Der Klotz lebt

Der Jugendclub feiert Premiere im KJT

 

Drei graue Figuren schleichen auf der Bühne um einen Stuhlberg herum. Wie Schnecken tragen sie ihr Haus auf dem Rücken, terrassenförmige Wohn-Einheiten, die auf den ersten Blick wie eine schwere Last wirken, die sie aber andererseits ganz leicht, beinahe zärtlich vom Rücken lösen und nebeneinander stellen zu einer großen Einheit.Ein großes Haus steht vor uns, ein Betonklotz, könnte man sagen. Hunderte von Wohnungen unter einem Dach, sogenannter billiger Wohnraum, der vor allem in den siebziger Jahren in vielen Großstädten in den sozialen Brennpunkten hochgezogen wurde, nicht nur um die Wohnungsnot zu lindern, sondern auch um Menschen in der Hoffnung auf ein friedliches Miteinander zusammenzuführen. Ein sozialarchitektonisches Experiment mit zweifelhaftem Ausgang.
Die drei grauen Figuren geben diesem Klotz eine Stimme. Nach der gewaltfreien Aufbauphase treten sie dann doch noch den Stuhlberg um. Und schon in den ersten Minuten dieser bemerkenswerten und engagierten Inszenierung bekommen wir die beide Pole zu spüren, zwischen denen sich die Stimmung der Protagonisten bewegt: Zärtlichkeit und Wut. Ja, sie hassen und sie lieben ihn, ihren Betonklotz.

Betonklotz vorne v.l.n.r.: Lea Sommer, Marie Gelfert, Jost Förster, Niklas Havers hinten v.l.n.r.: Lucca Mitchell, Julia Hartmann, Daria Deuter, Johannes Weber
Betonklotz vorne v.l.n.r.: Lea Sommer, Marie Gelfert, Jost Förster, Niklas Havers hinten v.l.n.r.: Lucca Mitchell, Julia Hartmann, Daria Deuter, Johannes Weber
Foto: © Birgit Hupfeld

Jona Rauschs Debütstück „Betonklotz 2000“, welches für den Hans-Gratzer-Preis nominiert war, kam 2024 in Hannover zur Uraufführung und beschäftigt sich mit dem Leben und Wohnen in so einem Plattenbauareal, dem „Genickschutzviertel“, wie es an einer Stelle im Stück voller Ironie heißt. Aus der Sicht von vier jungen Leuten, die dort ihre Kindheit und Jugend verbringen, erzählt sie Geschichten, die sich nicht nur entlang der bekannten Themen wie Arbeitslosigkeit, Drogenkonsum, Migration und Kriminalität bewegen, sondern auch erzählen von Geborgenheit, Sehnsüchten und Wünschen, von einem Alltag zwischen Aufstiegshoffnung und Abstiegsangst, von Fluchtgedanken und heimatlicher Verbundenheit.

 

Das Dortmunder Jugendclub-Ensemble hat das Personal des Originals um einige Spieler:innen aufgestockt. Diese Vielstimmigkeit kommt der Darstellung zugute, denn so gelingt ein differenzierter, abgewogener Einblick in Lebenswirklichkeit jenseits gängiger Vorurteile.

Die Inszenierung verortet die Geschichte sinnvollerweise in der eigenen Stadt. Der Betonklotz auf der der Bühne erinnert unmissverständlich an den „Hannibal“ in der Dortmunder Nordstadt, die seit Jahren als sogenanntes Problemviertel gilt – zu Unrecht sagen viele.  Denn dieser Betonklotz ist nicht nur kalter Stein für die jugendlichen Bewohner. Er atmet und sie nehmen seinen Rhythmus auf, er erzählt und sie können ihn verstehen, er hört auch zu, er verzeiht und er erzieht, wie es an einer Stelle so schön heißt, „nach dem Laisser-faire-Prinzip“ und lässt sie im Klotz möglicherweise eine Freiheit verspüren, die sie in der Welt draußen nicht haben, weil die ihnen stattdessen oft den Prekariatsstempel aufdrückt und sie die Ungerechtigkeit der sozialen Schere fühlen lässt. Dieser mißtrauischen Welt der Betonköpfe setzen die jungen „Problemkinder“ ihr solidarisches Miteinander entgegen und nehmen sich das Recht von konkreten Utopien zu träumen.
Besonders gelungen wird dieser Gedanke umgesetzt in einer Choreographie, die das Ensemble erarbeitet hat, die fast beginnt wie ein höfischer Tanz, dann aber mündet in ein befreites Tanzen, Momente, in denen man eintaucht in eine Sehnsuchtswelt, die allzu oft umzingelt ist von vielerlei Nöten und Ängsten. Überhaupt ist die Gemeinsamkeit des Zusammenspiels eine große Stärke des Abends.

 

Auch ganz persönliche Geschichten werden gestreift, vom Mädchen, die als einzige die Zulassung zum Gymnasium bekommt und argwöhnisch begutachtet wird, die es aber trotzdem schafft ein Einser-Abitur zu machen, um dann als Studentin auf der Uni mit durchaus gemischten Gefühlen zu bemerken, dass der Klotz noch in ihr steckt.
Von der Frau, die hoffnungsvoll eine Beziehung eingeht zu einem Mathematiker und Philosophen, der als Fremdkörper in der sozialen Architektur des Klotzes aber so seine Probleme bekommt. Vom Jungen, der noch nie in Wien war, dorthin aber den Ort seiner Sehnsucht projiziert. Oder vom Jungen mit dem „Borderline-Dingsda“.

Mit all diesen Lebensblitzlichtern leuchtet die Inszenierung die Spanne aus zwischen Abgrund und Sehnsucht, zwischen Hass und Liebe.

„Ich habe dich vermisst“, sagt eine irgendwann zum Klotz. Und das klingt wie ein Signal, eine Aufforderung, fast sogar ein Aufbruch. Am Ende legen sie die Maskerade ab, die bunten Klamotten, die was hermachen sollen, was sie nicht sein wollen im schillernden Outfit, mit denen sie sich getarnt haben. Unter den gefakten Markenartikeln tragen alle die gleichen T-Shirts. Jetzt kommt der graue gewöhnliche Mensch zum Vorschein in all seiner mutigen Ehrlichkeit, sie raufen sich zusammen, schmiegen sich aneinander, blicken nach vorn, demonstrieren ihr Miteinander und stellen sich solidarisch der Zukunft.

Mit diesem eher hoffnungsvollen, gelungenen Schlusspunkt endet die Inszenierung, die die neun Schauspieler vom Jugendclub mit viel Engagement und Leidenschaft auf die Bühne gebracht haben.




Ausbreitungszone – Könnten wir zurück in den Wald?

Der Wald gilt ja in Deutschland seit der Romantik als eine Art Sehnsuchtsort. Der Wald erfuhr als Sinnbild der malerischen Natur, aber auch der unergründlichen und gegensätzlichen Welt große Verehrung. In den Werken der Maler Caspar David Friedrich und Moritz von Schwind oder des Dichters Joseph von Eichendorff ist der Wald allgegenwärtig.



Doch in dem Theaterstück „Ausbreitungszone“ der französischen Autorin Mariette Navarro geht es nicht nur um den Wald als Rückzugsort, sondern um Themen wie Identität oder Isolation. In „Ausbreitungszone“ gehen 12 junge Menschen in einen Wald hinein, der sich mysteriöserweise ausgebreitet hat. Die Grenze zwischen Stadt und Wald ist kaum erkennbar. Doch alle haben nicht die gleichen Gründe. Für die einen ist aus Ausbruch aus den alltäglichen Leben in der Großstadt, andere erhoffen, aus ihrer Isolation zu fliehen.

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Dieser Weg wird kein leichter sein:  Jugendclubproduktion "Ausbreitungszone" mit Johannes Weber, Charlie Lutomski, Lea Sommer, Stelle Hanke, Niklas Havers, Nessa Cofala, Marie Gelfert, Rebecca Poersch, Jost Förster, Julia Hartmann, Daria Deuter und Ariana Paktin. Foto: (c) Birgit Hupfeld
Dieser Weg wird kein leichter sein: Jugendclubproduktion „Ausbreitungszone“ mit Johannes Weber, Charlie Lutomski, Lea Sommer, Stelle Hanke, Niklas Havers, Nessa Cofala, Marie Gelfert, Rebecca Poersch, Jost Förster, Julia Hartmann, Daria Deuter und Ariana Paktin. Foto: (c) Birgit Hupfeld

Die Mitglieder des Jugendclubs unter der Leitung von Christine Appelbaum und Franz Marie Hoffmann zeigten am 04. Mai 2024 im KJT , dass die romantische Sicht auf den Wald oder das Unbekannte durchaus nicht immer ganz einfach ist. Wie reagiere ich, verhalte ich mich falsch, was will ich überhaupt da? In einer Spielszene erzählen sich die Teilnehmenden, was sie an der Stadt fasziniert wie Geräusche und ähnliches.

Dennoch ist der Wunsch nach einer Gegengesellschaft bei allen spürbar. „So kann es nicht weitergehen“ scheint das gemeinsame Motto zu sein. Diese Gefühle sind nicht neu. Die frühe Naturschutz- und Umweltbewegung, die Jugendbewegung, sozialdemokratische Naturfreunde, Wandervögel und Wandervereine haben bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein Gegenmodell zum Großstadtleben propagiert.

Das Ende von „Ausbreitungszone“ besitzt Anspielungen auf die Besetzung des „Hambacher Forsts“ und schlägt eine Brücke zu den aktuellen Umweltschutzgruppen wie Fridays for Future oder Letzte Generation. Ein großes Lob an die jungen Schauspielenden. Mit dabei waren: Nessa Cofala, Daria Deuter, Jost Förster, Marie Gelfert, Stella Hanke, Julia Hartmann, Niklas Havers, Charlie Lutomski, Ariana Paktin, Rebecca Poersch, Lea Sommer und Johannes Weber




Bodybild oder wie viel Sahne verträgt eine Erdbeere?

Das KJT Dortmund hat mit Bodybild ein heißes Thema aufgegriffen, dass sowohl Kinder, Jugendliche als auch Erwachsene betrifft … nervt … bestimmt … quält …



Spätestens seit den Social Medien, hier besonders INSTAGRAM, herrscht ein unerbittlicher, ja fast schon faschistoider, Körperoptimierungsdruck, dem bereits Kinder ausgesetzt sind. Aber leider auch durch die Erwachsenen, ihre Eltern, zuerst, als ersten Rollenmodelle. Lange vor den A-Social Medien herrschte Druck in den Kinder- und Jugendzimmern. Waren es zuerst die Noten und der Numerus Clausus, kam schnell durch die Werbung, besonders die der Fashion Industrie, der optimierte Körper hinzu … der Leistungsdruck begann sich in den 1980er/90ern zu steigern.

Das Ensemble der Jugendclubproduktion "Bodybild" (Foto: (c) Birgit Hupfeld)
Das Ensemble der Jugendclubproduktion „Bodybild“ (Foto: (c) Birgit Hupfeld)

Waren die Bilder von Bruce Weber noch sportliche „Jedermann“ Typen bei Männern und Frauen, so wandelte sich das Trendbild in den 90er-Jahren mit den Female und Male Supermodels dramatisch. Die durchPeter Lindbergh für die Titelseite der Januar-Ausgabe 1990 platzierten Cindy Crawford, Naomi Campbell, Linda Evangelista, Christy Turlington und Tatjana Patitz setzten den Trend. George Michael veranlasste das, sie für sein Freedom ’90!Video zu casten. Später setzte Madonna mit Vogue einen weiteren Meilenstein, wie auch Dragqueen und LGBTIQIA+ Aktivist Ru Paul mit seinem Song Supermodel … ich liebe die Schluss Sentenz „you better work!“ Lange vor dieser Fashion Ikonen Welt galt u. a. Elizabeth Taylor als perfekte Schönheit. Zu den genannten Supermodels stießen später auch Claudia Schiffer, Stephanie Seymour, Kate Moss und Nadja Auermann. Aber auch bei den Männern gab es diese Supermodels. Da wäre zuerst einmal Markus Schenkenberg und Tavis Fimmel, von denen der Spruch kam, dass sie nicht im Fitness-Studio ihre Figuren geformt hätten … Tyson Beckford, später Jon Kortajarena, Evandro Soldati, Oliver Cheshire.

Ich selbst hatte eine langjährige Beziehung mit meinem idealtypischen Mann … in all den Jahren verdrängte ich dabei seine Probleme mit sich selbst, seinem Aussehen, seinem Körper, seiner Sexualität und seinem daraus resultierenden eigentlich nicht vorhandenen Selbstwertgefühl. Gutes zureden und an den richtigen Stellen bestätigen halfen nichts. Es wurde toxisch und ich musste die Reißleine ziehen. Der Teller war schön … aber … im Grunde leer.  Manchmal hatte ich das Gefühl, er lebt in einer Dailysoap oder einer Vorversion von Instagram.

Sie alle, inklusive der Modefirmen und Werbeindustrie, man denke allein an die ersten Lätta TV Spots, diktierten nun, wer wie auszusehen hatte … Tragisch, als Mann, wenn man nicht den V-förmigen Oberkörper hatte, besonders tragisch, weil als Unterdrückungsmechanismus verwandt, wenn Frauen nicht die Idealmaße hatten. Hier setzte erstmals Dove in seinen Spots in den 2000ern einen signifikanten und notwendigen Kontrapunkt. Sosehr die Dove Kampagne gerühmt wurde, so wenig Wirkung hatte sie leider … Bodyshaming ist besonders beliebt unter denen, die besser, sorry, ihren Mund halten sollten, wie die Maulaffen aus der Ansammlung führerputinageiler Dauerlutscher mit ihrem frauenverachtenden Weltbild, trotz Quotenfrauen … Wobei zu statuieren ist, dass Hass häSSlich macht.

Bodybild beginnt genau dort, bei und mit dem „geforderten“ Körperkriterien … sie werden im Intro aufgezählt und immer wieder mit dem Zusatz versehen „normal eben“.

Aber was ist „normal“? Dem genau geht Bodybild rasant auf die Spur, um sich in einem „Gehen Lassen“ orgiastisch fast zu implodieren, also dem Körperidealbild. Denn früh regt sich im fantastisch spielenden Ensemble erste Gegenwehr gegen das Schönheitsideal, weil der Druck zu groß, zu übermächtig wird. Weil man sich selbst nicht mehr in dem optimierten Körper wohlfühlt und sich in einer permanenten Diätspirale befindet. Wo bleibt die eigene Stimme, auch wenn man von seiner Umgebung angezweifelt, dass man den terrorhaften, faschistoiden Druck des/der geltenden Schönheitsideale nicht mehr gehorchen will.

Wie aber entdeckt man sein eigenes Schönsein, seinen eigenen Golden Cut, zwischen all den glatten glitzernden Oberflächen, schönen Körpern, perfekt ausgeleuchteten Werbungen und Instagram Fotos/Posts und Destinationen? Der Golden Cut ist evolutionär in uns und beflügelt das Schönheitsideal.

Das Selbst, sein eigenes Ich zu finden, ist gar nicht so leicht, wenn man sein Leben im Selfie Modus zu führen gewählt hat, aber trotzdem an sich zweifelt und sich selbst sucht. Wir Zuschauer können es nachvollziehen oder sich hineinversetzen in die Protagonisten auf der Bühne, die um ihr Selbst und Selbstbild sehr eindringlich und, wenn auch plakativ, authentisch kämpfen.

Am eindringlichsten wurde der Weg zum eigenen Selbst, und eigenen Schönheitsideal, bei dem orgiastischen Picknick mit Waffel und Sahne … Ich selbst pflege immer etwas Kaffee zu meinem Zucker zu trinken … Zur Sahne brauchte es eine Waffel als Grundlage, und kein in Orangensaft getauchtes Wattebäuschen … Oder wie viel Sahne passt auf eine Erdbeere?

Das Stück, basierend auf dem Text von Julia Haenni, welcher schon 2019 entstand, wurde am KJT zum Ausgangspunkt für das KJT Dortmund und seiner eindringlichen Bühneninterpretation zu den Themen Körper, Stereotypen, Schönheitswahn, Selbstwahrnehmung, Selbstoptimierung und Gender. Die Schauspieler*innen, zwischen 16 und 25 Jahren alt, erarbeiteten gemeinsam mit dem Regieteam eine körperliche Show der Bodybilder, extrem spielfreudig und begeisterndes, humorvolles, manchmal mit dem Lacher im Halse stecken bleibend und erfrischend direktes Schauspiel, das, so kurzweilig es ist, sehr nachdenklich macht und machen will.

Eine gelungene Theatershow mit Tiefgang und Grundberührung, Ein sehenswertes Stück, nein ein Must See egal welches Alters, von und mit

Künstlerische Leitung                        Christine Appelbaum und Franziska Hoffmann

Ausstattung                            Sandra Linde

Choreogrphie                          Janna Radowski

Dramaturgische Beratung      Milena Noëmi Kowalski

Produktionsassitenz               Hannah Löwer

Desreller*innen                      Carla

                                               Merit Briese

                                               Nessa Cofala

                                               Daria Deuter

                                               Charlie Lutomski

                                               Stelle Hanke

                                               Paula Hees

                                               Julie Meyer

                                               Hanna Pfafferot




Mädchen wie die – Rollenklischees und gefährliche Gruppendynamik

In dem neuen Jugendclubprojekt „Mädchen wie die“ nach einem Text von Evan Placey geht es um gesellschaftliche Rollenklischees, gefährliche Gruppendynamiken, Sexismus und der Angst vor Ausgrenzung. Insbesondere geht es aber um notwendige Solidarität unter Mädchen und Frauen. Dabei ist es wichtig, sich die eigenen sowie männlichen Vorurteilen und gängigen Rollenklischees bewusst zu machen, um sie zu überwinden. Am 20.05.2022 war Premiere im Dortmunder Kinder und Jugendtheater.

Jugendclubproduktion "Mädchen wie die" (v.l.n.r.) Charly Lutomski, Lea-Marie Hofmann, Alina Nikolova, Merit Briese, Julie Meyer, Beatrice Neumann, Camil Leon Demirović (c) Birgit Hupfeld
Jugendclubproduktion „Mädchen wie die“ (v.l.n.r.) Charly Lutomski, Lea-Marie Hofmann, Alina Nikolova, Merit Briese, Julie Meyer, Beatrice Neumann, Camil Leon Demirović (c) Birgit Hupfeld

Die sieben jungen Nachwuchsschauspieler*innen (darunter ein junger Mann) begaben sich unter der Leitung von Alina Baranowski und Jacqueline Rausch in einer Art Suchbewegung zwischen verschiedenen Zeiten, Orten und Situationen.

Dabei benutzten sie wenige Requisiten und drei verschiebbare multifunktionale beleuchtbare Bankkonstruktionen. Zudem werden daneben Videos (etwa aus dem Jahr 1945) auf einer kleinen Leinwand gezeigt.

Alle waren gleich gekleidet (hellgrau), geschminkt (grüner Lidschatten) und nach hinten gekämmten Haare.

Sie kennen sich seit der Kindergartenzeit und besuchten dann die St. Helens Schule.

Diese ist ein besonderer Ort für Mädchen, die wegen ihres kreativen Potenzials oder unkonventionellem Denkens auserwählt wurden.

Zusammen aufgewachsen, verbinden sie viele gemeinsame Erfahrungen und sie befinden sich in einer klaren hierarchische Ordnung. Man kennt all die kleinen Missgeschicke oder Erfolge jeder einzelnen.

Die Solidarität unter den Mädchen hat seine Grenzen erreicht, als ein Nacktfoto (schnell verbreitet im Netz) der einen (Scarlett), den Ruf aller anderen gefährdet. Darf sich ein Mädchen so benehmen?

Wie sich verhalten? Distanzieren und sich lustig machen, damit man selber nicht „in die Schusslinie“ gerät? Oder sich männlichem „Macho-Gehabe“ und Vorurteilen solidarisch entgegenstellen und sich verantwortungsvoll Position zu beziehen?…

Eine kurzweilige Aufführung zu einem wichtigen Thema, bei dem sich alle Beteiligten auf der Bühne mit viel Engagement einbringen konnten.




Leben lernen

Am 29. Februar 2019 präsentiert das Kinder- und Jugendtheater (KJT) eine neue Produktion des Jugendclubs. Auf die Bühne kommt das Stück „Auerhaus“ nach dem Roman von Bov Bjerg. Die Stückfassung besorgte Robert Koall.

Die Geschichte dreht sich um den Jugendlichen Frieder, der nach einem gescheiterten Selbstmordversuch quasi zur Therapie, in einem x-beliebigen Kaff in Deutschland auf dem alten Hof seines Großvaters lebt. Um nicht alleine mit seinem Opa zu leben, kommen weitere Menschen hinzu: Höppner, Vera, Cäcilia, Harry und Pauline. Die Jugendlichen machen den Hof zu ihrem „Auerhaus“ – nach dem bekannten Song „Our House“ von Madness aus dem Jahre 1983. Das Stück selbst spielt in den 90er Jahren, die Kostüme und die Musik werden aus dieser Epoche sein.

Die sechs Mitglieder des Jugendclubs bei der Probe zu "Auerhaus". (Foto: © Birgit Hupfeld)
Die sechs Mitglieder des Jugendclubs bei der Probe zu „Auerhaus“. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Trotz der harten Story geht es in dem Stück auch um die Frage, wie gehen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen damit um, zum ersten Mal auf eigenen Füßen zu stehen, sich zu arrangieren oder aber auch Blödsinn zu machen. Oder kurz gesagt: Wie geht Leben?

Die Schauspielerinnen und Schauspieler sind sechs Mitglieder des Jugendclubs. Sie sind zwischen 20 und 25 Jahre alt. „In den Stück ist viel von den jungen Erwachsenen eingeflossen“, so Milena Kowalski und Lioba Sombetzki vom KJT, die für die Regie, Dramaturgie und Choreografie verantwortlich sind. Ab Oktober wurde einmal wöchentlich geprobt, dazu gab es ein Intensivwochenende. „Das Stück ist ein vollwertiger Teil des Spielplans“, betonte Sombetzki. Es wird an sechs Terminen gezeigt und ist am 21. Mai 2020 im Rahmen des Festivals Unruhr zu sehen.

Für die Premiere sind noch Restkarten vorhanden. Die weiteren Termine sind unter https://www.theaterdo.de/detail/event/auerhaus/ zu finden.




Was ist Vernunft – eine Annäherung

Mit
der Jugendclubproduktion „Kein einziger Begriff – eine chaotische
Annäherung an die Vernunft“ präsentierte der Dortmunder
Jugendclub des Kinder– und Jugendtheaters ihre Sicht auf die
Vernunft. Das Stück entstand im Zusammenarbeit mit Spielerinnen und
Spielern aus Paris und wird zur diesjährigen europefiction in
Gelsenkirchen seine premiere feiern. Am 04. Juli 2019 fand eine
Werkschau im KJT statt.

„Sei
doch vernünftig“. Wer hat als kleines Kind diesen Ausspruch seiner
Eltern nicht gehört? Doch was ist vernünftig? Das versuchten die
elf Teilnehmerinnen und Teilnehmer gleich zu Beginn herauszufinden.
Ist es vernünftig, bei Grün über die Ampel zu gehen? Ist
Klimaschutz vernünftig? Je länger geredet wurde, desto
durcheinander und verwirrender wurde es. Gibt es vielleicht nicht DIE
Vernunft, sondern verschiedene Varianten davon?

Das Ensemble für das diesjährige Festival europefiction bei "Kein einziger Begriff". (Foto: © Birigt Hupfeld)
Das Ensemble für das diesjährige Festival europefiction bei „Kein einziger Begriff“. (Foto: © Birigt Hupfeld)

Wenn
über Vernunft diskutiert wird, dann dürfen die Aufklärer natürlich
nicht fehlen. Zwei teilnehmer spielten den Beginn von „Die
zärtlichen Schwestern“ von Christian Fürchtegott Gellert. Auch
Gellert zählt zu den Aufklärern und in dieser Komödie werden
Bürgerliche nicht als Zielscheibe von Spott benutzt, sondern es
zeigt sich, dass sie auch zu moralischem Handeln fähig sind.

Daneben
gab es Tanz, Perfomances und Musik. Interessant war auch die
Video-Einspielung aus Paris, bei der Erklärung eines
Resistance-Kämpfers aus dem Zweiten Weltkrieg vorgelsen wurde. Bei
der Premiere im Sommer auf dem europefiction-Festival werden die
französischen Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit dabei sein.




Theaterstück um Leistungs- und Konkurrenzdruck unter Abiturienten

Unter dem
vieldeutigen Titel „Klatschen“ findet am Samstag, den 09.03.2019
die Uraufführung des gemeinsam mit SchülerInnen entwickelte
gleichnamigen Textbuchs von Tina Müller und Corinne Maier auf der
Bühne des Dortmunder Kinder- und Jugendtheater (KJT) statt.

Diese Vorlage haben
sich elf Jugendliche und Erwachsene zwischen 16 und 24 Jahren, mit
unterschiedlicher Herkunft und Hintergrund als Jugendclubproduktion
unter der Regie von Isabel Stahl & Lioba Sombetzki in den letzten
Monaten vorgenommen.

Die Grundsituation ist folgende: Elf SchülerInnen eines Gymnasiums in der aufgeladenen Situation kurz vor dem Abitur. Jeder von ihnen ist interessiert, seine Chancen auf einen lukrativen, prestigeträchtigen Job mit besten Noten zu bewahren. Jeder ist sich selbst der Nächste, der Druck steigt ins Unermessliche und aus Freunden werden Feinde. Ein Vorgeschmack auf die Zukunft in einer kapitalistischen Gesellschaft. Verweigern oder anpassen?

Es gibt keine
stringente Handlung, sondern es werden wie in einzelnen
Blitzlicht-Momentaufnahmen nach der Vorlage SchülerInnen in
verschiedenen Konstellationen beleuchtet.

Ähnlich wie auf
einem Schulhof, wechseln die Blickwinkel. Da wird wie im echten Leben
geklatscht und diskutiert. Die Bühne wird zu einem abstrakten
Transitort, wo alle „Wartende“, die irgendwo hin wollen sind.

Gemeinschaft oder Alle gegen Alle? Die Mitglieder des Jugendclubs bei der Probe von "Klatschen". (Foto: © Birgit Hupfeld)
Gemeinschaft oder Alle gegen Alle? Die Mitglieder des Jugendclubs bei der Probe von „Klatschen“. (Foto: © Birgit Hupfeld)

Die Geschichte im
Vorfeld wird erst durch die Gespräche der SchülerInnen deutlich.
Sie hatten in einer Kunststunde rebelliert (Schweigestunde), und die
überforderte Lehrerin drohte ihnen mit einer schlechten Note für
alle. Daraufhin eskalierte die Situation, und die Kunstlehrerin wurde
von allen gemeinsam zwischen Tür und Wand „geklatscht“ und
schwer verletzt. Das erhöht die Aufregung und bietet noch mehr
Zündstoff und Diskussionsbedarf.

Wie vorab verraten
wurde, wird bei der Inszenierung auch mit Wiederholungen von
bestimmten, bei jugendlichen häufig vorkommenden Sprachbegriffen
gearbeitet. Außerdem wurde zusammen mit den jungen
Amateur-SchauspielerInnen viele Tanzchoreografien ein geübt. Musik
aus der Konserve wird den passenden atmosphärischen Hintergrund
bilden.

Die Kostüme sind
einheitlich uniform. Das zeigt ihre kollektive Konformität, hinter
der sich ihr individueller Charakter verbirgt.

Erschwerend für die
gemeinsame Arbeit an der Jugendproduktion war die unterschiedlichen
Voraussetzungen der teilnehmenden jungen Akteure. Eine davon steht
selbst mitten im Abiturstress, andere studieren schon, oder der
Jüngste ist mit 16 Jahren noch etwas vom Abitur entfernt. Zudem gab
es da ja auch noch die kulturellen Unterschiede bei den Beteiligten.
Einige hatten schon Schauspielerfahrungen, andere nicht. Außerdem
gab es zwischendurch auch eine gewisse Fluktuation unter den
Teilnehmern der Produktion. Einige waren durch ihre anstehende
Abiturprüfung so eingespannt, dass sie frühzeitig ausgestiegen
sind.

Die verbliebenen
haben sich letztendlich gut zusammen gerauft, so die beiden
Regisseurinnen.

Die intensive
Aufführung wird etwa eine Stunde dauern.

Uraufführung:
09.03.2019 um 19:00 Uhr im KJT Sckellstraße

Karten & Infos
zur Premiere und weiteren Aufführungsterminen erhalten Sie wie immer
unter www.theaterdo.de oder
Tel.: 0231/ 50 27 222




Frisch und frech auf die Ohren

Bei der Redaktionskonferenz: (v.l.n.r.) Michael Zabudkin, Fatima Talalini, Lea Degner, Ryan Woolston, Jonas Schweers, Christin Otto, Robin Frank, Annalena Lipinski. (Foto: ©Björn Hickmann)
Bei der Redaktionskonferenz: (v.l.n.r.) Michael Zabudkin, Fatima Talalini, Lea Degner, Ryan Woolston, Jonas Schweers, Christin Otto, Robin Frank, Annalena Lipinski. (Foto: ©Björn Hickmann)

Zum 14. Mal treffen sich sich Jugendclubs der Stadttheater des Ruhrgebiets zum Festival Unruhr, um erste Bühnenerfahrungen zu sammeln und zum gegenseitigen Austausch. Das Festival findet in diesem Jahr in Dortmund statt und hat neben den Jugendclubs aus Bochum, Castrop-Rauxel, Dortmund, Duisburg, Essen, Mühlheim an der Ruhr und Oberhausen auch das freie Theater Kohlenpott in Herne zu Gast. Die Aufführungen finden vom 3.-6. Juni 2015 im Kinder-und Jugendtheater sowie im Schauspiel Dortmund statt. (wir berichteten)

In ihrer Eröffnungsrede für das Festival im betonten Andreas Gruhn, Direktor des KJT, der Chefdamaturg des Schauspiels Dortmund Michael Eickhoff und Dr. Christian Esch vom NRW Kultursekretariat im KJT die große Bedeutung dieses Teffen für die Zukunft des freien und kreativen Theaters. „Theater kann sich mit der Realität ganz anders auseinandersetzen und Entwicklungen in der Gesellschaft kritisch hinterfragen. Es bietet einen Freiraum, den wir in der Realität so sonst nicht haben“, so Esch. Er erklärte: „Es ist viel zu viel Ruhe in diesem Land. Sorgt für „Unruhe“.

Im Anschluss wurde als erster Beitrag das Stück „Jetzt gibt’s was auf die Ohren“ vom Jugendclub des KJT Dortmund aufgeführt. Die neun Jugendlichen und jungen Erwachsenen setzten sich auf humorvoll-ironische Weise mit Schein und Sein in der Medienbranche und und aktuellen Erscheinungen wie Pegida und Fremdenfeindlichkeit oder mit den Neonazis in Dortmund auseinander.

Zentrum ist die quirlige Redaktion des Radio-Senders „Auf die Ohren“, von der Putzfrau aus der Ukraine (eigentlich ist sie aus Polen) über den ausgenutzten Volontär bis hin zum koksenden, arroganten Chefredakteur. Die Zuschauer bekommen schmunzelnd die „Fakes“ der Redaktion mit, die Personen am Telefon dagegen nicht. So muss der Volontär schon mal einspringen, wenn eine zum Sender eingeladene Persönlichkeit nicht erscheint. Was er zu sagen hat, wird ihm auf einer Wandtafel aufgschrieben. Außer der Beitrag über die Pegida-Demonstration ist alles im Stück „gefaked“.

Als lustiger Gag hatte der Redaktionstisch zwei Öffnungen, aus der ein vorwitziger Wischmopp der Putzfrau grummelnd „meldete“ oder mitsang.

Musik aus den 80er und 90er Jahren auflockernd eingespielt. Der mehrfach gespielter Song „Freedom“ (Anthony Hamilton, Elayna Boynton) aus Django Unchaind (2012) von Quentin Tarantino hatte jedoch während des Stück eine besondere Bedeutung. Was ist und die Freiheit wert? So bildete das Lied auch der Aufführung.

Ein gelungener Beitrag der fünf jungen Damen und vier jungen Herren vom KJT Jugendklub. Frech und mutig setzten sie sich unter der Regie von Christine Klöck und Isabel Stahl mit aktuellen Themen und guter Beobachtungsgabe auseinander.

Eine weitere Vorstellungen des Stückes gibt es noch am Sonntag, den7. Juni 2015 um 18 Uhr im KJT zu sehen. Karten unter: 0231- 50 27 222

Letzte Gelegenheit: Im Rahmen des pottfiction-Camps am Sonntag, den 28. Juni.2015 um 14.30 Uhr vor der Jahrhunderthalle in Bochum.




Der ganz normale Wahnsinn in einem Radiosender

Diskussionsbedarf bei der Redaktionssitzung? (v.l.n.r.) Annalena Lipinski, Michael Zabudkin, Lea Degner. Foto: ©Christine Köck
Diskussionsbedarf bei der Redaktionssitzung? (v.l.n.r.) Annalena Lipinski, Michael Zabudkin, Lea Degner.
Foto: ©Christine Köck

Beim Radiosender „Auf die Ohren“ ist mächtig was los. Moderatoren, eine Putzfrau, Reporter und Studiogäste sorgen für Chaos. Nicht genug, ein sprechender Wischmop und singende Putzhandschuhe sind ebenfalls dabei. Die Jugendclubproduktion des Kinder- und Jugendtheaters präsentiert am 03. Juni 2015 „Jetzt gibt’s was auf die Ohren“, eine 60-minütige Reise in ein Hörfunkstudio und die Hierarchien eines Senders.

„Das Stück handelt von einem Radiosender, der politisch arbeitet“, erklärt Theaterpädagogin und Regisseurin Christine Köck. „Es dreht sich um die Themen Anschlag in Paris, Pegida oder AfD. Dabei werden verschiedene Radioformate eingesetzt wie Interviews, Reportage, Musiksendungen.“

Da wir ja beim Theater sind, wird dies kein Hörspiel, sondern die Besucher erleben, was sonst noch im Studio passiert. „Es wird Choreografien geben, die Mitarbeiter tanzen“, so Dramaturgin und Regisseurin Isabel Stahl. Dazu gibt es mit dem sprechenden Wischmop und den singenden Putzhandschuhen Elemente, die an die Fraggles oder die Muppet-Show erinnern.

Dabei geht es auch um Kritik an den Medien. So wird aus der ukrainischen Putzfrau eine Verfolgte. Zudem wird auch einiges durch den satirischen Kakao gezogen. So wird über eine „Messe für Fanatiker“ berichtet oder ein Schädlingsbekämpfer muss zu einem Einsatz nach Dorstfeld, weil eine Bewohnern mit Nazis zu kämpfen hat. Daneben gibt es Musik, nicht nur aus der Konserve, sondern auch live gespielt.

Der Jugendclub besteht aus neun Spielerinnen und Spielern im Alter von 15 bis 23 Jahre. Von von neun sind sieben neu dabei. „Jetzt gibt’s was auf die Ohren“ gibt nicht nur den Startschuss für das Festival Onruhr 2015 vom 03. bis 06. Juni 2015, sondern wird auch im Rahmen des pottfiction-Camps am 28. Juni 2016 vor der Jahrhunderthalle in Bochum gezeigt. Daneben gibt es eine weitere Aufführung am 07. Juni um 18 Uhr im KJT. Die Premiere am 03. Juni ist bereits ausverkauft, für den Termin am 07. Juni gibt es noch Restkarten.

Wer Lust hat, am pottfiction-Camp teilzunehmen, kann sich bis zum 10. Juni 2015 bei Christine Köck unter ckoeck@theaterdo.de melden.