen von Fahrradbremszügen und klingen doch wie eine Harfe.
Lieder voll Rhythmus, stimmgewaltig, mit viel Gefühl und Hintergrund – auch brennende Wälder und Nachhaltigkeit gehören zu den musikalisch verarbeiteten Themen. Das Publikum swingt mit, singt mit, tanzt am Ende gar auf dem roten Teppich und widmet sich mit viel Interesse und Freude den einzelnen Instrumenten, die auch angefasst werden dürfen.

Das Konzert fand im Rahmen des 17. Dortmunder Klangvokal-Musikfestivals unter der Leitung des an diesem Morgen fröhlich mittanzenden Leiters Torsten Mosgraber in der soundzz-Familienkonzertreihe des domicil mit Unterstützung von Klangkosmos Weltmusik NRW statt.

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