Mit ihrem Projekt „Als die Musik vom Himmel fiel“ im Kinder-und Jugendtheater Dortmund für die Kleinen (und Großen) ab 3 Jahren experimentieren der Leiter des KJT Andreas Gruhn und Peter Kirschke mit einem Theater ohne Worte, nur mit Klang. Die Premiere ist am 11.09.2015 um 18 Uhr.
„Die Idee dahinter ist, kleinen Kindern nahe zu bringen, wie es zur Musik kommt. Diese ist nicht bloß alleine im Radio zu hören, sondern kann von ihnen selbst mit Gegenständen des alltäglichen Gebrauchs erzeugt werden“, erklärte Gruhn. Dabei spiele es keine Rolle, ob es sich dabei um eine Kartoffelpresse, eine alte Schreibmaschine, ein gezupftes gespannte Seil oder echte Musikinstrumente handelt. „Es stellt sich die Frage, welche Qualität ein Klang haben kann“, so Gruhn.
Zur Geschichte: Drei vergessene „Wesen“ in einer vergessenen Ecke der Welt haben nur einfache Laute zur Verständigung. So sitzen sie stumm in ihrer stillen Welt, bis eines Tages ein kleiner Würfel vom Himmel fällt. Aus diesem kommen wunderbare Töne, die Haah (ängstlich), Beeh (halb blind) und Fiih (wild) verzaubern. Nach einer Wiederholung dieses wunderbaren Klangerlebnisses verstummt die Musik plötzlich. Nun versuchen die Drei, Geräusche zu erzeugen und aus allen möglichen Gegenständen Instrumente zu bauen. Sie tuten, zupfen und trommeln auf alles was sie finden können. Gemeinsam üben sie hartnäckig so lange, bis sie die zauberhafte Musik aus dem Würfel nachspielen können…
Peter Kirschke, auch bekannt als Regisseur von der Produktion „Ein Freund für Löwe Boltan und Musik und Video der Produktion aus dem letzten Jahr „Ach je die Welt“, ist bei diesem Projekt für die Musik verantwortlich. „Wir wollen mit einer kleinen bezaubernden Melodie den vergangenen Sommer (wieder) ins KJT holen“, verriet Kirschke.
Von großer Bedeutung ist bei dieser Produktion auch die Ausstattung. Die Verantwortliche Sandra Linde erläuterte dazu: „Wir haben als Symbol für eine vergessene Welt irgendwo eine Art Iglu-Zelt als Wohnstätte ausgewählt. Für die drei Wesen wurden extra übergroße Pullover hergestellt. Der Würfel ist ca. 25 cm x 25 cm groß und zwei riesige Rohre, werden von oben ihre Kommentare abgeben. Ein Rohr als „Good Rohr“, das andere als auch mal schimpfendes „Bad Rohr“.
Andreas Gruhn wies auf die Bedeutung dieser Produktion in unsere Zeit mit vielen Flüchtlingen und Menschen mit Migrationshintergrund ohne deutsche Sprachkenntnisse hin.
Die Spieldauer des Stückes ist 40 Minuten.
Die Premiere am 11.09. 2015 ist bereits ausverkauft. Weitere Termine: So, 13. September 2015, So, 20. September 2015, Di, 29. September 2015, Do, 15. Oktober 2015, So, 18. Oktober 2015 und So, 25. Oktober 2015.
Am Mittwoch, den 09. September gibt es um 17:30 Uhr einen Themenabend für Pädagogen. Infos bei der Theaterpädagogin Erika Schmidt-Sulaimon eschmidt@theaterdo.de
Besonders für Kitas geeignet sind die 10 Uhr Termine am 29. September und am 15. Oktober 2015.
Warten auf Odysseus
Die 21 Jugendlichen und jungen Erwachsenen vom Jungen Schauspiel Bochum nahmen sich mit „Eine Odyssee“ dem gleichnamigen antiken griechischen Stoff an. Sie erzählen die Geschichte der langen Heimreise des Odysseus, dem König von Ithaka, der nach dem zehn Jahre dauernden Krieg als Held über Troja noch eine lange Irrfahrt vor sich hat, die noch weitere zehn Jahre dauern wird. Aufgeführt wurde das Stück im Rahmen des Festivals Unruhr im KJT am 03. Juni 2015.
Seine Frau Penelope und seinen Sohn Telemanchos hatte Odysseus zu Hause zurückgelassen. Penelope schwankt zwischen Hoffnung auf eine Heimkehr Odysseus und verzweifelter Ernüchterung und Skepsis. Sie denkt bereits daran, einen reichen Verehrer zu heiraten. Telemanchos schwankt zwischen Zorn auf seinen Vater, der ihn verlassen hatte, und der Sehnsucht nach dem „Vater als Helden“. Nach abenteuerlicher Reise schafft Odysseus die Heimkehr nach Ithaka. Er gibt sich nach einer Zeit dem Sohn zu erkennen, nachdem er einem von seinen Rivalen um Penelope angezettelten Mordanschlag entgehen kann und diesen ersticht. Penelope und Odysseus sind weiter in Liebe Verbunden und Telemanchos wird am Ende neuer König von Ithaka.
Das Geschehen auf der Bühne wurde auf einem erhöhten Podest von Zeus und seinen Göttern leger und humorvoll kommentiert. Dazu sitzen sie auf einer Art Kinosessel mit Popcorn und Softdrinks.
Drei blaue Fässer mit einem Brett und Segel darauf dienten als Schiff für Odysseus. Dazu gab es Sturmgeräusche vom Band. Eine weiße Leinwand an der Seite wurde geschickt alsSchattenwand eingesetzt. So tanzte die Nymphe Kalypso verführerisch hinter der Leinwand, als Odysseus durch den Einfluss von Poseidon auf ihrer Insel strandet. Lustig wurde es auf einer anderen Insel, als gelanweilte Prinzessinnen Odysseus wie einen Popstar anhimmelten. Darunter waren auch zwei junge Männer als „Prinzessinnen“ verkleidet.
Gelungen war, dass in der der Inszenierung Penelope von drei jungen Frauen gespielt wurde. Ein gelungener Schachzug, um ihre verschiedenen Facetten darzustellen. Mal ist sie Hoffnungsvoll, mal verzweifelt.
Der Rivalen und potenzielle Heiratskandidaten wurde als berechnende Persönlichkeit entwickelt. Sinnbild dafür war ein Schachbrett auf der Bühne, von dem er die Königin weg kickte. Begleit wurde Aufführung von kurzen dramatischen, martialischen Musikeinlagen.
Ein eindruckvoller Beitrag aus Bochum, der den Wunsch der Menschen nach „Heimkehr“ wiederspiegelte.
Zum 14. Mal treffen sich sich Jugendclubs der Stadttheater des Ruhrgebiets zum Festival Unruhr, um erste Bühnenerfahrungen zu sammeln und zum gegenseitigen Austausch. Das Festival findet in diesem Jahr in Dortmund statt und hat neben den Jugendclubs aus Bochum, Castrop-Rauxel, Dortmund, Duisburg, Essen, Mühlheim an der Ruhr und Oberhausen auch das freie Theater Kohlenpott in Herne zu Gast. Die Aufführungen finden vom 3.-6. Juni 2015 im Kinder-und Jugendtheater sowie im Schauspiel Dortmund statt. (wir berichteten)
In ihrer Eröffnungsrede für das Festival im betonten Andreas Gruhn, Direktor des KJT, der Chefdamaturg des Schauspiels Dortmund Michael Eickhoff und Dr. Christian Esch vom NRW Kultursekretariat im KJT die große Bedeutung dieses Teffen für die Zukunft des freien und kreativen Theaters. „Theater kann sich mit der Realität ganz anders auseinandersetzen und Entwicklungen in der Gesellschaft kritisch hinterfragen. Es bietet einen Freiraum, den wir in der Realität so sonst nicht haben“, so Esch. Er erklärte: „Es ist viel zu viel Ruhe in diesem Land. Sorgt für „Unruhe“.
Im Anschluss wurde als erster Beitrag das Stück „Jetzt gibt’s was auf die Ohren“ vom Jugendclub des KJT Dortmund aufgeführt. Die neun Jugendlichen und jungen Erwachsenen setzten sich auf humorvoll-ironische Weise mit Schein und Sein in der Medienbranche und und aktuellen Erscheinungen wie Pegida und Fremdenfeindlichkeit oder mit den Neonazis in Dortmund auseinander.
Zentrum ist die quirlige Redaktion des Radio-Senders „Auf die Ohren“, von der Putzfrau aus der Ukraine (eigentlich ist sie aus Polen) über den ausgenutzten Volontär bis hin zum koksenden, arroganten Chefredakteur. Die Zuschauer bekommen schmunzelnd die „Fakes“ der Redaktion mit, die Personen am Telefon dagegen nicht. So muss der Volontär schon mal einspringen, wenn eine zum Sender eingeladene Persönlichkeit nicht erscheint. Was er zu sagen hat, wird ihm auf einer Wandtafel aufgschrieben. Außer der Beitrag über die Pegida-Demonstration ist alles im Stück „gefaked“.
Als lustiger Gag hatte der Redaktionstisch zwei Öffnungen, aus der ein vorwitziger Wischmopp der Putzfrau grummelnd „meldete“ oder mitsang.
Musik aus den 80er und 90er Jahren auflockernd eingespielt. Der mehrfach gespielter Song „Freedom“ (Anthony Hamilton, Elayna Boynton) aus Django Unchaind (2012) von Quentin Tarantino hatte jedoch während des Stück eine besondere Bedeutung. Was ist und die Freiheit wert? So bildete das Lied auch der Aufführung.
Ein gelungener Beitrag der fünf jungen Damen und vier jungen Herren vom KJT Jugendklub. Frech und mutig setzten sie sich unter der Regie von Christine Klöck und Isabel Stahl mit aktuellen Themen und guter Beobachtungsgabe auseinander.
Eine weitere Vorstellungen des Stückes gibt es noch am Sonntag, den7. Juni 2015 um 18 Uhr im KJT zu sehen. Karten unter: 0231- 50 27 222
Letzte Gelegenheit: Im Rahmen des pottfiction-Camps am Sonntag, den 28. Juni.2015 um 14.30 Uhr vor der Jahrhunderthalle in Bochum.
Beim Radiosender „Auf die Ohren“ ist mächtig was los. Moderatoren, eine Putzfrau, Reporter und Studiogäste sorgen für Chaos. Nicht genug, ein sprechender Wischmop und singende Putzhandschuhe sind ebenfalls dabei. Die Jugendclubproduktion des Kinder- und Jugendtheaters präsentiert am 03. Juni 2015 „Jetzt gibt’s was auf die Ohren“, eine 60-minütige Reise in ein Hörfunkstudio und die Hierarchien eines Senders.
„Das Stück handelt von einem Radiosender, der politisch arbeitet“, erklärt Theaterpädagogin und Regisseurin Christine Köck. „Es dreht sich um die Themen Anschlag in Paris, Pegida oder AfD. Dabei werden verschiedene Radioformate eingesetzt wie Interviews, Reportage, Musiksendungen.“
Da wir ja beim Theater sind, wird dies kein Hörspiel, sondern die Besucher erleben, was sonst noch im Studio passiert. „Es wird Choreografien geben, die Mitarbeiter tanzen“, so Dramaturgin und Regisseurin Isabel Stahl. Dazu gibt es mit dem sprechenden Wischmop und den singenden Putzhandschuhen Elemente, die an die Fraggles oder die Muppet-Show erinnern.
Dabei geht es auch um Kritik an den Medien. So wird aus der ukrainischen Putzfrau eine Verfolgte. Zudem wird auch einiges durch den satirischen Kakao gezogen. So wird über eine „Messe für Fanatiker“ berichtet oder ein Schädlingsbekämpfer muss zu einem Einsatz nach Dorstfeld, weil eine Bewohnern mit Nazis zu kämpfen hat. Daneben gibt es Musik, nicht nur aus der Konserve, sondern auch live gespielt.
Der Jugendclub besteht aus neun Spielerinnen und Spielern im Alter von 15 bis 23 Jahre. Von von neun sind sieben neu dabei. „Jetzt gibt’s was auf die Ohren“ gibt nicht nur den Startschuss für das Festival Onruhr 2015 vom 03. bis 06. Juni 2015, sondern wird auch im Rahmen des pottfiction-Camps am 28. Juni 2016 vor der Jahrhunderthalle in Bochum gezeigt. Daneben gibt es eine weitere Aufführung am 07. Juni um 18 Uhr im KJT. Die Premiere am 03. Juni ist bereits ausverkauft, für den Termin am 07. Juni gibt es noch Restkarten.
Wer Lust hat, am pottfiction-Camp teilzunehmen, kann sich bis zum 10. Juni 2015 bei Christine Köck unter ckoeck@theaterdo.de melden.
Jugend macht Theater
Es macht „BÄM!“ beim diesjährigen Treffen der Theaterjugendclubs, dem „Festival Unruhr“
Seit 2002 treffen sich die Jugendclubs aus den Theatern Bochum, Castrop-Rauxel, Dortmund, Duisburg, Essen, Mülheim an der Ruhr und Oberhausen. In diesem Jahr ist Dortmund der Gastgeber und hat mit dem Theater Kohlenpott in Herne zum ersten Mal auch ein freies Theater eingeladen. Das Festival Unruhr 2015 findet vom 03. bis zum 06. Juni am Schauspiel und im KJT statt.
Mittlerweile ist es das 14. Treffen der Ruhrgebietsjugendclubs. Neben der Möglichkeit, sich auf der Bühne zu präsentieren, steht das gegenseitige Kennenlernen im Mittelpunkt. Der Mix, der beim Festival präsentiert wird, reicht von Stückentwicklungen bis hin zu fertigen Stücken.
Doch nicht nur anschauen ist angesagt, sondern auch selber machen. Daher findet am 04. Juni ein „Performing Workshop“ statt. Leandro Kees, Daniel Matheus, Julia Mota Carvalho und Martin Rascher werden die 120 Jugendlichen und jungen Erwachsenen (die meisten sind zwischen 16 und 25 Jahre alt) in sechs Gruppen aufteilen und am selben Tag noch eine Mikro-Inszenierung gestalten.
Am Freitag können die Teilnehmer des Festivals auf dem Theatervorplatz weiße T-Shirts (selber mitbringen) mit fluoreszierenden Farben bemalen und besprühen. Die Shirts können dann auf der Abschlussparty am Samstag um 21:30 Uhr getragen werden.
Die Veranstaltungen im kleinen KJT sind bereits ausverkauft, für die Stücke im Schauspielhaus im Donnerstag („Zwischen uns“ vom WLT Castrop-Rauxel) und Samstag („Der kaukasische Kreidekreis“ vom Theater Duisburg) gibt es noch Karten, die 5 € kosten.
Das detaillierte Festivalprogramm und weitere Infos gibt es unter www.festival-unruhr.de.
„Ich bin wie ein Teenager. Ich habe ein eigenes System. Und fast niemand außer mir kann es verstehen“ (Locas in Love, Teenager)
Das Dortmunder Kinder- und Jugendtheater präsentierte für das Projekt „Industriegebietskinder“ gleich zwei Projekte. Nach „Ach je die Welt“ von Anne Lepper (wir berichteten) präsentierten Jugendliche der Marie Reinders Realschule das theaterpädagogische Projekt „Asche unter meinen Docs“. Die Themen waren dieselben: Was mache ich nach der Schule und werde ich geliebt? Die Premiere am 15. Mai 2015 besuchte Ars tremonia.
Da die beiden Stücke ähnliche Themen behandeln, wurde das Bühnenbild von „Ach je die Welt“ behalten. So befinden sich die fünf Jugendlichen im „Bambus“, wo früher auf Phoenix-West Stahl gekocht wurde. Hier arbeiteten früher tausende Menschen und heute? So stellten sich die Fünf erst einmal per Video kurz vor und präsentierten ihre beruflichen Träume. Ob sie tatsächlich einen gesicherten Arbeitsplatz finden? Denn schnell ist ihnen klar „Berufsorientierung ist Kacke“, ruft einer.
Was also tun in einer Welt, in der nichts mehr sicher ist? Revolte. Doch der Verstoß gegen die Regeln ist schnell vorbei. Statt dem uralten Sponti-Motto „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, heißt es „Gewalt ist auch keine Lösung“. Statt dessen stehen die Smartphones im Mittelpunkt des Lebens. Auch wenn sie „wie Seile an meinem Körper ziehen“, scheinen sie unentbehrlich. Zumal die Geräte ja auch nützlich sind, vor allem, wenn der Freund um 1 Uhr morgens eine SMS schickt, ob man noch raus kommt.
Doch gegen Ende kommt heraus, was den Jugendlichen letztendlich wirklich wichtig ist : Freundschaft, Vertrauen und Freiheit.
„Asche unter meinen Docs“ ist ein frisches kleines Stück, das die Problematiken der Jugendlichen auf angenehme authentische Art angeht. Es ist nicht verkopft wie „Ach je die Welt“ und bietet einen einfacheren Zugang. Lustiges Beiwerk waren die Allegorien auf den Phoenix-See mit schicken Hut, der eines der typischen Häuser dort präsentierte und auch der Bambus erschien auf der Bühne. Ein kleiner Seitenhieb auf den Film „Ted“ brachte auch einige Lacher.
Ein großes Lob an die fünf Schülerinnen und Schüler: Finn Ole Jaworek, Laura Jacqueline Färber, Lea Haubner, Michelle Burmester. Philip Effenberger. Judith Bruzies spielte den See und Michael Kieser den Bambus.
Begleitet haben das Stück die beiden Theaterpädagogen Melanie Nagler und Manuel Schmitt.
Freiraum in der Industriebrache
Glücklich über die Spende des Vereins „Bürger für ihr Schauspiel“: (v.l.n.r.) stellv. Vorsitzende Annegret Niedermeier, Vorsitzender Heinz Dingerdissen, die Schüler Laura Färber und Philip Effenberger, Leiter des KJT Andreas Gruhn. Im Hintergrund noch die Regisseure Melanie Nagler und Manuel Schmitt
Die Dortmunder Premiere des theaterpädagogischen Projekts „Asche unter meinen Docs“ ist am 15. Mai 2015 im KJT. Regie und Choreografie Manuel Schmitt, Regie und Textentwicklung Melanie Nagler. Die Inszenierung ist eine 50-minütige Theater-/Textperformance zum Strukturwandel am Phönixgelände Dortmund.
Die beteiligten Jugendlichen haben während der Produktion des Stückes viel gelernt: Sie haben Freundschaften geschlossen, Selbstvertrauen entwickelt, freies Sprechen auf der Bühne trainiert und sich selbst und die Mitspieler sehr genau kennen gelernt. In den letzten Monaten ist das Vertrauen in sich und die Anderen gewachsen.
Auf dem Hörder Phönixgelände treffen sich die Jugendlichen in einem Klärbecken das mit Bambus überwuchert ist. Dies ist ihr Ort, den sie selbst gewählt haben, der ihren Freiraum darstellt. Dieser Ort spielt auch im Stück eine große Rolle. Er steht im Kontrast zu dem durchstrukturierten Stadtumfeld, das kaum Möglichkeiten zur Entwicklung bietet. Von zwanzig Jugendlichen zu Beginn sind fünf bis zum Ende dabei geblieben.
Besucher des Stückes „Ach je die Welt“ werden ein De-ja-vu-Erlebnis haben: Denn das Bühnenbild ist das gleiche.
Zum Projekt Industriegebietskinder: Jugendliche aus Halle an der Saale (Thalia Theater), Berlin (Theater Strahl) und Dortmund (KJT, Marie-Reinders-Realschule und Fachhochschule Dortmund) setzten sich mit dem Wandel ehemals eindeutiger Industriestandorte in neue Lebenswelten auseinander. Die Produktion ist Bestandteil des überregionalen Projekts, für das der Förderverein „Dortmunder für ihr Schauspiel“ 4000 Euro gespendet hat.
Jede Gruppe entwickelte anhand eines vorab ausgearbeiteten Fragenkatalogs je ein Theaterstück für eine Aufführung. Mit Unterstützung von Theaterpädagogen, Künstlern und Sozialarbeitern entwickelten die Jugendlichen Themenwelten zu Fragen die mit dem Strukturwandel aufgekommen sind. Ehemals hochproduktive Betriebe verschwanden und hinterließen große Brachen, Arbeitslose die heute Rentner sind. Wie empfinden die Jugendlichen diesen Wandel, wie finden sie ihren Platz in der heutigen Welt? Können sie mit den Erzählungen ihrer Eltern oder Großeltern etwas abfangen? Beeinflusst dies ihre heutiges Leben? Wie finden sie ihren Platz? Welche Träume, Hoffnungen und Frustrationen sind mit diesen Orten verbunden?
Ende Mai treffen sich alle in Halle zu einem Minifestival, bei dem alle Stücke aufgeführt werden sollen.
Drei Theater erzählen Geschichte der Deindustrialisierung
Vorstellung des Dortmunder Beitrages mit Hilfe von KJT-Leiter Andreas Gruhn (ganz links). Ansonsten sind auf dem Bild zu sehen (v.l.n.r.) Désirée von Delft, Steffen Happel und Götz Vogel von Vogelstein.
Was haben Halle, Berlin und Dortmund gemeinsam? Sie waren große Industriestandorte, wovon heute außer Ruinen kaum noch etwas existiert. Im Berliner Vorort Schöneweide war früher einmal die AEG beheimatet und Elektroartikel in der DDR kamen von dort. In Halle an der Saale standen die Leuna-Werke und in Dortmund-Hörde gab das Stahlwerk vielen Menschen Arbeit. Wie kommen die Jugendlichen von heute zurecht? Welche Sorgen haben sie? Die Jugendtheater der drei Städte arbeiteten beim Projekt „Industriegebietskinder“ zusammen. Am 01. März 2015 gab es im KJT einen Zwischenstandbericht.
Das gemeinsame Projekt „Industriegebietskinder“ ist in drei Phasen geteilt. Im ersten Halbjahr 2014 fand die sogenannte Recherche statt. Abschluss und Höhepunkt der ersten Phase war ein mehrtägiges Camp in Juni 2014 in Berlin.
Im zweiten Halbjahr 2014 stand die Stückentwicklung auf dem Programm. Mit dem Schreiben der Theaterstücke wurden entweder Autoren (Berlin und Dortmund) oder die künstlerische Leiterin (Halle) betraut.
In der dritten Phase werden die Stücke produziert. In einer Vorstellungsreihe in Halle am Gasometer sind alle drei Stücke zu sehen. Am 29. Mai startet Halle mit „Neu statt sterben“, am 30. Mai ist Dortmund an der Reihe mit „Ach je die Welt“ und am 31. Mai zeigt das Theater Strahl aus berlin das Stück „The Working Dead“.
Beim Zwischenstandbericht am 01. März in Dortmund gab es einen kleinen Einblick, wie weit die Stücke schon gediehen sind. Allen drei ist gemeinsam, dass es um die Frage geht: Was entsteht nach dem Industriezeitalter? Für die Jugendlichen sind natürlich zwei Fragen ganz zentral, werde ich Arbeit haben und werde ich geliebt?
Der Autor Jörg Menke-Peitzmeyer, dessen Stücke auch in Dortmund gelaufen sind wie „Miriam, ganz in Schwarz“ präsentiert ein düsteres Stück. Drei Jugendliche gehen des Nachts in eine alte Fabrilhalle und treffen dort auf eine Art Geister. Die untoten Fabrikarbeiter, die ihrer Vergangenheit hinterherjammern? Schaffen es die Jugendlichen, etwas Neues aufzubauen?
Das Kinder- und Jugendtheater Dortmund präsentiert zwei Werke. Zum einen „Ach je die Welt“ von Anne Lepper. Hier suchen Jugendliche nach Orientierung. Gibt es Arbeit? Marc, Tobias und Christopher sind 15 Jahre alt und suchen nach einem Alfried Krupp, der Arbeit haben soll. Doch der ist verschwunden. Marie-Ann, fast 15, sucht das Glück. Die Suche wird in einer Tragödie enden.
Darüber hinaus wird eine 50-minütige Theater-/Textperformance erarbeitet, die den Strukturwandel am Phoenixgelände zum Thema hat. Der Titel „ASCHE unter meinen Docs“. Die Rollen werden Schülerinnen und Schüler der Marie-Reinders Realschule übernehmen.
Das Thalia Theater aus Halle an der Saale beschäftigt sich in ihrem Stück „Neu statt sterben“ mit dem Plattenbau von Halle-Neustadt. In der DDR ein beliebtes Wohnquartier, ist es heute teilweise rückgebaut worden. Im Stück soll eine Frau ein Theaterstück über den Plattenbau schreiben und trifft auf unterschiedlichste Personen. Ja, sogar der Plattenbau tritt als eigenständige Figur auf. Wie soll es mit Halle-Neustadt weitergehen. Mitwirkende sind neben den Schauspielern des Thalia Theaters auch Jugendliche aus Halle.
Bemerkenswert ist, dass in allen drei Stücken ein Chor eine wichtige Rolle einnimmt. In Berlin ist es der Geisterchor der Fabrikarbeiter, in Halle gibt es einen Jungpionierchor und in Dortmund tritt der „Chor der Sechstklässler“ auf.
Jörg Menke-Peitzmeyer erzählte aus seinen Rechercheerlebnissen in Berlin-Oberschöneweide.
Gewalt ist (k)eine Lösung? Die Schülerinnen und Schüler der Marie-Reinders Realschule zeigen einen Ausschnitt aus „ASCHE unter meinen Docs“
Willkommen in der Schule. Mittlerweile sind Zeugnisse nicht mehr allein der Schrecken mancher Schüler, sondern auch der Eltern. Vor allem, wenn das wichtige Zeugnis ansteht, das entscheidet, an welche weiterführende Schule das Kind gehen wird. Alles andere als das Gymnasium ist für die Eltern aus dem Stück „Frau Müller muss weg!“ nicht akzeptabel. Daher sind nicht ihre Kinder Schuld an den schlechten Noten, sondern die Klassenlehrerin. Fast parallel zum Kinostart des gleichnamigen Films präsentiert das Kinder- und Jugendtheater die Theaterfassung. Ein Premierenbericht vom 13. Februar 2015.
Wer den Unterschied zwischen Kinofilm und Theater kennenlernen möchte, sollte sich ins Kinder- und Jugendtheater aufmachen. Auch wenn im Schauspielhaus mit Kay Voges sogar eine Mischform zwischen den beiden Genres probiert wird, zeigt die Inszenierung von Intendant Andreas Gruhn, welche Vorteile das Theater gegenüber dem Kino hat und immer haben wird. Die Zuschauer sind hautnah an den Schauspielern, Missgeschicke passieren und können nicht in der nächsten Aufnahme entfernt werden und die Schauspieler bekommen danach den Applaus des Publikums.
Andreas Gruhn versucht aber auch einige „typische“ Filmtricks unterzubringen: So agieren die Schauspieler in wichtigen und entscheidenden Situationen wie in Zeitlupe. Beispielsweise wenn die Tasche von Frau Müller durchsucht wird und die Lehrerin plötzlich in der Tür steht. Dazu erklingt Musik aus bekannten Westernfilmen wie beispielsweise „Spiel mir das Lied vom Tod“.
Die Geschichte kurz erzählt: Der überwiegende Teil der Eltern der Klasse 4b möchte, dass die Klassenlehrerin Frau Müller ihre Klasse abgibt, weil die Kinder in ihren Noten abgesackt sind und der wichtige Übergang zur weiterführenden Schule bevorsteht. Das Gymnasium ist natürlich Pflicht. Aus der Gruppe haben sich fünf Eltern gefunden, die Frau Müller diese Entscheidung mitteilen wollen. Doch nach und nach bricht auch der Konflikt zwischen den Eltern auf, als sie erkennen, wie sich ihre Kinder in der Klasse verhalten. Beim Blick in die Notentabelle von Frau Müller sehen sie, dass die Lehrerin vorhat, ihren Kindern doch gute Noten zu geben. Jetzt soll sie doch Klassenlehrerin bleiben. Hätten sie mal genauer gelesen.
„Frau Müller muss weg“ erinnert ein ganz klein wenig an Yasmin Rezas „Der Gott des Gemetzels“. Das Stück von Lutz Hübner ist aber deutlich humoriger, vor allem weil die Eltern aus unterschiedlichen Schichten stammen. Aber in beiden Stücken wird das hohe gemeinsame Ziel „Frau Müller muss weg“ langsam aber sicher wegen persönlicher Eitelkeiten geopfert, interne Konflike treten zutage und untereinander sind sich nicht alle grün.
Johanna Weißert spielt die Karrierefrau Jessica Höfel. Passenderweise im Hosenanzug hat sie die Kontrolle über die Elternschaft übernommen und möchte alles „businessmäßig“ über die Bühne bringen. Als das Gespräch mit der Klassenlehrerin auf dem Ufer läuft, erfährt auch sie die Wahrheit: Laura, ihre „coole“ Tochter fälscht Entschuldigungen. Sehr schön, wie Jessica vorher gefällte Entscheidungen ohne mit der Wimper zu zucken umwirft, frei nach dem Politiker-Motto „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“.
Ein anderes Kaliber sind die beiden Jeskows. Sie sind von München hergezogen. Bianca Lammert gefällt in der Rolle der „Zicke“ Marina Jeskow, die wegen ihres Mannes aus München wegziehen musste. Das nimmt sie ihrem Mann übel. Sehr übel. Als dann noch herauskommt, dass ihr „hochbegabter“ Sohn in Wirklichkeit der Klassenkasper ist und von allen anderen Kindern geschnitten wird, wird Marina zur Furie.
Patrick Jeskow (Rainer Kleinespel) ist der Pantoffelheld, der unter der Fuchtel seiner dominanten Frau steht und erst gegen Ende den Mund auf bekommt. „Ich lande nicht bei Hartz IV, nur damit Lucas Fußball spielen kann“, bringt Patrick sein Dilemma auf den Punkt. Kleinespel bringt den arg gebeutelten Charakter sehr gut rüber.
Désirée von Delft spielt die alleinerziehende Mutter Katja Grabowski. Anfänglich scheint sie keine Probleme zu haben, denn ihr Sohn Fritz ist der Klassenbeste. Daher steht sie dem Ansinnen, Frau Müller das Vertrauen zu entziehen, nicht positiv entgegen. „Ich bin nur aus Solidarität dabei“, so Katja. Ihr Problem ist, dass sie keinen Zugang zu ihrem Sohn findet. „Mein eigenes Kind ist mir fremd“; sagt sie in dem Stück. Später kommt heraus, dass Fritz ein ernstes Problem mit Lukas hat. Dass sie das von der Lehrerin nicht mitgeteilt bekommen hat, lässt ihre Sympathien für Frau Müller erkalten.
Hinzu kommt, dass Katja ein Verhältnis mit dem verheirateten und impulsiven Wolf Heider (Andreas Ksienzyk) hat. Heider bringt durch seine direkte Art Feuer in das Gespräch mit der Lehrerin, das danach eskaliert. Da er arbeitslos ist, versucht er seine Tochter Janine möglichst viel Bildung zukommen zu lassen, dass das Mädchen schier erdrückt und in eine sklavische Freundschaft mit Laura bringt.
Bettina Zobel spielt die Rolle der Klassenlehrerin Sabine Müller, die völlig unerwartet mit der Drohung der Absetzung konfrontiert wird. Denn die Eltern waren allesamt nicht in der Lage, vorher ein Gespräch mit der Lehrerin zu suchen. Zobel spielt diese Rolle sehr sanft, zart und zerbrechlich.
Der ernstere Hintergrund des Stückes ist der immer stärker werdende Druck, sein Kind auf das Gymnasium schicken zu müssen. „Ich bin heute Abend angetreten, weil ich Laura auf dem Gymnasium haben will“, erklärt Jessica Höfel klipp und klar. „Ich habe mehr Angst vor dem Zeugnis als Janine“, gibt Wolf Heider zu. Und in dieser Situation können alle Objektivität nicht gebrauchen. Denn „seit wann sind Eltern objektiv?“
Ein Stück mit vielen lustigen Déjà-vus für Lehrer und Eltern. Beispielsweise wenn die Lehrerin voller Stolz auf die Ergebnisse der Projektwoche mit den Kastanienmännchen zeigt und später herauskommt, dass Eltern an dem Werk nicht ganz unbeteiligt waren. Vielleicht wegen der Zielgruppe ein ungewöhnliches Stück für das Kinder- und Jugendtheater, aber ein Besuch lohnt sich.
Helikoptereltern im Anflug
Frau Müller (Bettina Zobel) unter Druck. Im Bild noch zu sehen: Bettina Zobel und Rainer Kleinespel.
Ist es Zufall? Denn das Stück „Frau Müller muss weg“ hat nicht nur am 13. Februar 2015 um 20 Uhr im Kinder- und Jugendtheater Premiere, sondern seit dem 15. Januar gibt es den Stoff als Film unter der Regie von Sönke Wortmann. Wir von Ars tremonia sind sehr auf das Live-Ereignis in Theater gespannt.
Zur Geschichte: Drei Mütter und zwei Väter haben ein Ziel. Die Klassenlehrerin Frau Müller muss weg, weil die Noten ihrer Kinder in der 4. Klasse immer schlechter werden und somit der Übergang zum Gymnasium gefährdet ist. Natürlich kann nur Frau Müller Schuld sein, denn die Eltern tun ja alles für ihre Kinder. Doch als dann noch Spannungen unter den Eltern auftauchen, droht eine verfahrene Situation.
„Frau Müller muss weg“ ist ein ungewöhnliches Stück für das Kinder- und Jugendtheater, denn es dreht sich um ein Thema, dass sich eher an Erwachsene richtet: Helikoptereltern. Mit Helikoptereltern sind die Eltern gemeint, die ihr Kind mit absoluter Hingabe und Fürsorge überbehüten. Das geht sogar so weit, dass die Freunde für ihr Kind ausgesucht werden, der Tagesablauf exakt durchgeplant wird und an das Kind hohe Anforderungen gestellt werden.
Im Gegensatz zum Film wird das Stück auf der Bühne komplett in einem Klassenzimmer spielen, so dass die Zuschauer hautnah dran sind.
Für die Premiere am 13. Februar gibt es noch Restkarten. Weitere Termine sind: SO, 15. FEBRUAR 2015, SO, 22. FEBRUAR 2015, FR, 27. FEBRUAR 2015, SA, 28. FEBRUAR 2015, SA, 07. MÄRZ 2015, SO, 08. MÄRZ 2015, SO, 15. MÄRZ 2015, SA, 21. MÄRZ 2015, MI, 10. JUNI 2015, DO, 11. JUNI 2015, FR, 12. JUNI 2015 und SO, 14. JUNI 2015.
Einen Themenabend für Pädagogen bietet das KJT am 11. Februar um 17:30 Uhr an. Am 27. Februar um 22 Uhr gibt es im Café des Kinder- und Jugendtheaters unter der Reihe „Open Stage“ einen Themenabend mit dem Titel „Geschichten aus dem Lehrer- und Schülerdasein“.