Viele Möglichkeiten und Potenziale durch Vernichtung genommen

Der 8. Mai 2025 ist ein denkwürdiges Datum: Zum 80. Mal jährt sich an diesem Tag das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft mit ihrer grausamen Vernichtungsmaschinerie – gegen jüdische Mitmenschen ebenso wie gegen all jene, die als Gegner*innen oder „lebensunwert“ galten.

Anlässlich dieses historischen Tages feierte das Stück Ohne Titel (194418) (ab 16 Jahren) von den israelischen Autorinnen Elinor Milchan und Sharon Burstein Bichachi seine Uraufführung im Kinder- und Jugendtheater Dortmund (KJT). Regie führte KJT-Intendant Andreas Gruhn. Das Stück zeigt eindrücklich, wie durch die Ermordung von Millionen jüdischer Künstlerinnen – ebenso wie von Intellektuellen und Wissenschaftlerinnen – nicht nur individuelle Lebensentwürfe ausgelöscht, sondern auch menschliche Potenziale unwiederbringlich vernichtet wurden.

Erinnerung in eindrucksvollen Bildern

Die Bühne war mit bronzefarbenen, stelenartigen Konstruktionen gestaltet, in deren Mitte ein flacher Sockel platziert war – eine Anspielung auf das Holocaust-Mahnmal. Die rückseitige Wand, mit fensterrahmenähnlichen Elementen versehen, diente als Projektionsfläche für jeweils passende Hintergrundbilder, die Szenen visuell einbetteten.

Beatrice Sclicon, Annika Hauffe, Jan Westphal
(c) Birgit Hupfeld

Im Zentrum des Geschehens steht die junge Künstlerin Nelly – beeindruckend dargestellt von Annika Hauffe. Als 18-jährige Jüdin wird sie 1944 im Ghetto Theresienstadt festgehalten. In episodenhaften Zeitsprüngen über mehrere Jahrzehnte entfaltet sich eine Geschichte, die nur fiktiv sein kann – denn das tatsächliche Leben wurde Nelly verwehrt. Menschen, Erinnerungen, Geräusche – all das webt sich in die Erzählung ein. Über der Projektionsfläche werden jeweils Jahreszahlen und Orte eingeblendet. Doch immer wieder bricht die Realität, der Nelly zu entfliehen versucht, gewaltsam über sie herein. Eine zentrale Rolle übernimmt das „Mädchen“ – ihr stummes Alter Ego, eindrucksvoll verkörpert von Paula Wegener.

Zu Beginn betritt Annika Hauffe als über 90-jährige Nelly die Bühne, um den Preis für ihr Lebenswerk entgegenzunehmen – ein berührender Einstieg. Auch das übrige Ensemble (Jan Westphal, Rainer Kleinespel, Thomas Ehrlichmann und Sar Adina Scheer) überzeugte durch starke schauspielerische Präsenz und große Wandlungsfähigkeit in den verschiedenen Rollen.

Musik und Sounddesign von Manuel Loos unterstreichen atmosphärisch die dramatischen Szenen, ohne sie zu überfrachten – ein fein abgestimmter akustischer Rahmen.

Kunst als Widerstand – und als Erinnerung

Nelly steht stellvertretend für viele jüdische Künstler*innen, die selbst in der Gefangenschaft weiter schöpferisch tätig waren – oft im Verborgenen, als mutiger Akt des Widerstands. Ob sie überlebten oder nicht, bleibt in vielen Fällen offen. Das Stück verneigt sich vor diesen Menschen und ihrem unbeugsamen Geist.

Trotz der ernsten Thematik verliert die Inszenierung nicht den Blick für Menschlichkeit und Überlebenswillen – gelegentlich blitzen sogar humorvoll-ironische Momente auf.

Für Schulklassen und interessierte Besucher*innen gibt es weitere Vorstellungen. Informationen zu den Terminen sind wie immer unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231 / 50 27 222 erhältlich.




Wie viele Zähne hat eine Schnecke? – Das Gewicht der Ameisen

Wie viele Zähne hat eine Schnecke?
Aber halt – geht es nicht um Ameisen? Sagt ja schon der Titel des Theaterstücks, das am Sonntag Premiere im KJT, dem Kinder- und Jugendtheater an der Sckellstraße, hatte. Und was hat es mit der Pizza auf sich?

Aber erst einmal sehen wir ein minimalistisches Bühnenbild, das sich in so ziemlich alles verwandeln kann. Ein weißer Kreis bedeckt den Boden, ein weiterer Kreis bildet den Hintergrund. Lichteffekte und wenige Möbel auf Rollen sind Werbeplakat und Schrank oder Schreibtisch und Krankenbett zugleich. Die fünf Schauspielerinnen und Schauspieler stehen außerhalb der Kreise, in ihrer Nähe einige Requisiten – vor allem Perücken.

Wo wir uns gerade befinden in dem Stück des kanadischen Autors David Paquet, ergibt sich aus den Texten der Darstellenden, die fast alle mehrere Rollen spielen, und aus einem beschreibenden Off-Text, den meistens Thomas Ehrlichmann spricht.
Das harmoniert im gesamten Stück ausgezeichnet als Teil der Inszenierung (Regie: Annette Müller) und ermöglicht sowohl einem sehenden als auch einem nichtsehenden Publikum, der Handlung zu folgen.

Turbulent geht es bereits los: Der Direktor (Harald Schwaiger) erklärt über ein Mikrofon seiner Schule, man habe es unter die letzten zehn der schlechtesten Schuleinrichtungen geschafft. Ihm sei das egal, er gehe in einem Jahr in Rente.
Aber vielleicht ist es ihm doch nicht so egal, denn er ruft die „Woche der Zukunft“ aus. In dieser Woche soll auch eine Schülersprecherin oder ein Schülersprecher gewählt werden. Die erste Kandidatin wird zwangsverpflichtet. Nachdem sie mit einem Werbeplakat auf der Schultoilette gekämpft hat, soll Jeanne (Sar Adina Scheer) antreten. Die hat erst wenig Lust, doch dann nimmt sie die Herausforderung an.
Ihr Gegner ist Olivier (Jan Westphal), ein belesener Junge, der auf der Suche nach Fakten ein Buch über unnützes Wissen erhält.

Bianka Lammert, Harald Schwaiger, Jan Westphal, Sar Adina Scheer, Thomas EhrlichmannFoto: (c) Birgit Hupfeld
Bianka Lammert, Harald Schwaiger, Jan Westphal, Sar Adina Scheer, Thomas Ehrlichmann
Foto: (c) Birgit Hupfeld

Beide suchen sich Unterstützung – mal mehr, mal weniger erfolgreich –, müssen sich mit (Alb-)Träumen und Realitäten auseinandersetzen, mit Gerechtigkeiten und Ungerechtigkeiten und mit unerwarteter Konkurrenz.

Zwischen Lachen und Lebensfragen

Schon zu Beginn reizen Text und Darstellung zu den ersten Lachern. Die Inszenierung zeigt eine Leichtigkeit, und die Schauspielerinnen (in vielen kuriosen Rollen: Bianka Lammert) und Schauspieler sind extrem gut aufgelegt. Dabei geht es um schwergewichtige Themen: Umwelt und Politik, das Erwachsenwerden, die eigene Haltung, die Ohnmacht, selbst etwas ändern zu können.
Jede und jeder trägt sein eigenes Päckchen. Aber verzagen? Und dann ist neben dem Ich auch noch das Wir. Da geht noch was. „Nichtstun hat Konsequenzen. Wer nichts sagt, sagt ja.“

Die Figuren erleben Rückschläge und Motivation, kommen zu (be)merkenswerten Erkenntnissen: „Optimismus ist ein Muskel, den musst du trainieren, sonst verkümmert er.“
Es wird gesungen, gelacht – und noch ist offenbar nicht alles verloren.
Am Ende schwappt der Text ein wenig zu deutlich noch einmal viele Botschaften ins Publikum. Das ist aber auch der einzige kleine Kritikpunkt.

Ansonsten eine beeindruckende Inszenierung eines topaktuellen Stücks mit hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspielern.

Und wie viele Zähne hat nun eine Schnecke? Das kann man in Büchern oder im Netz herausfinden. Man kann aber auch einfach in das Stück gehen und sich die Antworten auf weitere Fragen holen:
Ist der Direktor auch nur ein Mensch?
Was ist mit dem Gewicht der Ameisen?
Und was ist nun mit der Pizza?

Für Jugendliche ab zwölf – und auf jeden Fall auch für alle Erwachsenen! Das altersgemischte Premierenpublikum war begeistert.

Nächste Vorstellungen:
01., 08., 09. April und weitere
im KJT – Kinder- und Jugendtheater an der Sckellstraße, Dortmund
www.theaterdo.de

 




Zwischen Nordpol und Südpol: Ein Kind zwischen Fürsorge und Vernachlässigung

Mit dem Stück Südpol.Windstill von Armelia Madreiter unter der Regie von Franz Maria Hoffmann hat sich das Dortmunder Kinder- und Jugendtheater (KJT) einem brisanten, oft schamhaft verdrängten Thema angenommen: dem Leben von Kindern in dysfunktionalen Familienstrukturen und prekären Wohnverhältnissen. Die Premiere fand am 14. Februar 2025 im Skelly (KJT) statt.

Eindrucksvoll war die Bühnenausstattung mit einer hellen Kachelwand im Hintergrund und einem vollständig in weißes Glitzertuch gehüllten Innenraum. Links stand ein dreistufiges Treppengestell mit einer Mikrowelle ganz oben, rechts ein Kühlschrank.

Sensibel und ernsthaft, zugleich humorvoll und voller Lebenskraft, stellte die Inszenierung das zehnjährige Mädchen Ida (stark gespielt von Annika Hauffe) in den Mittelpunkt. Ida ist fasziniert vom Nord- und Südpol und träumt davon, Polarforscherin zu werden. Sie liebt die Ruhe und Weite der Polarregionen. Das Publikum erfährt, dass dieses Interesse auch mit Idas Mutter zusammenhängt, mit der sie in einem riesigen Wohnkomplex lebt. Diese liegt oft depressiv auf dem Sofa und trinkt viel Alkohol. An diesen „Nordpol-Tagen“ ihrer Mutter kümmert sich Ida um Haushalt und Mutter, wobei sie aus Rücksicht auf deren psychische Erkrankung absolut leise sein muss. Damit die schwierige Situation zu Hause nicht auffällt, verheimlicht das Kind seine Lage. Halt und Unterstützung findet Ida nur bei ihrem imaginierten besten Freund, dem Polarforscher Robert Falcon Scott (humorvoll dargestellt von Rainer Kleinespel). Gemeinsam planen sie Expeditionen und lösen Kreuzworträtsel, wobei Kleinespel eine gute Portion Humor ins Geschehen bringt.

Ein Alltag zwischen Extremen

Doch es gibt auch die „Südpol-Tage“: Dann ist die Mutter gut gelaunt, interessiert sich für ihre Tochter und übernimmt Verantwortung – so, wie es eigentlich sein sollte. Für Ida fühlt es sich an, als hätte sie zwei völlig verschiedene Mütter. Es wird angedeutet, dass es sich um eine bipolare Störung handelt, begleitet von Alkoholmissbrauch.

Südpol.windstill: Rainer Kleinespel (Robert Falcon Scott), Annika Hauffe (Ida)(c) Birgit Hupfeld
Südpol.windstill: Rainer Kleinespel (Robert Falcon Scott), Annika Hauffe (Ida)
(c) Birgit Hupfeld

Als Ida den zwölfjährigen Ari kennenlernt, der aus einer großen Familie stammt und einen ruhigen Platz für seine astronomischen Forschungen sucht, gewinnt sie einen echten Freund. Ari (kongenial gespielt von Thomas Ehrlichmann) gibt Ida nicht nur Lebenskraft, sondern auch neue Einsichten und Hoffnung.

Lange trägt Ida einen Brief der Schule mit sich herum, aus Angst, er könne schlechte Nachrichten enthalten und ihre Mutter beunruhigen. Die Mutter braucht schließlich oft Stille. Doch irgendwann muss der Brief geöffnet werden …

Erstaunlich ist, welche Ausdruckskraft die fantasievolle Nutzung einfacher Gegenstände wie Blechdosen oder Kacheln in dieser Inszenierung entwickelt. Annika Hauffe als Ida gewährt dem Publikum tiefe Einblicke in das Seelenleben eines Kindes, das trotz widriger Umstände Willenskraft, Fantasie und Mut zeigt – und die Bedeutung von Freundschaften, in denen man sich öffnen kann.

Atmosphärisch und mit viel Feingefühl wurde die Aufführung musikalisch von Murphy Martyna Baginski begleitet.

Weitere Aufführungstermine finden Sie unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/5027222




Dornröschen und seine spannenden Traum-Erlebnisse

Mit „Dornröschen – Hundert Jahre im Land der Träume“ bringt Andreas Gruhn, der langjährige Intendant des Dortmunder Kinder- und Jugendtheaters (KJT), ein modernes Familienstück in der Vorweihnachtszeit auf die Bühne des Schauspielhauses. Am 22. November 2024 feierte diese frische Inszenierung des Märchenklassikers der Gebrüder Grimm ihre Uraufführung.

Eine opulente Ausstattung (Oliver Kostecka), fantasievoll gestaltete Kostüme, beeindruckende Hintergrundprojektionen und die atmosphärisch stimmige Musik von Michael Kessler machen das Stück zu einem Fest für Augen und Ohren. Im Gegensatz zur traditionellen Geschichte führt das Publikum hier eine Reise in die Welt der Träume.

Ein modernes Dornröschen für unsere Zeit

Andreas Ksienzyk begleitet als charmanter Erzähler durch die Handlung, während das Ensemble mit Spielfreude und Flexibilität in zahlreichen Rollen überzeugt. Sar Adina Scheer (u. a. als Königin), Jan Westphal (u. a. als König), Bianka Lammert, Johanna Weißert (als Fee Gunella), Rainer Kleinespel, Annika Hauffe (als Rosalinde/Dornröschen) und Thomas Ehrlichmann (u. a. als Prinz) zeigen Einfühlungsvermögen und Engagement. Besonders Annika Hauffe glänzt in der Hauptrolle und verleiht Dornröschen eine völlig neue Dimension.

Sar Adina Scheer, Johanna Weißert, Bianka Lammert und Jan Westphal in "Dornröschen" (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Sar Adina Scheer, Johanna Weißert, Bianka Lammert und Jan Westphal in „Dornröschen“ (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Diese Inszenierung interpretiert die bekannte Märchenfigur neu: Dornröschen, hier Rosalinde genannt, ist keine passive Prinzessin im schönen Kleid, die auf ihren Retter wartet. Stattdessen wird sie als kluges, selbstbewusstes und neugieriges Mädchen dargestellt, das sich für Naturwissenschaften und Astronomie begeistert. Rosalinde trägt kurze blonde Haare und Kleidung, die eher Jungen zugeordnet wird, wodurch stereotype Geschlechterrollen humorvoll aufgebrochen und in die Gegenwart übertragen werden.

Zudem thematisiert das Stück sensibel den verantwortungsvollen Umgang mit der Natur und unseren Lebensgrundlagen. Diese zeitgemäße Interpretation macht Dornröschen zu einer mutigen Identifikationsfigur für junge Mädchen, die zeigt, wie wichtig es ist, seine Träume zu verfolgen – auch gegen Widerstände.

Ein Theatererlebnis für die ganze Familie, das nicht nur unterhält, sondern auch zum Nachdenken anregt. Weitere Informationen und Termine finden Sie auf www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/50 27 222.




Der Zauber von Oz als modern-fantasievolles Abenteuer

Wer kennt nicht die Geschichte vom „Zauberer von Oz“ (Lyman Frank Baum) aus dem Jahr 1900 und die berühmte Filmversion (1939) mit Judy Garland?
Die Inszenierung des Stücks „Der Zauber von Oz“ (Regie: Johanna Weißert) basiert auf der frisch-modernen Fassung des Autors Sergej Gössner.
Die Premiere fand am 02.09.2024 im Kinder- und Jugendtheater (KJT) Dortmund statt.

Doro, wunderbar gespielt von Anna Reizbikh (im Rollstuhl), lebt hier mit ihrer alleinerziehenden, berufstätigen Mutter (Bianka Lammert) in der sechsten Etage eines schäbigen alten Wohnblocks Nr. 39. Um dem Alleinsein zu entfliehen, taucht Doro in die (Traum-)Welt des neuen Handyspiels SMARAGDCITY ein oder singt. Plötzlich stürmt es draußen, und ein Heißluftballon schlägt an ihr Fenster. Unvermittelt landet sie im Land Oz.

Annika Hauffe, Anna Reizbikh, Sar Adina Scheer, Andreas Ksienzyk, Thomas Ehrlichmann, Bianka Lammert. Foto: (c) Birgit Hupfeld
Annika Hauffe, Anna Reizbikh, Sar Adina Scheer, Andreas Ksienzyk, Thomas Ehrlichmann, Bianka Lammert. Foto: (c) Birgit Hupfeld

Ein fantasievolles Abenteuer im Land Oz

Zurück kommt sie nur mit der Hilfe des Zauberers. Dafür muss sie sechs Smaragde gewinnen und begegnet dabei der Hexe (Bianka Lammert), dem zerstreuten Strohmann (Thomas Ehrlichmann), der Blechfrau (Sar Adina Scheer) mit Liebeskummer, dem mutlosen Löwen (Andreas Ksienzyk) sowie der Porzellanprinzessin (Annika Hauffe). Gemeinsam stürzen sie sich in das Abenteuer.

Fantasievoll gestaltet waren nicht nur das Bühnenbild (Julia Schiller), sondern auch die Kostüme. Für die sensible musikalische Begleitung sorgte Michael Kessler.
Wie so oft gelang es dem engagierten KJT-Ensemble, sich mit viel Spielfreude und Empathie in ihre verschiedenen Rollen hineinzuversetzen.

Klischees und Vorurteile werden mit Humor begegnet. Gemeinsam kann man viel schaffen. Trotz persönlicher Schwächen setzen die Figuren ihre individuellen Stärken ein, um ein gemeinsames Ziel (zum Wohl aller) zu erreichen.

Weitere Aufführungstermine erfahren Sie wie immer unter www.theaterde.de oder Tel.: 02321/ 50 27 222.




Monsta-Grusel im Dortmunder Kinder- und Jugendtheater

Zu Beginn der neuen Theatersaison stand am 12.09.2024 im Dortmunder Kinder- und Jugendtheater die Premiere von „Monsta“ (ab 4 Jahren) nach dem Bilderbuch von Dita Zipfel und Mateo Dineen unter der Regie von Antje Siebers auf dem Programm.
Julia Schiller sorgte bereits mit ihrem liebevoll gestalteten Bühnenbild für eine besondere Atmosphäre.
KJT-Schauspieler Jan Westphal schlüpfte mit viel Engagement in seine Rolle als Monsta (eigentlich Harald) und trug ein haariges Kostüm. Musikalisch kongenial begleitet wurde er von Max Wehner.
Monsta kann hervorragend „monstern“.

Jan Westphal ist "Monsta" (c) Birgit Hupfeld
Jan Westphal ist „Monsta“ (c) Birgit Hupfeld

Er hat sich ein spezielles Kind ausgesucht, um es zum Erzittern zu bringen, und hat sich unter dem Bett des Kindes niedergelassen. Monsta zieht alle Register, doch alle Versuche scheitern, da das Kind ungerührt weiterschläft. Vielleicht muss es erst noch wachsen…

„Monsta“: Ein humorvolles Gruselerlebnis für Kinder

Das Stück „Monsta“ arbeitet geschickt mit Geräuschen und unheimlichen Elementen wie Leuchtlampen, weißen Laken, Mini-Monstern und Luftballons.
Die zahlreichen Kita-Kinder machten sich oft lautstark durch Zwischenrufe bemerkbar.
Mit seinem zunehmenden Bewegungsdrang, Situationskomik und gezielt eingesetzten Grimassen gelang es Westphal, einen Kontakt zum jungen Publikum aufzubauen. So entstand eine spannende, nicht planbare Interaktion.
„Monsta“ ist ein humorvolles Stück über das Anziehende und gleichzeitig Furchteinflößende des Gruseligen.
Infos über weitere Aufführungstermine erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder telefonisch unter 0231/50 27 222.




Ausbreitungszone – Könnten wir zurück in den Wald?

Der Wald gilt ja in Deutschland seit der Romantik als eine Art Sehnsuchtsort. Der Wald erfuhr als Sinnbild der malerischen Natur, aber auch der unergründlichen und gegensätzlichen Welt große Verehrung. In den Werken der Maler Caspar David Friedrich und Moritz von Schwind oder des Dichters Joseph von Eichendorff ist der Wald allgegenwärtig.



Doch in dem Theaterstück „Ausbreitungszone“ der französischen Autorin Mariette Navarro geht es nicht nur um den Wald als Rückzugsort, sondern um Themen wie Identität oder Isolation. In „Ausbreitungszone“ gehen 12 junge Menschen in einen Wald hinein, der sich mysteriöserweise ausgebreitet hat. Die Grenze zwischen Stadt und Wald ist kaum erkennbar. Doch alle haben nicht die gleichen Gründe. Für die einen ist aus Ausbruch aus den alltäglichen Leben in der Großstadt, andere erhoffen, aus ihrer Isolation zu fliehen.

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Dieser Weg wird kein leichter sein:  Jugendclubproduktion "Ausbreitungszone" mit Johannes Weber, Charlie Lutomski, Lea Sommer, Stelle Hanke, Niklas Havers, Nessa Cofala, Marie Gelfert, Rebecca Poersch, Jost Förster, Julia Hartmann, Daria Deuter und Ariana Paktin. Foto: (c) Birgit Hupfeld
Dieser Weg wird kein leichter sein: Jugendclubproduktion „Ausbreitungszone“ mit Johannes Weber, Charlie Lutomski, Lea Sommer, Stelle Hanke, Niklas Havers, Nessa Cofala, Marie Gelfert, Rebecca Poersch, Jost Förster, Julia Hartmann, Daria Deuter und Ariana Paktin. Foto: (c) Birgit Hupfeld

Die Mitglieder des Jugendclubs unter der Leitung von Christine Appelbaum und Franz Marie Hoffmann zeigten am 04. Mai 2024 im KJT , dass die romantische Sicht auf den Wald oder das Unbekannte durchaus nicht immer ganz einfach ist. Wie reagiere ich, verhalte ich mich falsch, was will ich überhaupt da? In einer Spielszene erzählen sich die Teilnehmenden, was sie an der Stadt fasziniert wie Geräusche und ähnliches.

Dennoch ist der Wunsch nach einer Gegengesellschaft bei allen spürbar. „So kann es nicht weitergehen“ scheint das gemeinsame Motto zu sein. Diese Gefühle sind nicht neu. Die frühe Naturschutz- und Umweltbewegung, die Jugendbewegung, sozialdemokratische Naturfreunde, Wandervögel und Wandervereine haben bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein Gegenmodell zum Großstadtleben propagiert.

Das Ende von „Ausbreitungszone“ besitzt Anspielungen auf die Besetzung des „Hambacher Forsts“ und schlägt eine Brücke zu den aktuellen Umweltschutzgruppen wie Fridays for Future oder Letzte Generation. Ein großes Lob an die jungen Schauspielenden. Mit dabei waren: Nessa Cofala, Daria Deuter, Jost Förster, Marie Gelfert, Stella Hanke, Julia Hartmann, Niklas Havers, Charlie Lutomski, Ariana Paktin, Rebecca Poersch, Lea Sommer und Johannes Weber




Wie umgehen mit den Ängsten?

Im Dortmunder Kinder und Jugendtheater (KJT) hatte am 19.04.2024 „Angst oder Hase“ (ab 12 Jahren) von Julia Haenni unter der Regie von Johanna Weißert seine Premiere.



Auf einer ganz in blau gehaltenen Bühnenkonstruktion mit zwei kleinen Leinwänden an den Seiten versuchen die vier Schauspieler*innen (Annika Hauffe, Bianka Lammert, Sar Adina Scheer, Jan Westphal) eine fetzige Mut-Mach-Show auf die Bühne zu bringen. Alle im knalligen Pink gekleidet und mit Perücken versehen. Ein unheimliches Geräusch stört sie und eine Angstspirale wird in Gang gesetzt…

Annika Hauffe, Jan Westphal, Bianka Lammert, Sar Adina Scheer in „Angst oder Hase“. Foto: (c) Florian Dürkopp

Unter den vier Personen entspinnt eine Diskussion darum, wer Angst hat und ein „Schisser“ ist. Nach und nach wird klar. Jeder von ihnen (auch jedes Lebewesen) hat seine Ängste. Viele versuchen sie zu verdrängen und möglichst zu verbergen, da Angst als „Schwäche und Uncool“ vor allem unter jungen Menschen gilt. Die Anzeichen einer Angstattacke, Herzrasen, Zittern Schweißausbrüche und mehr lassen sich jedoch nicht verbergen.

Das ausgestoßene Adrenalin und die Energie sind evolutionär als Überlebens-Alarmsignal vor Gefahren tief verankert. Es bietet die Möglichkeit, diese Situationen schnell einzuschätzen und sich ihnen bei Risikoabwägung entweder mutig zu stellen oder als Rettung zu fliehen. Die Ängste können sich bis zu Neurosen steigern und dazu verleiten, sich den auslösenden Objekten oder Situationen gänzlich zu entziehen. Das führt oft zur Isolation. Die Chance, schwierigen und bedrohlichen Erlebnissen mit Mut zu begegnen und gestärkt daraus heraus zu kommen, wird dann nicht gesehen. Um so wichtiger sind, wie das Stück zeigt – gute Freunde -, mit denen man offen und ehrlich über das Thema sprechen kann. So „outen“ sich auch die vier Protagonisten zu ihren ganz persönlichen „Angstproblemen“.

Mit einer interessanten Technik wird nebenbei die Hasenphobie von dem jungen Mann (Jan Westphal) erzählt. Zwei kleine Pappmodelle (Bad, Küche) wurden auf die Leinwand projiziert und von Sar Adina Scheer bedient.  

Ein links davon angebrachter Bildschirm sowie eine Kamera ermöglichte es dem Schauspieler, sich von der blauen Bühne aus in die Leinwandprojektion handelt und erzählend einzubringen. Da war Präzisionsarbeit nötig.

 Ein besonderer Einfall war der Auftritt eines knuffigen blauen Hasen (wunderbares Kostüm) im Hintergrund.

Das Geschehen wurde musikalisch und mit passender Geräuschkulisse von Peter Kirschke zielgenau begleitet.

Ein wichtiges Theaterstück gerade in diesen unruhigen, bedrohlich wirkenden und schnelllebigen digitalen Zeiten.

Informationen über weitere Aufführungstermine finden Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222




Borcherts Nachkriegsdrama expressiv auf die Bühne gebracht

Das Kinder- und Jugendtheater (KJT) Dortmund präsentierte am 23.02.2024 die Premiere des Nachkriegsdramas „Draußen vor der Tür“ (ab 14 Jahre) von Wolfgang Borchert (1921-1947) unter der Regie von KJT-Intendant Andreas Gruhn. Fast das gesamte Ensemble war an der Aufführung des schweren Stoffes beteiligt. Das Bühnenbild war düster gehalten, und auf der großen Wand wurde Videosequenzen (von Stalingrad, der Elbe und andere) im Hintergrund projiziert.



Das Drama zwischen Traum und Wirklichkeit wurden mit dem speziellen Kostümfundus aus der damaligen Zeit unterstrichen. Die Elbe bekam in Persona von Sar Alina Scheer im grünen zotteligen Kostüm einen selbstbewussten Auftritt. Verletzungen als Folge des Krieges wurden dem Publikum schonungslos gezeigt.

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Auch Gott (Rainer Kleinespel) weist jede Verantwortung für den Krieg und das Elend von Beckmann  (Jan Westphal) zurück. (Foto: Birgit Hupfeld)
Auch Gott (Rainer Kleinespel) weist jede Verantwortung für den Krieg und das Elend von Beckmann (Jan Westphal) zurück. (Foto: Birgit Hupfeld)

Kriegsheimkehrer Beckmann, synonym für all die physisch und psychisch traumatisierte Soldaten, kehrt aus der Gefangenschaft nach Hamburg zurück.

Nichts ist dort mehr wie es war. Seine Frau hat einen neuen Mann, sein kleiner Sohn ist tot, sein Vater war ein Nazi und hat sich mit seiner Mutter selbst „entnazifiziert“, also umgebracht. Niemand will mehr etwas von dem Kriegsgrauen und Schuld hören. Das Leben muss weitergehen. Er fühlt sich als Fremder „draußen vor der Tür“.

Beckmann, intensiv gespielt von Jan Westphal, mit Gasmaskenbrille, schäbigen Soldatenmantel und kurzgeschorenen Haaren, möchte sich verzweifelt mehrfach im Traum das Leben nehmen. Der „Andere“ als lebensbejahend- optimistischer Jasager, wurde kongenial von Thomas Ehrlichmann dargestellt. Dieser versucht mit aller Energie, Beckmann zum Weiterleben zu bewegen. Ein Rat ist, die Verantwortung und damit Schuld an dem gewissenlosen Oberst (Andreas Ksienzyk) abzugeben. Der kann mit dem Begriff „Verantwortung“ nichts anfangen. Das geht natürlich nicht. Auch Gott (Rainer Kleinespel) kann nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Im Gegensatz zu den anderen Personen der Handlung kann Beckmann nicht mit seiner Verantwortung und Schulgefühlen als ehemaliger Unteroffizier ruhig sein Leben fortsetzen. Glaube, Liebe, Hoffnung schwinden immer mehr. Auch der kleine Funken Menschlichkeit, die er beim fremden Mädchen (Annika Hauffe) spürt, bleibt nur ein ganz kurzer Lichtblick. Es ist die Frau des Einbeinigen, deren Verlust des Beines und spätere Freitod er sich schuldig fühlt. Der einzige Kriegsgewinnler ist der fette Tod (Andreas Ksienzyk).

Wie soll es weitergehen? Was gibt noch einen Sinn? Er bekommt keine Antworten.

Eine starke Leistung des gesamten KJT-Ensembles. Den Schauspieler*innen gelang es, sich glaubhaft in verschiedenen Rollen und Charaktere hineinzuversetzen, die sie auf die Bühne bringen mussten.

Ein Bühnenstück von (leider) zeitloser Aktualität, wie die gegenwärtigen Kriege und Spannungen zeigen. Es kann eine Mahnung sein, sich nicht für terroristische Anschläge oder Angriffskriege instrumentalisieren zu lassen.

Wie Wolfgang Borchert es in einem Prosatext so deutlich sagt: Dann gibt es nur eins. Sag nein!

Infos zu weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer unter www.theaterdo.de oder Tel.: 0231/ 50 27 222




Der Entstörer – ein tiefer Fall ins Kaninchenloch

Ein sehr intensives Klassenzimmerstück hatte am 28. September 2023 im KJT Dortmund Premiere. Es ging um das Thema „Verschwörungsideologien“, die vor allen durch die sozialen Medien immer wieder verbreitet werden. Zu den typischen Verschwörungsideologien gehören beispielsweise „Chemtrails“, die „Mondlandung ist fake“, „Die Impf-Verschwörung“ oder „9/11“. Während die „flache Erde“ meist noch ein Schmunzeln wert ist, gibt es mit „QAnon“ eine gefährliche Ideologie, die davon ausgeht, dass eine geheime Elite das Blut von Kindern trinkt und Donald Trump diese bekämpft.



Die „geheime Elite“, die alles lenkt, ist in fast allen Verschwörungsideologien die treibende Kraft, die hinter allem steckt. Es können Pharmakonzerne sein, die NASA, geheime Gesellschaften wie die Illuminaten oder die sogenannte Finanzelite, womit in der Regel die Juden gemeint sind. Daher kann der Brückenschlag von Verschwörungsideologien zum Antisemitismus auch recht klein sein.

Der Entstörer Jonas (Jan Westphal) mit seinen "Beweisen". Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Der Entstörer Jonas (Jan Westphal) mit seinen „Beweisen“. Foto: (c) Birgit Hupfeld)

In „Der Entstörer“ spielt Jan Westphal den Schüler Jonas, der wahrscheinlich durch die Krebskrankheit seiner Mutter in den Bann von Verschwörungsideologien gerät. Durch das „Informieren“, dem stundenlangen Konsum irgendwelcher Google-Treffer und Youtube-Videos, gerät er immer weiter in diese Welt. Westphal macht das in seinem Spiel wirklich beeindruckend, schnell feuert er seine „Argumente“ und „Beweise“ ab, so dass das Publikum beinahe überrumpelt wird.

Doch in den Nebensätzen wird deutlich, dass die Welt von Jonas ziemlich geschrumpft ist. Seinen Kontakt zu seiner Schwester und ihren Kindern hat er verloren, weil er verhindern wollte, dass die Kinder gegen Masern geimpft werden, er bekommt keinen Zugang zu seiner netten Nachbarin und Besuch bekommt er eh nicht mehr, zumal er seine Wohnung vollständig mit Alufolie beklebt hat. Dafür wird er im Netz für seine Ideen bestärkt. Das ist ein wichtiger Punkt, denn der Mangel an sozialem Leben wird durch das Internet kompensiert.

Konzipiert ist „Der Entstörer“ für Klassen ab der 9. Stufe. Es ist auf jeden Fall ein lohnenswertes Stück, das hoffentlich zur Medienkompetenz beiträgt, die mittlerweile sehr wichtig geworden ist. Es ist wichtig, kritisch zu denken, Informationen aus verschiedenen Quellen zu beziehen und sich der Komplexität der realen Welt bewusst zu sein. Denn die von Verschwörungstheoretikern oft genannten Metapher der „roten Pille oder blauen Pille“ aus dem Film „Matrix“ greift zu kurz.  Die rote Pille repräsentiert die Bereitschaft, die Realität und die Wahrheit zu akzeptieren, auch wenn sie verstörend oder herausfordernd ist. Die blaue Pille repräsentiert die Entscheidung, in einer komfortablen Illusion zu bleiben und die Realität zu vermeiden. In der realen Welt kann die Suche nach Wahrheit jedoch komplex sein und unterschiedliche Perspektiven berücksichtigen.  

Es sollte in vielen Klassen zu sehen sein und wenn möglich auch anderen Gruppen zugänglich gemacht werden.